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#72 Wildgewordene Atheisten?

June 1, 2016
Q

Frage 1:

Sehr geehrter Herr Prof. Craig,

ich bin ein Atheist, der Ihre Debatten und Argumente bewundert, doch mittlerweile bemerke ich eine Entwicklung auf meiner Seite der Debatte, auf die ich Sie ansprechen wollte.

Mir scheint, als führten die beliebten Atheisten von heute wie Richard Dawkins, Daniel Dennett, Christopher Hitchens und Sam Harris nicht immer gute (oder zumindest gültige) Argumente an, wie es ein Philosoph wie Sie (oder ein Philosoph in der Mache wie ich) gerne sehen würde. Von den Atheisten der Vergangenheit (wie Macky, Russell oder Hume) weiß ich, dass solche Argumente existieren, doch ich weiß nicht, warum die populären Atheisten (oder Atheisten im Allgemeinen) von heute solche Argumente in den Debatten nicht einsetzen.

Man könnte es der Tatsache zuschreiben, dass die populären Atheisten von heute einfach nicht mehr die philosophische Ausbildung oder das Know-How haben, gültige oder gute Argumente zu formulieren, aber das stimmt nicht, weil Dennett Philosoph ist. Dennett weigert sich einfach, die traditionellen Argumente für und gegen die Existenz Gottes anzusprechen, und ist mehr am evolutionären Mechanismus hinter religiösem Glauben interessiert.

Ich erkenne an, dass es auch heute noch philosophisch anspruchsvolle Atheisten gibt (Quentin Smith, den auch Sie kennen, ist ein Beispiel), aber warum stehen sie nicht im Fokus?

Worauf führen Sie das zurück, wo Sie doch jahrelange Erfahrung im Debattieren und Diskutieren haben? Ich denke nicht, dass die atheistische Position unplausibel ist (auch wenn sie vielleicht falsch ist), daher erwarte ich auch nicht, dass Sie einfach behaupten, dass der Atheismus eben bankrott ist. Wenn Sie so also nicht antworten, worin könnte dann die Ursache liegen?

Viele Grüße

Arash


Frage 2:

Ich betreibe seit 10 Jahren Apologetik online. Ich habe einen Master-Abschluss an der Perkins School of Theology gemacht und war zehn Jahre lang Doktorand in Ideengeschichte, musste mein Studium dann aber wegen familiärer Tragödien aufgeben.

Ich leite zudem seit 1999 einige Internetforen. Ich bin zunehmend frustriert und sauer über die Mentalität der Atheisten in den Foren. Als ich die Foren für mich entdeckte, war das noch ganz anders. Es machte richtig Spaß. Ich habe mich immer sehr erfolgreich mit ihnen gemessen. Ich wurde für mein Lernen und mein Wissen geschätzt.

Es geht nicht um mich; ich mache das nicht, um Argumente zu gewinnen. Aber unter anderem daran erkennt man, wie sich die Dinge verändert haben. Denn jetzt werde ich im Netz als totaler Idiot angesehen. Das liegt nicht daran, dass meine Argumente plötzlich schlecht geworden sind, sondern daran, dass die Atheisten bemerkt haben, dass sie aufhören konnten, über die Themen zu debattieren, und anfangen konnten, über mich zu debattieren. Jetzt ist die ganze Sache mit dem Posten in Foren für mich Geschichte. Ich kann keinem einzigen Forum beitreten, ohne dass sich die Atheisten über mich lustig machen; sie weigern sich, die Argumente richtig anzuhören. Sie versuchen bei allem, was ich sage, das Haar in der Suppe zu finden.

Als Mitglied der Apologetik-Gemeinde im Internet beunruhigt mich das sehr. Die Foren sind als apologetisches und evangelistisches Werkzeug quasi gestorben. Die Atheisten bringen einem immer mehr Hass entgegen. In Ihrem eigenen Forum hat sich heute erst ein Atheist über alles, was ich gesagt habe, lustig gemacht, obwohl er kein Wort davon verstanden hat, und dann gab er bekannt, dass Christen keines Respektes würdig seien.

Ich glaube, die Gemeinde der Online-Apologeten muss sich verbünden, wenn wir dieser Atmosphäre etwas entgegensetzen wollen. Wir müssen anfangen, die Leute, die das Christentum beleidigen, herauszuschmeißen. Wie alle hänselnden Leute geben auch sie klein bei, wenn man sich ihnen widersetzt. Sie werden nur noch ausfallender, wenn man versucht, nett zu ihnen zu sein.

Ich glaube, wir müssen entschlossen damit anfangen, Regeln einzuführen, die es ihnen verbieten, Christen und dem Christentum übel nachzureden. Fast alle Foren haben Regeln, die so etwas verbieten, doch niemand wendet sie bei der herablassenden Einstellung der Atheisten an. Wir müssen damit anfangen. Wir verlieren nichts, wenn wir einige von ihnen vertreiben, weil sie das Evangelium ja zur Zielscheibe des Spotts machen.

Ich hoffe, Sie bedenken meine Worte. Ich bin auch für andere Vorschläge zur besten Vorgehensweise offen.

Viele Grüße von Ihrem Bruder in Christus

Joe

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Mich hat die Übereinstimmung zwischen diesen beiden Briefen fasziniert, von denen ja der eine von einem Atheisten und der andere von einem Christen geschrieben wurde und die beide den unhöflichen Ton ansprechen, der unter populären Atheisten heute vorherrscht. Ich gebe diese Schreiben wegen des übereinstimmenden Themas weiter, und weniger deshalb, weil ich Besonderes zu den Gründen für diesen Wandel sagen könnte.

Ich stimme Ihnen zu, Arash, dass der Atheismus keine unplausible Weltanschauung ist und dass die Schwachheit der atheistischen Argumentation daher nicht dem Bankrott des Atheismus zugeschrieben werden kann. Meiner Erfahrung nach scheint es eher an der völlig mangelhaften Kenntnis der Literatur zu liegen.

Wissenschaftler sind stark auf ihre jeweiligen Fachgebiete beschränkt und bleiben bei vielen Themen außerhalb ihrer Fachgebiete größtenteils unwissend – vor allem bei Themen, für die sie sich wenig interessieren. Wenn es um Themen außerhalb ihres Fachgebietes geht, sind die Meinungen von großen Naturwissenschaftlern, Philosophen und anderen Akademikern genauso wenig von Bedeutung wie Erklärungen eines Laien – ja, bei diesen Themen sind sie Laien. In Dutzenden Debatten mit nicht-theistischen Professoren in den vergangenen Jahrzehnten war ich erstaunt ob der unglaublichen Unwissenheit zugegebenermaßen genialer Wissenschaftler, wenn es um theologische oder philosophisch-religiöse Themen ging.

Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen. Mein Freund Quentin Smith, den Sie erwähnt haben, hat Stephen Hawkings in Eine kurze Geschichte der Zeit veröffentlichte Argument gegen Gott zum „schlechtesten atheistischen Argument in der Geschichte westlichen Denkens“ gekrönt.1 Mit Richard Dawkins Veröffentlichung des „zentralen Arguments“ seines Buchs Der Gotteswahn, das ich an anderer Stelle kritisiert habe, ist meiner Meinung nach die Zeit gekommen, Hawking um seine mächtige Krone zu erleichtern und Dawkins' als Thronnachfolger anzuerkennen. Vor einigen Jahren habe ich eine Vorlesung des Nobelpreisträgers Steven Weinberg auf der Konferenz „The Nature of Nature“ an der Baylor Universität angehört. Erschrocken stellte ich fest, dass ich nichts weiter als die Schimpftirade eines Dorfatheisten hörte. Auch Philosophen, die nicht auf Religionsphilosophie spezialisiert sind, können auf die Nase fallen, wenn sie über ein philosophisches Thema sprechen, das außerhalb ihres Fachgebiets liegt. Wo Sie schon Dennett erwähnt haben: Werfen Sie einen Blick auf den Austausch, den ich mit ihm am New Orleans Baptist Theological Seminary auf der Greer-Heard-Konferenz im Jahr 2007 zum Thema Atheismus hatte: „In Defense of Theistic Arguments“, in The Future of Atheism: Alister McGrath and Daniel Dennett in Dialogue, Hg.: Robert Stewart [Philadelphia: Fortress Press, 2008]. Seine Einwände gegen die traditionellen theistischen Argumente waren wie aus einer Arbeit eines Bachelor-Studenten. Als ich meine kritischen Aussagen beendete, stieg er auf das Podium, pausierte und rief dann: „Das war ja eine Tour de Force!“ (Dabei war es eigentlich elementar.) Wie lautete also seine Antwort? Er sagte im Grunde: „Das zeigt wohl, dass man eben zurückgehen und einige der Prämissen widerlegen muss, wenn man eine unplausible Schlussfolgerung aus plausiblen Prämissen ziehen kann!“

Wenn nun gute Geisteswissenschaftler in Sachen Religionsphilosophie mit ihrem Latein schnell am Ende sind, wie viel mehr noch Leute wie Harris, Hitchens und Co, die ja alles vereinfacht darstellen? Dasselbe gilt für die Atheisten, Joe, die Sie in den Foren antreffen. Sie müssen wirklich bedenken, dass viele dieser Leute bloß wütende Teenager sind, die keine wissenschaftliche Ausbildung in den Fachgebieten haben, über die sie so selbstbewusst sprechen. Ohne das nötige intellektuelle Kleingeld für die Diskussion der Themen sind Spott und Sarkasmus ihr letzter Strohhalm.

Was diese Leute nicht verstehen, ist, dass nicht-theistische Wissenschaftler, die im Gebiet der Religionsphilosophie tätig sind, weder den Theismus respektlos behandeln noch die Christen verhöhnen. Wenn man ein Buch wie z. B. Graham Oppys geniales Arguing about Gods liest, in dem er jeden denkbaren Einwand gegen die theistischen Argumente schleudert, versäumt man vielleicht, dass Oppy letztendlich behauptet, dass es keine rational zwingenden Argumente für die Existenz Gottes gibt (eine These, mit der die meisten christlichen Philosophen wahrscheinlich zustimmen würden!), genauso wenig aber rational zwingende Argumente gegen die Existenz Gottes, sodass Theisten sich mit ihrem Glauben völlig rational verhalten. Sehr wenige Leute, die wirklich Bescheid wissen, würden sagen, dass die verachtende und herablassende Haltung der populären Atheisten gegenüber den Theisten im Allgemeinen und den Christen im Speziellen gerechtfertigt ist.

Nun, mich als christlichen Philosophen amüsieren diese Entwicklungen in einem gewissen Sinn. In den 1930ern und 1940ern, zur Zeit des Rückzugs der Fundamentalisten aus der akademischen Welt, war die Freidenker-Menge vielleicht berechtigt, auf die christliche Subkultur herabzusehen. Sie konnte als Gewinner in Sachen Rationalität posieren und Christen als intellektuell zweitklassige Menschen behandeln. Nun ist die Freidenker-Subkultur beim intellektuellen Kräftemessen ins Hintertreffen geraten. Sie ist nicht mehr aktuell in Bezug auf die philosophische Arbeit an Argumenten für die Existenz Gottes, nicht auf dem neuesten Stand des heutigen, aufblühenden Dialogs zwischen Naturwissenschaft und Religion; sie ist festgefahren in der alten Kriegsführungsmetaphorik von Andrew Dickson White und versunken in der Bibelkritik des 19. Jahrhunderts und dem damals gängigen mythologischen, interpretierenden Rahmen für das Verständnis des historischen Jesus. Ich freue mich außerordentlich über diesen Wandel!

Natürlich kann es bitter sein, Joe, sich mit arroganten und herablassenden Menschen herumzuschlagen, die manchmal obendrein noch so unschlagbar unwissend sind. Aber was erwarten wir eigentlich? Nehmen Sie sich einmal etwas Zeit, über die ersten Kapitel des 1. Korintherbriefs nachzudenken. Achten Sie darauf, wie oft Paulus das Wort „töricht“ oder „Tor“ verwendet. Paulus sagt, dass die Botschaft vom Kreuz der ungläubigen Welt eine Torheit ist, dass der natürliche Mensch ohne den Geist Gottes geistliche Dinge als töricht ansieht, dass „wer sich unter euch für weise hält in dieser Weltzeit“, töricht werde, damit er weise werde (1Kor 3,18). An seine Gegner, die ihn schlecht machten, schrieb er: „Wir sind Narren um des Christus willen“ (1Kor 4,10). Ich bin überzeugt, dass jemand nicht voll und ganz von Gott gebraucht werden kann, so lange er nicht seinen Stolz herunterschluckt und um Christi willen zum Narren gehalten wird.

Freilich heißt das aber nicht, dass wir in unserer Wissenschaft töricht oder zweitklassig sein sollten. Wir sollten nach Exzellenz streben und Charles Maliks Aufforderung befolgen, säkulare Gelehrte mit deren eigenen Waffen zu schlagen. Wir sollten intellektuell demütig sein und bereit, von unseren Kritikern zu lernen, und wir sollten offen für deren Kritik sein. Vielleicht stellen wir dabei fest, dass wir Fehler gemacht haben und unser Argument überdenken oder gar aufgeben müssen. Aber letztendlich müssen wir bereit sein, als Narren verspottet zu werden um des Christus willen.

Klar schmerzt es, wenn Leute Sie oder Ihre Arbeit nicht schätzen. Doch hier können Jesu Worte eine Ermutigung für uns sein: „Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und lügnerisch jegliches böse Wort gegen euch reden um meinetwillen! Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen sind“ (Mt 5,11-12). Glauben Sie das, Joe? Dann freuen Sie sich! Wir sollten nicht dem Selbstmitleid frönen, sondern froh sein, dass wir die Ehre haben, die gleiche Schmach zu tragen wie unser Herr.

Anstatt wütend auf unsere Spötter zu sein, müssen wir die Quelle des Spotts bedenken und Mitleid mit diesen verlorenen Seelen haben. Das erinnert mich an ein Sprichwort, das ich einmal gehört habe: „Ich kann genauso wenig auf ihn sauer sein wie auf einen Blinden, der mir auf den Fuß gestiegen ist.“

Ihre Anmerkung über die evangelistische Ineffektivität von Foren ist ein praktisches Bedenken, und die diejenigen, die in solchen Foren Zeit verbringen, müssen die Notwendigkeit davon genau abwägen. Unser Open Forum bei Reasonable Faith soll nicht primär evangelistischen Zwecken dienen, sondern bei den Interessierten die Diskussion wichtiger Themen fördern. Ich hoffe sehr, dass Christen durch solche Diskussionen in ihrer Erkenntnis der christlichen Wahrheit wachsen.

Bedenken Sie auch, dass Hunderte Menschen Ihren Austausch mit einem unbequemen Atheisten lesen und dabei sehen, wie Sie reagieren. Wie bei meinen öffentlichen Debatten auch ist das Ziel eines solchen Austausches vielleicht nicht, Gegenüber zu überzeugen, sondern die offenen, suchenden Leute in der Zuhörerschaft. Die Bosheit und Verschlossenheit Ihres Gegenübers im Vergleich zu Ihrem wohlwollenden Geist kann sogar vorteilhaft für Ihre Argumentation sein.

Ich bin, was den Bedarf an Höflichkeit angeht, ganz Ihrer Meinung. Deswegen habe ich darauf bestanden, unser Forum als „wichtige, friedfertige Themendiskussionen“ zu beschreiben. Doch ich werde niemanden hinauswerfen, der nicht reif genug ist, um höflich zu sein. Ich würde hier einfach Chris Weaver beipflichten und seinem Ratschlag, auf solche Leute nicht zu reagieren. Lassen Sie deren Beiträge in Vergessenheit geraten, bis sie lernen, demjenigen, der nicht mit ihnen übereinstimmt, mit Wohlwollen und Respekt zu begegnen.

(Übers.: J. Booker)

Anmerkungen

1 Quentin Smith, "The Wave Function of a Godless Universe," in Theism, Atheism, and Big Bang Cosmology (Oxford: Clarendon Press, 1993), S. 322.

Link to the original article in English: /atheists-gone-wild

- William Lane Craig