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#342 Gott und die Zeit

January 20, 2017
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein großer Fan Ihrer Arbeit und habe nahezu alles, was im Internet von Ihnen zur Verfügung steht, angehört.

Meine Frage hat mit einem Widerspruch zu tun, den ich in einigen Ihrer Ansichten zu erkennen meine – und zwar bezüglich der Problematik simultaner Verursachung und der Möglichkeit, dass Gott in die Zeit eintritt.

Es folgen drei Dinge, die Sie (so gut ich es verstehen kann) behaupten:

1) Gott existiert zeitlos. Damit meinen wir, Gott existiert als ein einziger unwandelbarer Punkt oder „Moment“.

2) Gott ist die simultane Ursache des Universums. Da es nicht wie in einer „vorher-nachher“-Beziehung eine Zeit vor der Zeit gibt, berufen wir uns auf simultane Verursachung, um die Notwendigkeit eines Davor zu eliminieren. Das bedeutet, dass der initiale Zeitpunkt für das Universum simultan mit der Existenz eines (bis dorthin als) zeitlos (beschriebenen) Gottes ist.

3) Schließlich sagen Sie, Prof. Craig, häufig, dass Gott am initialen Punkt der Schöpfung in die Zeit eintritt.

Mein Problem ist: Ich denke nicht, dass alle diese drei Aussagen wahr sein können. Der Punkt, an dem Gott zeitlos ist, ist simultan zur Schöpfung – und der Punkt, an dem Gott zeitlich ist, ist auch simultan zur Schöpfung. Das Ergebnis ist: Gott wird gleichzeitig zeitlos und zeitlich – was ein Widerspruch ist.

Nun habe ich gehört, wie Sie sagen (und ich habe es in einem Ihrer wissenschaftlichen Artikel gelesen), dass Gott ohne die Schöpfung zeitlos ist – aber wenn die Schöpfung wirklich existiert, dann ist es einfach nicht der Fall, dass Gott zeitlos ist. Es gibt keinen Punkt, an dem Gott aktual zeitlos ist – vielmehr ist Gott nur hypothetisch zeitlos.

Da es keinen Punkt gibt, an dem Gott aktual zeitlos ist, sind wir, denke ich, gezwungen zu sagen: Gott begann aktual zu existieren – genauso wie das Universum (das zu keinem Punkt zeitlos ist) zu existieren begann. Folglich schließt Prämisse 1 des kosmologischen Kalam-Arguments, („alles, das zu existieren beginnt, muss eine Ursache für seine Existenz haben“) auch unsere Vorstellung von Gott ein.

Nun, wir könnten dies vermeiden, wenn wir einfach sagen, dass Gott dennoch (selbst jetzt) zeitlos existiert. Aber wenn das stimmt, dann weiß Gott nicht, welche Zeit jetzt ist und ist folglich nicht allwissend. Auch ist es schwer verständlich, wie Gott mit seiner Schöpfung interagieren könnte, wenn die Zeit weiterläuft. Daraus würde folgern, dass die christliche Vorstellung von Gott falsch ist und dass wir auf eine Art Deismus zurückweichen müssten (d. h., Gott hat uns gemacht, aber er ist nicht zeitlich oder allwissend und er interagiert nicht mit dem Universum).

Merkwürdigerweise würde ich gerne meine eigene Lösung für dieses Problem vorschlagen. Das Dumme ist nur: Was ich sagen werde, klingt verrückt – ich habe noch nie jemand anders das sagen gehört. Ich würde mich sehr viel wohler fühlen, wenn jemand wie Sie meine seltsame Lösung beurteilen könnte. Vielleicht haben Sie sogar selbst schon an diese Lösung gedacht. Ich wäre auch für jede andersartige Lösung dankbar, die Sie geben könnten, um das genannte Problem zu lösen.

Ich schlage vor, wir berufen uns auf die Trinität. Gott der Vater ist zeitlos. Der Vater ist gleichzeitig die Ursache für den Sohn – der essenziell eine zeitliche Version des Vaters ist. Einer dieser beiden (oder vielleicht beide) verursachen den Geist – der ebenso eine zeitliche Manifestation Gottes ist.

Der Vater bleibt einfach zeitlos, während der Geist und der Sohn sich daran machen, das Universum zu erschaffen und mit ihm zu interagieren. Da der Sohn und der Geist Gott sind, wissen sie, welche Zeit jetzt ist – und folglich weiß Gott alles – selbst dann, wenn die Information auf die Personen verteilt ist.

Nun, ich weiß, das klingt verrückt – aber für mich ergibt es Sinn. Aussagen wie: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott, und durch das Wort wurden alle Dinge erschaffen …“ erscheinen mir dem, was ich gerade beschrieben habe, seltsam ähnlich. Auch alte Aussagen von Kirchenkonzilen wie: „der Sohn geht aus dem Vater hervor wie der Geist aus dem Sohn hervorgeht (bzw. und/oder dem Vater hervorgeht – je nachdem, ob man zur westlich römisch-katholischen oder der östlichen orthodoxen Seite gehört).

Schließlich denke ich, dass vielen Menschen die Tatsache nicht gefallen wird, dass nach dieser Sicht Jesus nicht ewig wäre. Dennoch glaube ich nicht, dass dies von der Schrift her ein Problem ist, da die Schrift (zumindest meiner Meinung nach) an keiner Stelle widerspricht – sie sagt nur, er war „am Anfang“ und „sein Ausgang war von Ewigkeit/oder von Alters her“ (je nach Übersetzung von Micha 5,2).

Was denken Sie also?

Ich schätze Ihre Arbeit und kann nur ahnen, wie beschäftig Sie immer sind.

Gott segne Sie,

Adam

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Es ist wichtig, dass Sie die Nuancen meiner Sicht akkurat erfassen, Adam. Ansonsten ist es leicht, einen Widerspruch zu erzeugen. Beispielsweise behaupte ich nicht einfach,

1. Gott existiert zeitlos.

Denn ebenso behaupte ich auch,

1´. Gott existiert zeitlich.

Doch (1) und (1’) sind Widersprüche: Sie können nicht ohne Einschränkung beide wahr sein.

So nenne ich die Einschränkung:

1´´Gott existiert zeitlos ohne Schöpfung und zeitlich seit dem Augenblick der Schöpfung. Eine so nuancierte Sicht ist nicht explizit widersprüchlich.

Widerspricht (1’’) also (2) und (3)? Meiner Meinung nach nicht. Die Zeit beginnt beim Augenblick der Schöpfung (was nicht kein einzelner Punkt sein muss – ich lasse das als Frage offen), und das ist der Augenblick, in dem Gott das Universum zu existieren verursacht und der erste Augenblick der Zeit, zu dem Gott existiert.

So vertrete ich nicht die Ansicht, noch folgt diese aus (1)-(3), dass „der Punkt, an dem Gott zeitlos ist, simultan zur Schöpfung ist“. Ich weiß nicht, warum Sie mir eine solche Überzeugung zuschreiben. Sind Sie vielleicht durch gewisse Verfechter der göttlichen Zeitlosigkeit irregeführt, die Dinge behaupten wie, „alle Augenblicke der Zeit sind für Gott gleichermaßen real und präsent“?

Als ein Vertreter der A-Theorie der Zeit, der verneint, dass alle Ereignisse – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – ontologisch gleich sind, verwerfe ich explizit diese Charakterisierung der göttlichen Ewigkeit. Und genau weil ich die Vorstellung ablehne, dass alle Ereignisse Gott für gegenwärtig sein können, denke ich, dass Gottes wirkliche Beziehung zu einer zeitlichen Welt seine Zeitlichkeit erfordert. Er kann nur ohne Zeit existieren, wenn es keine zeitliche Welt gibt. Seine Entscheidung, eine zeitliche Welt zu erschaffen, ist eine Entscheidung, zeitlich zu existieren.

Sie interpretieren meine Sicht so, als ob sie impliziert: “Es gibt keinen Punkt, an dem Gott aktual zeitlos ist – vielmehr ist Gott nur hypothetisch zeitlos”. Das stimmt nicht, ich weiß nicht, was „hypothetisch zeitlos“ bedeutet („möglicherweise zeitlos“ vielleicht?). Doch meine Sicht ist, dass die aktuale Welt einen Zustand beinhaltet, in dem Gott völlig allein, ohne Schöpfung existiert, und jener Zustand ist zeitlos.

Daran ist nichts Hypothetisches. Ich selbst verwende nicht den Ausdruck “ein Punkt”, aber ich nehme an, Sie könnten sagen, dass dieser Zustand geometrisch wie ein Punkt ist, da er keine Ausdehnung hat. Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht so verstanden werden, als ob wir über einen Zeitpunkt sprächen. So verstanden gibt es sicherlich keinen Zeitpunkt, an dem Gott zeitlos ist! Wir werden weniger Verwirrung erzeugen, wenn wir sagen, dass es einen Zustand gibt, in dem Gott zeitlos existiert.

Wiederum ist Ihre Schlussfolgerung, “da es keinen Punkt gibt, an dem Gott aktual zeitlos ist, sind wir, denke ich, gezwungen zu sagen: Gott begann aktual zu existieren – genauso wie das Universum (das zu keinem Punkt zeitlos ist) zu existieren begann” ungerechtfertigt. Es gibt einen Zustand in der aktualen Welt, in der Gott zeitlos ohne Schöpfung existiert. Dieser Zustand ist kausal, aber nicht zeitlich, vor der Schöpfung in dem Sinne, dass das Wesen, das in einem solchen Zustand existiert, das Universum durch die Ausübung seiner kausalen Kraft ins Dasein bringt. Wann tut es dies? Im Augenblick der Schöpfung natürlich!

Hier ist meine Erklärung der Redewendung “beginnt zu existieren“, wobei „x“ sich über jegliche Entität und „t“ über Zeiten erstreckt, seien es Augenblicke oder Momente von Nicht-Null-Dauer:

A. x beginnt, bei t zu existieren, wenn und nur wenn x bei t ins Dasein kommt.

B. x kommt ins Dasein bei t, wenn und nur wenn (i), x bei t existiert und die aktuale Welt keinen Zustand beinhaltet, in dem x zeitlos existiert, (ii) t entweder die erste Zeit ist, zu der x existiert oder von jedem t' < t, bei dem x existiert, durch ein Intervall getrennt wird, während dem x nicht existiert, und (iii) x‘s Existenz bei t ein zeitliches Faktum ist.

Da Gott die Bedingung (i) von (B) nicht erfüllt, kann man nicht von Ihm sagen, dass er bei t zu existieren begann, denn er kommt nicht bei t ins Dasein.

Da diese Position vollkommen kohärent erscheint, sind wir nicht zu ihrer seltsamen unorthodoxen Lösung gezwungen. Wenn Sie sagen, der Vater sei zeitlos, der Sohn zeitlich und der Vater verursache gleichzeitig den Sohn, zwingen Sie Ihren wahrgenommenen Widerspruch sogar in das Sein Gottes hinein.

Wir sind uns bereits einig geworden, dass ein zeitloses Wesen (bei einer A-Theorie der Zeit) nicht die Ursache für ein zeitliches Wesen sein kann, noch viel weniger für die simultane Ursache, denn dann müssten sie zur gleichen Zeit existieren. Wenn Sie sagen, der Sohn sei nicht ewig, hoffe ich, Sie meinen nicht, dass er zu existieren begann, denn dann ist der Sohn nicht Gott, sondern ein Geschöpf, das Gott der Vater gemacht hat, da Gott essenziell notwendig und ewig ist und a se existiert. Das Dogma der Emanation des Sohnes und des Hervorgehens des Geistes bedeutet, dass dies ewige Beziehungen innerhalb der Dreieinigkeit sind. Ferner ist nach Ihrer Sicht der Vater nicht allwissend, sodass gemäß einer solchen Sicht keine der Personen der Trinität göttlich ist.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: /god-and-time-2013

- William Lane Craig