#41 Ein Sohn, der zu kämpfen hat
January 10, 2017Sehr geehrter Prof. Craig,
unser Sohn hat Christus angenommen, als er drei Jahre alt war, und mit seiner wachsenden Erkenntnis wuchs auch seine Bereitschaft, sich für den Herrn zu engagieren. Jetzt ist er 22 und sagt zum ersten Mal, dass er wirklich hinterfragt, was und warum genau er glaubt. Eine seiner Fragen ist: Warum ist Gott ein Richter im Alten Testament und ein „Pazifist“ im Neuen? Wenn er derselbe Gott ist, warum behandelt er die Menschen anscheinend so unterschiedlich? Wir und andere Leute haben schon probiert, diese Frage zu beantworten, doch Jon scheint damit nicht zufrieden. Ich muss dazu sagen, dass ihn zwischen seinem siebten Lebensjahr und der Gegenwart acht verschiedene christliche Führungspersonen enttäuscht haben. Dazu gehören drei Gemeindepastoren, drei leitende Personen an der Schule, eine am College und ein christlicher Arbeitgeber. Er ist sauer auf die Gemeinde. Wir sind mit Joan H. befreundet, und sie hat uns empfohlen, Ihnen zu schreiben. Vielen Dank für jede Hilfe, die Sie bieten können. Er ist auf einer christlichen Universität und geht in keine Gemeinde, aber er liest die Bibel, betet und gibt den Zehnten. Wie sollen wir als Eltern damit umgehen? Er wird im Dezember seinen Abschlus machen und dann ab Herbst 2008 weiterstudieren. Wir haben Sie in unserer Gemeinde sprechen hören, und Joan legt großen Wert auf Ihre Meinung.
Barb
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Dr. craig’s response
A [
Sie haben hier verschiedene Fragen angesprochen, Barb, und ich glaube, die persönliche Frage ist Ihnen wichtiger. Die Eltern unter uns kennen die Schmerzen, die man manchmal mit seinen Kindern durchmacht, vor allem wenn es um ihre (mangelnde) geistliche Entwicklung geht. Wir wünschen uns so sehr, dass sie die ganze Freude entdecken, die die Erkenntnis Christi mit sich bringt, und doch scheint es so oft der Fall zu sein, dass unsere Kinder einfach nicht in ihrem besten eigenen Interesse handeln.
Was die Frage Ihres Sohnes angeht, muss ich gestehen, dass ich diejenigen, die glauben, dass der Gott des Alten Testament und der Gott des Neuen Testament unterschiedlich erscheinen, nie verstanden habe. Ich kann nicht anders, als zu vermuten, dass solche Leute die Bibel nicht komplett gelesen haben, sondern nur Teile davon, und so diesen falschen Eindruck bekommen haben. Liest man z. B. den Propheten Hesekiel, kann man nur über einen Gott staunen, der sich selbst so erniedrigt, um die Menschen buchstäblich anzuflehen, Buße zu tun, sodass er sie nicht bestrafen muss! Wir sehen hier das fast schon ungebührliche Spektakel, dass der Gott des Universums sündige, rebellische Menschen anfleht, von ihrer Boshaftigkeit umzukehren, bevor er gezwungen ist, sie zu richten. Man selbst meint, er sollte diese Halunken einfach vernichten! Ich komme nie aus dem Staunen über den von Hesekiel geoffenbarten Gott hinaus.
Auf der anderen Seite braucht man nur einen Abschnitt wie Offenbarung 19,11-16 zu lesen, der davon handelt, wie Christus die Menschheit richtet. Nichts im Alten Testament gleicht diesem grauenhaften Bild der großen Weinpresse, die Sünder wie Trauben zerquetscht. Jesus selbst hat ständig vor der Hölle gewarnt und die Menschen dazu gedrängt, den schmalen Weg zu finden, der zur Errettung führt.
Das beste Argument dafür, dass der Gott des Alten Testmants und der Gott des Neuen Testmants ein und derselbe Gott sind, ist, dass Jesus von Nazareth, selbst ein Jude, dem Gott des Alten Testaments hingegeben war und sich selbst als jemand ansah, der niemand anderen als den Gott des Alten Testaments als seinen Himmlischen Vater offenbart. Wenn wir sagen, dass der von Jesus geoffenbarte Gott ein anderer Gott ist als der, von dem wir im Alten Testament lesen, dann widersprechen wir Jesu eigenem Glauben und Zeugnis. Er fand nicht, dass sie verschieden oder widersprüchlich waren – warum dann wir? Auch die Apostel, einschließlich Paulus, allesamt Juden, waren nicht der Meinung, dass sie einen anderen Gott anbeten als den Gott ihrer Väter. Wenn sie das nicht taten, warum dann wir?
Vielleicht kommt das beliebte Bild vom Gott, der im Alten Testament schärfer verurteilt, von der Tatsache, dass wir im Alten Testament zumindest zwischenzeitlich eine Theokratie haben, in der Gott an der Spitze der Regierung stand. Die Gesetze der Gesellschaft waren dieselben wie Gottes Gesetze. Unter diesen Umständen wirkt sich die außerordentliche Heiligkeit Gottes direkt auf die sündhaften Handlungen der Menschen aus. Wir sehen, wie sehr Gott die Sünde hasst und welche Bestrafung sie in seinen Augen verdient. Aber Israel war irgendwann keine Theokratie mehr. Zu neutestamentlichen Zeiten war Israel unter der Herrschaft des Römischen Reiches. Was moralisch und was legal ist, klafft also auseinander. Das Gericht wird bis zur allgemeinen Auferstehung am Ende der Zeit aufgeschoben. Auch heute leben wir in keiner Theokratie. Deswegen ist es ein Fehler, wenn Christen versuchen, das Gesetz Gottes zum Gesetz des Landes zu machen. Was unmoralisch ist, muss nicht illegal sein. Deswegen können wir beim Argumentieren für das Verbot bestimmter Handlungen wie Abtreibung nicht einfach die Bibel zitieren, sondern müssen nicht-religiöse Argumente mit einem breiten moralischen Fundamt entwickeln. Wie dem auch sei: Es kann sein, dass sich aus einem mangelnden Verständnis der verschiedenen Umstände diese Fehlinterpretation ergeben hat, dass Gott, wie er im Neuen Testament geoffenbart wird, im Umgang mit Sünde milder geworden ist.
Was Ihre Aufgabe angeht, ist es – wie unser Sohn es uns einmal sagte – nun zu spät, irgendetwas zu tun. Er ist erwachsen. Er steht nicht mehr unter Ihrem Einfluss. Früher, als er aufwuchs, tat er das, und Sie sollten beten, dass der Heilige Geist diese tief sitzenden Einflüsse entfachen wird, um ihn zurück in ein siegreiches Christenleben zu ziehen. Natürlich können Sie ihm helfen, indem Sie ihn lieben und annehmen, was auch immer er glaubt, selbst wenn Sie ihm nicht zustimmen und verletzt werden. Bedrängen Sie ihn nur nicht und versuchen Sie nicht, ihn zu ändern, da ihn das vielleicht nur abschreckt.
Was Sie aber machen könnten, wäre, sich mit seinen Fragen auseinanderzusetzen, sodass Sie eine intelligente und gut durchdachte Antwort geben können, wenn er sie stellt. Haben Sie sich die Zeit dafür genommen? Haben Sie sich über die Themen, die er anspricht, informiert, sodass er Ihre Überzeugungen nicht als blinden und oberflächlichen Glauben abtun kann? Vor allem: Hat Ihr Mann das getan? Als sein Vater ist er derjenige, der ein intelligentes, vertrauenswürdiges Vorbild eines christlichen Mannes darstellen muss – vor allem, wenn so viel andere Ihren Sohn in dieser Hinsicht enttäuscht haben.
„Herr, tröste Barb und lindere die Schmerzen in ihrem Herz, während ihr Sohn diese Zeit durchmacht, in der er seinen Glauben überdenkt. Gib ihr die Geduld, deinen Heiligen Geist wirken zu lassen. Mögen sie und ihr Mann in dieser Anfechtung die Gelegenheit nutzen, diese Fragen ganz neu zu durchdenken und so besser zugerüstet zu werden, um die Hoffnung in ihnen zu begründen. Und kümmere dich um ihren Sohn, Herr! Rufe ihm ganz neu in Erinnerung, was er über die Jahre gelernt und geglaubt hat und stelle sein Vertrauen in diese Wahrheiten wieder her. Himmlischer Vater, überführe ihn von seinem Zorn und seiner Bitterkeit gegen diejenigen, die ihn enttäuscht haben, und gibt ihm einen vergebenden und mitfühlenden Geist. Hilf ihm zu sehen, dass unser Vertrauen nur in dir liegt, dass Menschen uns enttäuschen und dass wir daher nicht auf Menschen schauen oder unser Vertrauen auf Menschen setzen, sondern auf dich allein. Wir beten für unseren Bruder im Namen unseres Herrn Jesus Christus. Amen.“
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /a-struggling-son
- William Lane Craig