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#305 Gott und die Anwendbarkeit von Mathematik

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

in Ihrer jüngsten Diskussion mit Prof. Dr. Rosenberg[1] haben Sie zwei neue Argumente gebracht (zumindest habe ich sie noch nie von Ihnen gehört). Ich bin begeistert von dem auf Intentionalität basierenden Argument gegen den Naturalismus. Meine Frage bezieht sich auf das Argument gegen den Naturalismus basierend auf der Anwendbarkeit von Mathematik.

Ist es nicht so, dass Mathematik nur eine nützliche Erfindung sein könnte, wie Sie in Ihrer Diskussion erwähnt haben? Und so scheint es mir auch zu sein. Sie sagen so etwas wie: „Das würde nicht erklären, wie die Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben zu sein scheint.“ Aber würden mathematische Konzepte nicht auch dann das Universum für unsere Wahrnehmung verständlich beschreiben, wenn sie nur nützliche Erfindungen wären (und die Beschreibung würde umso genauer passen, je sorgfältiger diese Konzepte von uns ausgedacht wurden)? Sollten wir nicht erwarten, dass unsere nützlichen Erfindungen genau deshalb nützlich sind, weil sie unsere Beobachtungen exakt beschreiben?

Mir kam allerdings der Gedanke, dass ich die Pointe des Argumentes vielleicht gar nicht verstanden habe. Möglicherweise sagen Sie ja gar nicht, dass Gott deshalb existieren muss, weil die von uns Menschen entwickelten nützlichen mathematischen Konzepte, die gut auf die Realität passen, sonst nur ein glücklicher Zufall wären. Denn wäre das überhaupt Zufall, wenn unser Denken für die Zwecke geschaffen worden ist, zu denen es jetzt dient? Vielleicht wollen Sie ja sagen, dass das Universum ohne Gott nicht zwangsläufig diese äußerst logischen Eigenschaften aufweisen würde.

Wohlmöglich gehe ich in dieser Sache auch in die völlig falsche Richtung. Können Sie mir bitte Klarheit verschaffen?

In jedem Fall hoffe ich, dass Sie ihre großartige Arbeit für Gott auch weiterhin ausführen können.

Brad

Vereinigte Staaten

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Vielen Dank für Ihre freundlichen Anmerkungen, Brad! Ich freue mich, dass ich in meiner Diskussion mit Alex Rosenberg zwei neue Argumente für den Glauben an Gott einbringen konnte.

Auch mir gefällt das Argument der intentionalen Bewusstseinszustände[2] sehr. Alvin Plantingas Artikel „Against Materialism“ (Gegen den Materialismus) hat mich bereits davon überzeugt, dass physische Objekte keine Intentionalität aufweisen.[3] Aber erst Rosenbergs Buch, in dem er dieselbe Art von Überlegungen gegen die Intentionalität von physischen Objekten präsentierte, veranlasste mich dazu, dies in die Form eines theistischen Arguments zu bringen. Da Gott ein körperloser Geist ist, passt die Existenz von Wesen mit Geist oder von denkenden Wesen viel besser in eine theistische als in eine nicht-theistische Weltanschauung. Rosenbergs Schlussfolgerung, dass intentionale Bewusstseinszustände nicht existieren, ist angesichts unserer Erfahrung offenkundig falsch. Seine Antwort, dass meine Erfahrung von Intentionalität eine Illusion ist, widerlegt sich selbst. Denn da eine Illusion an sich ein intentionaler Zustand ist (da wir ja nur eine Illusion von etwas haben), ist es selbstreferenziell inkohärent, wenn man wie Rosenberg sagt, dass die Erfahrung von Intentionalität trügerisch ist. Eine Illusion von Intentionalität erfordert bereits Intentionalität. Angesichts der Realität von intentionalen Bewusstseinszuständen scheint Theismus weitaus wahrscheinlicher als Atheismus.

Aber ich schweife ab. Ihre Frage bezieht sich auf das Argument von der Anwendbarkeit der Mathematik auf die physische Welt. Frage der Woche #277[4] ist wohl die einzige Stelle, an der ich mich mit dieser Frage beschäftigt habe, und ich möchte Sie darauf verweisen[5]. Wiederum war es die Lektüre von Rosenbergs Buch, die mich dazu veranlasste, diesen Gedanken in die Form eines theistischen Arguments für Gottes Existenz zu bringen. Denn Mathematik bildet die Grundlage der Physik, vor dessen Altar sich Rosenberg niederkniet. Angesichts seines Szientismus[6] (erkenntnistheoretischer Naturalismus) kann er angewandte Mathematik nicht als trügerisch abtun. Rosenberg betont auch, dass der Naturalismus kosmische Zufälle einfach nicht tolerieren kann. Doch welche Erklärung hat der Naturalist dann dafür anzubieten, warum die Mathematik auf die physische Welt anwendbar ist, d.h., warum die physische Welt von der komplexen mathematischen Struktur durchzogen ist, die die Physik entdeckt. Der Naturalismus scheitert in dieser Hinsicht, wohingegen der Theismus eine einfache Antwort bietet: Gott hat das Universum mit der mathematischen Struktur erschaffen, die er im Sinn hatte.

Jetzt neige ich dazu, mit Ihnen übereinzustimmen, dass mathematische Objekt wie Zahlen, Mengen, Funktionen und dergleichen nur nützliche Erfindungen sind. Das heißt, es gibt keine vom Verstand unabhängigen Objekte wie Zahlen. Ich meine damit nicht, dass mathematische Aussagen, ob abstrakt oder angewandt, nicht wahr sind. Aber dies ist ein Thema für eine andere Gelegenheit. Der Punkt ist, dass ich in Bezug auf mathematische Objekte ein Anti-Realist bin. Der Anti-Realist steht jedoch noch immer vor der Frage der außergewöhnlichen Effektivität der Mathematik. Warum weist die physische Realität diese unglaublich komplexe mathematische Struktur auf? Sie sagen: „Aber würden mathematische Konzepte nicht auch dann das Universum für unsere Wahrnehmung verständlich beschreiben, wenn sie nur nützliche Erfindungen wären (und die Beschreibung würde umso genauer passen, je sorgfältiger diese Konzepte von uns ausgedacht wurden)?“ Ganz sicher! Genau das ist die Bedeutung von nützlich. Aber unsere Frage lautet doch, warum diese Konzepte so nützlich sind. Woher kommt es, dass die physische Realität diese komplexe mathematische Struktur aufweist, sodass mathematische Konzepte auf sie anwendbar sind und ihre Beschreibung somit einen Nutzen hat? Der glückliche Zufall besteht nicht darin, dass unsere nützlichen Erfindungen uns bei der Beschreibung der Realität helfen, sondern dass diese Erfindungen an sich nützlich sind!

Ich glaube, Sie bringen es auf den Punkt, wenn Sie sagen, „dass das Universum ohne Gott nicht zwangsläufig diese äußerst logischen Eigenschaften aufweisen würde.“ Das stimmt; ohne Gott wäre das nur ein glücklicher Zufall – den der Naturalismus nicht tolerieren kann, und den der Theismus in Luft auflöst.

William Lane Craig

(Übers.: M. Plohmann)

Link to the original article in English: /god-and-the-applicability-of-mathematics


[1] Die Debatte zwischen W.L. Craig und A. Rosenberg fand am 01. Februar 2013 an der Purdue University statt.
Eine Aufzeichnung der Debatte findet sich auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=bhfkhq-CM84

Eine Zusammenfassung der Argumente der Debatte findet sich hier:

http://winteryknight.com/2013/02/01/summary-and-audio-william-lane-craig-debates-alex-rosenberg-does-god-exist/
(Anm. d. Übers.)

[2] Das Argument aus Intentionalität basiert auf der Überlegung, dass physikalische Objekte keine intentionalen Zustände haben können; nur Wesen mit Geist können dies. Die Existenz Gottes ist daher die beste Erklärung für die Existenz von Intentionalität. Das Argument lautet:
Prämisse 1: Wenn Gott nicht existieren würde, dann gäbe es keine intentionalen Bewusstseinszustände.
Prämisse 2: Es gibt aber intentionale Bewusstseinszustände.
Konklusion: Daher gibt es einen Gott.
Vgl. https://www.youtube.com/watch?v=-PU7LtHs3sc (nur das Argument aus Intentionalität mit Rosenbergs Antwort und Craigs Rückantwort).
Die sieben Argumente gegen Naturalismus beginnen bei etwa 1h 03min 53sec: https://www.youtube.com/watch?v=bhfkhq-CM84&t=1h03m53s
(Anm. d. Übers.)

[3]Alvin Plantinga, „Against Materialism“, Faith and Philosophy 23 (2006): 3-32.

[4] Frage der Woche #277 ging ebenfalls über das Thema der Bedeutung der Anwendbarkeit der Mathematik auf die physikalische Welt. /the-applicability-of-mathematics

[5] Mittlerweile ist ein Aufsatz von Prof. Dr. Craig zu dieser Thematik erschienen, der auch bereits ins Deutsche übersetzt wurde und hier verfügbar ist: "Gott und die ungeheure Effektivität der Mathematik", /german/Gott-und-die-ungeheure-Effektivitat-der-Mathematik

(Anm. d. Übers.)

[6] Definition von Szientismus: "Szientismus ist die Auffassung, dass wir nur das glauben sollten, was sich wissenschaftlich beweisen lässt. Mit anderen Worten ist Wissenschaft die einzige Wissensquelle und der alleinige Maßstab von Wahrheit." (Zitiert aus Frage 205: /german/qa205)

(Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig