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#49 Feinabstimmung: ein Hinweis auf Design (Antworten auf Richard Carrier)

January 10, 2017
Q

Hallo Prof. Craig, Sie sind mein Favorit unter den christlichen Philosophen. Aus Ihren Vorlesungen und Audio-Unterrichtsstunden geht hervor, dass Sie fest davon überzeugt sind, dass Design die einfachste Erklärung für die Feinabstimmung des Universums ist. Ich bin auf einen Artikel von Richard Carrier gestoßen, in dem er das Feinabstimmungsargument angeblich „stürzt“. In seiner Antwort auf James Hannam (bede.org.uk), sagte Carrier Folgendes:

„Hannam hat es nicht geschafft nachzuweisen, dass es überhaupt möglich ist, dass sich eine Konstante verändert, während die anderen gleich bleiben. Denn das Ändern einer Konstante kann eine andere unwiderruflich mitverändern und somit jegliche Schlussfolgerung stark modifizieren, die wir aus dem Modellieren möglicher Universen ziehen können. Daher sollte Hannam davor gewarnt sein, ein Feinabstimmungsargument auf Basis der Existenz unabhängiger Konstanten einzusetzen, wenn die Naturwissenschaft vielleicht bald eine „große vereinheitlichte Theorie“ oder eine Weltformel entdeckt, die aufzeigt, wie alle Konstanten kausal miteinander verbunden sind – schließlich warnt er selbst ja vor Argumenten, die auf der Unwahrscheinlichkeit beruhen, dass Leben natürlich entsteht, und zwar weil die Naturwissenschaft vielleicht die natürlichen Wege der Lebensentstehung entdeckt.“

Naturkonstanten und physikalisch frei variable Größen stellen einen großen Teil des Feinabstimmungsarguments dar. Wie sollten wir als Christen, die dieses Argument einsetzen, auf einen solchen Vorwurf reagieren? Im selben Artikel bringt Carrier auch dieses Argument über Konstanten:

„Im 19. Jahrhundert gab es zwischen zwanzig und vierzig „physikalische Konstanten“, mittlerweile gibt es nur noch etwa sechs. Bei allen anderen wurde im darauffolgenden Jahrhundert nachgewiesen, dass sie von fundamentaleren Faktoren kausal determiniert wurden. Beispielsweise wurde der Siedepunkt von Wasser einmal als physikalische Konstante angesehen, doch jetzt gilt er als das Ergebnis quantenmechanischer Gesetze und könnte sich daher nicht verändern, wenn sich nicht auch die Gesetze der Quantenmechanik ändern würden. Da der Trend stetig in diese Richtung geht, ist es vernünftig, vorauszusagen, dass letztendlich alle Konstanten so erklärt werden. Zum Beispiel kann es sein, dass die Lichtgeschwindigkeit unausweichlich mit Plancks Konstante verbunden ist, weil diese die kleinstmögliche Einheit von Raum und Zeit definiert, und dass die eine somit nicht geändert werden könnte, ohne dass die andere auch geändert wird.“

Ist es möglich, dass alle Konstanten von einer naturwissenschaftlichen Theorie wegerklärt werden? Und wie würden Sie den Multiversumseinwand auf den christlichen Theismus beantworten?

„Auch ein „Multiversum“ hat einen großen inhärenten Vorteil, den Hannam nicht berücksichtigt: Wir wissen, dass ein Universum existiert, und Hannam selbst stimmt darin überein, dass verschiedene Universen prinzipiell möglich sind, und somit haben wir eine Erklärung für das Unbekannte griffbereit, indem wir uns auf eine bekannte Entität berufen – existierende Universen. Der Theist hingegen versucht, dieselbe Unbekannte zu erklären, indem er sich auf eine komplett unbekannte Entität beruft, d. h. eine Entität, die noch nie naturwissenschaftlich beobachtet wurde und genauso gut nicht existieren könnte. Inwiefern ist es sinnvoller, sich auf eine solche fremde und unbeobachtete Entität zu berufen, wenn wir dieselben Dinge erklären können, indem wir uns auf eine Entität berufen, über dessen Existenz sich alle einig sind? Da ein Universum existiert und andere Universen möglich sind, ist es da nicht plausibel, dass andere Universen auch existieren? Gewiss können wir nicht wissen, dass sie existieren. Aber wir können auch nicht wissen, dass sie nicht existieren, und somit ist jedes Argument für Gott, das voraussetzt, dass sie nicht existieren, ein Argument der Unwissenheit. Auch hier ist der Agnostizismus das einzig gerechtfertigte Ergebnis dieser Argumentationslinie.“

Wird die Multiversumshypothese allein dadurch glaubwürdiger als die Gotteshypothese, dass unser Universum existiert, und zwar einfach, weil Gott, wie Richard sagt, „eine unbekannte Entität ist, die nicht naturwissenschaftlich beobachtet werden kann“?

Da ich das Feinabstimmungsargument oft anführe, wäre es für mich und andere Christen sehr hilfreich, Antworten auf diese möglichen Einwände zu haben, wenn wir unseren Glauben bezeugen.

Ich wünsche Ihnen, Herr Prof. Craig, Gottes Segen.

Christopher

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Feinabstimmungsargument

Ich bin zwar nicht mit der von Ihnen zitierten Diskussion zwischen Carrier und Hannam vertraut, Chris, doch lassen Sie mich etwas zu den Problemen sagen, die Sie in Ihrer Frage über die Feinabstimmung angesprochen haben.

Dass das Universum für die Existenz intelligenten Lebens fein abgestimmt ist, ist ein ziemlich solide nachgewiesener Fakt und sollte eigentlich nicht Objekt kontroverser Diskussionen sein. Mit „Feinabstimmung“ meint man nicht „designt“, sondern einfach, dass die fundamentalen Konstanten und Größen der Natur in einen äußerst engen Wertrahmen fallen, der bewirkt, dass unser Universum Leben zulässt. Würden diese Konstanten und Größen auch nur um eine Haaresbreite verändert, wäre die feine Balance aufgehoben und es könnte kein Leben geben.

Carrier irrt sich, wenn er behauptet, dass es in der modernen Physik nur etwa sechs physikalische Konstanten gibt. Ja, zum Standardmodell der Teilchenphysik gehört ein Dutzend Konstanten oder so. Die Zahl Sechs hat er vielleicht aus Sir Martin Rees' Buch Just Six Numbers (New York: Basic Books, 2000), in dem er sich auf sechs dieser Konstanten konzentriert, die für unsere Existenz fein abgestimmt sein müssen. Doch das ist nur eine Auswahl der Konstanten, die es gibt, und mit dem Fortschritt in der Physik werden neue Konstanten entdeckt, die im 19. Jahrhundert noch unbekannt waren, wie die sogenannte kosmologische Konstante, die auf ein Teil von 10120 fein abgestimmt sein muss, damit Leben existiert.

Zusätzlich zu diesen Konstanten gibt es auch die für das Leben fein abgestimmten physikalisch frei variablen Größen, die als Grenzbedingungen dienen, unter denen die Naturgesetze arbeiten. Dazu gehören z. B. die Entropiewerte im frühen Universum. Wenn man von einem Muster sprechen kann, dann von dem, dass die Feinabstimmung, wie eine hartnäckige Wölbung im Teppich, nicht verschwindet. Zudem sind zwar manche Konstanten miteinander verbunden, sodass eine Änderung im Wert der einen vielleicht den Wert einer anderen durcheinanderbringt, doch sind andere Konstanten, von den Grenzbedingungen ganz zu schweigen, nicht derart abhängig. In jedem Fall besteht überhaupt kein Grund, einen solch glücklichen Zufall zu vermuten, dass solche Änderungen einander wieder genau aufheben würden, sodass das Leben nach einer solchen Änderung immer noch existieren könnte. Es scheint, dass das Feinabstimmungsargument bis auf weiteres Bestand haben wird.

Feinabstimmungsargument – Wie kann man die feine Balance des Kosmos erklären?

Nun, es gibt nur drei Wege, diese bemerkenswerte Feinabstimmung des Kosmos für intelligentes Leben zu erklären: physikalische Notwendigkeit, Zufall oder Design. In den Debatten von heute geht es darum, welche davon die beste Erklärung für die beobachtete Feinabstimmung ist. Carrier scheint der Design-Schlussfolgerung beide Alternativen vorzuziehen.

Physikalische Notwendigkeit ist die Hypothese, dass die Konstanten und Größen die Werte, die sie haben, haben mussten, sodass es physikalisch notwendig ist, dass das Universum Leben ermöglicht. Schon auf den ersten Blick erscheint diese Alternative äußerst unplausibel: Sie zwingt uns nämlich zu glauben, dass ein Universum, das kein Leben ermöglicht, eine physikalische Unmöglichkeit ist. Doch das scheint auf jeden Fall möglich zu sein. Wenn die Urmaterie und die Antimaterie anders proportioniert worden wären, wenn sich das Universum auch nur ein wenig langsamer ausgedehnt hätte, wenn die Entropie des Universums marginal größer wäre, dann hätte jede dieser Anpassungen (und viele weitere) ein Universum, das Leben ermöglicht, verhindert, doch scheinen alle physikalisch möglich zu sein. Wer behauptet, dass das Universum Leben ermöglichen muss, stellt eine radikale These auf und braucht starke Beweise. Doch die gibt es nicht. Diese Alternative wird einfach als reine Möglichkeit angeführt.

Feinabstimmungsargument – Die Weltformel schafft es nicht, die Feinabstimmung zu erklären

Manchmal sprechen Naturwissenschaftler schon von einer „Weltformel“, die es noch herauszufinden gilt. Doch wie so viele der schillernden Namen, die wissenschaftlichen Theorien gegeben werden, ist diese Bezeichnung sehr irreführend. Eine Weltformel hat nämlich nur das Ziel, eine vereinheitlichte Theorie der vier Grundkräfte der Natur anzubieten, um die Schwerkraft, den Elektromagnetismus, die starke Wechselwirkung und die schwache Wechselwirkung zu einer Grundkraft zu reduzieren, die von einem Grundteilchen getragen wird. Eine solche Theorie wird erklären, so hofft man, warum diese vier Kräfte die Werte annehmen, die sie annehmen, aber sie wird nicht einmal versuchen, buchstäblich alles zu erklären.

So muss das physikalische Universum beim vielversprechendsten Kandidaten für eine Weltformel, der Superstringtheorie oder M-Theorie, elf Dimensionen haben, aber warum das Universum genau diese Menge an Dimensionen haben soll, wird in der Theorie nicht gesagt. Zudem schafft es die M-Theorie nicht, die Werte der Naturkonstanten vorauszusagen. Die String-Theorie lässt eine „kosmische Landschaft“ von rund 10500 verschiedenen Universen zu, die von den jetzigen Naturgesetzen bestimmt werden, jedoch mit anderen Werten der physikalischen Konstanten. Zudem wird die Region der kosmischen Landschaft, die Leben zulässt – auch wenn es eine große Anzahl möglicher Universen innerhalb dieser Region gibt – verglichen mit der ganzen Landschaft so unvorstellbar klein sein, dass die Existenz eines Universums, das Leben zulässt, äußerst unwahrscheinlich ist. Ja, aufgrund der Anzahl von Konstanten, die Feinabstimmung erfordern, ist es alles andere als klar, dass 10500 Universen ausreichen, um zu garantieren, dass auch nur eine Welt, die Leben zulässt, zufällig in der Landschaft auftauchen wird!

All das wurde alleine in Bezug auf die Konstanten gesagt; doch werden so noch nicht die physikalisch frei variablen Größen erklärt, die als Grenzbedingungen eingesetzt werden. Der außerordentlich niedrige Entropie-Zustand des frühen Universums wäre ein gutes Beispiel für eine variable Größe, die bei der Schöpfung als Ausgangsbedingung schlichtweg eingesetzt worden zu sein scheint. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass der Nachweis, dass jede Konstante und Größe physikalisch notwendig ist, mehr als nur ein Luftschloss ist.

Das Feinabstimmungsargument – die Multiversumshypothese sucht die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen

Und was ist mit der Alternative Zufall? Das ist die „Multiversmushypothese“, die Carrier erwähnt hat. Die Multiversumshypothese ist im Grunde genommen eine Bemühung auf Seiten der Zufalls-Befürworter, ihre probabilistischen Ressourcen zu vermehren, um die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung zu erhöhen. (Je öfter sich die Roulette-Scheibe dreht, desto eher kommt eine bestimmte Zahl dran!) Allein die Tatsache, dass sonst so nüchterne Wissenschaftler zu solch einer bemerkenswerten Hypothese greifen müssen, ist eine Art verstecktes Kompliment für die Design-Hypothese. Sie zeigt, dass die Feinabstimmung sehr wohl nach einer Erklärung schreit. Doch ist die Multiversumshypothese so plausibel wie die Design-Hypothese?

Mich beeindruckt Carriers Berufung auf Vertrautheit als Argument dafür, die Multiversumshypothese zu bevorzugen, überhaupt nicht. Denn wir haben überhaupt keine Erfahrung mit anderen Universen – die Multiversumshypothese ist ein gewagtes Unterfangen in der metaphysischen Kosmologie. Unsere Vertrautheit mit unserem Universum rechtfertigt in keiner Weise die Berufung auf andere Universen als vertraute Entitäten – zumindest nicht mehr als die Designhypothese. Denn wir sind zwar nicht mit Designern des Universums vertraut, sehr wohl aber mit Intelligenz und den Produkten von intelligentem Design, sodass die Berufung auf einen Designer als die beste Erklärung der Feinabstimmung eine Berufung auf eine vertraute explanatorische Entität ist. Ja, Theisten wurde in dieser Hinsicht sogar Anthropomorphismus vorgeworfen!

Zudem haben wir zwar keine Belege für die Existenz eines Multiversums, sehr wohl aber unabhängige Gründe dafür, an die Existenz eines außerweltlichen Designers des Universums zu glauben, und zwar die anderen Argumente für die Existenz Gottes, die ich an anderer Stelle vertreten habe.

Feinabstimmungsargument – Die Multiversumshypothese und ein tödlicher Einwand

Schließlich irrt sich Carrier mit seiner Behauptung, dass wir nicht wissen können, dass ein Multiversum nicht existiert, und der Agnostizismus daher die einzig gerechtfertigte Schlussfolgerung sei. (Interessant ist der Vergleich dieser Schlussfolgerung mit der häufig anzutreffenden Behauptung von Atheisten, dass wir ohne Belege für Gott schlussfolgern sollten, dass Gott nicht existiert! Sehen Sie die Inkonsistenz?) Er ist sich nicht der potenziell tödlichen Einwände auf die Multiversumshypothese bewusst, die von Physikern wie Roger Penrose von der Universität von Oxford angeführt worden sind (The Road to Reality [New York 2005: Alfred A. Knopf], S. 762-5). Ganz einfach gesagt: Wenn unser Universum nur ein Mitglied eines unendlichen Welten-Ensembles beliebig variierender Universen ist, dann ist es weitaus wahrscheinlicher, dass wir ein ganz anderes Universum beobachten sollten als jenes, das wir tatsächlich beobachten.

Penrose kalkuliert, dass die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum einen Zustand der niedrigen Entropie rein zufällig bekommt, in der Größenordnung von 1:1010(123) liegt[1] – eine unvorstellbare Zahl. Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Solarsystem unmittelbar durch eine zufällige Teilchenkollision gebildet wird, beträgt hingegen 1:1010(60) – eine enorme Zahl, aber unvorstellbar viel kleiner als 1010(123). Penrose nennt sie im Vergleich „Kinderkram“! Wenn unser Universum also nur ein Mitglied einer Ansammlung beliebig angeordneter Welten wäre, dann ist es weitaus wahrscheinlicher, dass wir ein viel kleineres Universum beobachten sollten. Derlei beobachtbare Universen sind im Universums-Ensemble viel zahlreicher als Welten wie unsere, und deshalb sollten wir ein solches beobachten, wenn unser Universum bloß ein beliebiges Mitglied eines Welt-Ensembles wäre.

Außerdem: Wenn unser Universum nur ein beliebiges Mitglied eines Welt-Ensembles ist, dann sollten wir höchst außergewöhnliche Ereignisse beobachten, wie Pferde, die durch zufällige Kollisionen entstehen und wieder verschwinden, oder perpetua mobila, da diese wesentlich wahrscheinlicher sind, als dass alle Konstanten und Größen unserer Natur zufällig in den praktisch infinitesimalen Bereich fallen, der Leben zulässt. Da wir solche Beobachtungen nicht machen können, widerlegt dies die Multiversumshypothese deutlich. Penrose schließt damit, dass Multiversums-Erklärungen so „ohnmächtig“ sind, dass es von einem Missverständnis zeugt, sich auf sie zu berufen, um die besonderen Eigenschaften des Universums zu erklären.

Da die Zufallsalternative mit der Multiversumshypothese steht und fällt, gilt diese Alternative als sehr unplausibel. Daher scheint die Feinabstimmung des Universums weder auf physikalische Notwendigkeit noch auf den Zufall plausibel zurückzuführen zu sein. Daraus folgt, dass die Feinabstimmung auf Design zurückzuführen ist, außer es kann nachgewiesen werden, dass die Design-Hypothese noch unplausibler ist als ihre Konkurrenten. Zu dieser Frage siehe meine Kritik an Dawkins' Einwand auf die Design-Hypothese im Fragenarchiv.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /design-from-fine-tuning

Anmerkungen

[1] Lies: 10 hoch 10 hoch 123 (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig