#344 Emotionen und die Entscheidung, ob der christliche Glaube wahr ist
January 20, 2017Sehr geehrter Prof. Craig,
lassen Sie mich Ihnen zuerst für Ihre anregenden Podcasts und Debatten der letzten Jahre danken. Ihre intelligente Verteidigung des Theismus angesichts ungerechtfertigter persönlicher Angriffe und endloser von ihren Gegnern dahingeworfener Strohmänner ist bewundernswert.
Die Frage, die ich an Sie habe, lautet kurz gefasst folgendermaßen: Welche Rolle spielen Emotionen im Entscheidungsprozess, ob der christliche Glaube wahr ist?
Ich frage, weil Sie deutlich gemacht haben, dass Sie es für vernünftig halten, an die Wahrheit des Christentums zu glauben, und einige christlich Bekehrte, wie z. B. Holly Ordway in ihrem Buch „Not God’s Type“ [Nicht Gottes Typ], gesagt haben, es sei ihre Sehnsucht nach Erkenntnis der Wahrheit gewesen, die sie zur Prüfung der Indizien motivierte.
Jedoch scheint mir, dass die Indizien für die Auferstehung Christi nicht schlüssig oder zwingend sind und dass es darum die Emotionen sein müssen, die eine Person in die eine oder andere Richtung treiben. Das bedeutet sicherlich, eine völlig leidenschaftslose Beurteilung der Indizien ist nicht möglich?
Eine entscheidende Rolle dabei, einen Menschen zu überzeugen, spielt oft das Moral-Argument, wie Sie selbst es bei vielen Gelegenheiten verteidigt haben. Aber dieses Argument ist von einer emotional gefärbten zweiten Prämisse abhängig: Wenn jemand überzeugt ist, dass einige Dinge wirklich objektiv falsch sind, dann wird das Argument funktionieren und diese Person dazu bewegen, der Akzeptanz der Indizien für die Auferstehung näher zu kommen.
Persönlich scheine ich jedoch mein Leben lang in Bezug auf die Objektivität von Moral sowie die kosmische Wertigkeit und den Wert von uns Menschen nihilistisch und pessimistisch veranlagt zu sein. Das macht mich hinsichtlich meines Urteils über die Indizien für die Auferstehung skeptisch, obwohl ich durch die kosmologischen Argumente überzeugt bin, dass Gott wirklich existiert und ich wünschte, dass der christliche Glaube wahr sei.
Es scheint einfach zu gut, um wahr zu sein, und die dazugehörige Annahme, dass Gott so viel an uns liegt, dass er seinen Sohn opfert, passt für mich einfach nicht gut mit meiner Erfahrung der Welt zusammen. Die Welt scheint ein recht rauer Ort zu sein, uns gegenüber gleichgültig, wenn nicht feindselig. Ich bin mir jedoch bewusst, dass meine Wahrnehmung der Realität durch die Erfahrungen, die ich während meines Lebens gemacht oder versäumt habe, verzerrt sein mag.
Diese emotionale Disposition ist für mich ein riesiges Hindernis, das Plädoyer für die Auferstehung als ausreichend überzeugend zu empfinden, um es anzunehmen. Es fühlt sich zu sehr wie Wunschdenken an, wie der Wunsch, die Welt anders zu haben, als sie wirklich zu sein scheint. Aber dies scheint darauf hinzudeuten, dass ich meine (negativen) Emotionen die Beurteilung der Indizien beeinflussen lasse. Wie sollte jemand wie ich, mit diesen Hindernissen in der Veranlagung, an die Indizien der Auferstehung herangehen? Ist es möglich, den Pessimismus beiseitezulassen und die Indizien objektiv zu beurteilen und dennoch zu einem ziemlich festen Entschluss zu kommen?
Vielen Dank,
Grant
<ul><li>United Kingdom</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ich freue mich, dass Sie über diese Dinge nachdenken, Grant, und offenbar in Betracht ziehen, Christ zu werden.
Wenn ich über Ihre Frage nachdenke, so meine ich, wird es hilfreich sein, wenn wir zwischen der Rolle der Emotionen bei der Gewährleistung der Wahrheit des christlichen Glaubens und ihrer Rolle in unserer Entscheidung, ob der christliche Glaube wahr ist, unterscheiden.
In Bezug auf die erste Rolle, so scheint mir, dass Emotionen keine Rolle dabei zu spielen haben, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu gewährleisten, obwohl das, was oft fälschlicherweise als Emotionen wahrgenommen wird, in der Tat eine wichtige Rolle spielen mag. Mit Gewährleistung des christlichen Glaubens meine ich, Gewährleistung für die Annahme zu liefern, dass christliche Wahrheitsansprüche wahr sind. Das ist die Rolle des Verstandes, nicht die der Emotionen. Wie Sie über etwas fühlen, ist keine Indikation für dessen Wahrheit oder Falschheit, es sei denn, diese Gefühle entstehen infolge von rationalen Faktoren, die ihnen zugrunde liegen. Das hängt damit zusammen, dass Emotionen nicht der Wahrheit folgen.
Auf der anderen Seite habe ich manchmal gehört, wie Ungläubige etwas, was ich als objektive Lieferung von Gründen für die Rechtfertigung einer Wahrheit halte, als reine emotionale Appelle bezeichnen. Nehmen wir zum Beispiel die zweite Prämisse des moralischen Argumentes, die Sie in Ihrem Brief erwähnen:
2. Objektive moralische Werte und Pflichten existieren.
Sie sagen, dieses Argument „ist von einer emotional gefärbten zweiten Prämisse abhängig: wenn jemand stark genug empfindet, dass einige Dinge objektiv falsch sind, dann wird das Argument funktionieren.“ Nun, wenn Sie damit meinen, dass eine Person, die fest an die zweite Prämisse glaubt, das Argument überzeugend finden wird, dann ist Ihre Behauptung wenig beachtenswert und hat lediglich mit der pragmatischen Nützlichkeit des Argumentes bei der Evangelisierung von Ungläubigen zu tun.
Zweifellos, das moralische Argument „funktioniert” in diesem Sinne viel besser als das ontologische Argument! Aber wenn Sie damit sagen wollen, dass die zweite Prämisse keine rationale Rechtfertigung genießt und lediglich auf emotionalen Gefühlen basiert, dann denke ich, dass Sie moralische Erfahrung mit Emotionen verwechseln. Die übliche Vorgehensweise, mit der Ethiker die Moralität verschiedener Handlungen beurteilen, ist die, über sie nachzudenken und sie im Lichte unserer moralischen Erfahrungen und Intuitionen zu beurteilen. Zu behaupten, wir hätten kein Moralempfinden, das uns leiten kann, bedeutet, bereits davon auszugehen, dass unsere moralischen Intuitionen reine Emotionen sind, womit man aber den Fehlschluss der petitio principii begeht, also etwas voraussetzt, was eigentlich zu beweisen wäre.
Was ist offensichtlicher: dass der sexuelle Missbrauch eines kleines Mädchens moralisch falsch ist oder dass meine moralischen Intuitionen völlig unzuverlässig sind? Wie Louise Antony in unserer Debatte an der Universität von Massachusetts es ausdrückte: „Die Existenz objektiver moralischer Werte wird immer deutlicher auf der Hand liegen als die Prämissen in jeglichem Argument für moralischen Skeptizismus.“ Darum kann moralischer Skeptizismus niemals rational gerechtfertigt werden.
Unsere Wahrnehmung eines Reichs objektiver moralischer Werte und Pflichten ist in genau derselben Weise gerechtfertigt, wie unser Glaube an ein objektives Reich physikalischer Objekte um uns herum gerechtfertigt ist. Genauso, wie es keinerlei Möglichkeit gibt, aus unseren Sinneswahrnehmungen herauszutreten, um deren Wahrhaftigkeit zu prüfen, so können wir auch nicht aus unseren moralischen Intuitionen heraustreten, um deren Wahrhaftigkeit zu prüfen. Diese sind berechtigterweise basale Überzeugungen, die in Erfahrung gründen und rational vertreten werden, bis sie durch eine Überzeugung widerlegt werden, die für uns größere Gewährleistung besitzt.
Ein weiteres Beispiel wäre die Gewährleistung der Wahrheit des Christentums durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes. Die Annahme, dass die Erfahrung des inneren Zeugnisses des Heiligen Geistes für die Wahrheit des Christentums lediglich auf Gefühlen beruhe, begeht den Fehlschluss der petitio principii, setzt also nur voraus, was eigentlich zu beweisen wäre. Wenn Gott existiert, ist er bestimmt in der Lage, Ihnen seine Wahrheit sowohl innerlich als auch durch äußere Evidenz mitzuteilen. So gehe ich fest davon aus, dass bestimmte christliche Überzeugungen, deren Wahrheit auf basale Weise erkannt wird, in dem inneren Zeugnis Gottes uns gegenüber gründen. Interessanterweise sind Überzeugungen, die auf dem Zeugnis einer anderen Person basieren (also auf dem, was jemand anderes sagt) – wie z. B. die, dass Ihr Name Grant ist – berechtigterweise basale Überzeugungen, an denen ich vernünftigerweise festhalten darf, solange kein Gegenargument auftaucht. Dementsprechend wird die Wahrhaftigkeit vieler christlicher Überzeugungen durch ein Zeugnis (also durch die Zusicherung einer anderen Person) gewährleistet: nämlich Gottes eigenes Zeugnis. Sie sollten diese Überzeugungen nicht überstürzt verwerfen, damit Sie nicht am Ende die Stimme Gottes, die zu Ihnen spricht, nicht mehr hören können.
Während also Emotionen keine Rolle dabei spielen, die Wahrheit des christlichen Glaubens zu gewährleisten, werden Menschen, die kein oder nur wenig Verständnis von berechtigterweise basalen auf Erfahrung gründenden Überzeugungen haben, häufig Überzeugungen, die auf diese Art gerechtfertigt werden, abfällig als rein auf Emotionen gegründet betrachten.
Aber wie steht es mit der zweiten Rolle von Emotionen, ihrer Rolle bei unserer Entscheidung, ob der christliche Glaube wahr ist? Da es uns hier um menschliche Entscheidungsfindung geht, können Emotionen offensichtlich eine sehr große Rolle dabei spielen, wie wir Entscheidungen treffen, und tun es auch. Keiner von uns ist ein Mr. Spock, von unseren Emotionen ganz unberührt. Alle von uns treffen Entscheidungen durch das Zusammenspiel von Vernunft und Emotion.
Nun sind das Urteilsvermögen und die Ehrlichkeit Ihres Briefes, mit denen Sie erkennen, dass diese Fakten für beide Seiten gelten, lobenswert. Genauso wie eine naiv optimistische Person, die alles in einem rosa Licht sieht, dazu geneigt sein mag, überall auf der Welt Gottes Hand zu erkennen, so wird der kosmische Pessimist und Nihilist die Welt als einen viel dunkleren Ort betrachten und in Bezug auf den Wert und die Motivationen von Menschen zynisch sein.
Wichtig dabei ist, zu erkennen, dass keine dieser beiden Personen aufgrund ihre Emotionen mehr Rechtfertigung hat, die Welt so zu sehen, wie sie sie sieht. Ihre Gefühle, „es ist zu gut, um wahr zu sein“ (die mir als Nicht-Christen ebenso kamen) besitzen in und an sich selbst nicht mehr Gültigkeit als irgendjemandes Wunschdenken.
Sie haben recht – die Welt scheint ein rauer und gleichgültiger Ort zu sein. Aber wissen Sie, genau dasselbe sagt uns auch das Christentum über die Welt. Lesen Sie das erste Kapitel in dem Brief des Paulus an die Römer in Ihrem Neuen Testament. Paulus beschreibt eine Welt mit einer Menschheit, die von Gott entfremdet ist, moralisch verwerflich und vor Ihm schuldig, umhertastend in geistlicher Dunkelheit, die selbst gemachten falschen Göttern folgt.
Dreimal sagt Paulus: „Darum gab Gott sie dahin …”. Gott greift nicht ein. Er lässt der menschlichen Verdorbenheit ihren Lauf. Dies dient nur dazu, unser Empfinden zu verstärken, dass etwas entsetzlich falsch läuft und uns dafür wach zu machen, dass wir Gott brauchen. Als Christen wissen wir, dass wir in einer gefallenen Welt leben. Aber diese Welt ist nicht unsere Heimat. Wir sind Bürger einer anderen Welt, „eines Landes, das schöner ist als der Tag“[1].
So müssen Sie Ihren Pessimismus abschütteln und sich so objektiv, wie Sie können, die Rechtfertigung der christlichen Wahrheitsansprüche anschauen. Lesen Sie die Evangelien selbst und bitten Sie Gott, durch sie zu Ihnen zu sprechen. Lesen Sie die Kapitel in meinem Buch Reasonable Faith über die Historizität der Auferstehung Jesu. Schauen Sie sich einige meiner Debatten mit skeptischen Neutestamentlern an, wie Crossan, Borg, Lüdemann, Spong und Ehrman, und fragen Sie sich, welche Seite Unterstützung durch die Beweislage genießt. Die Tatsache, dass wir überhaupt irgendeinen Beweis für ein Ereignis haben, das so außergewöhnlich ist wie die Auferstehung des Jesus von Nazareth von den Toten, ist erstaunlich. Dass die Beweislage so gut ist, ist atemberaubend.
Eines, was Ihnen helfen kann, die Indizien objektiv zu beurteilen, ist, über die Tatsache nachzudenken, die mir erst nach dem Abschluss meines Doktoralstudiums in München dämmerte, nämlich, dass die wichtigsten historischen Fakten zur Untermauerung der Auferstehung Jesu von der großen Mehrheit sowohl christlicher als auch nicht christlicher neutestamentlicher Historiker heutzutage akzeptiert werden.
Die große Mehrheit der Wissenschaftler, die über dieses Thema geschrieben haben, stimmen darin überein, dass (1) das Grab, in das Jesus von Joseph von Arimathäa gelegt wurde, von einer Gruppe weiblicher Nachfolgerinnen am Sonntagmorgen nach seiner Kreuzigung leer vorgefunden wurde; (2) dass danach verschiedene Einzelpersonen und Gruppen von Menschen bei verschiedenen Gelegenheiten und unter einer Reihe verschiedener Umstände Erscheinungen von Jesus als von den Toten auferstanden hatten; und (3) dass die ersten Jünger plötzlich und aufrichtig zu dem Glauben kamen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, obwohl sie in jeglicher Hinsicht dazu prädisponiert waren, das Gegenteil zu glauben.
Ist es nicht erstaunlich, dass die meisten Wissenschaftler diesen Fakten zustimmen? Die Frage lautet dann, wie man sie am besten erklären kann. Auf dieser Ebene würden sich die meisten Wissenschaftler heute vermutlich zum Agnostizismus bekennen. Viele würden sagen, dass sie als Historiker nicht eine Aussage darüber treffen können, ob Jesus von den Toten auferstand. Aber als ein Philosoph und gewöhnlicher Mensch hindert mich nichts daran, eine solche Schlussfolgerung zu ziehen. Können Sie sich irgendeine bessere Erklärung vorstellen, als die, welche die ursprünglichen Jünger selbst gaben?
Ich möchte Sie ermutigen, zu erkennen, dass Ihr Pessimismus Sie daran hindern mag, die Indizien für den christlichen Glauben objektiv zu beurteilen. Die Wirklichkeit mag besser sein, als Sie denken. Der Philosoph William James hat einmal gesagt: „Vielleicht sind wir in unserer Welt wie die Hunde und Katzen in unseren Bibliotheken. Wir sehen die Bücher und hören die Unterhaltungen, aber haben nicht die geringste Ahnung, was all das bedeutet.“
(Übers.: B. Currlin)
Link to the original article in English: /emotions-and-deciding-whether-christianity-is-true
[1] Anspielung auf ein englisches Kirchenlied: „There’s a Land that is Fairer than Day“ – Anm. d. Übers.
- William Lane Craig