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#126 Erfordert der Schluss auf Intelligent Design die Kenntnis vergleichbarer Design-Vorgänge?

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe kürzlich das Video eines Vortrags von Ihnen gesehen, in dem Sie erklärten, dass nicht jede wissenschaftliche Erklärung einer weiteren Erklärung bedarf. Sie argumentieren dann weiter: Wenn ein Team von Archäologen beim Graben in der Erde Artefakte entdecken sollte, die einem Tomahawk gleichen, hätten sie absolut Recht, daraus den Schluss zu ziehen, dass die Artefakte durch intelligente Designer geschaffen wurden. Dieser Feststellung stimme ich völlig zu. Das wäre offensichtlich die beste Erklärung, obwohl nicht bekannt ist, wer diejenigen waren, die das Design entwarfen. Aber hier bleibe ich stecken. So wie ich es sehe, liegt der Grund, warum wir den Schluss ziehen können, dass die Artefakte das Produkt eines intelligenten Designs waren, in unserem Wissen, dass ein Mensch fähig ist, Tomahawks zu entwerfen. Dasselbe ließe sich sagen, wenn die Archäologen eine Flöte finden würden. Wir WISSEN, dass der Mensch fähig ist, Flöten zu entwerfen. Wir haben GESEHEN, wie Menschen Flöten machen. Deshalb können wir sagen: „Nun, wir wissen nicht, wer genau diese Flöte gemacht hat, aber wir können fast sicher sein, dass es ein Mensch war.“ Wir haben keine Evidenz dafür, dass irgendein anderes Wesen als ein Mensch Flöten entwirft. Bären entwerfen keine Flöten. Spinnen entwerfen keine Flöten.

Aber lässt sich dasselbe über – beispielsweise – einen Baum sagen? Wir wissen, dass ein Mensch nicht fähig ist, einen Baum oder einen Grashalm oder eine Wolke usw. zu entwerfen. Also können wir den Entwurf eines Baumes nicht in derselben Weise einem intelligenten Designer zuschreiben, wie wir es bei einem Tomahawk oder einer Flöte können. Ich nehme an, meine Frage ist: Wie können wir so sicher sein, dass ein Baum das Produkt eines intelligenten Designs ist, wenn wir keine physischen Evidenzen eines Designers haben, der fähig ist, einen Baum zu entwerfen?

Bitte verstehen Sie, dass ich nicht gegen die Existenz eines intelligenten Designers argumentiere. Ich bin kein Atheist und auch kein Mitglied irgendeiner Religion. Eigentlich bin ich gar nichts. Nur ein junger Mann, der Wahrheit herauszufinden versucht. Im Moment tendiere ich zur Existenz eines Gottes, aber ich ringe noch mit einigen komplizierten Fragen. Ihre Arbeit respektiere ich sehr, und ich hoffe, dass Sie auf meine Frage antworten können. Danke für Ihre Zeit und Geduld.

Mit freundlichen Grüßen

Sean

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Das Video, auf das Sie sich beziehen, war mein Vortrag „Dawkins‘ Delusion“, der auf das von Richard Dawkins so benannte „zentrale Argument“ [1] seines Bestsellers Der Gotteswahn eingeht (sehen Sie hier einen Ausschnitt aus diesem Video). Sein vermeintlich vernichtender Einwand gegen das teleologische Argument für einen Designer des Universums ist, dass es die weitere Frage aufwirft: „Wer entwarf den Designer?“

Es ist nicht klar, warum diese Frage ein Problem für die Schlussfolgerung auf Design darstellen soll. Im Allgemeinen braucht man, um eine Erklärung als die beste zu erkennen, keine Erklärung der Erklärung. Dies zu fordern würde in Wirklichkeit zu einer unendlichen Regression von Erklärungen führen, sodass nichts je erklärt werden könnte und die Wissenschaft zerstört würde. Im Fall eines kosmischen Designers können wir die Frage, ob dieses Wesen überhaupt einen Designer hat und, wenn ja, wer dieser Designer sein könnte, für zukünftige Untersuchungen offen lassen.

Nun ist Ihr Anliegen ein anderes als das von Dawkins. Sie sagen, dass wir auf einen unbekannten Designer für – beispielsweise – archäologische Artefakte schließen können, weil wir mit der Herstellung solcher Artefakte durch Menschen vertraut sind. Um jedoch genau dieser Art von Einwand zuvorzukommen, habe ich meine zweite Illustration über Astronauten gegeben, die einen Haufen Maschinen auf der Rückseite des Mondes finden. Sie wissen, dass kein anderes Land außer den USA erfolgreich Mondlandungen durchgeführt hat und dass die Amerikaner dieses Zeug nicht dort zurückgelassen haben! Vielleicht haben wir nicht die geringste Ahnung, welche Funktion diese Geräte erfüllen, weil sie uns völlig unbekannt sind. Doch obwohl es sich bei solchen Maschinen nicht um das Produkt eines menschlichen intelligenten Designs handelt, sind sie nichtsdestoweniger eindeutig das Produkt eines intelligenten Designs.

Der springende Punkt ist, dass intelligentes Design sich durch gewisse Erkennungsmerkmale auszeichnet, die uns ganz unabhängig davon auf seine Präsenz hinweisen, ob wir mit dem Designer vertraut sind. In William Dembskis Analyse in The Design Inference ist es die Kombination von hoher Unwahrscheinlichkeit und Konformität mit einem unabhängig gegebenen Muster. Wenn wir solche Merkmale bei – sagen wir – einem Signal entdecken, das aus dem Weltall stammt, wie in dem Spielfilm Contact, dann dürfen wir folgern, dass das Signal kein zufälliges Geräusch ist, sondern das Ergebnis einer Form von Intelligenz da draußen, und dass wir nicht allein sind.

Beim Fall biologischer Komplexität beruhen etwaige Vorbehalte, die wir gegen eine Design-Schlussfolgerung haben, nicht darauf, dass wir – zum Beispiel – keine Bäume gesehen haben, die durch intelligentes Design hervorgebracht werden, sondern vielmehr darauf, dass wir unsicher sind, ob ein Baum tatsächlich diese Erkennungsmerkmale eines intelligenten Designs aufweist wie hohe Unwahrscheinlichkeit plus ein unabhängig gegebenes Muster. Der Design-Kritiker wird eine naturalistische, evolutionäre Geschichte anbieten, um zu zeigen, dass die Unwahrscheinlichkeit der Existenz eines Baumes nur scheinbar ist und somit nicht zu einer Design-Schlussfolgerung berechtigt.

Die Frage, ob wir mit der menschlichen Produktion bestimmter Artefakte vertraut sind oder nicht, lenkt also, denke ich, vom eigentlichen Thema ab. Die relevanten Fragen lauten vielmehr: (1) Was sind die charakteristischen Merkmale für intelligentes Design und (2) Weist eine bestimmte Entität diese Merkmale auf?

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /design-inferences-and-familiarity

Anmerkungen

[1] Zum zentralen Argument von Richard Dawkins Buch Der Gotteswahn (auf Deutsch im Verlag Ullstein erschienen, 6. Auflage2008), vgl. auch Frage der Woche # 1 (www.reasonablefaith.org/german/qa1) sowie #64 (www.reasonablefaith.org/german/qa64) (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig