#74 CERN geht Urknall auf den Grund
January 10, 2017Sehr geehrter Professor Craig,
in letzter Zeit wurde viel über das CERN berichtet und darüber, wie es neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums bringen wird. Ich habe von der Aufregung vieler Atheisten darüber gehört, wie es alles Mögliche vollbringen könnte – vom Beweis der Paralleluniversumstheorie bis hin zur Erklärung, wie das Universum aus dem Nichts entstanden ist, und ich habe mich gefragt, welche Folgen das CERN vielleicht auf den Theismus haben könnte.
Danke
Graeme
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Dr. craig’s response
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Dass Atheisten so aufgeregt sein sollten über die theologischen Implikationen der Experimente, die an CERNs neuem Large Hadron Collider (LHC) durchgeführt werden, der letzten Mittwoch erfolgreich aktiviert wurde, offenbart – wie ich finde –, wie verzweifelt sie darauf hoffen, dass die Belege der aktuellen Kosmologie für den Anfang und die Feinabstimmung des Universums widerlegt werden. Denn die Experimente, die man mithilfe des Colliders wird durchführen können, werden zwar die Horizonte der Physik erweitern, da wir noch nie solch hochenergetischen Zustände reproduzieren konnten, doch ist kaum zu erkennen, dass sich daraus irgendetwas von theologischer Bedeutung ergeben wird, außer dass die Belege, die wir für den Anfang und die Feinabstimmung des Universums schon haben, bestätigt werden.
Der neue LHC ermöglicht es Forschern, die Bedingungen zu reproduzieren, die weniger als eine Millionstel Sekunde nach dem Urknall vorherrschten, und zwar bei immerhin viermal so viel Energie wie bisher – ein großer Fortschritt, aber nichts verglichen mit den Energien vor der Planck-Zeit 10-43 Sekunden nach dem Urknall, wenn die Allgemeine Relativität zusammenbricht. Wir werden vermutlich nie Energiewerte reproduzieren können, die hoch genug sind, um diese Ära zu erforschen.
Der LHC sollte es Physikern ermöglichen, auf die Existenz bestimmter Partner für subatomare Teilchen hin zu testen, wie des Photinos für das Photon oder des Gravitinos für das Graviton, die von Supersymmetrie-Theorien der Teilchenphysik vorhergesagt werden. Wissenschaftler hoffen, das Higgs-Boson finden zu können – ein Teilchen, dem man das Feld zuschreibt, das verschiedenen subatomaren Teilchen Masse verleiht. Das Higgs-Boson wird oft das „Gottesteilchen“ genannt – nicht weil es irgendeine theologische Bedeutung hätte, sondern weil es wie Gott überall und dennoch mysteriös verborgen ist. Der LHC könnte experimentelle Belege für die String-Theorie und somit zusätzliche räumliche Dimensionen liefern und dazu beitragen, das Wesen der dunklen Energie zu entdecken, die das Universum durchzieht. Natürlich könnte er diese Theorien auch widerlegen, wenn diese Vorhersagen fehlschlagen.
Doch was auch immer dabei herauskommt: Ich sehe hier nichts, was den Atheisten Hoffnung machen sollte. Denn die Belege für den Anfang und die Feinabstimmung des Universums berücksichtigen bereits die Möglichkeit, dass diese Entdeckungen eines Tages gelingen. Im Jahr 2003 gelang es Alan Borde, Alexander Vilenkin und Alan Guth, ein Theorem zu demonstrieren, dass bewies, dass jedes Universum, das sich durchschnittlich gesehen mit einer positiven Geschwindigkeit global ausgedehnt hat, eine Grenze in der Vergangenheit hat und somit keine unendliche Vergangenheit haben kann. Dieses Theorem gilt gleichermaßen auch für Inflationstheorien des Multiversums und für höherdimensionale Kosmologien, die auf der String-Theorie basieren. Theoretiker, die entschlossen waren, den absoluten Anfang des Universums zu umgehen, konnten bisher immer Zuflucht in der Zeit vor der Planck-Zeit finden, einem Bereich, den man so schlecht verstand, dass man ihn mit den Regionen verglichen hat, die auf Landkarten antiker Kartographen mit „Hic sunt dracones!“[1] beschriftet wurden– sie kann mit allerlei Fantasien gefüllt werden. Doch das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem hängt von keiner bestimmten physikalischen Beschreibung des Universums vor der Planck-Zeit ab, sondern basiert auf verführerisch einfachen Argumenten, die unabhängig von unserer Unsicherheit in Bezug auf diese Ära standhalten werden – ganz zu schweigen von der viel späteren Ära, die der neue LHC erforscht.
Was die Feinabstimmung angeht, zieht man nun seit einiger Zeit die Hypothese in Betracht, dass unser Universum lediglich ein relativ kleiner Teil eines Weltensembles von Universen ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich aus dem LHC irgendein Beleg dafür ergibt, dass wir nur ein beliebiges Mitglied eines Weltensembles von unendlich vielen zufällig angeordneten Universen sind. Außerdem impliziert die Tatsache, dass diese Multiversumstheorien alle einen Anfang in der endlichen Vergangenheit enthalten, dass der Mechanismus, der neue Universen generiert, auch erst seit einer endlichen Zeit läuft, was gut und gerne ausreichen könnte, um auszuschließen, dass ein fein abgestimmtes Universum wie unseres rein zufällig erschienen ist. Ja, wie ich in Reasonable Faith erkläre, ist es weitaus wahrscheinlicher, dass wir ein ganz anderes Universum betrachten sollten, wenn unser Universum nur ein beliebiges Mitglied eines solchen Weltenensembles wäre. Das legt den Verdacht nahe, dass die Feinabstimmung nicht von einfachen Berufungen auf Parallelwelten wegerklärt werden kann.
Wirklich eine Schande ist, dass die USA vor Jahrzehnten die Gelegenheit hatten, ihren eigenen Supercollider in Texas zu bauen, doch ein damals kurzsichtiger Kongress kappte die Finanzierung und machte das Projekt somit zunichte. Ein weiterer Skandal sind die hysterischen Reaktionen von Menschen, die unbegründet Angst davor haben, dass der LHC am Ende ein schwarzes Loch schafft, das uns komplett verschlingen wird. Diese beiden Trauerspiele sagen einiges über den schwachen Stand der Naturwissenschaft im Erziehungswesen der USA und über ihre geringe Wertschätzung im Land aus.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /cern-probes-big-bang#ixzz3Wowd2S2a
[1] Dt. „Hier sind Drachen“ – Anm. d. Übers.
- William Lane Craig
