#27 Ist Gott der Vater kausal vor dem Sohn?
November 10, 2016Sie haben geschrieben: „Eine gute Art und Weise, Gottes Priorität vor der Schöpfung auszudrücken, ist, zu sagen, dass Gott kausal, aber nicht temporal vor dem Anfang des Universums ist.“ (Q & A 24: „Die Schöpfung und die Zeit“)
Und J.P. Moreland schreibt in seinem Buch Scaling the Secular City (auf S. 41): „Vor dem ersten Ereignis – wobei "vor" "ontologisch vor" bedeutet, nicht "temporal vor" – gab es keine Zeit, keinen Raum noch irgendeine Art Veränderung.“
1) Was ist der Unterschied zwischen den Aussagen, dass Gott kausal vor, ontologisch vor oder temporal vor dem Universum ist? Können Sie sie jeweils definieren? Sind „kausal vor“ und „ontologisch vor“ Synonyme?
2) Ist die Aussage „Gott ist kausal vor dem Universum“ das gleiche wie „Gott ist die Ursache des Universums“? Oder ist es möglich, dass Gott die Ursache des Universums, aber nicht kausal vor dem Universum ist? Wenn ja, wie?
3) Wie würden Sie Judas 25 interpretieren? „Dem alleinigen Gott, unserem Retter durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Gewalt und Macht vor aller Zeit und jetzt in alle Ewigkeiten! Amen.“ Was ist hier mit „vor aller Zeit“ gemeint? Ist es möglich, „vor aller Zeit“ zu sagen, ohne eine Zeit „vor aller Zeit“ zu implizieren? Wenn ja, wie?
4) Und wie würden Sie das Bekenntnis von Nicäa interpretieren („... aus dem Vater geboren vor aller Zeit ...“)?
5) Zumindest einige der alten Kirchenväter haben wohl geglaubt, dass der Vater in der Dreieinigkeit die Quelle/Ursache des Sohnes ist. So schreibt zum Beispiel Johannes von Damaskus in seinem Werk Eine Genaue Darlegung des rechten Glaubens, Band I, Kapitel 8, „Über die Heilige Dreieinigkeit“:
„Und damit meinen wir, dass der Sohn aus dem Vater geboren ist und nicht der Vater aus dem Sohn, und dass der Vater natürlich die Ursache des Sohnes ist: genauso wie wir nicht sagen, dass Feuer aus Licht hervorgeht, sondern Licht aus Feuer. Wann immer wir sodann hören, dass der Vater der Ursprung des Sohnes und größer als der Sohn ist, lasst uns es im Hinblick auf die Verursachung verstehen. Und genauso wie wir nicht sagen, dass Feuer von einem Wesen ist und Licht von einem anderen, können wir nicht sagen, dass der Vater von einem Wesen ist und der Sohn von einem anderen: sondern beide sind von ein und demselben Wesen.“
Und Augustinus schreibt in seiner Predigt über das Bekenntnis an die Katechumenaten:
„Stellt euch das Feuer als Vater vor, sein Schein als Sohn; seht, wir haben die Zeitgenossen gefunden. Von dem Moment an, in dem das Feuer anfängt zu sein, gebiert es den Schein: weder Feuer vor Schein, noch Schein nach Feuer. Und wenn wir fragen: Was gebiert was? Das Feuer den Schein oder der Schein das Feuer? Sofort nehmt ihr mit dem natürlichen Sinne wahr, mit dem angeborenen Verstand eures Geistes ruft ihr: Das Feuer den Schein, nicht der Schein das Feuer. Siehe, hier habt ihr einen Vater, der beginnt; siehe gleichzeitig einen Sohn, der weder davor noch danach kommt. Siehe, hier ist also ein Vater, der beginnt; siehe, ein Sohn, der zur selben Zeit beginnt. Wenn ich euch einen Vater gezeigt habe, der beginnt, und einen Sohn, der zur selben Zeit beginnt, glaubt, dass der Vater nicht beginnt und mit ihm auch der Sohn nicht; der eine ewig, der andere ebenso.“
Wie würden Sie die Ansicht von Johannes von Damaskus und von Augustinus über die Dreieinigkeit, laut der der Vater die Quelle/Ursache des Sohnes ist, also beschreiben?
a) Der Vater ist kausal vor dem Sohn. Warum/warum nicht?
b) Der Vater ist ontologisch vor dem Sohn. Warum/warum nicht?
c) Wie würden Sie die Ansichten von Johannes von Damaskus und Augustinus über die Dreieinigkeit beschreiben, nach denen der Vater die Quelle/die Ursache des Sohnes ist?
Paul
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Dr. craig’s response
A [
Was für eine interessante Frage! Ich behandele die einzelnen Fragen nacheinander.
1. Kausale Priorität hat mit der sogenannten kausalen Ausrichtung zu tun. Das heißt, wenn A und B kausal als Ursache und Wirkung verbunden sind, ist A dann die Ursache von B oder B die Ursache von A? Temporale Priorität hat damit zu tun, ob A früher als B ist. Beachten Sie dabei, dass die Frage der kausalen Priorität auch dann noch Sinn macht, wenn A und B zur selben Zeit existieren oder geschehen, sodass es auf keiner Seite eine temporale Priorität gegenüber der anderen gibt. Um eine Illustration von Kant zu verwenden: Eine schwere Kugel auf einem Kissen ist die Ursache für die Mulde im Kissen, auch wenn der Ball schon ewig auf dem Kissen liegt. Manche Philosophen, die glauben, dass die Zukunft so real ist wie die Vergangenheit oder die Gegenwart, sind der Meinung, dass es Fälle geben kann, in denen kausale Priorität sogar in die entgegengesetzte Richtung der temporalen Priorität laufen kann: Zuerst tritt die Wirkung auf, und dann kommt die Ursache, sodass B temporal vor A ist, obwohl A kausal vor B ist. Ontologische Priorität heißt, dass die Existenz eines Wesens die Existenz eines anderen Wesens voraussetzt. Ich denke, in diesem Kontext läuft es auf dasselbe hinaus wie kausale Priorität. (In einem anderen Kontext könnte man beispielsweise sagen, dass eine Substanz oder ein Ding ontologisch vor den Eigenschaften ist.)
2. Dass Gott kausal vor dem Universum ist, heißt, dass Gott die Ursache des Universums ist.
3. Ich liebe Judas 25! Dieser Vers suggeriert im Prinzip die Ansicht der Ewigkeit Gottes, die ich auch vertrete, nämlich die, dass Gott ohne die Schöpfung zeitlos und seit dem Anfang der Zeit, also der Schöpfung, für immer in der Zeit existiert. Es wird dabei eine Redewendung gebraucht, um den Zustand, in dem Gott ohne das Universum existiert, als „vor“ der Zeit zu beschreiben. Ein Philosoph wird das als eine alltagssprachliche Ausdrucksweise der Vorstellung verstehen, dass die Zeit einen Anfang hatte, während Gott keinen hatte.
4. Der Gedanke im Bekenntnis von Nicäa, dass der Sohn ewig vom Vater geboren wird, ist ein Überrest der frühzeitlichen Logos-Christologie der ersten griechischen Apologeten wie Justin der Märtyrer, Tatian und Athenagoras. Ich habe diese Entwicklung in meinem Kapitel über die Dreieinigkeit in Philosophical Foundations for a Christian Worldview (IVP: 2003) diskutiert, wovon es auf dieser Website unter „Wissenschaftliche Artikel: Christliche Lehren“ auch eine ausführlichere Fassung[1] gibt.
Die griechischen Apologeten suchten, die Lehre der Dreieinigkeit mit der Behauptung zu erklären, dass Gott der Vater, alleine ohne die Welt existierend, in sich selbst sein Wort oder Verstand (Griechisch: Logos) oder seine Weisheit hatte (vgl. Sprüche 8,22-31), das/die irgendwie aus ihm hervorging, wie ein gesprochenes Wort aus dem Kopf eines Sprechers, und ein anderes Individuum wurde, das die Welt schuf und letztendlich als Jesus Christus Mensch wurde. Der Zeitpunkt der Prozession des Logos vom Vater wurde unterschiedlich aufgefasst: entweder im Moment der Schöpfung oder ewig. Auch der Heilige Geist wurde so verstanden, dass er aus dem Gedanken des Vaters hervorging. So beschreibt es Athenagoras:
"Der Sohn Gottes ist das Wort des Vaters als vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft; denn nach ihm und durch ihn ist alles gemacht; Vater und Sohn sind eins. Da der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist durch die Einheit und Kraft des Geistes, so ist der Sohn Gottes der Gedanke und das Wort des Vaters ... Er ist dem Vater das Erst-Erzeugte, nicht als ob er geworden wäre; denn von jeher hatte Gott als ewiger Gedanke selbst das Wort in sich, da er nie ohne das Wort ist; sondern der Sohn ist hervorgegangen, um für alles Körperliche (...) vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft zu sein (...) Indes ist nach unserer Lehre auch der Heilige Geist (. . .) ein Ausfluss Gottes, ausfließend und zurückkehrend wie ein Sonnenstrahl." (Eine Bittschrift für die Christen, Kapitel 10)
Laut dieser Lehre gibt es also einen Gott, aber er ist keine undifferenzierte Einheit. Vielmehr werden bestimmte Aspekte seiner Gedanken als verschiedene Individuen ausgedrückt.
Die Logos-Lehre der Apologeten beinhaltet eine fundamentale Reinterpretation der Vaterschaft Gottes: Gott ist nicht nur der Vater der Menschheit oder vor allem von Jesus von Nazareth. Er ist der Vater, von dem der Logos vor allen Wörtern geboren wird. Christus ist nicht nur wegen seiner Inkarnation der eingeborene Sohn Gottes; er ist auch in seiner prä-inkarnierten Göttlichkeit vom Vater geboren. Diese Ansicht wird im Bekenntnis von Nizäa als rechte Lehre verankert.
5. Protestanten messen alle Lehraussagen, sogar konzilische Bekenntnisse, an der Schrift. In diesem Fall muss man ehrlich sagen, dass nichts in der Schrift unsere Meinung rechtfertigt, dass Gott der Sohn von Gott dem Vater in seiner göttlichen, und nicht nur seiner menschlichen Natur vom Vater geboren ist. Die große Mehrheit der modernen Neutestamentler erkennt an, dass die biblischen Bezüge auf Christus als „eingeboren“ (monogenes) (Joh 1,1.14.18; vgl. Offb 9,13) keine Vor-Schöpfung oder ewige Prozession des göttlichen Sohnes vom Vater erwägen, sondern damit zu tun haben, dass der historische Jesus Gottes besonderer Sohn ist (Mt 1,21-23; Lk 1,1-35; Joh 1,14.34; Gal 4,4; Heb 1,5-6), auch wenn das Wort monogenes in familiären Kontexten eine Herkunftskonnotation hat und somit nicht nur „einzigartig“ bedeutet, wie viele Gelehrte behaupten. In 1Jo 5,18 wird Jesus schon als ho gennetheis ek tou theou bezeichnet (der aus Gott Geborene), was der entscheidende Ausdruck ist, doch wird nicht gesagt, dass dieses Gebären ewig ist oder mit seiner göttlichen Natur zu tun hat. Christi Status als der Eingeborene hat nämlich weniger mit der Trinität als mit der Inkarnation zu tun. Dieses frühzeitliche Verständnis von Christi Geborensein ist noch in Ignatius' Beschreibung von Christus als „ein Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, (. . .) sowohl aus Maria als aus Gott“ offensichtlich (Epheser 7). Hier ist nicht die Rede davon, dass Christus in seiner göttlichen Natur geboren ist. Ja, die Übertragung der Sohnschaft Christi von Jesus von Nazareth auf das prä-inkarnierte Logos hat dazu beigetragen, dass der historische Jesus für den christlichen Glauben an Wert verliert.
Theologisch gesehen, kann die Lehre von der Erzeugung des Logos aus dem Vater trotz Versicherungen, dass das Gegenteil der Fall ist, den Status des Sohnes nur verringern, weil dieser zu einer vom Vater abhängigen Wirkung wird. Selbst wenn diese ewige Prozession notwendigerweise und ohne den Willen des Vaters geschieht, ist der Sohn weniger als der Vater, weil allein der Vater in sich selbst existiert, während der Sohn durch jemand anderes existiert. In einem solchen derivativen Sein existieren auch erschaffene Dinge. Trotz gegenteiliger Proteste scheint die nizänische Orthodoxie den Geist des Subordinationismus, der von den griechischen Apologeten in die Christologie eingeführt wurde, nicht vollends ausgetrieben zu haben.
Aus diesen Gründen tendieren evangelikale Theologen bisher dazu, die Lehre der ewigen Erzeugung des Sohnes aus dem Vater gütig zu vernachlässigen. Falls wir uns dazu entscheiden, aus unserer Lehre der Dreieinigkeit die ewige Erzeugung und Prozession des Sohnes und Geistes aus dem Vater herauszuschmeißen, wie sollen wir dann die intra-trinitären Beziehungen auffassen? Hier finde ich es hilfreich, zwischen der ontologischen und der ökonomischen Trinität zu unterscheiden. Die ontologische Trinität ist die Trinität, wie sie für sich ohne Gottes Beziehung zur Welt existiert. Die ökonomische Trinität bezieht sich auf die verschiedenen Rollen, die die Personen der Trinität in Bezug auf die Welt und vor allem im Heilsplan spielen. In dieser ökonomischen Trinität herrscht Unterordnung einer Person einer anderen gegenüber, da der inkarnierte Sohn den Willen des Vaters tut und der Heilige Geist nicht aus sich selbst heraus, sondern im Namen des Sohnes spricht. Die ökonomische Trinität spiegelt keine ontologischen Unterschiede zwischen den Personen wieder, sondern ist ein Ausdruck der liebenden Erniedrigung Gottes um unserer Errettung willen. Der Fehler der Logos-Christologie liegt darin, dass sie die ökonomische Dreieinigkeit mit der ontologischen Dreieinigkeit zusammenfasst und somit die Unterordnung in das Wesen der Dreieinigkeit selbst hineinbringt.
Ich sehe Gott den Vater somit weder als ontologisch noch als kausal vor Gott dem Sohn an und betrachte die Ansichten von Augustinus und Johannes von Damaskus als außer-biblisch und unglücklich.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /is-god-the-father-causally-prior-to-the-son
[1] Vgl. /a-formulation-and-defense-of-the-doctrine-of-the-trinity
- William Lane Craig
