#86 Das Wissen vom Schicksal der Verdammten
July 12, 2016Hallo Herr Prof. Craig,
vielen Dank für Ihre segensreiche Arbeit. Ihre Artikel und Bücher haben mir durch so einige dunkle Zeiten des Zweifelns und Hinterfragens hindurchgeholfen. Ich habe einiges von dem, was Sie über Talbotts Universalismus geschrieben haben, gelesen und hätte einige Fragen über das Wissen, das die Erretteten über ihre geliebten Mitmenschen haben werden, die verloren sind. Sie erwähnten dabei, dass Gott uns vor dem Wissen über die Verdammten vielleicht bewahrt. In Ihrem Artikel haben Sie geschrieben:
"Ich sehe aber keinen Grund zur Meinung, dass dieses Bewahren der Erretteten vor diesem schmerzhaften Wissen Betrug und daher unmoralisch wäre. Uns allen fallen Situationen ein, in denen wir Menschen mit Informationen verschonen, die schmerzhaft für sie wären und die sie nicht wissen müssen; und indem wir sie damit verschonen, sind wir weit davon entfernt, etwas Unmoralisches zu tun, und behandeln sie vielmehr mit Barmherzigkeit."
Nun, Sie haben schon mehrfach von Ihrer Überzeugung geschrieben und gesprochen, dass es Gottes überragende, uns geltende Liebe ihm unmöglich macht, unseren freien Willen zu übergehen oder uns zu ändern. Doch wenn Gott dieses Wissen von uns nähme, würde er nicht genau das tun? Er bewahrt uns nicht vor Wissen, sondern nimmt es von uns. Ich würde niemals vergessen, dass ich ein Kind hatte, und möchte mit ihm in der Ewigkeit sein, außer Gott ändert mein Denken ganz spezifisch.
Mir fällt es außerdem schwer, mich mit ihrer späteren Behauptung anzufreunden, nach der meine Liebe und Freude darüber, in der Gegenwart des Herrn zu sein, mich dazu bringen würde, mich nicht um meine in der Hölle brennenden Liebsten zu scheren. Dies ist eine grobe und vielleicht ungerechte Vereinfachung Ihrer Worte, die da waren:
"Es ist möglich, dass allein die Erfahrung selbst, in der unmittelbaren Gegenwart Christi (vgl. visio beatifica) zu sein, jegliches Bewusstsein der Verlorenen in der Hölle schlichtweg aus den Köpfen seiner Erlösten treiben wird. Seine Gegenwart und die Liebe und Freude, die sie hervorruft, wird so überwältigend sein, dass das Wissen um die Verdammten aus dem Bewusstsein der Erretteten verschwinden wird. In diesem Fall hätten die Erlösten immer noch dieses Wissen, wären sich dessen aber nie bewusst und daher auch nicht davon geplagt."
Ich habe einfach Probleme damit, mir mich selbst so glücklich vorzustellen, dass ich einfach nicht mehr über mein Kind nachdenke, das in der ewigen Verdammnis schmort.
Könnten Sie vielleicht ihre genannten ursprünglichen Aussagen etwas weiter ausführen oder mich auf weiterführende Literatur verweisen?
Vielen Dank für Ihre Arbeit – möge der Herr Ihren Dienst weiter segnen.
Eric
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Dr. craig’s response
A [
Für die Leser, die mit dieser Diskussion nicht vertraut sind, möchte ich zunächst einiges zum Hintergrund sagen: Thomas Talbott argumentiert für den Universalismus (die Lehre, dass alle Menschen errettet werden), weil erlöste Menschen im Himmel nie wirklich glücklich sein könnten, wenn sie wüssten, dass andere Menschen in der Hölle sind. Da der Himmel ein Zustand der höchsten Glückseligkeit ist, folgt daraus, dass (letztendlich) jeder gerettet werden muss. (Siehe Artikel über Talbotts Universalismus unter „Wissenschaftliche Artikel: Christlicher Partikularismus“.)[1]
Ich behaupte, dass das Argument kein gutes ist, weil es – erstens – unberechtigterweise davon ausgeht, dass die Erlösten im Himmel wissen, dass einige Menschen verdammt sind, und weil es – zweitens – nicht unterscheidet zwischen „wissen, dass p“ und „sich bewusst sein“, dass p, wobei p eine beliebige Tatsache ist.
Gemäß meiner ersten Option ist es möglich, dass Gott jegliches Wissen über die Verdammten aus den Köpfen der Erlösten entfernt. Ich denke, dass dies barmherzig ist und keine Missetat von Gottes Seite aus ist. Sie wenden hier ein, Eric, dass Gott gegen den freien Willen der erlösten Menschen verstoßen würde, sollte er so etwas tun. Ich kann nicht erkennen, dass diese Implikation logisch daraus folgt. Wenn wir darüber sprechen, dass Gott den freien Willen des Menschen respektiert oder nicht respektiert, dann hat das mit moralischen Entscheidungen zu tun. Gott wird Sie nicht dazu bringen, eine moralisch bedeutsame Entscheidung anstelle einer anderen zu treffen. Er überlässt das Ihnen. Aber natürlich schränkt Gott unsere Freiheit auf vielerlei moralisch neutrale Weise ein. Er hat mich beispielsweise so konstituiert, dass ich mich nicht einfach dazu entschließen kann, auf Vietnamesisch loszureden oder herumzufliegen, indem ich mit den Armen wedele. Meine Freiheit ist so auf unzählige Weisen eingeschränkt. Nichts davon verstößt aber gegen meine Unversehrtheit als moralischer Akteur. Meine moralisch bedeutsamen Entscheidungen sind immer noch meine Sache. Entfernt Gott also aus den Erlösten das Wissen über die Verdammten, einschließlich des Wissens, dass geliebte Menschen verdammt sind, verstößt er genauso wenig gegen die moralische Unversehrtheit oder den freien Willen der betroffenen Personen, wie wenn er ihr Wissen über die Integralrechnung entfernt. Zumindest habe ich bisher noch kein Argument gesehen, laut dem das Entfernen solchen Wissens auf die hier diskutierte, moralisch bedeutsame Weise gegen den freien Willen verstößt.
Die zweite Option finde ich sogar noch attraktiver: Die Erlösten behalten das Wissen vom Schicksal der Verdammten bei, sind sich dessen aber nicht bewusst. Wenn Sie einmal darüber nachdenken, werden Sie feststellen, dass wir uns der wenigsten Dinge, die wir wissen, bewusst sind. Diese Alternative besagt, dass die Erfahrung, in der unmittelbaren Gegenwart Christi zu sein, für die Erlösten so überwältigend sein wird, dass sie nicht an die Verdammten in der Hölle denken werden. Sie antworten hierauf, dass Sie sich nicht vorstellen können, so glücklich zu sein, dass Sie nicht an Ihr Kind denken, das verdammt ist. Nun, um Ihrem Vorstellungsvermögen ein wenig auf die Sprünge zu helfen: Stellen Sie sich ein schmerzhaftes Erlebnis vor – sagen wir, sich auf dem Schlachtfeld das Bein ohne Betäubung amputieren zu lassen –, das so intensiv ist, dass es das Bewusstsein aller anderen Dinge verdrängt. In diesem Zustand würden Sie überhaupt nicht an Ihr Kind denken. Ersetzen Sie dieses Schmerzbewusstsein nun durch ein Gefühl der Freude und Begeisterung, nur noch unermesslich viel intensiver und packender. Das ist die visio beatifica der Erlösten im Himmel! Es ist, wie ich finde, ganz und gar nicht unplausibel, dass eine solche Erfahrung ausschließen würde, dass Sie an das Schicksal Ihres Kindes denken.
Ich behaupte freilich nicht, zu wissen, dass eine dieser Alternativen wahr ist, sondern nur, dass sie Talbotts Argument für den Universalismus aushebeln.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /knowledge-of-the-fate-of-the-damned
[1] In englischer Sprache – Anm. d. Übers.
- William Lane Craig
