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#58 Ist Jesus der einzige Sohn Gottes?

January 10, 2017
Q

Hallo Herr Prof. Craig!

Zunächst möchte ich mich vorstellen. Ich bin ursprünglich aus Pakistan, und ich höre Ihre Vorträge und schaue Ihre Debatten mit Intellektuellen, die andere Überzeugungen haben als Sie, schon seit einer ganzen Weile an. Ich bin einfach begeistert über Ihre Kenntnisse in Epistemologie, Ihre Fähigkeit des Argumentierens und Ihr ganzes Wissen. Die gute Nachricht ist, dass ich Jesus Christus angenommen habe und Tag für Tag mein Bestes versuche, in Ihm zu gehen.

Ich habe Ihre Debatte mit dem muslimischen Gelehrten Dr. Badawi[1] gesehen, und mir ist aufgefallen, dass er den Einwand vorgebracht hat, dass der zentrale biblische Begriff „Dreieinigkeit“ nicht in der Bibel steht. Doch das war ein fadenscheiniges Argument von Dr. Badawi, weil er weiß, dass das Wort „Tahwid“ – der zentrale Begriff für das Gotteskonzept im Islam und eine der fünf Säulen, auf denen der Islam steht – auch NICHT im Koran steht. Ist dieser Begriff für Muslime deshalb nicht hinnehmbar? Nein. Wenn ein Muslim das Konzept der Dreieinigkeit ablehnt, nur weil es nicht buchstäblich so in der Bibel erwähnt wird, muss dieser Muslim auch das Konzept des Tahwid aufgeben und ablehnen, weil es im Koran nicht buchstäblich vorkommt.

Wie sonst auch haben Sie Ihr Argument auf sehr zwingende, kohärente und eloquente Weise formuliert, und Dr. Badawi konnte diese Themen nicht richtig ansprechen. Das war ziemlich offensichtlich.

Meine Frage an Sie lautet: Jesus wird in der Bibel Gottes Sohn genannt, wie andere gerechte Menschen auch. Was unterscheidet Jesus also von den anderen Gerechten, wenn es um die Berechtigung der Sohnschaft Gottes geht?

M.

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ich freue mich riesig, dass Sie jetzt an Jesus Christus als Ihren Herrn und Heiland glauben, M.! (Ich habe Ihren Namen abgekürzt für den Fall, dass Sie noch in Pakistan sind.) Sie haben richtig gesagt, dass die Gültigkeit eines theologischen Konzeptes in keiner Weise vom Vokabular abhängt, das man zur Beschreibung verwendet. Die Frage, die Sie ansprechen, ist wichtig und interessant. Ich widme mich ihr in der dritten Auflage meines Buchs Reasonable Faith. Ich werde darauf zurückgreifen, um Ihre Frage zu beantworten.

Wie ich auch in der Debatte mit Prof. Badawi erwähnte, haben wir gute historische Gründe für die Überzeugung, dass Jesus sich selbst als Sohn Gottes verstand und dieser zu sein behauptete. Erstens: Aus Jesu Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mk 12,1-9) wissen wir, dass Jesus sich selbst für den einzigen Sohn Gottes hielt, für jemand anderes als die Propheten, für Gottes letzten Boten und sogar für den Erben Israels selbst. Beachten Sie hierbei, dass man die Figur des Sohnes nicht als unauthentische, spätere Hinzufügung ausklammern kann, denn dann hätte das Gleichnis keinen Höhepunkt und keine Pointe. Zudem wird die Einzigartigkeit des Sohnes nicht nur explizit erwähnt, sondern auch inhärent dadurch impliziert, dass die Weingärtner planen, den Erben zu töten, um den Weinberg für sich einzufordern. Dieses Gleichnis sagt uns also, dass der historische Jesus glaubte und lehrte, dass er der einzige Sohn Gottes sei.

Zweitens kommt Jesu Selbstkonzept als Gottessohn in Matthäus 11,27 (vgl. Lk 10,22) explizit zum Ausdruck: „Alles ist mir von meinem Vater gegeben worden und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will.“ Hier behauptet Jesus, der exklusive Sohn Gottes zu sein und die einzige Offenbarung des Vaters für die Menschheit. Dieser Spruch sagt uns, dass Jesus sich selbst für den Sohn Gottes in einem absoluten und einzigartigen Sinn gehalten hat und für jemanden, der exklusiv die Autorität bekommen hat, seinen Vater den Menschen zu offenbaren.

Dazu kommt noch Jesu Aussage über den Zeitpunkt der Erfüllung: „Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater.“ Hier klingt wieder die Einzigartigkeit des Sohnes an.

Aufgrund dieser drei Aussagen haben wir gute Belege dafür, dass Jesus sich selbst für den einzigartigen Sohn Gottes hielt. Es stimmt, dass jüdische Könige als Gottes Söhne bezeichnet wurden (2Sam 7,14; 1Chr 17,13; 22,10; Ps 2,6-7; 89,26-27), und auch in der Weisheitsliteratur wird der Gerechte als Gottes Kind dargestellt, der Gott zum Vater hat (Weisheit 2,13.16.18; Sirach 4,10; 51.10). Derlei allgemeine Verwendungen sind in Bezug auf Jesu Beanspruchung der göttlichen Sohnschaft aber irrelevant, da sein Anspruch so enizigartig und exklusiv ist. Jesus hielt sich in einem singulären Sinn für Gottes Sohn, worin er sich von den Propheten unterschied, die vor ihm kamen.

Doch welcher Sinn war das? Wir dürfen nicht zu schnell darauf schließen, dass der Titel ein impliziter Anspruch auf Göttlichkeit war. Es kann sein, dass Jesus sich insofern für den einzigartigen Sohn Gottes hielt, dass er der verheißene Messias war. Das pseudepigraphische[2] Vierte Buch Esra 7,28-29 spricht vom Messias als Gottes Sohn, der aber dennoch sterblich ist. Die Schriftrollen vom Toten Meer zeigen ebenfalls, dass der Messias für Gottes Sohn gehalten wurde (4Q174; 4Q246; 1QSa 2,11-12). Die Einzigartigkeit der Sohnschaft Jesu könnte eine Funktion der Einzigartigkeit des Messias sein.

Andererseits muss man ehrlich bekennen, dass diese jüdischen Texte nicht einmal annähernd an die Art von Absolutheit und Exklusivität herankommen, die Jesus von Nazareth in den oben genannten Aussagen beansprucht. In den Rollen vom Toten Meer steht nichts davon, dass der Messias der einzigartige Sohn Gottes sein würde. Der Messias zu sein, sondert Jesus vielleicht von all den Propheten ab, die vor ihm gekommen waren und macht ihn vielleicht zum Erben Israels, wie im Gleichnis von den bösen Weingärtnern behauptet wird; doch der Messias zu sein, würde ihm nicht das exklusive Vorrecht, den Vater zu kennen, und auch nicht absolute Offenbarungsbedeutung geben, wie es Mt 11,27 behauptet. Zudem offenbart die Aussage in Mk 13,32 nicht nur Jesu Wahrnehmung der einzigartigen Sohnschaft, sondern stellt uns auch eine Hierarchie vor, von den Menschen über die Engel und den Sohn und bis zum Vater. Zu Jesu Wahrnehmung davon, Gottes Sohn zu sein, gehörte eine Wahrnehmung der Nähe zum Vater, das die aller sterblichen Menschen (wie Könige und Propheten) oder Engelswesen überstieg.

Eine solche erhöhte Vorstellung des Gottessohnes ist dem Judentum des ersten Jahrhunderts nicht fremd. Das Neue Testament selbst bezeugt diese Tatsache (Kol 1,13-20; Heb 1,1-12). In Vierter Esra 13 hat Esra eine Vision von einem Menschen, der aus dem Meer steigt und von Gott als „mein Sohn“ (13,32. 37) bezeichnet wird und sodann alle Nationen seiner Herrschaft unterwirft. Esra fragt:

„Da sprach ich: Herr Gott, zeige mir, weshalb ich den Mann aus dem Herzen des Meeres habe aufsteigen sehen.

Er sprach zu mir: Wie niemand erforschen noch erfahren kann, was in des Meeres Tiefen ist, so kann niemand der Erdenbewohner meinen Sohn schauen noch seine Gefährten, es sei denn zur Stunde seines Tags.“ (4. Esra 13,51-52; vgl. 13,26)

Dass es vor dem Auftritt des Sohnes auf der Erde andere Personen in seiner Gegenwart gibt, legt nahe, dass der Sohn eine präexistente, himmlische Figur ist. Das wird in 14,9 klar, wo Esra gesagt wird, dass sein Leben in Kürze enden wird und er bei dem Sohn Gottes sein wird, bis dieser am Ende der Zeit offenbart wird: Es ist interessant, dass zwischen dem prä-existenten Sohn und den gerechten, menschlichen Toten wie Esra unterschieden wird, die bei ihm sind. Der Sohn wird eindeutig als übernatürliche Figur abgesondert.

Außerdem war der Titel „Messias“, wie ich in Reasonable Faith zeige, auch ein Titel, der voller Konnotationen der Göttlichkeit stecken konnte. Titel wie „der Sohn Gottes“ und „der Messias“ waren mehrwertig und ohne Kontext daher inhärent mehrdeutig. Um die Bedeutung zu verstehen, die Jesus in derlei Selbstbeschreibungen legte, müssen wir den Kontext seines gesamten Lebens und Verkündens ansehen, und wenn wir das tun, wird klar, dass er einen über das Menschsein hinausgehenden Status beanspruchte.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original English article: /jesus-the-son-of-god

Anmerkungen

[1] Die Debatte fand 1997 an der University of Illinois statt.

[2] Eine pseudepigraphische Schrift ist eine Schrift "mit falscher Überschrift", die also von einem anderen Autor stammt als angegeben. In diesem Fall heißt es: Das Buch wurde nicht von dem biblischen Esra verfasst. Pseudepigraphie - also das Verfassen einer Schrift unter einem anderen Namen - ist ein in der Antike weit verbreitetes Phänomen. (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig