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bird bird

#70 Youtube widerlegt das kosmologische Argument!

June 1, 2016
Q

https://www.youtube.com/watch?v=K8YN0fwo5J4

Kann ein „anfangsloses Universum“ existieren?

Ich muss etwas Grundsätzliches über Unendlichkeit sagen.

Man kann die Unendlichkeit nicht quantifizieren, sie hat keine Grenzen.

Beispiel:

10 Kilometer bestehen aus 10000 Metern.

Unendlich viele Kilometer bestehen nicht aus unendlich x 1000 Metern.

Ich bitte um eine Antwort.

Greg

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Als ich Ihre Frage gesehen habe, Greg, dachte ich, Sie beziehen sich auf ein anderes Youtube-Video über das kalam-kosmologische Argument mit dem Titel „Das kosmologische Argument widerlegt“ (https://www.youtube.com/watch?v=JN9GnHLQNig[1]). Ich reagiere auf diese Sachen normalerweise nicht, doch das eben genannte Youtube-Video war so herrlich schlecht, dass ich einfach nicht widerstehen konnte, etwas darauf zu erwidern. Dann komme ich auf Ihre Frage zurück.

Mit dem Video möchte man die Prämisse widerlegen, dass das Universum zu existieren begann. Und es fängt auch gleich schon verkehrt an, nämlich mit der Behauptung „Damit etwas entstehen kann, muss es zunächst nicht-existent sein.“ Diese Formulierung ist unglücklich, da sie zu besagen scheint, dass etwas zuerst die Eigenschaft der Nicht-Existenz und dann die Eigenschaft der Existenz haben kann. Doch Nicht-Existenz ist keine Eigenschaft, die man oder irgendetwas haben kann: Nur Seiendes hat Eigenschaften. Es wäre also richtig gewesen, zu sagen: „Damit etwas entstehen kann, muss es eine Zeit t geben, sodass das Ding zur Zeit t existiert, und es gibt keine Zeit t* vor t, zu der das Ding existiert“. Oder einfacher: „Damit etwas entstehen kann, muss es einen ersten Moment in dessen Existenz geben.“

Im weiteren Verlauf des Videos sieht der Macher desselben dann ein, dass hier etwas verkehrt ist, indem er fragt: „Wie kann etwas nicht-existent sein?“ Doch statt die fehlerhafte Analyse davon zu korrigieren, was es bedeutet, zu existieren zu beginnen, verschlimmert er den Fehler noch, indem er den Zuschauer herausfordert: „Können Sie mir irgendetwas nennen, was entstanden ist??? Irgendetwas? . . .“

Nun, so schwer ist das nicht! Wie wär's mit mir selbst? Bin ich nicht entstanden? Oder glaubt der Macher dieses Video ernsthaft, dass ich vor meiner Zeugung existierte?

Laut dem Video existieren die Atome einer Uhr schon so lange wie das Universum selbst existiert, und das treffe auch auf alles andere im Universum zu. Mal ganz abgesehen davon, dass Atome in Wirklichkeit noch nicht so lange wie das Universum existieren, liegt der fundamentalere Irrtum in der Verschmelzung eines Dings mit dem Material, aus dem dieses Ding besteht. Da die Atome, aus denen mein Körper gerade besteht, schon immer existieren, existiere ich auch schon immer? Habe ich während des Jura-Zeitalters und der Zeit der Galaxienbildung existiert? Falls eine solche Schlussfolgerung nicht offensichtlich absurd ist, bedenken Sie: Ich habe bestimmte essentielle Eigenschaften, ohne die ich nicht existieren könnte. Zum Beispiel bin ich ganz essentiell ein Mensch. Doch meine Atome waren vor meiner Zeugung kein Mensch. Also waren sie nicht ich. Zudem besagt die medizinische Naturwissenschaft, dass die materiellen Bestandteile meines Körpers alle sieben Jahre fast vollständig durch neue Bestandteile ersetzt werden. Welcher Satz an Bestandteilen, aus denen mein Körper im Laufe meines Lebens gebildet wurde, war also vor meiner Zeugung ich?

Die Behauptung im Video, dass nichts entstanden ist, ist daher lachhaft. Ja, der Rest des Videos widerspricht dieser Behauptung sogar, weil später bestätigt wird, dass die Zeit zu existieren begann. Und schlimmer noch: Wenn etwas, wie das Video behauptet, „zunächst nicht-existent sein muss, bevor es entstehen kann“, dann muss die Zeit zunächst nicht-existent sein, bevor sie begann – was inkohärent ist, da dies voraussetzt, dass die Zeit existierte, bevor sie existierte. Nach der in diesem Video durchgeführten Analyse ist es also per Definition unmöglich, dass die Zeit einen Anfang hat. Das ist nicht nur faktisch falsch; derlei Angelegenheiten sind nicht nur durch reine Definition zu entscheiden, sondern durch Argumente und Belege. Dieses Video ist also hoffnungslos in Verwirrungen versunken.

Es führt aber auch noch andere Einwände gegen die Behauptung an, dass das Universum zu existieren begann. Es gesteht ein, dass „die Zeit nicht unendlich sein kann“, weshalb die Zeit zu existieren begann. Doch behauptet das Video bemerkenswerterweise, dass das Universum nicht auch zu existieren begann. Nun, das ist grotesk. Das Universum ist die Raumzeit und alles, was darin ist. Wenn also die Zeit einen Anfang hatte, wie kann das Universum dann nicht auch einen Anfang gehabt haben? Die Antwort des Videos lautet: „Das Universum existiert schon immer.“ Es gab nie eine Zeit, zu der das Universum nicht existiert hat. Das Problem hierbei ist aber, dass das Wort „immer“ einfach „zu jeder Zeit“ bedeutet. Doch wenn die Zeit endlich ist und einen Anfang hatte, dann kann etwas zu jeder Zeit existiert haben und dennoch zu existieren begonnen haben. Wenn die Zeit vor fünf Minuten begonnen hat, dann existiert das Universum „schon immer“, aber nicht ohne Anfang. Es hat vor fünf Minuten zu existieren begonnen.

Und auch hier scheint der Videomacher zu bemerken, dass etwas verkehrt ist, denn er erkennt an: „Aber klar, "immer" ist ein Wort, das sich auf die Zeit bezieht. Also existiert das Universum, seitdem die Zeit begann.“ Richtig! Und daher begann das Universum zu existieren (obwohl es „schon immer“ existiert), weil die vergangene Zeit endlich ist. Denken Sie daran: Damit etwas zu existieren beginnt, braucht es keine Zeit, zu der es nicht existierte (das war der oben dargelegte Fehler); vielmehr muss es eine Zeit geben, vor der es nicht existierte (d. h., die Behauptung, dass es vor dieser Zeit existierte, ist falsch). Wenn die Zeit in der Vergangenheit endlich ist, ist diese Bedingung sowohl für die Zeit als auch für das Universum erfüllt.

Das Video widmet sich dann der Analyse der ersten Prämisse des kalam-kosmologischen Arguments: Was zu existieren beginnt, hat eine Ursache. Diese Prämisse sei falsch, weil man „nachweisen müsste, dass irgendetwas zu existieren begann“, was noch nicht getan wurde. Der Macher des Videos versteht offensichtlich nicht, dass universal quantifizierte Sätze wie diese erste Prämisse in ihrer logischen Form konditional sind. Sie hat diese Form: „Für jegliches x gilt: Wenn x zu existieren begann, dann hat x eine Ursache“. Diese Prämisse kann wahr sein, auch wenn nichts zu existieren beginnt. Das Video sagt nichts aus, was es plausibel machen würde, dass Dinge ohne Ursache entstehen können.

Was das Video aber schon aussagt, ist, erstens, dass das Urknallmodell nicht impliziert, dass das Universum einen Anfang hatte. Diese Behauptung ist schlichtweg falsch. Laut dem Standardmodell entstanden die ganze Materie und Energie, der physische Raum und die Zeit selbst bei der kosmologischen Anfangssingularität, welche der Grenzpunkt der Raumzeit ist. P. C. W. Davies schreibt hierzu:

Wenn wir diese Vorhersage bis ins Extreme extrapolieren, erreichen wir einen Punkt, an dem alle Entfernungen im Universum auf Null schrumpfen. Eine kosmologische Anfangssingularität stellt also eine vergangene temporale Extremität für das Universum dar. Wir können weder das physikalische Argumentieren noch das Konzept der Raumzeit über ein solches Extrem hinaus fortsetzen. Daher betrachten die meisten Kosmologen die Anfangssingularität als den Anfang des Universums. Demnach stellt der Urknall das Schöpfungsereignis dar; die Schöpfung nicht nur aller Materie und Energie im Universum, sondern auch der Raumzeit selbst. 1

Somit können wir die Raumzeit graphisch als Kegel darstellen (Abb. 1).


Abb. 1: Konische Darstellung der Standardmodell-Raumzeit. Raum und Zeit beginnen bei der kosmologischen Anfangssingularität, vor der buchstäblich nichts existiert.

Gemäß einem solchen Modell entsteht das Universum, da es bei der Anfangssingularität wahr ist, dass es keinen früheren Raumzeit-Punkt gibt, oder falsch ist, dass etwas vor der Singularität existierte.

Zweitens wird im Video behauptet, dass ein Entstehen des Universums dem Energieerhaltungsgesetz widersprechen würde, wonach Masse/Energie weder geschaffen noch zerstört werden kann. Der Macher des Videos sollte hoffen, dass das nicht stimmt, sonst stünde das Paradigma der modernen Kosmologie in krassem Konflikt mit den Naturgesetzen! Man kann gar nicht genug betonen, dass bisher überhaupt keine theologischen Behauptungen aufgestellt oder Schlüsse gezogen wurden. Wir sprechen hier nur über Kosmologie. Für Kosmologen steht das Standardmodell nicht im Konflikt mit dem Erhaltungsgesetz, weil das Gesetz nur im Universum gilt – unser Videomacher würde sagen, es gilt „immer“. Doch es wird nicht gebrochen, wenn die gesamte Raumzeit-Arena entsteht, in der es gilt, denn diese ist außerhalb der Domäne seiner Gültigkeit.

Aus den beiden Prämissen folgt, dass das Universum eine Ursache hat. Im Video wird ferner protestiert, dass die Zeit unmöglich eine Ursache haben kann, denn eine Ursache müsse temporal vor ihrer Wirkung liegen, und vor dem Beginn der Zeit gebe es keine Zeit. Beachten Sie aber, dass kein Argument für die Behauptung geliefert wird, dass Ursachen ihren Wirkungen temporal vorausgehen müssen. Und tatsächlich ist dies nicht wahr, denn es gibt Fälle, in denen Ursachen zeitgleich mit ihrer Wirkung auftreten.

Was im Falle der Ursache des Universum benötigt wird, ist eine Ursache, die entweder temporal vor dem Universum existiert – in einer metaphysischen Zeit, die, wie Newton, behauptete, unabhängig von unseren physikalischen Messungen desselben ist –, oder, wie ich sagen würde, die ohne das Universum zeitlos existiert – im Moment der Schöpfung aufgrund ihrer realen Beziehung zum Universum aber in die Zeit hineingezogen wird. Meiner Ansicht nach ist Gott ohne das Universum zeitlos und mit dem Universum temporal. Dies sind tiefgehende Themen, die ich in Time and Eternity ausführlich behandelt habe.

Der Fehler des Videoerstellers liegt in seiner Annahme, dass ein Wesen, das zeitlos existiert, unveränderlich ist. Das ist kein logischer Schluss. Ein zeitloses Wesen muss ohne Änderung sein, doch das impliziert nicht Unveränderlichkeit. Ein zeitloses Wesen ist nur für den Fall zeitlos, dass es ohne Änderung existieren würde. Doch sollte es sich ändern, wird es temporal. Genau das, so meine ich, tat Gott mit der Erschaffung des Universums.

Doch wie könnte ein änderungsloses Wesen eine Änderung initiieren? Indem es ein personaler Akteur ist, mit freiem Willen – daher die Schlussfolgerung, dass die Ursache des Universums ein personaler Schöpfer sein muss. Ich habe bemerkt, dass dieses Argument im Video als „logischer Trugschluss“ bezeichnet wird, ohne dass gesagt wird, worin der Trugschluss besteht.

Somit irrt der Naturalist, der durch das Video repräsentiert wird, wenn er behauptet, dass (3) die Zeit nicht verursacht sein kann und dass (4) der Anfang der Zeit eine unverursachte Ursache ist. Beängstigend ist, dass manche Leute anscheinend von Sophismen, wie sie in diesem Video vermittelt werden, überzeugt werden.

Um nun Ihre Frage zu beantworten, Greg: Eine unendliche Entfernung besteht tatsächlich aus einer unendlichen Anzahl von Kilometern, aber auch aus genauso vielen Metern und genauso vielen Centimetern. Das gehört zur schrägen Eigenart des aktual Unendlichen. In meinem Buch The Kalam Cosmological Argument[2] finden Sie eine Diskussion hierzu.


(Übers.: J. Booker)


Link to the original article in English: /youtube-takes-out-the-cosmological-argument

Anmerkungen

1 Nach: P. C. W. Davies, „Spacetime Singularities in Cosmology“, in The Study of Time III, ed. J. T. Fraser (New York: Springer Verlag, 1978), S. 78-79.

[1] Video nicht mehr aufrufbar. – Anm. d. Übers.

[2] Wipf & Stock Pub, 2004.

- William Lane Craig