#461 Beweisen theistische Argumente die Existenz Gottes?
November 10, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
das Moral-Argument scheint einen Fehler zu enthalten. Denn bei Prämisse 1 gibt es ein semantisches Problem.
1. Wenn Gott nicht existiert, dann existieren keine objektiven moralischen Werte.
Was aber, wenn wir uns ein übernatürliches, gottähnliches Wesen vorstellen können, das in einigen wichtigen Hinsichten von Gott als solchem verschieden ist, jedoch objektive moralische Werte begründen könnte? Sagen wir, ein all-gütiges, aber nicht all-gegenwärtiges Wesen?
Vielleicht sind ja alle Eigenschaften Gottes notwendig, um objektive moralische Werte zu begründen, doch mir erscheint das unplausibel. Denn einige seiner Eigenschaften scheinen gar nichts mit objektiven moralischen Werten zu tun zu haben.
Wenn ich Recht habe, dass dies ein Fehler ist, dann scheitert daran das moralische Argument, denn objektive moralische Werte besitzen dann einen Grund außerhalb von Gott.
Dieses Problem verweist außerdem auf eine noch grundsätzlichere Frage: Welche Beziehung besteht zwischen den mittels theistischer Argumente zu erklärenden Phänomenen und dem Wesen, das diese Erklärung leistet? Keines der Argumente beweist für sich alleine genommen schon Gott. Vielmehr dienen alle nur dazu, ein einzelnes Puzzlestück zu liefern. Woher wissen wir aber, dass diese Argumente sich alle auf dasselbe Wesen (Gott) beziehen? Und wie können wir einem Nichtgläubigen ein Einzelargument für die Existenz Gottes bieten, wenn das, was dieses Wort impliziert, prinzipiell mehrdeutig ist? Was meinen Sie eigentlich, wenn Sie behaupten, dass ein bestimmtes Argument zu „Gott“ führe?
Mit freundlichen Grüßen
Jarl
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Jarl, Sie sprechen einen wichtigen Aspekt aller theistischen Argumente an, obwohl es sich dabei, wie ich denke, nicht um einen Fehler, sondern einfach um die Grenzen jedes der Argumente handelt.
So wie das Moral-Argument nicht die Allgegenwart Gottes beweist, demonstriert das kosmologische Argument nicht seine moralische Güte und das teleologische Argument nicht seine Allwissenheit und Ewigkeit. Keines dieser Argumente führt, obwohl man jeweils auf Gott als Letzterklärung schließt, für sich genommen schon zu einer vollständigen Gotteslehre. Aus dem Moral-Argument ergibt sich ein metaphysisch notwendiges, personales Höchstes Gut; das ist meines Erachtens ein hinreichend gehaltvoller Begriff, um den Namen „Gott“ zu verdienen. Wenn Sie diesen Begriff aber theologisch zu dünn finden, um von „Gott“ sprechen zu können, dann belasse ich es erst einmal bei dem Begriff "metaphysisch notwendiges, personales Höchstes Gut". In ähnlicher Weise ergibt sich aus dem kalām-kosmologischen Argument ein unverursachter, anfangsloser, unveränderlicher, immaterieller, zeit- und raumloser sowie unvorstellbar mächtiger und personaler Schöpfer des Universums, also ein hinreichend gehaltvoller Begriff, um als „Gott“ bezeichnet werden zu können. Wenn Sie jedoch einwenden, dass damit noch nicht der Nachweis erbracht sei, dass ein solches Wesen gut und folglich Gott sei, dann ist das in Ordnung – ich begnüge mich dann einfach mit der Beschreibung dessen, was das Argument als Letzterklärung aufweist.
Wie ich an anderer Stelle bereits gesagt habe, wäre es eine bizarre, ihres Namens nicht würdige Form von Atheismus, die z.B. einräumte, dass ein metaphysisch notwendiger, personaler Gott oder ein transzendenter, personaler Schöpfer des Universums existiert. Meine Antwort auf Ihre Frage, was ich eigentlich meine, wenn ich behaupte, dass ein bestimmtes Argument zu „Gott“ führe, lautet deshalb: Ich meine damit, dass das Argument die Existenz eines Wesens impliziert, das am plausibelsten als Gott identifiziert werden kann.
Was Ihre Frage verdeutlicht, ist, dass theistische Argumente kumulativ wirken, ähnlich denen, die ein Anwalt vor Gericht vorbringt, bei denen unabhängig voneinander laufende Beweislinien sich gegenseitig stärken und eine Gesamtschlussfolgerung stützen, die in den einzelnen Argumenten nicht enthalten ist. Dies wirft die Frage auf, woher wir wissen, dass diese Argumente sich alle auf dasselbe Wesen beziehen? Obgleich sehr viel dazu gesagt werden könnte, denke ich, dass die einfachste und völlig angemessene Antwort darauf „Ockhams Rasiermesser“ ist: Ursachen sollten nicht unnötig vermehrt werden. Die Annahme, dass der durch das kalām-kosmologische Argument bewiesene Schöpfer des Universums mit dem durch das teleologische Argument bewiesenen Designer des Universums identisch ist, ist plausibler als der Gedanke, dass es sich um zwei verschiedene Wesen handelt. Ebenso ist die Annahme plausibler, dass der durch das Kontingenz-Argument bewiesene metaphysisch notwendige Grund des Universums mit dem durch das Moral-Argument bewiesenen metaphysisch notwendigen, personalen Gott identisch ist, plausibler als der Gedanke, dass es sich um zwei distinkte Realitäten handelt. Eine der eindrucksvollsten Leistungen des Theismus ist seine explanatorische Reichweite, aufgrund deren er verschiedenste Dinge zu einer einzigen ultimativen Erklärung verbindet.
Sie fragen auch, "wie können wir einem Nichtgläubigen ein Einzelargument für die Existenz Gottes bieten, wenn das, was dieses Wort impliziert, prinzipiell mehrdeutig ist?"
Das ist genau die Frage, die auch dem hl. Anselm zu schaffen machte. Er wollte ein einziges Argument finden, welches beweisen kann, dass Gott in all seiner Größe existiert. Als er schon drauf und dran war aufzugeben, entdeckte er schließlich das ontologische Argument. Dieses beweist, sofern es Erfolg hat, die Existenz eines größten denkbaren Wesens. Meiner Meinung nach ist der sog. „ontologische Gottesbeweis“ ein schlüssiges Argument für die Existenz Gottes. Allerdings betrachte ich ihn nicht als ein für sich allein stehendes Argument. Vielmehr gehört er gerade insofern auch zur kumulativen Argumentation des Theisten, als die anderen theistischen Argumente Gründe dafür liefern, dass es möglich ist, dass das größte denkbare Wesen existiert. Und darin besteht ja gerade die Schlüsselprämisse[1] des ontologischen Arguments.
(Übers.: M. Köhler)
Link to the original article in English: /do-theistic-arguments-prove-god
[1] Die erste Prämisse des modallogischen ontologischen Argumentes lautet: P1: Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen existiert. Es handelt sich um die Schlüsselprämisse, da mit dieser Prämisse das Argument steht und fällt und sich an ihr auch die meiste Kritik entzündet. Die weiteren Prämissen und die Konklusion folgen aus P1. Vgl. das vollständige Argument in /german/qa463, siehe auch andere Fragen der Woche zum ontologischen Argument, z.B. /german/qa51 und /german/qa144. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
