#308 Eine Faktenprüfung der Faktenprüfung der Craig-Rosenberg-Diskussion
January 14, 2016Die philosophische Gesellschaft der Universität von Indiana hat eine, wie sie es nennen, Faktenprüfung Ihrer Debatte mit Prof. Dr. Rosenberg[1] in ihren Blog gestellt (http://iuphilosophy.com/2013/02/18/fact-checking-the-craigrosenberg-debate/).
Das war sehr interessant zu lesen, und Sie haben dort nach deren Einschätzung eine wesentlich bessere Figur abgegeben als Rosenberg. Mich hat nun vor allem die Reaktion dieser philosophischen Gesellschaft auf Ihre Beweisführung dazu interessiert, dass die Ursache des Universums eine Person sein muss:
„Wir müssen besonders wachsam sein, denn hier könnte der Fehlschluss der Äquivokation, d.h. eine trügerische Mehrdeutigkeit vorliegen. Craig benutzt den Begriff „immateriell“[2] und meint damit „außerhalb des Universums“ (wie Gott), aber er benutzt denselben Begriff im Sinne von „nicht räumlich ausgedehnt“ (wie gewöhnliche menschliche, mentale Zustände). Mein Verstand (engl. "mind") ist jedoch im Universum, genauer: in den USA. Mein gegenwärtiger Hunger z.B. ist nicht nirgends (und auch nicht überall!). Er ist genau dort, wo auch ich bin. Das aber bedeutet, dass wir von keinem reinen Verstandeswesen (engl. "mind") wissen, das nicht-physisch in Craigs Sinne ist, und es ist nicht ersichtlich, dass es solche Wesen geben könnte. Ebenso sind denkende Wesen nach unserem Verständnis alle zeitlich begrenzt. Es ist nicht klar, ob wir eine widerspruchsfreie Vorstellung von Gedanken oder Gefühlen haben können, die selbst außerhalb der Zeit existieren.“
Über ähnliche Einwände habe ich selbst auch schon nachgedacht, und an diesem Punkt hänge ich auch fest, wenn ich das kalam-kosmologische Argument verwenden möchte. Ich würde eine Hilfestellung Ihrerseits sehr schätzen.
David
<ul><li>Korea South</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
David, vielen Dank, dass sie mich auf diesen Blog hingewiesen haben! Ich freue mich sehr, dass unser Streitgespräch Anlass für weitere Diskussionen war.
Dieser Blog dient weniger der Überprüfung der Fakten (das hätte bedeutet, die Leser auf tatsächliche Fehler meinerseits aufmerksam zu machen wie den, dass ich ein Zitat Penelope Maddy anstelle von Mary Leng zugeschrieben habe, oder dass ich das Todesdatum von Kaiser Augustus mit 17 n. Chr. anstelle von 14 n. Chr. angegeben habe). Vielmehr diente dieser Beitrag der eigenen Teilnahme des Bloggers an der Auseinandersetzung durch eine Beurteilung der Argumente. Dennoch bin ich erfreut über die relativ positive Bewertung durch einen Blogger, der nicht mit meinen Ansichten sympathisiert (wie durch verschiedene Aspekte deutlich wird: seine Verweise auf religionskritische Websites, durch seine Bezeichnung meiner Person als „Apologet“ und nicht als Religionsphilosoph, durch seine frisch-fröhliche Herabsetzung des wissenschaftlichen Werks von N.T. Wright mit der Begründung, dieser sei ein „christlicher Apologet und Bischof“, und des Werks von Historikern des Neuen Testaments im allgemeinen, weil er vermutet, dass sie Christen sind, und so weiter. Dadurch zeigt er, dass ihm die neutestamentliche Forschung nicht geläufig ist. Offensichtlich weiß er auch nicht, dass diese Gelehrten – in deren Reihen sich Nicht-Theisten wie Bart Ehrman und jüdische Gelehrte wie Geza Vermes befinden, die mit den drei von mir genannten Tatsachen übereinstimmen – sich ihren Quellen durchaus skeptisch nähern.)
Um nun zum eigentlichen Punkt zu kommen, nach dem Sie fragen: Es gibt hier überhaupt keinen Fehlschluss der Äquivokation (keine trügerische Mehrdeutigkeit). Mit „immateriell“ meine ich weder „außerhalb des Universums“ noch „nicht räumlich ausgedehnt“. Ich benutze das Wort im gewöhnlichen sprachlichen Sinn von „nicht materiell“ oder „nicht physisch“. Wir kennen also sehr wohl nicht-physisches „Denkvermögen eines denkenden Wesens“, nämlich unser eigenes! Dies habe ich ja in meinem Argument aus intentionalen Zuständen gezeigt[3]! Darüber hinaus ist das kalam-kosmologische Argument (genau wie das Argument aus Kontingenz, das Argument aus der Feinabstimmung des Universums, und das Moral-Argument für die Existenz Gottes) eine Beweisführung für die Existenz eines Geistwesens außerhalb des Universums. Wenn der Blogger annimmt, dass es nichts Denkfähiges außerhalb des Universums geben kann, sollte er besser eine Begründung für diese Schlussfolgerung liefern, sonst begeht der den Fehlschluss der petitio principii: er unterstellt lediglich die Wahrheit des Atheismus, ohne jedoch dafür Gründe zu nennen. Er stellt die Frage, ob es sinnvoll ist, von einem zeitlosen Denkvermögen zu sprechen, da jedes Denkvermögen, das wir kennen, zeitlich begrenzt ist. Dann aber muss der Blogger beweisen, dass zeitliche Begrenztheit eine essentielle Eigenschaft und nicht bloß eine häufig vorkommende Eigenschaft von Geistwesen (engl. "minds") ist. In meinem Buch Time and Eternity. Exploring God's Relationship to Time (Zeit und Ewigkeit. Eine Untersuchung über Gottes Beziehung zur Zeit) gibt es ein Kapitel über die Kohärenz einer zeitlosen Persönlichkeit, wobei es mir nicht möglich war, irgendeinen Beweis dafür zu finden, dass die Vorstellung einer zeitlosen Person inkohärent ist. Ich empfehle Ihnen, diese Stelle zu lesen.
Ironischerweise fährt der Blogger folgendermaßen fort: „Insofern als wir eine vage Vorstellung eines solchen denkenden Wesens haben, könnten wir sicherlich auch eine vage Vorstellung von Branen, platonischen Formen, Steven Weinbergs freischwebenden Gesetzen oder anderen transzendenten Sachverhalten haben.“ Branen jedoch sind keine nicht-physischen Gebilde (s. die Diskussion über Branenkosmologie in dem von mir und Jim Sinclair verfassten Kapitel[4] im Blackwell Companion to Natural Theology), und platonische Formen und freischwebende Gesetze sind abstrakte Objekte, daher habe ich keine Ahnung, von welchen anderen transzendenten Sachverhalten er spricht. Wenn er uns einen solchen Kandidaten nennen kann, werde ich ihn meiner Liste zu erwägender Kandidaten hinzufügen, aber bis jetzt kann ich noch keinen erkennen, umso weniger einen, der plausibler wäre als ein transzendentes Geistwesen.
Zu guter Letzt muss ich noch etwas auf seinen Kommentar zu meiner Bezugnahme auf das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem als Beweis für den Anfang des Universums entgegnen. Ich musste lächeln, als ich erfuhr, dass er Vilenkin persönlich angeschrieben hat, um das herauszufinden. So viele haben es schon ebenso gemacht, und Vilenkin bestätigt immer wieder das, was er bereits gesagt hat, daher frage ich mich, ob er allmählich anfängt, sich über diese ständigen Anfragen zu ärgern, oder ob er dankbar ist für die Aufmerksamkeit der breiten Masse, die ihm durch mich zuteilwurde! Der Blogger teilt uns mit, dass Vilenkin zu meiner Darstellung folgendes sagt:
„Das ist richtig. Beachten Sie jedoch, dass das Theorem davon ausgeht, dass das Universum sich in der Vergangenheit im Durchschnitt stets ausgedehnt hat. Die Schlussfolgerung kann vermieden werden, wenn sich das Universum vor der Ausdehnung zusammengezogen hat. Sich zusammenziehende bzw. kontrahierende Universen haben jedoch ihre eigenen Probleme. Sie sind hochgradig instabil, daher ist es unwahrscheinlich, dass auf die Kontraktion eine Ausdehnung folgt (wie wir es momentan beobachten).“
Im Gegensatz zu den Ausführungen unseres Bloggers gab es in meiner Beschreibung des Theorems nichts Irreführendes, denn in meiner Eröffnungsrede habe ich gesagt:
„Im Jahre 2003 konnten Arvind Borde, Alan Guth und Alexander Vilenkin beweisen, dass jedes Universum, das sich während seiner Geschichte im Mittel stets ausgedehnt hat, in der Vergangenheit nicht unendlich gewesen sein kann, sondern eine vergangene Raumzeit-Begrenzung haben muss. Ihr Beweis ist deshalb so stichhaltig, weil er jeder physischen Beschreibung des sehr frühen Universums standhält. Wir können noch keine physische Beschreibung des ersten Sekundenbruchteils des Universums liefern, weil wir noch keine Quantentheorie der Schwerkraft haben. Das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem aber ist unabhängig von jeder physischen Beschreibung jenes Moments. Ihr Theorem besagt, dass der Quanten-Vakuum-Zustand, der kennzeichnend war für das frühe Universum, nicht ewig in die Vergangenheit hineinreichte, sondern einen absoluten Anfang gehabt haben muss. Selbst wenn unser Universum nur ein winziger Bestandteil eines sogenannten „Multiversums“ ist, das sich aus vielen Universen zusammensetzt, fordert das Theorem, dass das Multiversum selbst einen absoluten Anfang hat.
Natürlich wurden immer wieder hoch spekulative Szenarien, wie z.B. die Schleifenquantengravitations-Modelle, String-Modelle und sogar geschlossene zeitähnliche Kurven entworfen, um diesen absoluten Anfang zu vermeiden. Diese Modelle sind sehr problematisch, aber das Fazit ist, dass keine dieser Theorien, selbst wenn sie wahr wären, dazu taugt, eine ewige Vergangenheit wiederherzustellen. Bei einer Konferenz in Cambridge anlässlich des 70. Geburtstags von Stephen Hawking im vergangenen Frühjahr stellte Vilenkin einen Beitrag mit dem Titel „Hatte das Universum einen Anfang?“ vor, in dem er die aktuelle Kosmologie im Hinblick auf diese Frage untersucht. Er behauptete, dass „keines dieser Szenarien tatsächlich eine ewige Vergangenheit haben kann.“[5] Er schlussfolgerte: “Alle uns vorliegenden Indizien besagen, dass das Universum einen Anfang hatte.”[6]
Ich glaube, damit ist deutlich, dass ich hiermit eine prägnante und exakte Beschreibung des Theorems und seiner Auswirkungen geliefert habe. Unser Blogger dagegen ist fälschlicherweise der Meinung, dass sich das Theorem nur auf Inflationsmodelle bezieht, was nicht stimmt, wie der oben zitierte Beitrag zeigt. Darüber hinaus sind Modelle, die die einzige Bedingung des Theorems nicht erfüllen, mit weiteren Problemen befrachtet, wie Vilenkin zeigt, so dass sie keine ewige Vergangenheit aufweisen können.
Der Blogger hätte also meine Besprechung des Borde-Guth-Vilenkin-Theorems nicht als „trügerisch“, sondern als „goldrichtig“ bezeichnen sollen.
(Übers.: J. Bothner)
Link to the original article in English: /Fact-Checking-the-Fact-Checker-of-the-Craig-Rosenberg-Debate
[1] Die Debatte zwischen W.L. Craig und A. Rosenberg fand am 01. Februar 2013 an der Purdue University statt.
Eine Aufzeichnung der Debatte findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=bhfkhq-CM84 (Anm. d. Übers.)
[2] Diese Kritik bezieht sich auf das kalam-kosmologische Argument, welches auf die Existenz eines
immateriellen Schöpfers schließt. Das kalam-kosmologische Argument lautet:
1. Alles, was anfängt zu existieren, hat eine Ursache.
2. Das Universum hat angefangen zu existieren.
3. Also hat das Universum eine Ursache.
4. Wenn das Universum eine Ursache hat, dann existiert ein unverursachter, personaler Schöpfer des Universums, der ohne das Universum anfangslos, änderungslos, immateriell, zeitlos, raumlos und enorm mächtig ist.
5. Also existiert ein unverursachter, personaler Schöpfer des Universums, der ohne das Universum anfangslos, änderungslos, immateriell, zeitlos, raumlos und enorm mächtig ist. (5. ergibt sich aus 3. und 4.)
Eine Darstellung des kalam-kosmologischen Argumentes in deutscher Sprache mit Verteidigung der Prämissen des Arguments findet sich hier: /german/Das-kalam-kosmologische-Argument und hier: /german/Naturwissenschaftliche-Belege-fuer-das-kalam-kosmologische-Argument
Zu der persönlichen Ursache des Universums vgl. auch Vgl. W.L. Craig, "On Guard. Mit Verstand und Präzision den Glauben verteidigen", S. 107-109.
(Anm. d. Übers.)
[3] Das Argument aus intentionalen Zuständen lautet:
Prämisse 1: Wenn Gott nicht existieren würde, dann gäbe es keine intentionalen Bewusstseinszustände.
Prämisse 2: Es gibt aber intentionale Bewusstseinszustände.
Konklusion: Daher gibt es einen Gott.
W.L. Craigs erster Redebeitrag in der Debatte beginnt bei Minute 17, das Argument aus intentionalen beginnt bei Minute 28: https://www.youtube.com/watch?v=bhfkhq-CM84&t=28m38s
Ein kurzer Zusammenschnitt des Arguments aus Intentionalität, A. Rosenbergs Einwände darauf, sowie W.L. Craigs Antwort auf Rosenbergs Einwände findet sich hier:
Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=-PU7LtHs3sc
(Anm. d. Übers.)
[4] William Lane Craig und James D. Sinclair: "The kalam cosmological argument", in: W.L. Craig, J.P. Moreland (Hrsg.): The Blackwell Companion to Natural Theology, Wiley-Blackwell 2012, S. 101-201
[5] Audrey Mithani und Alexander Vilenkin, “Did the universe have a beginning?” ArXiv 1204.4658v1 [hep-th] 20 April 2012. Vgl. . seine folgende Feststellung: “Es gibt gegenwärtig kein zufriedenstellendes Modell für ein Universum ohne Anfang” (A. Vilenkin, “Did the Universe Have a Beginning?”, Vorlesung in der Cambridge University, 2012). Insbesondere schloss Vilenkin drei Modelle aus, mit denen versucht wurde, sein Theorem zu entkräften: ewige Inflation, ein zyklisches Universum und ein „in der Entstehung begriffenes“ Universum, das in Ewigkeit in Form einer statischen Saat vor der Ausdehnung existiert.
[6] Zitiert in “Why physicists can't avoid a creation event”, Lisa Grossman, New Scientist vom 11. Januar 2012.
- William Lane Craig