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#147 Das Moral-Argument für die Existenz Gottes und das Alte Testament

November 1, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin Atheist. Ich habe einige Ihrer Podcasts gehört, darunter die zwei besonders denkwürdigen Erörterungen über alttestamentliche Grausamkeiten und die objektive Begründung der Moral. Ich sehe da einen Widerspruch: Besteht eigentlich ein Unterschied zwischen einer Moral auf Basis der „Divine Command“-Theorie (eine Theorie, für die Sie sich in einem Podcast entscheiden) und einem „Voluntarismus“ (dem Sie in einem anderen Podcast widersprechen)?

In Ihrem Reasonable Faith Podcast vom 3. März 2008 „Did God Commit Atrocities in the Old Testament?“ („Hat Gott im Alten Testament Gräueltaten begangen?“) erwähnen Sie zunächst, dass man die Lehre der biblischen Unfehlbarkeit in Bezug auf die alttestamentlichen Berichte über von Gott verordnete Massenvernichtungen auch bezweifeln könnte (wobei diese Zweifel dann vermutlich Auswirkungen auf Ihre entschiedene Verteidigung der Verlässlichkeit biblischer Episoden wie dem Bericht über das leere Grab hätten), um sich dann für die Alternative auszusprechen, von der Gültigkeit der Vernichtungsberichte auszugehen, natürlich indem man sie „im Kontext“ versteht.

Sie verwenden das Konzept einer „Divine Command“-Theorie, das (in ungefährer Umschreibung) als eine ethische Theorie dargestellt wird, nach der unsere moralischen Pflichten durch Gottes Gebote konstituiert werden: Es sind Gottes Gebote, die uns sagen, was richtig und was falsch ist und die darüber entscheiden, was wir tun und nicht tun sollten. Wenn Gott uns ein Gebot gibt, irgendetwas zu tun, dann wird dies zu unserer moralischen Pflicht. Es wäre sogar Unrecht, es nicht zu tun, da Gott für sich keine Gebote erlässt, zu deren Erfüllung er nicht moralisch verpflichtet wäre; er handelt vielmehr einfach in Einklang mit seiner Natur, die liebend, gerecht, freundlich, barmherzig, usw. ist.

Dann waschen Sie Ihre Hände in Unschuld, was die Kanaaniter und ihre offenbar entbehrlichen Kinder betrifft: Gott hat nicht die geringste Verpflichtung, das Leben irgendwelcher Menschen zu verlängern. Leben ist ein Geschenk Gottes, und er ist nicht verpflichtet, unser Leben zu verlängern. Er kann uns das Leben nehmen, wann immer er es für richtig hält. Gott hat keinerlei moralische Verpflichtung, das Leben dieser Kanaaniter oder auch nur ihrer Kinder zu verlängern. In der Welt der Krankheiten, Unfälle und aller möglichen Dinge sterben ständig Kinder.

Ich bin nicht so schnell bereit, eine Litanei schmeichelhafter Adjektive, wie Sie sie in Ihren Podcasts wiederholen („liebend, gerecht, freundlich, barmherzig“) ohne Weiteres auf ein höheres Wesen zu beziehen, das solche Taten verüben würde. Ich stelle mir vor, dass die Kanaaniter ein ganz anderes Bild von dem hebräischen Gott Jahwe hatten.

Aber davon abgesehen: Macht Ihr Ansatz Gottes Moral nicht subjektiv?

In der Ansicht, die Sie in diesem Podcast vertreten, ist Moral tatsächlich nur das, was Gott uns befiehlt. Manchmal ist es eine gute Sache, zu vernichten, manchmal nicht. Ist Gott ein moralischer Relativist?

Doch vier Wochen später verteidigen Sie die Idee, dass Moral objektiv begründet ist, offenbar im Widerspruch zu dem Konzept der „Divine Command“-Theorie (31. März 2008; „How Are Morals Objectively Grounded in God?“ („Wie ist Moral objektiv in Gott begründet?“)). Sie behaupten, dass moralische Werte in Gottes Wesen begründet sind, dass er der Maßstab des Guten ist; und im weiteren Verlauf kritisieren Sie die alternative Auffassung. Sie sagen, wenn moralische Werte einfach im göttlichen Willen verwurzelt wären, wenn Gott einfach willkürlich bestimmen würde, was richtig und falsch ist, dann wäre das in der Tat die höchste Subjektivität – Voluntarismus, nannten Sie es –, die Auffassung, dass der Wille Gottes einfach entscheidet, was gut und böse, richtig und falsch ist.

Aber hat Gott nicht entschieden, was gut und böse ist, als er die Vernichtung der Kanaaniter anordnete? Was verboten war, ist jetzt obligatorisch.

Wie unterscheidet sich dieser „Voluntarismus“ von der „Divine Command“-Theorie ?

Mit besten Wünschen,

Clay

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


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Das Argument aufgrund von Moral

Ich freue mich, dass Sie auf ReasonableFaith.org gestoßen sind, Clay, und hoffe, dass das Material, das Sie hier finden, Sie veranlassen wird, Ihren Atheismus zu hinterfragen. Das wäre doch etwas, wenn Gott wirklich existieren würde, oder?

Voluntarismus ist eine von wenigen Theologen verteidigte Auffassung, nach der moralische Werte und Pflichten völlig auf dem souveränen Willen Gottes beruhen. Es gibt keine weitere Erklärung von Gottes Wahl moralischer Werte. Er wählt willkürlich aus, was gut und was böse sein wird.

Die große Mehrheit christlicher Denker waren und sind keine Voluntaristen. Ich denke, Voluntarismus ist eher dem Islam zu eigen als dem Christentum, denn nach muslimischer Gottesvorstellung übertrifft Seine Macht alles andere, selbst Seinen eigenen Charakter. Im Gegensatz dazu glauben christliche Theologen, dass Gott bestimmte essentielle Eigenschaften hat, wie Liebe, Fairness, Unparteilichkeit, Barmherzigkeit, und so weiter. Diese sind für Gott so wesentlich, wie es zu einem Dreieck gehört, drei Winkel zu haben.

Ich denke, eine der positiven Einsichten des Voluntarismus besteht darin, dass Pflichten sich aus einem Imperativ ergeben. Der Befehl einer legitimen Autorität schafft für uns eine Pflicht oder ein Verbot. Gut und schlecht allein sind nicht ausreichend, um richtig und falsch zu bestimmen, weil Gut und Böse uns keine Pflichten oder Verbote auferlegen. Viele Dinge, die wir tun könnten, wären gut, aber das bedeutet nicht, dass wir dazu verpflichtet wären, sie zu tun, denn sie könnten sich gegenseitig ausschließen und dadurch unausführbar werden. Der Voluntarismus sieht die Quelle unserer moralischen Pflichten also zu Recht in den Geboten Gottes.

Dagegen irrt der Voluntarismus in der Annahme, dass diese Gebote völlig willkürlich wären. Sie sind nicht willkürlich, sondern sie sind in der Natur eines gerechten und liebenden Gottes begründet. Deshalb sind die meisten Vertreter einer "Divine Command"-Theorie der Ethik keine Voluntaristen.

Das Argument aufgrund von Moral – Die kniffligen Fragen für biblische Theisten

Wo die Sache für biblische Theisten knifflig wird, ist die Frage, wie solche Gebote Gottes zu begründen sind, die Seiner Natur zu widersprechen scheinen, wie das Gebot an die Heere Israels, die Einwohner Kanaans auszulöschen.[1] Der biblische Theist muss zeigen, wie solche Gebote mit Gottes Natur zu vereinbaren sind. In meiner Antwort auf Frage #16 habe ich versucht, eine solche Erklärung zu geben. Wie ich dort zu zeigen suche, fügt Gott niemandem ein Unrecht zu, indem er einen so starken Befehl erteilt und gute Gründe dafür hat.

Wenn eine solche Verteidigung scheitert, muss man entweder die Historizität dieser Geschichten aufgeben (ironischerweise ist das die Position vieler Kritiker des Alten Testaments, die darin Gründungslegenden Israels sehen) oder davon ausgehen, dass die Juden irrtümlich dachten, dass Gott ihnen geboten hatte, die Kanaaniter zu vertreiben. Es wäre äußerst naiv zu denken, dass die erste Alternative in irgendeiner Weise die historische Genauigkeit der neutestamentlichen Evangelien untergraben würde. Man könnte genauso gut sagen, dass die Anerkenntnis des mythischen Charakters der Ilias von Homer die historische Glaubwürdigkeit von Thukydides oder Herodot untergraben würde!

Das Argument aufgrund von Moral – auf Gott beruhende Moral ist weder moralisch relativ noch subjektiv

Sie haben ganz recht, dass die Kanaaniter ein ganz anderes Bild von dem Gott Israels hatten als Israel. Seit ich die Antwort auf Frage #16 („The Slaughter of the Canaanites“, „Die Abschlachtung der Kanaaniter“) schrieb, hatte ich die Gelegenheit, einen faszinierenden Essay von Clay Jones über kanaanitische Kultur, Religion und Moral in einer Sonderausgabe der Philosophia Christi zu lesen, die sich mit dem vorliegenden Problem befasste.[2] Ich wusste, dass die kanaanitischen Stämme korrupt waren, aber ich muss sagen, dass ich keine Vorstellung hatte, welche Stufe der Verkommenheit und Verdorbenheit sie erreicht hatten. Wie betrachteten sie El, den Gott Israels? Ugaritische Texte zeichnen ein Bild von ihm als einem Schwächling, der von Baal überwältigt wird und in seinen eigenen Exkrementen und Urin herumplatscht. In der Vorstellung Israels dagegen war der Gott Abrahams ein Gott, der kein Gericht über Sodom bringen würde, sofern es auch nur zehn gerechte Menschen in der ganzen Stadt gäbe. Er wartete 400 Jahre, bis die kanaanitischen Stämme so verdorben waren, dass sie reif für das Gericht waren.

Ich denke, somit ist klar, dass nach der Auffassung, die ich verteidige, Gott kein moralischer Relativist ist und dass meine Auffassung nicht subjektivistisch ist. Gott hatte moralisch ausreichende Gründe für das, was er den Israeliten zu tun befahl, Gründe, die Seiner Natur nicht widersprechen. Gottes Gebot an die Israeliten, die Kanaaniter aus dem Land zu vertreiben, war keine willkürliche „Entscheidung darüber, was gut und was böse ist“, sondern ein Akt des lange hinausgezögerten Gerichts für schwere Sünde.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /argument-from-morality

Anmerkungen

[1] Ein Vorbehalt: Seit ich meine Antwort auf Frage #16 (Deutsche Übersetzung: „Die Abschlachtung der Kanaaniter“, /german/qa16) schrieb, bin ich zu der Auffassung gekommen, dass Gottes Gebot an die Israeliten nicht auf die Vernichtung der Kanaaniter zielte, wie oft angenommen wird. Das Gebot lautete vielmehr in erster Linie, sie aus dem Land zu vertreiben. Das Gericht über diese kanaanitischen Königreiche bestand darin, sie ihres Landes zu enteignen und somit als Königreiche zu zerstören. Für den Fall, dass die Menschen vor dem heranrückenden Heer Israels flohen, gab es keinen Befehl, ihnen nachzujagen und sie zur Strecke zu bringen. Niemand musste sterben. Nur diejenigen, die zurückblieben, sollten aus den Gründen, die ich beschrieben habe, völlig ausgelöscht werden. Wir wissen tatsächlich nicht sicher, ob zu denen, die zurückblieben, Frauen und Kinder gehörten oder ob es nur Soldaten waren. Aber ich gehe um des Argumentes willen von einem Szenario des schlimmsten Falles aus.

[2] Vgl. Clay Jones: „We Don't Hate Sin, So We Don't Understand What Happened to the Canaanites: An Addendum to 'Divine Genocide' Arguments“, Philosophia Christi 11/1 (2009): 52-72.

- William Lane Craig