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#315 Der Verstand hinter dem Universum

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

danke für die großartige Arbeit in Ihrem Dienst!

Vergangenes Jahr habe ich an meiner Universität Kurse aus dem Bereich Philosophie des Geistes belegt und bin damit Ihrem Rat gefolgt, den Sie in einem der Reasonable-Faith Podcasts erteilt hatten. Ich fand dieses Thema außerordentlich interessant. Ich habe dabei auch einiges erfahren, das mich überrascht hat (etwa die wachsende Zahl moderner Philosophen, die zum Dualismus neigen).

Zu meiner Frage: Mir scheint, Ihre These, die einzig vernünftige Ursache unseres Universums müsse in einem körperlosen Denken gesucht werden, setzt den Dualismus schon voraus. Welche Argumente zugunsten des Dualismus halten Sie im Lichte einer materialistischen Mehrheit für die besten?

Welches halten Sie für das beste Argument dafür, dass die "Erste Ursache" des Universums ein körperloser Verstand war, und nicht ein abstraktes Objekt? Könnte das "Multiversum", von dem Prof. Lawrence Krauss und andere Neue Atheisten sprechen, solch ein "abstraktes Objekt" sein? Wenn ja, wäre dann die Sichtweise, dass ein körperloser Verstand das Universum geschaffen hat, nicht doch weniger plausibel?

Danke für Ihre Hilfe – ich schätze sie sehr!

Mit freundlichen Grüßen,

Ben

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich freue mich, dass Sie die Podcasts auf Reasonable Faith als hilfreich empfunden haben, Ben. Wer mit Bens Fragenkomplex nicht vertraut ist: Lassen Sie mich kurz feststellen, dass das kalam-kosmologische-Argument als eine Reihe dreier Disjunktionen[1] zum Universum verstanden werden kann, dessen Existenz ich voraussetze:

Nachdem ich die Möglichkeit ausgeschlossen habe, dass das Universum keinen Beginn und keine Ursache hat, habe ich drei Argumente zugunsten der Tatsache angeführt, dass der Ursprung des Universums glaubwürdig auf eine persönliche Ursache zurückgeführt werden muss.

Eines dieser Argumente bezieht sich auf die Eigenschaften einer ersten Ursache, die im Verlauf des Arguments bereits angedeutet worden sind: Sie selbst darf keine Ursache haben, keinen Beginn, muss zeitlos, nichträumlich und immateriell sein. Nun frage ich: Auf welche Entität könnte eine solche Beschreibung denn möglicherweise passen? Da kommen mir eigentlich nur zwei Kandidaten in den Sinn: Entweder abstrakte Objekte oder ein personales Geistwesen. Abstrakte Objekte wie Zahlen, Propositionen und Eigenschaften werden normalerweise mit den genannten Begriffen beschrieben (zeitlos, nichträumlich, immateriell etc.). Auch der Verstand wird meistens beschrieben als immateriell und räumlich nicht-ausgedehnt, der, insofern er unveränderlich ist, zeitlos und ursprungslos existiert.

Manche haben mich fälschlicherweise bezichtigt, ich setzte die Wahrheit des Dualismus schon voraus, indem ich behaupte, dass Geist bzw. denkende Wesen existieren. Doch diese Bezichtigung ist offenkundig falsch. Ich habe nur die möglichen „Kandidaten“ aufgezählt, auf die eine solche Beschreibung passt. Sollte jemand mir einen weiteren Kandidaten liefern können, nehme ich ihn gerne in die Liste auf. Dass ich den Dualismus nicht zur Voraussetzung mache, sollte insofern deutlich werden, als ich tatsächlich nicht glaube, dass unverursachte abstrakte Objekte existieren. Ich glaube, derlei Dinge sind metaphysisch unmöglich. Dennoch nehme ich sie in die Liste auf, weil sie auf die Beschreibung passen und daher Kandidaten sind, die man ins Kalkül ziehen kann. Zu den „Kandidaten“ gehört aber auch ein vernunftbegabtes Geistwesen.

Ich sage sodann, dass die Ursache des Universums nicht in abstrakten Objekten gesucht werden kann, da abstrakte Objekte in keiner ursächlichen Relation zu Wirkungen stehen. Dass abstrakte Objekte kausal unwirksam sind, gehört definitionsgemäß zum Wesen abstrakter Objekte dazu. Die Ursache des Universums kann daher nicht in abstrakten Gegenständen oder Objekten gesucht werden. (Man beachte: Ich setze hier nicht einfach voraus, dass abstrakte Gegenstände kein Kandidat sein können, indem ich einfach voraussetze, dass sie nicht existieren. Ich mache mich hier also nicht des Fehlschlusses der petitio principii[2] schuldig. Ich argumentiere vielmehr auf der Grundlage der Eigenschaften, die diese Dinge hätten, sollten sie existieren, nämlich kausale Unwirksamkeit.) Daraus folgt: Die Ursache des Universums ist geistiger Natur.

Ich hoffe es wird dadurch klar, dass mein Argument damit eigentlich ein Argument für den Dualismus ist, aber keines, das den Dualismus bereits voraussetzt. Der Nicht-Theist kann nicht einfach von vornherein den Dualismus leugnen, denn das würde eine petitio principii gegen den Dualismus bedeuten – genauso wenig wie ich a priori die Nichtexistenz abstrakter Gegenstände postulieren kann. Wenn der Nicht-Theist freilich Argumente gegen den Dualismus ins Feld führen kann, dann müsste man diese Argumente widerlegen, wenn man daran festhalten will, dass ein nichtkörperlicher Geist die Ursache des Universums ist. Ich lade den Nicht-Theisten daher ein, seine Argumente vorzubringen und anzugeben, weshalb die Ursache des Universums nicht in einem körperlosen Denken gesucht werden kann, genau wie auch ich Argumente eingebracht habe, die zeigen, inwiefern abstrakte Gegenstände nicht als Ursache des Universums herhalten können. Einfach nur anzunehmen (ohne Begründung), der Dualismus sei falsch, geht jedenfalls nicht an (denn wenn man kurz darüber nachsinnt, bedeutet das nichts anderes als anzunehmen, der Atheismus sei wahr!)

In Erwiderung auf die nicht-theistischen Argumente gegen den Dualismus können wir unserem Fall Gewicht verleihen, indem wir Argumente zum Dualismus Leib/Seele beim Menschen anführen. Das Argument zur Intentionalität, das ich in der Debatte mit Alex Rosenberg[3] angeführt habe, finde ich dabei besonders überzeugend. Rosenberg selbst räumt ein, dass physische oder materielle Dinge keine Intentionalität haben können. Das aber führt ihn zur absurden Schlussfolgerung, Intentionalität sei nichts als eine Illusion, da wir im Grunde an nichts und über nichts dächten. Nicht nur ist diese Schlussfolgerung falsch, sondern sie ist auch inkohärent, denn eine Illusion hat selbst intentionalen Charakter: Wir haben ja eine Illusion von etwas! Daher wäre selbst bei einer Illusion von Intentionalität eine gewisse Intentionalität beteiligt. Rosenbergs Naturalismus ist daher selbstreferentiell inkohärent.

Um also Ihre Frage zu beantworten, welches das beste Argument dafür ist, dass ein denkendes Wesen und nicht ein abstrakter Gegenstand die Ursache des Universums ist, möchte ich sagen: die kausale Wirkungslosigkeit abstrakter Dinge.

Sie fragen: Kann ein Multiversum als „abstraktes Ding“ gesehen werden? Augenscheinlich nicht, da das Multiversum ja eine konkrete Wirklichkeit darstellt, mithin ein physisches, raumzeitliches Gebilde. Sobald man im kalam-kosmologischen Argument von „dem Universum“ spricht, bezieht man sich mit diesem Begriff je schon auf eine zusammenhängende, raumzeitliche Wirklichkeit; das Multiversum ist daher – wenn es existiert – eingeschlossen. Die Sache ist die: Auch ein Multiversum hatte einen Anfang und braucht daher eine transzendente Ursache. Ich behaupte daher, dass diese Ursache ein unkörperliches geistiges Wesen sein muss, womit wir nicht nur bei einer ersten Ursache des Universums angelangt sind, sondern bei seinem persönlichen Schöpfer.

(Übers.: I. Carobbio; L: RN)

Link to the original article in English: /The-Mind-behind-the-Universe



Anmerkungen

[1] Eine Disjunktion ist eine "Oder"-Verknüpfung, z.B. "Entweder, es regnet, oder es regnet nicht". Wenn so ein Satz alle Möglichkeiten abdeckt, dann ergibt sich daraus, dass die eine Möglichkeit nicht der Fall ist, automatisch, dass die andere Option der Fall sein muss.

Die drei Disjunktionen des kalam-kosmologischen Argumentes sind:
(1) Entweder, das Universum hatte einen Anfang, oder es hatte keinen Anfang.

(2) Entweder, das Universum wurde versursacht, oder es wurde nicht verursacht.

(3) Entweder, die Ursache des Universums war persönlich, oder sie war unpersönlich.

Es scheint in allen drei Fällen plausibel, dass diese Gegensätze jeweils die einzigen Möglichkeiten

Wenn z.B. Disjunktion (3) stimmt, und wenn man ausschließen kann, dass das Universum eine unpersönliche Ursache hatte, so folgt daraus, dass das Universum eine persönliche Ursache hatte. (A.d.L.)

[2] Der Fehlschluss der petitio principii (engl.: begging the question) bedeutet, dass man zirkulär argumentiert, d.h. man setzt etwas in der Prämisse schon voraus, für das man eigentlich als Konklusion argumentiert.

Ein Beispiel: "Die Bibel ist Gottes Wort. Die Bibel sagt selbst, dass sie von Gott inspiriert ist. Also ist sie Gottes Wort". (Das sagt nichts über die Frage, ob die Konklusion wahr ist oder nicht, aber das Argument taugt nicht, um die Konklusion zu stützen, da sie zirkulär ist.)

Anderes Beispiel: "Atheisten sind kluge Leute. Was sie glauben, stimmt. Denn sonst würden sie es ja nicht glauben. Wer klug ist, glaubt schließlich nur das, was stimmt." (Es mag sein, dass sie klug sind, aber dieses Argument taugt nicht, um das zu beweisen).

(Anm. d. L.)

[3] Vgl. /media/craig-vs-rosenberg-purdue-university

Das Argument aus Intentionalität basiert auf der Überlegung, dass physikalische Objekte keine intentionalen Zustände haben können; nur Wesen mit Geist können dies. Die Existenz Gottes ist daher die beste Erklärung für die Existenz von Intentionalität. Das Argument lautet:
Prämisse 1: Wenn Gott nicht existieren würde, dann gäbe es keine intentionalen Bewusstseinszustände.
Prämisse 2: Es gibt aber intentionale Bewusstseinszustände.
Konklusion: Daher gibt es einen Gott.
Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=-PU7LtHs3sc (nur das Argument aus Intentionalität mit Rosenbergs Antwort und Craigs Rückantwort).
W.L. Craigs erste Rede (inkl. das Argument aus Intentionalität) beginnt bei: https://www.youtube.com/watch?v=bhfkhq-CM84&t=17m15s
Auch dieser Artikel nimmt auf das Argument auf Intentionalität bezug, siehe Argument 5.: /german/Gibt-es-einen-Gott
(Anm. d. L.)

- William Lane Craig