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#29 Glaube und Zweifel

November 10, 2016
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

zunächst möchte ich Ihnen für Ihre ganze Arbeit danken. Mein Herz und mein Verstand profitieren sehr von Ihren Artikeln, Büchern und Vorträgen. Ich bin 21 Jahre alt und bin gerade in meinem zweiten und letzten Jahr an der Filmschule in Calgary, Alberta, Kanada. Als mein erstes Jahr an der Filmschule anfing, schlugen die Zweifel, die im vorhergehenden Sommer in meinem Kopf lauerten, richtig zu. Die nächsten Monate machte ich eine intensive und betäubende Suche nach Antworten durch. Es war vermutlich die schwierigste Zeit meines Lebens. Ich hatte das Gefühl, meine Welt bricht zusammen und reißt mich mit. Ich durchforstete die Buchläden nach allem über die Existenz Gottes und die Historizität des Christentums. Ich bin auf verschiedene Bücher von Autoren wie Norman Geisler, J.P. Moreland, Peter Kreeft und vielen anderen gestoßen. Auf Ihre Werke bin ich über die Endnoten der Bücher, die ich kaufte, aufmerksam geworden. Ich habe mir viele Ihrer Vorträge und Debatten angehört und viele Ihrer Artikel gelesen. Ich freue mich schon auf die neueste Auflage von Reasonable Faith[1]. Seitdem habe ich ein großes Interesse an Philosophie und Apologetik. Ich ziehe in Erwägung, nach der Filmschule Philosophie zu studieren.

Der Hauptgrund, aus dem ich Ihnen schreibe, ist, dass ich eine Frage für Sie habe, aber dazu kommen wir gleich. Über dieses Jahr des Zweifelns und Suchens hinweg hatte ich Höhepunkte und auch viele Tiefpunkte. Ich kann nicht sagen, dass ich jetzt die Sicherheit spüre, die ich mir in Bezug auf meine Überzeugungen wünschen würde. Es gibt Momente, in denen mich all dieses Denken/Argumentieren/Debattieren frustriert. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe langsam den Dreh raus, und dann stoße auf ein doofes Internetforum, in dem ein Argument gegen das Christentum oder die Existenz Gottes vorgebracht wird, und ich stürze wieder ab, weil ich keine Antwort darauf habe. (In solchen Momenten höre ich mir immer gerne Ihre Vorträge an.) Es ist nun ein ermüdendes Auf und Ab geworden. Ein Freund macht eine ähnliche Situation durch. Wir haben von den Kämpfen des anderen jeweils nach ein paar Monaten erfahren. Seitdem ist er mein engster Begleiter auf dieser Reise. Wir sprechen zusammen über unsere Zweifel, Gedanken, Fragen und unseren Zynismus und darüber, wie gerne wir Ihre Vorträge anhören. (Ich habe ihm vor einem halben Jahr Ihre Arbeit und Ihre Website gezeigt, und er hat mir nun – auf spaßige Art und Weise – gesagt, dass er sich, wenn er sich von all den Fragen wirklich niedergeschlagen fühlt, Ihre Podcasts und Vorträge von Ihrer Website anhört, wenn er ins Bett geht, und dann beim Einschlafen zu sich sagt: „Ja, Prof. Craig ... das macht schon Sinn ... vielleicht existiert Gott ja ... das macht alle Sinn ...“). Er und ich sind also auf einer ähnlichen Reise.

Als wir vor kurzem abends geredet haben, haben wir uns beide gefragt, ob die Zweifel und die Unsicherheit jemals vergehen oder sich auf eine ertragbare Menge reduzieren würden. Meine Frage lautet: Wann geht der Zweifel/Unglaube weg, wenn er das überhaupt tut? Wird es jemals eine Zeit geben, in der ich tatsächlich von ganzem Herzen an Gott glaube? (Ich nehme an, Sie können das nicht wirklich beantworten, doch ich glaube, was ich wissen will, ist, ob ein Punkt kommen wird, an dem es heißt: „BUMM! Ich glaube an Gott!“). Momentan fühlt es sich so an, als glaubte ich an einem guten Tag an Gott, zweifelte seine Existenz an einem schlechten Tag aber wieder an. Doch selbst an diesen guten Tagen habe ich nur das Gefühl, dass ich mich von dem Gedanken der Existenz Gottes getröstet fühle und ich nicht wirklich an ihn glaube. Ich möchte mehr als alles andere an Gott glauben. Ich verstehe, was passiert, wenn Gott nicht existiert, und ich kann damit nicht leben. Aber ich kann mich ja auch nicht zum Glauben zwingen. Es gibt Tage, an denen ich mir selbst einreden muss, dass es einen Sinn gibt, sodass ich mich darüber freuen kann, mit meiner Familie und meinen Freunden zusammen zu sein, und dass nicht alles sinnlos ist. Es ist so, als lägen mein Glaube und mein Unglaube in einer Waage, deren Schalen-Ausrichtung sich täglich ändert. Mit der Zeit ist das frustrierend. Ich habe schon zu meinem Freund gesagt, dass mich das Schauen darauf, wo ich mich selbst in der Zukunft sehe, durch diesen Kampf trägt. Ich sehe mich in der Zukunft als gläubigen Mann, der seine Familie in diesem Glauben und dieser Überzeugung gründet und, davon geführt, auch seiner Familie vorsteht. Ich sehe das vor mir, weiß aber nicht, wie lange ich brauche, um dahin zu kommen. Ich habe entschieden, dass ich das nicht aufgeben will. Ich gebe mich mit dem Unglauben nicht zufrieden. Wenn er mich bis ins Sterbebett begleitet, werde ich den Unglauben in der Hoffnung bekämpfen, dass er vom Glauben überwältigt wird. Doch die Sache ist: Ich will bis dahin nicht „so tun“, als glaubte ich an Gott.

Ich weiß gar nicht, ob das hier Sinn ergibt. Ich erwarte nicht, dass Sie eine Antwort auf all diese Fragen haben. Vielleicht können Sie nicht wirklich mehr tun, als von Ihre eigenen Reise vom Unglauben zum Glauben zu erzählen. Fand der Übergang über Nacht statt, oder dauerte es etwas von dem Moment an, in dem Sie sagten, Sie glauben an Gott, bis Sie wirklich die volle Überzeugung spürten? Ich weiß nicht, was ich erwarte oder hoffe, von Ihnen zu hören. Ich hoffe, manches hiervon ergibt Sinn für Sie. Vielen Dank für jeglichen Ratschlag, jede Weisheit, jede Leseempfehlung, die Sie geben können.

Steven

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


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Glaube und Zweifel

Danke für Ihren sehr rührenden Brief, Steven. Ich bewundere Ihren Mut und Ihre Ehrlichkeit, Ihren Kampf mit dem Glauben und den Zweifeln anzusprechen. Ich glaube, dass es kein einfaches, schnelles Rezept gibt, das bei Befolgung Ihre Zweifel wie durch Geisterhand verschwinden lassen wird. Sie werden sich wahrscheinlich in einem langwierigen und schmerzhaften Prozess durch Ihre Zweifel durcharbeiten müssen. Doch seien Sie versichert, dass schon viele große Männer und Frauen Gottes denselben Weg vor Ihnen gegangen sind und den Glauben nicht verloren haben.

Was mich persönlich angeht: Ich bin nicht in einem evangelikalen Elternhaus aufgewachsen, aber ich wurde in meinem dritten Jahr auf der Highschool Christ – nicht aufgrund einer sorgfältigen Betrachtung der Belege, sondern weil die christlichen Studenten, die mir vom Evangelium erzählten, auf einer anderen Realitätsebene als ich zu leben schienen. Ihr Glaube an Christus verlieh ihrem Leben Sinn, Freue und Friede, wonach ich mich so sehnte. Ich weiß noch, wie ich im Gegensatz zu Ihnen in die Zukunft sah und zu meinen christlichen Freunden sagte: „Ich kann Bill Craig einfach nicht als Christ sehen!“ Doch nach einer äußerst schmerzhaften sechsmonatigen Suche nach Gott wurde ich am 11. September 1965 um ca. 20 Uhr wundersam wiedergeboren. Das brachte mein Leben auf einen ganz anderen Kurs.

Glaube und Zweifel – der Konflikt des theologischen Rationalismus

Als Junggläubiger voller Enthusiasmus und Glaube ging ich 1967 zum Studieren ans Wheaton College. Während der 60er Jahre war Wheaton eine Keimzelle des Skeptizismus und des Zynismus geworden, und es betrübte mich sehr, zu sehen, wie einige der Studenten, deren intellektuelle Fähigkeiten ich bewunderte, im Namen der Vernunft das Christentum aufgaben. Die Atmosphäre wurde vom theologischen Rationalismus bestimmt (heute irrigerweise auch Evidentialismus genannt) – der Ansicht, dass der Glaube auf Argumenten und Belegen beruhen muss, um rational zu sein. In meinen Theologie-Kursen lernte ich, dass keines der klassischen Argumente für die Existenz Gottes stichhaltig ist, und meine Bibel-Professoren diskutierten nie die Belege für die Zuverlässigkeit der Bibel. Unter den Studenten galten Zweifel als Tugend des reifen Christenlebens, und man sollte den Forderungen der Vernunft, wo auch immer sie hinführen mochten, unerschrocken folgen. Ich weiß noch genau, wie einer meiner Theologie-Professoren anmerkte, dass er das Christentum aufgeben würde, wenn er davon überzeugt würde, dass das Christentum unvernünftig ist.

Nun, das bereitete mir Angst und Sorgen. Für mich war Christus so real, und er hatte meinem Leben solch eine Bedeutung verliehen, dass ich das Geständnis meines Professors nicht teilen konnte. Wenn mein Verstand sich aufgrund meines Studiums einmal gegen meinen Glauben richten sollte, dann war das das Problem des Verstandes! Das würde nur heißen, dass ich einen Denkfehler gemacht hatte. So gestand ich einem meiner Philosophie-Professoren; „Ich nehme an, ich bin kein richtiger Intellektueller. Wenn sich mein Verstand gegen Christus richten würde, würde ich dennoch glauben. Mein Glaube ist zu real.“

So sympathisierte ich vorübergehend mit Kierkegaards Fideismus – obwohl ich mich nicht wirklich mit Kierkegaards Sicht anfreunden konnte, dass ich an das Christentum glaube, weil es absurd ist. Wie es so oft im Leben von ernsthaften Studenten ist, erwies sich das Lesen bestimmter Bücher für mein Denken als entscheidend, und mein Leben schlug dadurch eine andere Richtung ein. Das erste war E. J. Carnells Buch Introduction to Christian Apologetics, das mich davon überzeugte, dass der Verstand dazu verwendet werden kann, die systematische Widerspruchslosigkeit des christlichen Glaubens aufzuzeigen, ohne dabei die Grundlage dieses Glaubens zu werden. Das zweite war Stuart Hacketts The Resurrection of Theism, das mich mit dem Nachweis überwältigte, dass es doch überzeugende, stichhaltige Argumente für die Existenz Gottes gab. Hacketts Buch war jedoch ein Teil eines unvollständigen Projekts, und führte zu einer Art Deismus statt zum christlichen Theismus. Doch dann lernte ich christliche Belege auf populärwissenschaftlicher Ebene kennen, vor allem für die Auferstehung Jesu, die beispielsweise von Josh McDowell in Evidence that Demands a Verdict zusammengetragen wurden.Mir wurde klar, dass es möglich war, stichhaltige, überzeugende positive Argumente für die Wahrheit des christlichen Theismus vorzubringen.

Glaube und Zweifel – Der Unterschied zwischen dem Wissen und dem Nachweisen, dass das Christentum wahr ist

Dennoch konnte ich nicht die Ansicht teilen, dass Argumente und Belege das essentielle Fundament für den Glauben bilden, denn die Früchte davon sind mir am Wheaton College schmerzhaft bewusst geworden. Ich schob das Thema auf, als ich während meines Studiums am theologischen Seminar und meiner Promotion anderen Fragen nachging, doch 1977 kam es wieder hoch, als ich von Campus für Christus eingeladen wurde, für Universitätsstudenten in München eine Vorlesungsreihe über Apologetik zu halten. Meine erste Vorlesung sollte von Glaube und Vernunft handeln, und als ich mir im Vorfeld über dieses Thema Gedanken machte, fand ich ein Schema, das sich mir als sehr hilfreich dabei erwies, die Beziehung zwischen Glaube und Verstand besser zu verstehen – nämlich den Unterschied zwischen dem Wissen, dass das Christentum wahr ist, und dem Nachweisen, dass das Christentum wahr ist. Es war sehr befriedigend für mich, dass das, was ich grob und oberflächlich verstanden hatte, von den damals aktuellen Werken von Religionsepistemologen, vor allem Alvin Plantinga, bestätigt wurde.

Ich behaupte, dass Argumente und Belege eine essentielle Rolle dabei spielen, nachzuweisen, dass das Christentum wahr ist, aber nur eine kontingente und zweitrangige Rolle dabei, dass wir persönlich wissen, dass das Christentum wahr ist. Der eigentliche Grund dafür, dass wir wissen, dass das Christentum wahr ist, ist das innere Wirken des Heiligen Geistes, und wenn wir nachweisen, dass das Christentum wahr ist, ist es seine Rolle, die Herzen der Ungläubigen zu öffnen und den von uns angeführten Gründen zuzustimmen und darauf zu reagieren. Wenn Sie daran interessiert sind, zu sehen, wie ich das entwickle, lesen Sie meinen Beitrag zu Steve Cowans Buch Five Views on Apologetics (Zondervan, 2000). Oder noch besser: Lesen Sie Plantingas inspirierendes Buch Warranted Christian Belief (Oxford University Press, 2003)[2].

Ich habe dies sowohl intellektuell als auch praktisch für eine befriedigende Erklärung der Sache empfunden. Wenn ich nun an meine Zeit am Wheaton College zurückdenke, sehe ich, wie sehr unsere Gemeinschaft mit dem theologischen Rationalismus infiziert war und wie verdreht mein Konzept davon war, was es bedeutet, ein „richtiger Intellektueller“ zu sein. Es war das Zeugnis von Christi Geist in mir, was mir die fundamentale Sicherheit gab, dass mein Glaube wahr ist; und meine Weigerung, dies angesichts potenzieller Gegengründe aufzugeben, war kein sacrificium intellectus, sondern völlig im Einklang mit den Offenbarungen des Verstandes.

Wenn dieser Ansatz korrekt ist, dann hat er unglaublich wichtige praktische Implikationen im Kampf zwischen Glaube und Zweifel. Eines der negativsten Probleme am theologischen Rationalismus ist, dass er dem geistlichen Leben schadet. Er führt genau zu der Art von Schmerz, die Sie beschreiben, wo der Glaube bei jeder neuen Ausgabe von The Philosophical Review oder jedem Spatenstich des Archäologen neu auf der Kippe ist. Gott bietet ein sichereres Fundament für unseren Glauben als wackelige Belege und Argumente. Er hat uns das innere Zeugnis des Heilligen Geistes als die richtige Grundlage für unser Wissen gegeben, dass die großen Wahrheiten des Evangeliums wahr sind.

Glaube und Zweifel – die Notwendigkeit, Gott als lebende Realität im Leben zu haben

Das impliziert, dass wir zunächst unsere eigene geistliche Entstehung genau betrachten. Zuallererst müssen Sie sich sicher sein, dass Sie wiedergeborener Christ sind. Wenn Sie durch den Heiligen Geist nicht neu geboren sind, dann fehlt Ihnen sein Zeugnis in Ihnen, und Sie können nur auf diejenigen Argumente und Belege zurückgreifen, auf die Sie in Ihrer begrenzten Zeit und Ihrem begrenzten Wissen stoßen. Wenn das der Fall ist, ist es kein Wunder, dass Sie Zweifel und Ungewissheit verspüren!

Vor ein paar Jahren, als ich an der Talbot School of Theology einen zweiwöchigen Kurs abhielt, kam ein Mann aus der Bay Area bei San Francisco, der gerade seine Familie in San Diego besuchte, vorbei, um mit mir über die Zweifel zu sprechen, die ihm zu schaffen machten. Im Verlauf des Gesprächs bekam ich das Gefühl, dass er noch nicht zu einer persönlichen Beziehung mit dem Herrn gekommen war. Also fragte ich ihn: „Würden Sie sagen, dass Ihr Glaube an Gott nur eine intellektuelle Überzeugung ist, die auf Ihrer Einschätzung der Belege basiert, oder würden Sie sagen, dass Gott eine lebende Realität in Ihrem Leben ist?“ Als er sagte, es sei Ersteres, fragte ich ihn: „Haben Sie jemals Ihr Leben Christus hingegeben und ihn eingeladen, Ihr Retter und Herr zu sein?“ Als er entgegnete, dass er das nicht getan hatte, fragte ich ihn: „Nun, möchten Sie es jetzt tun?“ Er sagte Ja, und so beugten wir unsere Köpfe im Gebet, und er betete mit mir und bat Jesus, in sein Leben zu kommen. Nach unserem Gebet war er so dankbar; es war genau der Schritt, den er machen musste.

Wenn Sie nie von Neuem geboren wurden, dann bitte ich Sie dringlichst, zu Gott zu kommen, Buße für Ihre Sünden zu tun, und ihm zu sagen, dass Sie glauben, dass er seinen Sohn gesandt hat, damit dieser für Ihre Sünde sterbe und die Beziehung zum Vater wiederherstelle, für die Sie geschaffen wurden, und den Heiligen Geist einzuladen, zu kommen und Sie geistlich zum Leben zu erwecken.

Glaube und Zweifel – die Notwendigkeit, christliche Tugenden zu entwickeln

Doch vielleicht sind Sie bereits ein wiedergeborener Christ. Dann müssen Sie das Wirken des Heiligen Geistes in Ihrem Leben kultivieren. Sie können den Heiligen Geist durch Sünde betrüben und seine Führung und Macht verhindern, indem Sie ihm nicht das komplette Kommando über Ihr Leben überlassen. Bekennen Sie Sünde, sobald Sie sich ihrer bewusst sind, und erlauben Sie dem Heiligen Geist, sie zu bevollmächtigen und zu führen. Machen Sie regelmäßig Stille Zeit: Beten Sie regelmäßig alleine und studieren Sie die Bibel. Bringen Sie Ihre Zweifel vor Gott und bitten Sie ihn um Gnade, damit Sie durchhalten können. Entwickeln Sie die christlichen Tugenden in Ihrem Leben, und dann können Sie die Verheißung in 2. Petrus 1,5-11 in Anspruch nehmen: „Wenn ihr diese Dinge tut, werde ihr nie zu Fall kommen.“ Stellen Sie sicher, dass Sie an gemeinsamer biblisch fundierter Anbetung in einer Ortsgemeinde teilnehmen. Einzelgänger-Christen halten meistens nicht durch, und auch eine kleine Gruppe ist kein Ersatz für die Gemeinde, die der lokale Leib Christi ist, welcher großzügig mit allen seinen Gaben ausgestattet ist. Setzen Sie Ihre eigene Geistesgabe im Kontext einer Ortsgemeinde ein, sodass Sie anderen dienen. Ich setze hierbei voraus, dass Sie nach Ihrer Bekehrung getauft wurden und seitdem regelmäßig das Abendmahl feiern. Nehmen Sie sich vor, Ihren Glauben Ungläubigen weiterzugeben, trotz Ihrer Zweifel (sie werden Ihre Transparenz und Verwundbarkeit wahrscheinlich respektieren!). Nichts wird Ihr Glaubensleben mit mehr Begeisterung erfüllen, als zu sehen, wie Gott Sie verwendet, einen Menschen zum rettenden Glauben an ihn zu führen. Seien Sie auf der Hut vor Satans Verführungen. Verlieren Sie nie die Tatsache aus den Augen, dass Sie sich ein einem geistlichen Krieg befinden und dass es einen Feind Ihrer Seele gibt, der Sie zutiefst hasst und dessen Ziel Ihre Vernichtung ist und der vor nichts zurückschrecken wird, um sie zu vernichten. Und das bringt mich zu der Frage: Warum lesen Sie überhaupt diese Websites von Ungläubigen, wo Sie doch wissen, wie destruktiv sie für Ihren Glauben sind? Diese Websites sind buchstäblich "pornographisch" ("böse Schriften") und sollten daher im Allgemeinen gemieden werden. Klar muss sie jemand lesen und widerlegen; aber warum müssen Sie das sein? Lassen Sie das jemand anderen tun, der damit umgehen kann. Vergessen Sie nicht: Zweifel sind nicht einfach eine Sache akademischer Debatten oder neutraler objektiver Diskussionen; es spielt dabei auch der Kampf um Ihre Seele eine Rolle, und wenn Satan Zweifel verwenden kann, um Sie lahmzulegen oder zu vernichten, wird er das tun.

Ich bin überzeugt davon und denke, dass die Zeugnisse derjenigen, die ihren Glauben verloren haben und abgefallen sind, aufzeigen, dass moralische und geistliche Fehltritte, und nicht Zweifel, die Hauptursache dafür sind, dass sie es nicht geschafft haben, durchzuhalten. Doch intellektuelle Zweifel werden zu gelegenen und selbstschmeichelnden Ausreden für geistliches Versagen, weil wir uns selbst dabei als solch intelligente Personen darstellen und nicht als moralische und geistliche Versager. Ich glaube, der Schlüssel zum siegreichen christlichen Leben liegt nicht darin, alle Fragen beantwortet zu haben – was in einem endlichen Leben vermutlich unmöglich ist –, sondern zu lernen, mit unbeantworteten Fragen erfolgreich zu leben. Der Schlüssel liegt darin, zu verhindern, dass unbeantwortete Fragen zu destruktiven Zweifeln werden. Ich glaube, das ist möglich, indem man nicht die eigentliche Grundlage für unser Wissen, dass das Christentum wahr ist, außer Augen lässt, und indem man das Wirken des Heiligen Geistes in seinem Leben kultiviert.

Glaube und Zweifel – mit unbeantworteten Fragen umgehen

Die Sache ist die: Das Geheimnis hinter dem Umgang mit Zweifeln im Glaubensleben ist nicht, alle Zweifel aufzulösen. Man wird immer unbeantwortete Fragen haben. Das Geheimnis liegt darin, mit den unbeantworteten Fragen siegreich zu leben. Dadurch, dass wir verstehen, was das wahre Fundament unseres Glaubens ist, und indem wir den Argumenten und Belegen die richtige Rolle zuteilen, können wir verhindern, dass unbeantwortete Fragen zu destruktiven Zweifeln werden. In einem solchen Fall werden wir zwar nicht die Antworten auf alle Fragen haben, doch in einem tieferen Sinn wird das keine Rolle spielen. Denn wir werden aufgrund des Zeugnisses des Geistes wissen, dass unser Glaube wahr ist, und wir können selbstbewusst leben, obwohl wir Fragen haben, die wir nicht beantworten können. Deswegen ist es so wichtig, die richtige Beziehung zwischen Glaube und Verstand nicht zu vergessen.

Ich würde Sie zuletzt aber auch ermutigen, Ihren Zweifeln wirklich auf den Grund zu gehen. Ich habe gesagt, dass das Geheimnis hinter dem Umgang mit Zweifeln im Leben das ist, dass wir lernen, mit ungelösten Fragen siegreich zu leben. Jeder denkende Christ wird eine „Fragensack“ voller Schwierigkeiten haben, mit denen er zu leben lernen muss. Doch von Zeit zu Zeit, wenn sich die Gelegenheit bietet, ist es gut, den Sack aus dem Regal zu nehmen, eine der Fragen auszusuchen und sich an deren Beantwortung zu machen. Ja, ich kann sagen, dass es eine der aufregendsten Erfahrungen des Christenlebens ist, an einer ungelösten Frage zu arbeiten und sich solange damit auseinanderzusetzen, bis man eine intellektuell befriedigende Antwort gefunden hat. Einen Zweifel aufzulösen, der einem eine ganze Zeit lang zu schaffen gemacht hat, bringt ein wunderbares Gefühl des intellektuellen Friedens und löst Zuversicht in Bezug darauf aus, dass es auch für die übrigen Schwierigkeiten im Fragensack eine Lösung gibt.

Wenn Sie einen Zweifel oder eine Frage zu einem bestimmten Thema haben, nehmen Sie sich gesondert Zeit, um dieses spezifische Thema zu studieren, indem Sie Bücher und Artikel dazu lesen. Bibliotheken und christliche Schulen können besonders hilfreich dabei sein – wenn es welche gibt, wo Sie leben. Auch öffentliche Bibliotheken können über den Leihdienst mit anderen Bibliotheken das bestellen, was Sie brauchen. Finden Sie heraus, was christliche Gelehrte in dem Bereich geschrieben haben, den Sie untersuchen, und schreiben Sie sie an – oder besuchen Sie sie, wenn möglich, um die Frage zu besprechen. Suchen Sie nach den Gliedern am Leib Christi, die das Thema studiert haben, und reden Sie mit ihnen. So werden die Glieder am Leib sich gegenseitig helfen, sich aufzuerbauen. Doch lassen Sie Ihre Zweifel nicht einfach in Ruhe: Gehen Sie ihnen nach, bis Sie sie in die Knie zwingen.

Ich kann Ihre Frage, ob Ihre Zweifel plötzlich aufhören werden, nicht beantworten. Das ist von Mensch zu Mensch wahrscheinlich unterschiedlich. Doch ich glaube nicht, dass dies das Wichtigste ist. Wirklich wichtig ist, dass Sie lernen, mit unbeantworteten Fragen zu leben, ohne zuzulassen, dass sie zu destruktiven Zweifeln werden. Das ist, glaube ich, durch Gottes Gnade möglich.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /faith-and-doubt



[1] Die dritte Auflage ist mittlerweile erschienen: William Lane Craig: Reasonable Faith. Christian Truth and Apologetics, Wheaton/Il 2008: Crossway (3. Auflage).

[2] In deutscher Übersetzung erschienen unter dem Titel Alvin Plantinga: Gewährleisteter Christlicher Glaube (de Gruyter 2015).

- William Lane Craig