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#341 Die Feminisierung des </a>Christentums

January 20, 2017
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ihre Worte sind für mich in der Regel immer eine Quelle der Information und Vergewisserung meines christlichen Glaubens gewesen. Oft habe ich mich in Zeiten des Zweifels oder Fragens an Ihre Schriften und Videos gewandt.

So war ich wirklich enttäuscht und beinahe schockiert, als ich Ihren April- Rundbrief dieses Jahres las, in dem Sie beiläufig Männer und Frauen stereotypisieren und sich beklagen, dass die Kirche zunehmend feminisiert werde und sich schwer tue, Männer anzuziehen.

An anderer Stelle verglichen Sie die Zuhörerschaft bei einigen Ihrer Vorträge mit Zuhörern bei einer Downtown Abbey-Fragerunde – und schlossen daraus, dass bei Ihren Vorträgen nur Männer und bei Downton Abbey fast nur Frauen waren, „einfach weil Downtown Abbey stark beziehungsorientiert ist, was Frauen mehr anspricht, wohingegen meine Vorträge prinzipiell intellektuell ausgerichtet waren, was Männer mehr anspricht.“

Ich glaube, dass Sie hier Stereotypen verwenden, was Sie damit rechtfertigen, dass Sie einen lächerlichen Vergleich ziehen, dessen statistische Bedeutung gleich Null ist. Ihre Aussage ist nicht nur unvernünftig, sie ist potenziell gefährlich – insbesondere, wenn sie so beiläufig erfolgt. Stereotypen sind vereinfachte Klassifizierungen von Menschen, die die Art und Weise, wie wir andere und die Welt wahrnehmen, einschränken und verzerren können und dies oft auch tun. Stereotypen sind eine faule Art zu denken, die zur Diskriminierung führen kann, und man sollte nicht dazu ermutigen, sie zu verwende.

Ich bin auch ein wenig durch Ihre Behauptung in Bezug auf die Feminisierung der Gemeinde beunruhigt. Was meinen Sie damit? Und wie unterstützen Sie diese Behauptung?

Ich bin gespannt, denn die Kirche ist geschichtlich gesehen eine weitgehend von Männern (manchmal auf kriminelle Weise) beherrschte Institution gewesen und die Anweisungen der Bibel an und über die Frauen sind oft schwer zu verdauen. Wenn überhaupt, dann hatte die Kirche Schwierigkeiten, Frauen anzuziehen. Und wenn wir wirklich mehr Frauen in leitenden kirchlichen Positionen sehen (ich nehme an, das ist es, was Sie mit Feminisierung meinten), so glaube ich, ist das nicht etwas, was es zu befürchten und zu bekämpfen gilt. Es wäre eine willkommene Veränderung und bietet alle Gelegenheit, unser Denken übereinander herauszufordern – es erlaubt uns, einander mehr zu lieben und einander deutlicher zu erkennen.

Dieser Rundbrief stellte für mich Ihre Fachkenntnis auf manchen Gebieten infrage. Könnten Sie helfen, etwas von dem Vertrauen, den ich in Ihre Worte verloren habe, neu aufzubauen? Ich wäre Ihnen dafür sehr dankbar.

Gruß,

Alexandra

<ul><li>Canada</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Meine Beobachtungen in Bezug auf die besondere Anziehungskraft christlicher Apologetik auf Männer beinhaltet verschiedene Behauptungen. Lassen Sie uns diese auseinandernehmen, um zu sehen, welche davon zu verwerfen sind.

Zunächst ist da meine Beobachtung, dass Apologetik für Männer sehr viel interessanter zu sein scheint als für Frauen. Diese Beobachtung gründet sich auf einen riesigen Erfahrungsschatz von Vorträgen an Universitäten, bei apologetischen Konferenzen und in apologetischen Klassen. Es ist eine Erkenntnis, die sich mir allmählich und unerwartet aufgedrängt hat. Mir wurde nicht nur sehr deutlich, dass die Zuhörer, die zu diesen Veranstaltungen kamen, überwiegend Männer waren, sondern auch, dass bei einer Veranstaltung nach der anderen nur die Männer aufstanden, um Fragen zu stellen. Diese Tatsachen scheinen mir unbestreitbar zu sein.

Zweitens habe ich die Hypothese aufgestellt, dass diese Ungleichheit durch die Tatsache erklärt werden kann, dass Männer bereitwilliger auf eine rationale Methode reagieren, wohingegen Frauen eher auf beziehungsorientierte Methoden ansprechen. Natürlich ist das nur meine beste Vermutung, und wenn Sie eine bessere Hypothese haben, um die Ungleichheit zu erklären, Alexandra, dann bin ich dafür offen. Aber es muss eine Erklärung dafür geben.

Bitte verstehen Sie, dass das, was ich tue, nicht eine Stereotypisierung, sondern ein Verallgemeinern ist. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Stereotyp und einer Verallgemeinerung. Eine Verallgemeinerung erlaubt Ausnahmen, aber bleibt eine akkurate Charakterisierung der meisten Mitglieder einer Gruppe. Die meisten Frauen sprechen besser auf beziehungsorientierte Appelle an, wohingegen Männern eher die rationale Methode gefällt. Eheratgeberbücher betonen diesen Unterschied stark. In Ihrem faszinierenden Buch You Just Don’t Understand: Women and Men in Conversation sagt Deborah Tanner beispielsweise, dass die Art der Kommunikation von Männern und Frauen so unterschiedlich sei, dass dort, wo ein Mann mit einer Frau spricht, ein Fall von interkultureller Kommunikation vorläge!

Ich dachte zuerst, dass der Grund, weshalb Frauen fast nie aufstanden, um eine Frage zu stellen, auf den Einschüchterungsfaktor zurückzuführen sei: Sie fühlen sich einfach weniger wohl als Männer, öffentlich aufzustehen, um eine Frage zu stellen. Deshalb war die Erfahrung, die Downtown Abbey-Fragerunde anzuschauen, so faszinierend für mich. Obwohl sich Männer in der Zuhörerschaft befanden, waren alle, die aufstanden und eine Frage stellten, Frauen!

Als schließlich ein Mann aufstand und etwas fragte, war dies nahezu ein Grund zum Feiern und wurde von allen zur Kenntnis genommen. Nun ist dieser Beweis offensichtlich anekdotenhaft und nicht statistisch, wie Sie anmerken, aber dennoch: Das war kein Zufall. Was ist die Erklärung? Diejenigen von uns, die wie Jan und ich Fans von Downtown Abbey sind, wissen, wie beziehungsorientiert dieses Programm ist, da es das persönliche Leben und die Kämpfe der im Haus lebenden Menschen verfolgt. Es ist überraschend, dass Frauen keine Angst hatten, öffentlich aufzustehen und Fragen über sehr beziehungsorientierte Angelegenheiten zu stellen.

Vielleicht liege ich falsch mit der Begründung, weshalb Apologetik beständig mehr Männer als Frauen anlockt, aber wenn das so ist, dann müssen wir immer noch irgendeine Erklärung dafür finden, warum es so ist.

Drittens: Meine Behauptung, die Gemeinde würde zunehmend feminisiert. Was ich damit meine, ist, dass Gottesdienste und Programme zunehmend auf emotionalen und beziehungsorientierten Faktoren gründen, die mehr Frauen als Männer ansprechen. Das Problem der mangelnden Anziehungskraft der Kirche für Männer wurde von Männerbewegungen wie den Promise Keepers und Büchern wie John Eldredge Der ungezähmte Mann erkannt. Nirgendwo ist diese Feminisierung offensichtlicher als bei zeitgenössischer Anbetungsmusik. Jemand bemerkte treffend, würde man die Bezüge auf Gott in vielen Lobpreisliedern durch “Baby” ersetzen, dann klängen sie genauso wie romantische Liebeslieder! Dies trifft nicht auf klassische Hymnen wie „Eine feste Burg“ oder „Kann es denn sein?“ zu. Wenn ich mit jungen Männern spreche, stelle ich fest, dass viele von ihnen durch diese übermäßig gefühlsbetonten Gottesdienste einfach abgestoßen werden und lieber nicht hingehen.

Wir erleben dieselbe Feminisierung durch Beziehungsfaktoren in der Sportberichterstattung in Netzwerken, einer traditionell männlichen Bastion. Die Berichterstattung über die Olympischen Spiele zielte bewusst auf Frauen, um die Zuschauerzahl zu erhöhen, indem sie, statt einfach die Veranstaltungen selbst zu übertragen, persönliche Geschichten über das Leben der Athleten hinzufügten.

Haben Sie bemerkt, wie im professionellen Sport in den vergangenen Jahren Fernsehsender weibliche Reporter engagiert haben, um hinunter aufs Feld zu gehen und Baseball- oder Football-Spieler zu interviewen, in der Regel darüber, was sie denn über dieses oder jenes empfunden haben? Jan und ich mussten lachen, als nach dem letzten Sieg der Broncos über die Ravens die weibliche Reporterin Peyton Manning fragte: „Tat Ihnen denn das andere Team nicht leid, als sie auf die Punktetafel schauten?“ Mmh, ich denke mal nicht!

Sie haben recht, die Vorherrschaft der Frauen im Christentum ist ein relativ neues Phänomen. Erst über die letzten 200 Jahre ist das Christentum zunehmend in seiner Demografie weiblich geworden. Ich bin sehr darüber in Sorge, dass die Kirche sich auf einem Kurs befindet, der darin endet, dass nur relativ wenige Männer aktive Christen sein werden.

Viertens ist da noch meine Behauptung, dass Apologetik ein Schlüssel ist, die Kirche und den christlichen Glauben wieder neu für Männer relevant zu machen. Menschen denken, dass sie durch Sportprogramme oder Grillabende mehr Männer anziehen werden. Aber ich bin überzeugt, dass das am besten gehütete Geheimnis, um Männer anzuziehen, die Apologetik ist. Männer müssen erkennen, dass Jesus von Nazareth nicht nur ein harter Kerl, sondern auch ein kluger Kerl war. Ich habe nie vermutet, dass Apologetik diese besondere Wirkung auf Männer haben würde. Ich hatte nicht die Absicht, insbesondere Männern durch diese Arbeit zu dienen.

Doch die Anziehungskraft der Apologetik auf Männer ist einfach nicht zu leugnen. In meiner Defenders-Klasse haben wir Männer, die nicht einmal den Gottesdienst besuchen, aber regelmäßig zu meinen Vorlesungen über christliche Lehre und Apologetik kommen. Eine Frau in der Klasse sagte mir: „Ich verstehe nicht viel von dem, was Sie sagen, aber ich komme gerne, denn das ist die einzige geistliche Aktivität, an der mein Mann mit mir teilnimmt.“ Wow!

Ich zweifle daran, dass das, was ich auf Ihre Frage geantwortet habe, Alexandra, viel dazu beitragen wird, Ihr Vertrauen in meine Worte neu aufzubauen! Meine Beobachtungen über die besondere Anziehungskraft, die christliche Apologetik auf Männer ausübt, mögen nicht politisch korrekt sein, aber ich glaube, sie sind zutreffend, selbst wenn sie einige enttäuschen und schockieren.

(Übers.: B. Currlin)


Link to the original article in English: /the-feminization-of-christianity

- William Lane Craig