#59 Aseität, Fiktionalismus und moralische Werte
January 14, 2016In letzter Zeit habe ich einiger Ihrer Werke über Gottes Aseität gelesen, und je mehr ich über dieses und ähnliche Themen lese, desto fester wird meine fiktionalistische Überzeugung. Dennoch habe ich zwei Fragen an Sie:
1. Was ist Moral für den Fiktionalisten? Kann sich der Fiktionalist auf objektive Moral berufen, ohne die Theorie des göttlichen Befehls[1] („Divine Command Theory“) zu vertreten? Wenn nicht, wie kann sich der Fiktionalist dann willkürliche Gebote Gottes erklären (z. B.: Kleine Kinder zu quälen geht in Ordnung, wenn Gott es sagt)?
2. Meine zweite Frage lautet: Können wir Johannes 1,3 mit einer quantifizierenden Einschränkung interpretieren? Sprich: Können wir Johannes' Aussage in etwa wie folgt interpretieren: „Alles ist durch das Wort (also durch Christus) entstanden [außer abstrakte Objekte]; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist.“ Warum bzw. warum nicht?
Danke für Ihre Zeit.
In Christus,
Omar
<ul><li>- country not specified</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Das sind exzellente Fragen, Omar, mit denen ich mich im Verlauf meines Studiums der göttlichen Aseität (Selbstbegründetheit) befasst habe. Für die Leser, die Ihren Hintergrund nicht haben, möchte ich kurz Folgendes sagen: Das Problem hierbei ist, dass viele Philosophen, meist Platonisten genannt, der Meinung sind, dass es zusätzlich zu konkreten Gegenständen wie Tischen und Menschen und Sterne noch abstrakte Objekte gibt, wie Zahlen, Eigenschaften und Propositionen. Das Problem ist, dass viele (aber interessanterweise nicht alle – siehe Frage der Woche #9 – abstrakte Objekte notwendigerweise existieren und so niemals von Gott geschaffen wurden. Viele sind auch „unerschaffbare“ Objekte, d. h., sie können nicht geschaffen werden, weil sie schon existieren müssten, um geschaffen zu werden, sodass man in einen Zirkelschluss kommt (siehe das Buch von Paul Copan und mir mit dem Titel Creation out of Nothing, Kap. 5). Der Fiktionalist löst das Problem, indem er abstreitet, dass abstrakte Objekte wirklich existieren – sie seien bloß nützliche Fiktionen (wie die amerikanische Durchschnittsfamilie mit 2,5 Kindern).
Widmen wir uns vor diesem Hintergrund zuerst der Frage (2). Die Motivation hinter dieser Frage ist, denke ich, die Frage, ob es biblisch gesehen irgendwie problematisch ist, der Meinung zu sein, dass es ungeschaffene abstrakte Objekte gibt, also Dinge, die nicht Gott sind und auch a se (allein durch sich selbst) existieren. Ich bin der Meinung, dass der Platonismus theologisch so problematisch ist, dass er unchristlich ist. Er postuliert eine unfassbar große Menge an seienden Dingen und realen Objekten in der bewusstseinsunabhängigen Welt, die unabhängig von Gott existieren, sodass Gott nur noch einer von vielen ist. Er verficht somit einen metaphysischen Pluralismus, der Gott seiner Letztendlichkeit und Vorrangstellung als Schöpfer beraubt.
Selbst wenn Johannes also nicht bewusst an abstrakte Objekte dachte, als er schrieb, dass „alles durch dasselbe (d. h. das Wort) entstanden“ ist, bin ich mir hierbei ziemlich sicher: Wenn ein Platonist sich mit Johannes hinsetzen und ihm erklären würde, was Zahlen und Mengen und Funktionen denn nach platonischer Ontologie[2] sind, und ihm den metaphysischen Status von Propositionen und Eigenschaften gemäß dem Platonismus erklären würde, bis Johannes ein klares Bild von der platonischen Ontologie hätte, würde Johannes entgegnen: „Wenn derlei Dinge tatsächlich so robust existieren wie konkrete Objekte, dann wurden sie freilich auch vom Wort geschaffen!“ Es wäre wenig aussagekräftig gewesen, wenn Johannes nur bekräftigte, dass das Wort das infinitesimal winzige Reich der konkreten Objekte geschaffen hat, während das meiste Seiende unabhängig von Gott existiert. Was für einen Nutzen hat es theologisch gesehen, zu bekräftigen, dass das Wort alle konkreten Objekte geschaffen hat, wenn diese schlichtweg belanglos sind im Vergleich zu den unendlichen Mengen an ungeschaffenen seienden Dingen, mit denen Gott sich konfrontiert sieht? Eine solche Ontologie zuzulassen, würde bedeuten, den Johannes-Prolog seiner theologischen Kraft zu berauben.
Zudem – und das ist wirklich interessant! – ist es gar nicht unplausibel, dass Johannes wirklich an derlei abstrakte Objekte dachte, als er seinen Prolog schrieb, in dem er Christus als den göttlichen Logos (das Wort) rühmte. Denn der Logos kam nicht erst mit Johannes auf. Die Figur des schaffenden Logos Gottes findet man auch in den Schriften von Johannes' Zeitgenossen, dem jüdischen Philosophen Philon von Alexandria (20 v. Chr. – 50 n. Chr.). In seinem Werk Über die Schöpfung der Welt gemäß Mose erklärt Philon, dass Gott am ersten Tag der Schöpfung wie ein Architekt, der eine Stadt entwirft, einen intelligiblen Kosmos absteckte, der als Muster für den sinnlichen Kosmos dienen sollte (16). Philon mahnt, dass es nicht zulässig ist, „auszusagen oder anzunehmen, dass der aus den Ideen bestehende Kosmos an einem bestimmten Ort existiert“ (17). Daher:
„So wie die Stadt, die vorher im Architekten abgesteckt wurde, draußen keinen Standort hatte, sondern in die Seele des Handwerkers eingraviert war, genauso hätte der aus den Ideen bestehende Kosmos keinen anderen Ort als das göttliche Logos, das diesen (Ideen) ihre geordnete Veranlagung gibt (20).“
„Kurz: Wenn Du gerne eine Formulierung verwenden würdest, die auf das Essentielle heruntergebrochen ist, könntest Du sagen, dass der intelligible Kosmos nichts anderes als der Logos Gottes ist, während dieser gerade dabei ist, den Kosmos zu schaffen. Denn die intelligible Stadt ist auch nichts anderes als das Nachdenken des Architekten, während er gerade dabei ist, das Fundament der Stadt zu planen. Dies ist die Lehre Moses, nicht meine (24-25).“
In Philons Religionsphilosophie sehen wir den Zusammenfluss des Judentums und der griechisch-platonischen Philosophie. Platons Reich der Ideen – was wir heute abstrakte Objekte nennen würden – ist bei Philon kein Reich außerhalb von Gott, sondern ist in das Denken Gottes gebracht worden, wo es als Urform der Schöpfung durch das göttliche Logos dient.
Der Johannes-Prolog atmet genau diese Atmosphäre des Mittelplatonismus, wie er genannt wird, und es ist überhaupt nicht unplausibel, dass Johannes sich dabei vorstellt, dass das Reich abstrakter Objekte im Denken des Logos existiert. Dies spricht für den Konzeptualismus, nicht den Platonismus. Laut dem Konzeptualismus existieren abstrakte Objekte als Ideen im Denken Gottes, nicht als unabhängig existierende Entitäten.
Nun zu Ihrer ersten Frage – es gibt Fiktionalisten, die eine „Irrtumstheorie“ der Ethik vertreten: Moralische Aussagen seien allesamt falsch, aber dennoch nützlich und wichtig für menschliche Beziehungen. Im Gegensatz hierzu wird der Theist moralische Wahrheiten bekräftigen, doch er wird keine Art von Platonismus als Grundlage für seine Wahrheit übernehmen. Denn Gott selbst, der ein konkretes Objekt ist, ist das Muster für moralische Güte, so wie der Urmeter von Paris einst als Muster eines Meters diente, und nicht irgendein abstraktes mathematisches Objekt. Die Theorie des göttlichen Befehls (Divine Command Theory), die ich angenommen habe, stimmt also genau mit dem Anti-Platonismus überein. Ja, sie wurde eben teilweise aufgestellt, um das platonistische Problem des Euthyphron-Dilemmas zu vermeiden (Frage der Woche #44, #46[3]).
Können wir an der objektiven Moral festhalten, ohne Vertreter der Theorie des göttlichen Befehls zu sein? Vielleicht – wenn wir einen anderen Weg finden, moralische Werte und Pflichten in Gott zu gründen, indem wir uns beispielsweise vorstellen, dass das natürliche Moralgesetz in Gottes Denken existiert. Was wir nicht tun können, ist eine platonistische Erklärung für moralische Werte zu übernehmen.
Ihre letzte Frage – wie sich der Fiktionalist willkürliche Gebote von Gott erklären kann, wenn objektive Moral die Theorie des göttlichen Befehls voraussetzt – erscheint mir verworren. Meinen Sie: Wie kann er willkürliche Gebote von Gottes Seite vermeiden? Das ist einfach das zweite Horn des Euthyphron-Dilemmas, das in den Fragen oben beantwortet wird. Gottes Gebote spiegeln sein Wesen wider, sodass Gott Gebote nicht willkürlich aussprechen kann. Das Gute ist also nicht irgendein abstraktes Objekt, das außerhalb von Gott existiert. Vielmehr ist Gott selbst das Gute und die Quelle unserer moralischen Pflichten durch seine Gebote an uns.
(Übers.: J. Booker; L:RN)
Link to the original Article in English: /aseity-fictionalism-and-moral-values
[1] Die Theorie des göttlichen Befehls ("divine command theory") ist eine ethische Theorie, die vertritt, dass menschliche moralische Pflichten letztlich auf Gottes Geboten basieren, moralische Werte hingegen auf dem Wesen Gottes.
Gegen diese Moraltheorie wird häufig der Einwand des Euthyphron-Dilemmas geltend gemacht. Eine Antwort auf diesen Einwand findet sich in den Fragen der Woche #44 und #46, siehe /german/qa44 und /german/qa46
(A.d.L.)
[2] Das Wort "Ontologie" kommt vom griechischen "on", seiend. Die Ontologie ist also der Bereich der theoretischen Philosophie, der sich mit dem "Sein" und seinen Strukturen befasst. Nach platonischer Ontologie (Seinslehre) sind Zahlen (wie 1, 2, 3, 4, 5, ...) tatsächlich existierende abstrakte Objekte, also Objekte, die in Wirklichkeit existieren, und nicht nur im Denken von denkenden Wesen. Das gleiche gilt für Mengen (z.B. die Menge aller ungeraden Zahlen), Funktionen (Beziehungen zwischen zwei Mengen), Propositionen (z.B. Sätze wie "der Schnee ist weiß") und Eigenschaften (z.B. grün und viereckig sein).
Nach platonischer Ontologie gibt es also unendlich viele abstrakte Objekte - allein schon, da es unendliche viele Zahlen gibt. Hinzu kämen unendlich viele Propositionen. Zu jedem konkreten Objekt kann man eine Unzahl von Propositionen bilden, z.B. "dieser Tisch ist weiß", "dieser Tisch hat vier Beine", "dieser Tisch ist 1,50 Meter hoch", "dieser Tisch stand am 30.04.2016 leicht schräg im Raum" etc. - Somit gibt es unzählig viel mehr Propositionen als konkrete Objekte.
(A.d.L.)
[3] Siehe /german/qa44 und /german/qa46
- William Lane Craig
