#24 Die Schöpfung und die Zeit
November 10, 2016„Raum und Zeit sind Schöpfungen Gottes, die mit dem Urknall angefangen haben. Wenn Sie vor den Beginn der Zeit zurückgehen, dann ist da einfach nur die Ewigkeit. Damit meine ich Ewigkeit im Sinne von Zeitlosigkeit. Gott, der Ewige, ist in seinem Sein und vom Wesen her zeitlos. Gott hat bis zum Augenblick der Schöpfung nicht eine unendliche Menge Zeit überdauert; das wäre absurd. Vielmehr transzendiert Gott die Zeit. Er steht außerhalb der Zeit. Als Gott das Universum erst einmal erschaffen hatte, konnte er in die Zeit eintreten, aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.“
In Ihrem Buch Reasonable Faith[2] (S. 117) schreiben Sie außerdem:
„So könnte beispielsweise ein Mann, der schon ewig sitzt, freiwillig aufstehen; so kann eine temporale Wirkung von einem ewig existierenden Akteur ausgehen. Genauso hätte ein Schöpfer mit freiem Willen vor einer endlichen Zeit die Welt freiwillig ins Dasein bringen können. So konnte Gott gleichbleibend und ewig existieren, sich aber dazu entscheiden, die Welt in der Zeit zu erschaffen. „Sich entscheiden“ heißt nicht, dass der Schöpfer seine Meinung zu einer Sache ändert, sondern dass er freiwillig und ewig beabsichtigt, eine Welt mit einem Anfang zu erschaffen.“
Das alles finde ich schwer zu begreifen.
1) Mir fällt es schwer, den Unterschied zwischen einem Schöpfer zu verstehen, der bis zum Schöpfungsmoment ewig Bestand hat, und einem zeitlosen Schöpfer, der die Welt vor einer endlichen Zeit freiwillig ins Dasein brachte. Könnten Sie das bitte erläutern?
2) Wenn ich von „vor dem Schöpfungsmoment spreche“ – impliziert das nicht, dass es vor der Schöpfung schon die Zeit gab? Bitte erklären Sie dies.
3) Ich verstehe nicht, wie „ein Mann, der schon ewig sitzt, freiwillig aufstehen könnte“. Würde das nicht auch implizieren, dass er eine bestimmte Zeit lang Bestand hatte, bevor er aufgestanden ist? Und wenn „ein Schöpfer mit freiem Willen vor einer endlichen Zeit die Welt freiwillig ins Dasein bringen konnte“, würde das nicht implizieren, dass der Schöpfer eine Zeit lang Bestand hatte, bevor er die Welt ins Dasein brachte?
4) Ich verstehe nicht, wie irgendjemand irgendetwas tun konnte, wenn es noch keine Zeit gab.
5) Mir fällt es schwer, diesen Satz zu verstehen: „„Sich entscheiden“ heißt nicht, dass der Schöpfer seine Meinung zu einer Sache ändert, sondern dass er freiwillig und ewig beabsichtigt, eine Welt mit einem Anfang zu erschaffen“. Meinen Sie damit, dass „sich entscheiden“ nichts Anderes als „beabsichtigen“ bedeutet? Also dass Gott immer eine Welt mit einem Anfang erschaffen wollte und sich nie umentschieden hat? Wenn ja, warum wurde die Welt dann nicht vor unendlicher Zeit geschaffen? Ich weiß, dass genau dieser Satz dieses Problem beheben soll (warum die Welt nicht vor unendlicher Zeit geschaffen wurde), verstehe aber immer noch nicht, wie dieser Satz dieses Problem behebt.
Viele Grüße
Paul
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Dr. craig’s response
A [
Das sind auch schwierige Themen, Paul! Neben Gott selbst fällt mir kein Thema ein, das so verblüffend, so horizonterweiternd ist wie das Konzept der Zeit. Versuchen Sie Gott und die Zeit zusammenzufügen, und Sie haben etwas, das Sie Ihr ganzes Leben lang studieren können! Ich hoffe, Ihre Ratlosigkeit ist einfach auf die Schwierigkeit des Themas zurückzuführen, und nicht auf inkohärente Gedankengänge meinerseits.
Bevor ich mich Ihren Fragen widme, möchte ich kurz sagen, wie ich Gottes Beziehung zur Zeit verstehe. Ich behaupte, dass Gott, der ohne das Universum alleine existierte und sich nicht veränderte, zeitlos ist. Die Existenz der Zeit beginnt mit der Schöpfung – die Zeit hat also einen Anfang und eine endliche Vergangenheit. Gott wird aufgrund seiner realen Beziehung zur temporalen Welt im Moment der Schöpfung temporal. Gott existiert also ohne Schöpfung zeitlos und seit dem Schöpfungsmoment temporal.
1) Wenn ich recht habe, gibt es vor der Schöpfung keinen Moment, sondern die Zeit beginnt mit der Schöpfung. Dies ist die klassisch-christliche Ansicht, die z. B. auch Augustinus vertrat. Nach dieser Ansicht ist es logisch inkohärent, zu fragen, „Was hat Gott vor der Schöpfung getan?“, denn „vor der Schöpfung“ impliziert einen Moment vor der Schöpfung, was diese Anschauung verneint. Denn die Frage lautet somit: „Was ist zu einem Zeitpunkt vor dem ersten Zeitpunkt passiert? “ Das ergibt keinen Sinn. Das gleicht der Frage: „Wie heißt die Frau dieses Junggesellen?“
Nun, einige Theisten stimmen nicht mit der klassischen Ansicht überein. Isaac Newton (1643-1727), der Begründer der modernen Physik, glaubte zum Beispiel, dass die Zeit in der Vergangenheit unendlich ist und nie einen Anfang hatte. Für Newton ist die absolute Zeit einfach Gottes Dauer. Da Gott schon immer existiert, geht auch die Zeit unendlich weit zurück, ohne Anfang. Nach Newtons Ansicht ergibt es also schon Sinn, zu fragen: „Was hat Gott vor der Schöpfung getan?“ Ja, der Philosoph G. W. Leibniz (1646-1716), der die augustinische Ansicht teilte, quälte Newton-Nachfolger Samuel Clarke (1675-1729) in deren berühmten Korrespondenz[3] mit der Frage: „Warum hat Gott (gemäß der Newton'schen Ansicht) die Welt nicht früher geschaffen?“ Diese Frage ist vom Newton'schen Standpunkt aus sehr schwer zu beantworten (siehe meine Diskussion in Time and Eternity [Crossway, 2001]).
Welche Ansicht Sie auch haben – ich denke, Sie können erkennen, dass es einen riesigen Unterschied gibt zwischen der Behauptung, dass Gott ohne die Schöpfung zeitlos existiert, und der Behauptung, dass er seit unendlicher Zeit vor dem Schöpfungsmoment Bestand hat. Eine lebendige und interessante Diskussion der Alternativen finden Sie im Buch God and Time (Inter-Varsity, 2001), das einen Austausch zwischen mir, Alan Padgett, Nicholas Wolterstorff und Paul Helm über derlei Fragen enthält.
2) Ja, von einem Moment „vor“ dem Zeitpunkt der Schöpfung zu sprechen, impliziert Zeit vor der Zeit, was nach der augustinischen Ansicht, die ich vertrete, inkohärent ist. Doch beachten Sie, dass dieses Wort „vor“ in Ihrem Zitat meines Interviews mit Lee Strobel nicht vorkommt, da ich es nicht verwendet habe. In meinen ersten Werken dachte ich, dass die Leute, sobald ich meine Ansicht erkläre, verstehen würden, dass der Ausdruck „vor der Schöpfung“ einfach eine harmlose umgangssprachliche Ausdrucksweise ist, die nicht wörtlich zu nehmen ist. Doch angesichts der Verwirrung, die diese Phrase verursacht hat, versuche ich seither, sie zu vermeiden und spreche lieber davon, dass Gott ohne die Schöpfung oder jenseits, aber nicht vor, dem Urknall existierte. Eine gute Art und Weise, Gottes Priorität vor der Schöpfung auszudrücken, ist zu sagen, dass Gott kausal, aber nicht temporal vor dem Anfang des Universums ist.
3) Offensichtlich existiert ein Mann, der „ewig sitzt“, nicht zeitlos. Doch mein Gedankenexperiment sollte die Willensfreiheit veranschaulichen. Ein Mensch kann ohne Veränderung existieren und dann freiwillig eine bestimmte Absicht ausführen, weil der freie Wille keine vorhergehenden determinierenden Bedingungen erfordert. Das Wesen der Willensfreiheit bringt die Abwesenheit kausaler Determinanten mit sich. Ein freier Wille erscheint also wie ein rein spontanes Ereignis. Der Mann kann schlichtweg freiwillig aufstehen. Somit hat man eine temporale Wirkung von einer gleichbleibenden Ursache, wenn diese Ursache ein freier Akteur ist. Und Gott existiert gleichbleibend ohne das Universum. Die Schöpfung ist eine freiwillige Handlung Gottes, die, wenn sie auftritt, die Zeit mit dem Universum ins Dasein bringt. Somit impliziert die Aussage „ein Schöpfer mit freiem Willen konnte vor einer endlichen Zeit die Welt freiwillig ins Dasein bringen“ nicht, dass es vor diesem Moment Zeit gab.
4) Zeitlosigkeit impliziert, dass man nichts anders macht, d. h., dass man sich nicht ändert. Zeitlosigkeit impliziert einen gleichbleibenden Wesenszustand. Nun, manche Tätigkeiten erfordern keine Veränderung und keine Zeit. Etwas zu wissen, erfordert beispielsweise keine Veränderung oder Zeit. Gott kann in diesem zeitlosen Zustand ohne Veränderungen alle Wahrheiten wissen. Genauso kann man gleichbleibende Absichten haben. Solange sich Absichten also nicht ändern, kann man sie zeitlos haben. Deswegen habe ich gesagt, dass Gott ohne das Universum mit einer zeitlosen Absicht existieren kann, die Welt mit einem Anfang zu erschaffen. Man kann auch jemanden ohne Veränderung lieben. Hier bekommen wir einen Einblick in das Wesen der Liebesbeziehung zwischen den drei Personen der Trinität in diesem zeitlosen Zustand ohne Schöpfung. Ohne die Schöpfung existiert ein vollkommener, gleichbleibender Zustand des gemeinsamen Wissens, Willens und der gemeinsamen Liebe zwischen den Personen der Trinität. (Das Wunder der Schöpfung ist, dass Gott den Aufwand betrieben hat, eine Welt der Kreaturen zu erschaffen und sie einzuladen, freiwillig an der Freude teilzuhaben, diese Gemeinschaft als adoptierte Kinder zu genießen!)
5) Ja, mit „entscheiden“ meine ich, dass Gott eine freie Willensabsicht hat. Ihre Zeitlosigkeit negiert nicht, dass das wirklich eine Entscheidung ist. Denn man kann sich mögliche Welten vorstellen, in denen Gott eine ganz andere Absicht hat, nämlich von der Erschaffung einer Welt Abstand zu nehmen. Zuerst dachte ich, dass dies alles ist, was man braucht, um den Ursprung der Welt zu erklären; doch das Nachdenken über Agens-Kausalität[4] bringt mich zu der Ansicht, dass es zusätzlich zu dieser zeitlosen Absicht von Gottes Seite aus auch eine Ausübung kausaler Macht geben muss. Diese Handlung ist zeitgleich mit dem Schöpfungsmoment – ja, sie ist die Schöpfungshandlung – und bringt Gott in die Zeit hinein. Wenn Sie fragen, warum Gott seine Absicht nicht früher umgesetzt hat, sind Sie in die Newton'sche Ansicht zurückgefallen, nach der Gott temporal vor der Schöpfung existierte. Nach der augustinischen Ansicht ist diese Frage unverständlich und macht keinen Sinn.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /creation-and-time
[1] Lee Strobel: Indizien für einen Schöpfer. Ein Journalist im Spannungsfeld von Evolution und Schöpfung. Asslar 2005: Gerth Medien. (Original: Lee Strobel: The Case for a Creator. A Journalist Investigates Scientific Evidence That Points Towards God. Grand Rapids 2004: Zondervan; auch erschienen als Hörbuch, sowie in der Version The Case for a Creator for Students und The Case for a Creator for Kids).
Eine Dokumentation über das Buch "The Case for a Creator" in Englischer Sprache findet sich auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=ajqH4y8G0MI
Strobel ist auch Autor der Bücher Der Fall Jesus. Ein Journalist auf der Suche nach der Wahrheit. Asslar 1999: Gerth Medien, sowie Glaube im Kreuzverhör. Ein Journalist hinterfragt das Christentum. Asslar 2004: Gerth Medien.
(Anm. d. Übers.)
[2] William Lane Craig: Reasonable Faith. Christian Truth and Apologetics, Wheaton/Il 2008: Crossway (3. Auflage).
[3] Vgl. z.B. Samuel Clarke. Briefwechsel mit G.W. Leibniz von 1715/1716. Hamburg 2014: Meiner. (Print on Demand-Nachdruck der Auflage von 1990).
[4] Agens-Kausalität (oder Akteurs-Verursachung, engl. agent causation; von lat. agere, betreiben, handeln) ist die Vorstellung, dass frei handelnde Wesen (Akteure), also z.B. Gott oder Menschen, eine neue Kausalkette in Gang setzen können, ohne von äußeren Umständen dazu determiniert worden zu sein. Zu diversen Theorien über Agens-Kausalität, siehe http://plato.stanford.edu/entries/incompatibilism-theories/#3 (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
