#360 Theologische Argumente zugunsten einer ewigen Vergangenheit
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Ich hoffe, es geht Ihnen gut!
Ich habe theologische Einwände gegen Ihre These, eine unendliche Regression vergangener Ereignisse sei unmöglich.
Ich bin Angehöriger einer ganz bestimmten islamischen Denomination, die die Unmöglichkeit eines unendlichen Regresses von Ereignissen in der Vergangenheit leugnet, und zwar aus dreierlei Gründen:
Erstens (und am allerwichtigsten): Wenn Sie behaupten, ein unendlicher Regress von Ereignissen in der Vergangenheit sei unmöglich, dann behaupten Sie auch, es sei für Gott unmöglich gewesen, das Universum vor einer Ewigkeit zu erschaffen. Wenn Sie aber so etwas behaupten, sagen Sie damit, dass es einen Zeitpunkt gab, an dem Gott nicht erschaffen konnte, und damit kompromittieren Sie seine Eigenschaft der Allmacht. Sie behaupten damit im Grunde, Gott sei „ERST SPÄTER“ dazu „fähig“ gewesen, etwas zu erschaffen. Sollten Sie aber meinen, Gott habe jederzeit erschaffen können, dann räumen Sie im Grunde doch ein, dass ein unendlicher Regress vergangener Ereignisse, vor dem die Schöpfung stattfand, möglich ist und widersprechen sich damit selbst.
Zweitens: „Tätigkeit ist ein Zeichen des Lebens.“ Freilich ist Gott immer tätig (z. B. ist Gott immer gemäß seiner Eigenschaften „aktiv“); er ist zu keiner Zeit inaktiv wie ein Götze. Gottes Handlungen sind Ausdruck seiner Vollkommenheit; untätig zu sein täte seiner Vollkommenheit Abbruch. Es steht also zu erwarten, dass Gott jederzeit „etwas tut“, und da Gott ewig ist, heißt das, es muss auch eine unendliche Reihe von „Ereignissen“ in der Vergangenheit gegeben haben (ob sie nun physische Schöpfungen oder geistige Ereignisse o. ä. waren oder nicht).
Drittens: Es gibt keinen Grund zur Annahme, es habe je eine „untätige Phase“ gegeben, in der Gott nicht schaffend tätig gewesen wäre. Sie müssten schon einen plausiblen Grund anführen, weshalb sich Gott plötzlich entschieden haben sollte, „aktiv“ zu werden und mit dem Schaffensprozess zu beginnen. Was genau „änderte“ sich, insbesondere wenn Gott sich vor der Schöpfung in einem Zustand der Zeitlosigkeit befunden habe, wie Sie behaupten?
Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie meine Fragen beantworten würden.
Danke,
anonym
<ul><li>Saudi Arabia</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ich bin überrascht zu erfahren, dass es gegenwärtig eine islamische Sekte gibt, die sich offenbar an die mittelalterliche falsafa-Philosophie hält, welche die Schöpfung in der ewigen Vergangenheit verortete, im Gegensatz zum orthodoxen Glauben, der das Kalam[1] (theologisches Streitgespräch) praktizierte. Ich bin aber nicht überzeugt, dass Ihre drei Argumente uns von der Mehrheitsmeinung abbringen sollten.
1. Obgleich Sie später einräumen, dass ich wie al-Ghazali meine, Gott habe „sich vor der Schöpfung [ursächlich] in einem Zustand der Zeitlosigkeit befunden“, scheint Ihr erster Einwand genau das Gegenteil vorauszusetzen, nämlich dass es nach meiner Sicht eine Art „leerer Zeit“ gab, in der Gott vor der Schöpfung existierte. Oder wie soll man Ihren Kommentar sonst verstehen, demzufolge ich behaupte, „Gott sei erst ,später‘ in der ,Lage‘ gewesen, etwas zu erschaffen“? Nach meiner Sicht gibt es kein „später“ oder „früher“ in Gottes zeitloser Existenz. Da „später“ und „früher“ zeitliche Bezüge sind, wäre eine Sichtweise, wie Sie sie schildern, selbstwidersprüchlich. Ghazali führte aus, wenn wir an die Existenz Gottes dächten (sagen wir: eine Stunde, bevor er das Universum erschuf), dann wäre ein solcher Gedanke ein reines Phantasiegebilde der menschlichen Einbildung. In Wirklichkeit hat es einen solchen „Zeitpunkt“ gar nicht gegeben. Aus diesem Grund ist es auch falsch, zu unterstellen, die Unmöglichkeit einer Schöpfung aus der Ewigkeit bringe es mit sich, „dass es einen Zeitpunkt gab, an dem Gott nicht erschaffen konnte“. Es gibt keine „Zeitpunkte“ in der Ewigkeit und damit auch keinen, an dem Gott nicht hätte erschaffen können. Die Zeit beginnt mit dem Augenblick der Schöpfung.
(Wenn ich darüber nachdenke, dann scheint mir Ihr Argument selbst dann noch irrig zu sein, wenn es eine unendliche Reihe von Zeitpunkten vor der Schöpfung gegeben haben sollte! Denn von jedem Punkt in der unendlichen Vergangenheit, zu dem Gott sich entschloss, zu erschaffen, ist es nur ein endlicher Zeitraum zur Gegenwart, genau wie jede negative Zahl nicht unendlich weit von Null entfernt ist, auch wenn es eine unendliche Menge negativer Zahlen gibt. Aus der Tatsache, dass von jedem Punkt in der unendlichen Vergangenheit aus Gott in der Lage ist, eine Welt zu erschaffen, folgt nicht, dass Gott eine Welt mit unendlicher Vergangenheit erschaffen konnte.)
1. Auch Untätigkeit erfordert Zeit, in der nichts geschieht. Doch Gott „sitzt“ nicht die Zeit vor der Schöpfung aus, denn die Zeit beginnt erst mit der Schöpfung. Er kann daher nicht untätig sein. Es stimmt zwar: er muss in diesem Zustand unveränderlich sein. Doch Unveränderlichkeit bringt nicht Untätigkeit mit sich; sie erfordert nur Gleichförmigkeit allen Handelns. Hier zeigt sich die theologische Überlegenheit einer trinitarischen Sichtweise von Gott im Gegensatz zur unitarischen Sicht von Gott, wie etwa im Islam. In der zeitlosen Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohn und dem Heiligen Geist herrscht einförmige und unveränderliche gegenseitige Liebe, Erkenntnis und einheitlicher Wille. Es bedarf hier keiner Reihe an Ereignissen; auch ist Gott nicht auf Geschöpfe angewiesen, um seine Wesensmerkmale zum Ausdruck zu bringen.
2. Wir haben theologische, philosophische und wissenschaftliche Gründe, anzunehmen, dass die Welt nicht seit einer ewigen Vergangenheit existiert und Gott daher nicht vor einer ewigen Vergangenheit erschaffen hat. Die Bibel beginnt mit den Worten: „Am Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1Mo 1,1), und mit dieser Lehre geht der orthodoxe Islam konform. Ich habe das Kalam-kosmologische Argument zugunsten der Endlichkeit der Vergangenheit verteidigt. Die Belege der astrophysischen Kosmologie bestätigen den Schluss, zu welchem diese Argumente führen.
Wenn man behauptet, das Universum habe einen Anfang, dann heißt das nicht automatisch, dass Gott sich „plötzlich entschieden haben sollte, ,aktiv‘ zu werden und mit dem Schaffensprozess zu beginnen“. Sein Entschluss, das Universum zu erschaffen, ist ein zeitloser Entschluss, dem kein Zeitraum der Unentschlossenheit vorhergeht (sondern eben überhaupt kein Zeitraum!). Es war insofern sein freier Entschluss, als er es auch hätte bleibenlassen können, und es gibt mögliche Welten, die er eben nicht erschaffen hat. Er hätte das Universum nicht „früher schon“ erschaffen können, weil es ein solches „früher“ gar nicht gibt. Ich glaube, Gottes Schöpfungsakt gleicht einer Veränderung insofern, als er es zuvor nicht erschaffen hat (da es ja kein „vorher“ gab), und daher ist Gott sozusagen seit dem Moment der Schöpfung „in der Zeit“.
Meiner Ansicht nach ist Gott ohne Schöpfung zeitlos und erst seit dem Moment der Schöpfung „in der Zeit".
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /theological-arguments-in-support-of-an-infinite-past
[1] Kalam bedeutet im arabischen das theologische Streitgespräch, dass sich auf rationale Argumentationen stützt. Der Name des Kalam-kosmologischen Argumentes, welches von W.L. Craig neuentdeckt und weiterentwickelt wurde, geht auf diese Bewegung zurück und geht von einem zeitlich endlichen Universum aus. (A.d.Ü.)
- William Lane Craig
