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bird bird

#80 J. Brian Pitts über das kalam-kosmologische Argument

January 10, 2017
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

derzeit untersuche ich im Rahmen meines Studiums das kalam-kosmologische Argument. Ein kürzlich erschienenes Paper, das ich mir angesehen habe (und das mir, ehrlich gesagt, Probleme bereitet) ist Pitts, J. Brian (2007), Why the Big Bang Singularity does not Help the Kalam Cosmological Argument for Theism[1] (http://philsci-archive.pitt.edu/archive/00003496/[2]), das Sie anscheinend auch gelesen haben (?). Pitts macht dort auf einige technische Dinge aufmerksam, die Sie in Ihrer Literatur, die ich bisher gelesen habe, nicht ansprechen:

1. In Ihren Argumenten gegen aktuale Unendlichkeit scheinen Sie davon auszugehen, dass das Konzept der Größe vom Kardinalitätsbegriff völlig erfasst wird. Pitts behauptet allerdings, dass „man die Möglichkeit aktualer Unendlichkeit, wie Hilberts Hotel, akzeptieren und dennoch gleichzeitig abstreiten kann, dass die Kardinalität den Begriff der Größengleichheit erschöpft“, und führt Belege dafür an, dass die moderne Physik „implizit verneint“, dass sie das tut (S. 10). Wenn dem so ist, macht das dann nicht einen Großteil Ihres Diskurses über die Absurdität aktualer Unendlichkeit überflüssig?

2. In Bezug auf Ihre Berufung auf die moderne Kosmologie hält Pitts Ihnen auch vor, ein Kriterium für einen Anfang anzubieten, das „für die Bach-Weyl-Theorie bedeutungslos“ und „begrifflich unklar für Skalar-Tensor-Theorien“ ist. Er scheint darauf zu bestehen, dass die relevante Frage die ist, ob die temporale Folge einen ersten Moment / einen Anfangspunkt (im topologischen Sinn eines Anfangs) hatte, und dass Sie nicht die Freiheit haben, willkürlich die temporalen Folgen in gleiche Längen zu schneiden, das erste Segment zu nehmen und es als „Anfang“ zu bezeichnen. Sie übersehen hier anscheinend ein technisches Problem mit der Metrik.

Pitts wirft noch weitere eher technische Fragen auf, aber ich wäre schon sehr dankbar, wenn Sie Ihre Gedanken zu diesen Fragen kundtun könnten. Selbstverständlich wäre auch jede weitere Anmerkung zum Paper höchst interessant.

Danke für Ihre Zeit.

Anon.

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Ja, Brian hat mir das Paper vor ein paar Jahren in einer Vorabversion gezeigt, und seitdem warte ich darauf, dass der Artikel in gedruckter Form erscheint, bevor ich darauf antworte. Es ist schön zu sehen, dass dem kalam-Argument in einer solch renommierten Fachzeitschrift wie dem British Journal for the Philosophy of Science Aufmerksamkeit geschenkt wird. James Sinclair und ich werden zusammen eine Antwort verfassen und einreichen.

Ich glaube, Sie haben den Hauptpunkt von Pitts' Kritik verfehlt. Das passiert aber auch leicht, wo das Paper doch so lang und ausschweifend ist. Entfernt man einmal die Ausschmückungen und das eher belanglose Material, sind Pitts' zentrale Aussagen bekannte Kritikpunkte, die nur wenig Neues bieten. Lassen Sie mich also gleich zur Sache kommen und einige zusätzliche Kommentare für später aufheben.

Pitts Antwort auf die im Titel seines Artikels indirekt gestellte Frage „Warum die Urknall-Singularität das kalam-kosmologische Argument für den Theismus nicht unterstützt“ ist eine zweifache: (1) Wenn die Raumzeit singulär ist, gibt es keinen ersten Moment, was eine Voraussetzung dafür ist, dass das Universum zu existieren beginnt. (2) Es ist wahrscheinlich, dass noch unentdeckte Theorien ergeben werden, dass die Raumzeit nicht singulär ist.

Auf (1) bin ich schon öfters eingegangen. Pitt behauptet, dass es keinen ersten Moment der Existenz des Universums gibt, wie es auch keinen kleinsten Teil gibt, weil die kosmologische Anfangssingularität höchstens ein Grenzpunkt der Raumzeit ist, und kein Teil der Raumzeit. Also könne man nicht sagen, dass die Zeit zu existieren begonnen hat, auch wenn die Zeit endlich ist.

Der Trugschluss dieses Einwands liegt in Pitts' Annahme, dass etwas, das zu existieren beginnt, einen Anfangspunkt hat. Warum sollte man das meinen? Es ist plausibel, dass die Zeit, wie Quentin Smith argumentiert, dann und nur dann zu existieren beginnt, wenn es nur eine endliche Anzahl von gleichen Intervallen vor einem willkürlich designierten, endlichen Nicht-Null-Zeitintervall gibt; oder die Zeit beginnt dann und nur dann zu existieren, wenn es vor einem endlichen temporalen Nicht-Null-Intervall kein gleiches Intervall gibt („On the Beginning of Time“, Noûs 19 [1985]: 579-84). Vor dem Hintergrund dieser intuitiv plausiblen Charakterisierung dessen, was es bedeutet, dass die Zeit zu existieren beginnt, kann Pitts' Argument hier als guter Grund zur Schlussfolgerung genommen werden, dass Pitts' Annahme falsch ist.

Beachten Sie zudem, dass Pitts' Annahme uns an die Realität von Punkten binden würde. Doch ob Raum und Zeit wirklich aus einer aktual unendlichen Menge von Punkten zusammengesetzt und nicht als solche in allgemeiner Relativität modelliert sind, ist sicherlich eine Frage, die durch Argumente und Belege geklärt werden muss und nicht nur, wie bei Pitts, einfach angenommen werden kann.

Außerdem unterminiert Pitts' eigenes Cosmic Destroyer-Argument (S. 15-16 in seinem Artikel) seine Annahme. Denn wenn einen Anfangspunkt haben von zu existieren beginnen impliziert wird, dann wird einen Endpunkt haben folglich von zu existieren aufhören impliziert. Doch Pitts bekräftigt, dass alles, was in ein schwarzes Loch fällt, aufhören wird zu existieren, auch wenn es keinen Endpunkt seiner Existenz hat (da eine Endsingularität ebenfalls nur ein Grenzpunkt der Raumzeit und kein Teil der Raumzeit ist). Wenn das Universum also im Big Crunch zu existieren aufhört, verlangt die Parität, dass es im Urknall zu existieren begann!

Wir brauchen also ein gutes Argument von Pitts, warum er denkt, dass die Endlichkeit der vergangenen Zeit – die er ja zugibt – nicht als Grund dafür ausreichen soll, dass die Zeit zu existieren begonnen hat. Hier hat mich seine Antwort wirklich überrascht. Er führte den Grund an, dass das Kriterium, das ich für den Beginn der Existenz der Zeit angegeben habe, nicht metaphysisch notwendig ist! Es gebe mögliche Welten, die von verschiedenen Naturgesetzen bestimmt würden, wie die Beispiele, die Sie zitierten, und in diesen Welten könne man unmöglich ausmachen, ob zwei separate temporale Intervalle dieselbe Dauer haben oder nicht. In diesen Welten würde mein Kriterium also nicht gelten.

Dieses Argument ist ziemlich abwegig, da das Kriterium überhaupt nicht metaphysisch notwendig sein muss und ich das auch nie beabsichtigt habe. Was zählt, ist, dass es in der aktualen Welt gilt. Und Pitts gibt ja zu, dass es das tut (zumindest wenn die Raumzeit eine anfängliche Singularität hat). Er schreibt: „Wenn die wahre Geschichte der realen Welt von einer solchen Singularität gekennzeichnet ist, dann ist das Alter der Welt metrisch endlich“ (S. 10). Hier läuft man schnell Gefahr, ihn misszuverstehen. Diese ganzen Sachen über Bach-Weyl- und Skalar-Tensor-Theorien haben mit anderen möglichen Welten zu tun, die von diesen Theorien bestimmt werden, und nicht von der aktualen Welt. Doch in der aktualen Welt können wir temporale Intervalle im Hinblick auf ihre Länge vergleichen. (Eine Kritik der Behauptungen des sogenannten metrischen Konventionalismus finden Sie in meinem Buch Time and the Metaphysics of Relativity, Philosophical Studies Series 84 [Dordrecht: Kluwer Academic Publishers, 2001], Kap. 2.) Mein Kriterium dafür, dass die Zeit und das Universum einen Anfang haben, passt also wunderbar.

Zu guter Letzt noch ein Punkt, den ich relativ amüsant finde: Dadurch, dass Pitts darauf besteht, dass einen Anfangspunkt haben von zu existieren beginnen impliziert wird, landet er direkt in den antiken griechischen Paradoxa der Bewegung bzgl. Anhalten und Starten. Denker der Antike wie Parmenides waren der Auffassung, dass es einem Objekt O unmöglich ist, sich zu bewegen, wenn es zu einer Zeit t ruht. Denn zu jeder Zeit t? > t, wenn O zu t? in Bewegung ist, dann gibt es eine frühere Zeit t* < t?, zu der O bereits in Bewegung ist. Somit kann nichts jemals anfangen, sich zu bewegen! Wenn wir von der Kontinuität der Zeit und des Raums ausgehen, ist die Lösung des Rätsels die, dass O anfangen kann, sich zu bewegen, ohne dass es einen Anfangspunkt seiner Bewegung gibt. Pitts' Forderung des ersten Momentes würde uns die absurde Schlussfolgerung aufzwingen, dass nichts jemals begonnen hat, sich zu bewegen. Wenn wir aber zulassen, dass einen Anfangspunkt der Bewegung haben nicht von anfangen, sich zu bewegen impliziert wird, dann sollten wir im Allgemeinen auch nicht verlangen, dass das Universum einen Anfangspunkt seiner Existenz haben muss, wenn es anfängt zu existieren. So viel zu Pitts' erstem Einwand!

Der zweite Grund, aus dem die Urknall-Singularität für das kalam-kosmologische Argument nicht hilfreich sein soll, ist, dass es sehr wahrscheinlich sei, dass „die Singularität vermutlich ersetzt werden wird durch irgendeine Art gut definierte Quantengravitation, die sich ad infinitum in die Vergangenheit extrapolieren lässt“ (S. 10). Sein Argument ist also, dass die Urknall-Singularität nicht hilfreich ist, weil es keine Urknall-Singularität gab!

Das Problem mit diesem Argument ist, dass es für das kalam-kosmologische Argument schlichtweg irrelevant ist, ob der Anfang des Universums singulär war oder nicht. So gesehen basiert Brians ganzes Projekt in diesem Artikel auf einem Missverständnis. Denn er setzt das kalam-kosmologische Argument offensichtlich mit dem von ihm „das Singularitätsargument für den Theismus“ genannten Argument gleich (S. 2). Dabei unterliegt das einem Irrtum, da das kalam-kosmologische Argument ganz einfach an die Prämisse gebunden ist, dass das Universum zu existieren begann.

Die wirklich wichtige Frage ist der letzte Teil des oben zitierten Satzes: Ob diese Quanten-Gravitations-Modelle sich „ad infinitum in die Vergangenheit extrapolieren lassen“. Es geht hierbei darum, ob die Vergangenheit unendlich ist oder nicht, und nicht darum, ob der Anfang des Universums mit einer Singularität zu tun hatte oder nicht.

Die Anfangssingularität loszuwerden, ist sogar ausgesprochen schwierig. Ja, das Borde-Guth-Vilenkin-Theorem aus dem Jahr 2003 zeigt, dass ein Universum, das durchschnittlich gesehen durch seine Geschichte hindurch in einem kosmischen Zustand der Expansion gewesen ist, eine Grenze in der Vergangenheit haben muss, unabhängig davon, welche Quantentheorie der Gravitation verwendet wird, um das Anfangssegment zu beschreiben (siehe Frage der Woche # 48, im Archiv)[3].

Doch in jedem Fall gehören zu brauchbaren nicht-singulären Modellen (wie Stephen Hawkings Modell), wie ich schon an anderer Stelle gesagt habe, immer noch eine endliche Vergangenheit und somit auch ein Anfang der Zeit und des Universums. Im bald erscheinenden Blackwell Companion to Natural Theology[4] begutachtet Jim Sinclair das Spektrum aktueller Nicht-Standardmodelle und zeigt, dass von keinem eine unendliche Vergangenheit erfolgreich abgeleitet werden kann. Was also die Belege der modernen Kosmologie angeht, haben wir gute Gründe, zu bekräftigen, dass das Universum zu existieren begann.

Mit der Aussage der Quantenkosmologie nicht zufrieden, geht Pitts so weit, die Rechte ungeborener, ja ungezeugter Hypothesen als Grundlage für den Skeptizismus bezüglich des Universumsanfangs zu verfechten: „Zur relevanten Menge der Konkurrenten der Allgemeinen Relativitätstheorie gehört die Menge der Theorien, die mit der Allgemeinen Relativitätstheorie bezüglich aller bisherigen Experimente übereinstimmt, ob diese auf der Erde schon in Erwägung gezogen wurden oder nicht“ (S. 19). Das geht zu weit. Es ist eine Sache, guten Grund zur Annahme zu haben, dass eine Quantentheorie der Gravitation die Singularitäten der Allgemeinen Relativitätstheorie höchstwahrscheinlich auflösen wird, und eine ganz andere Sache, sich auf bislang komplett nichtexistente Raumzeit-Theorien zu berufen, die mit allen bisherigen experimentellen Belegen übereinstimmen, aber nicht-singulär sind. Eine solche Berufung auf Unwissenheit würde den Skeptizismus in Bezug auf alle naturwissenschaftlichen Theorien legitimieren. Alle naturwissenschaftlichen Theorien im Allgemeinen zu unterminieren, unterminiert in keiner Weise die Allgemeine Relativität im Speziellen.

Hier gibt es also nicht wirklich etwas, was Pitts' Behauptung unterstützt, die moderne Kosmologie trage wenig oder nichts dazu bei, die zweite Prämisse des kalam-kosmologischen Arguments, gemäß der das Universum zu existieren begann, zu rechtfertigen.

Was die philosophischen Argumente für den Anfang des Universums angeht, stellen Pitts' beiläufige Kommentare keine ernsthafte Kritik dar. Wenn Sie es noch einmal überprüfen, werden Sie sehen, dass er in dem Absatz nichts über “Belege aus der modernen Physik“ sagt. Sein Punkt über Kardinalität und Größe ist bloß eine beiläufige Anmerkung, die von keinerlei Bedeutung ist, bis er erklärt, welche andere Auffassung von Größe er vorschlägt und wie sie sich auf die Absurditäten von Hilberts Hotel auswirken würde, insbesondere auf die, zu denen Umkehrvorgänge wie Subtraktion gehören.

Eine letzte Sache noch: Die letzten Abschnitte von Pitts' Paper zeigen klar auf, dass sein Skeptizismus gegenüber dem Anfang des Universums genauso von einer Agenda getrieben ist wie die Ansichten dieser „mit Singularitäten um sich werfenden theistischen Apologeten“, die er kritisiert. Pitts' Paranoia in Bezug auf den Lückenfüller-Gott stimmen ihn so skeptisch, dass er lieber an die Existenz unbekannter Theorien glaubt, auf die man auf der Erde noch gar nicht gekommen ist, als zuzugeben, dass die besten Belege auf einen Anfang des Universums hinweisen. Pitts' theologische Verpflichtungen verdrehen also seine Bewertung der Belege.

Was das alles besonders unglücklich macht, ist, dass „das Singularitätsargument für den Theismus“ eine falsche Bezeichnung ist. Es gibt kein solches Argument. Pitts meint hier eigentlich ein vermeintliches „Singularitätsargument für den Anfang des Universums“. Stellenweise erkennt Pitts das an: „Die Wahrheit der zweiten Prämisse oder, besser gesagt, die Quelle der Rechtfertigung für die zweite Prämisse ist die zentrale Frage“ (S. 10; vgl. S. 1). Doch die Behauptung, dass das Universum zu existieren begann ist eine religiös neutrale Aussage, die in praktisch jedem Lehrbuch über Astronomie oder Astrophysik steht. Das ist äußerst wichtig, da es impliziert, dass Pitts' ganzes Gehabe über Lückenfüller-Gott-Argumentationen und die Rätselhaftigkeit der natürlichen Theologie für den Erfolg des Arguments schlichtweg irrelevant ist und in der Diskussion daher keine Rolle spielen sollte.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /j-brian-pitts-on-the-kalam-cosmological-argument

Anmerkungen

[1] Dt. „Warum die Urknall-Singularität das kalam-kosmologische Argument für den Theismus nicht unterstützt“ – Anm. d. Übers.

[2] Ein weiterer Link ist: http://philsci-archive.pitt.edu/3496/ (abgerufen am 20.12.2016). (Anm. d. Übers.)

[3] Deutsche Übersetzung: Frage #48, Die moderne Kosmologie und der Anfang des Universums, /german/qa48

[4] Craig, William Lane und J.P. Morleand (Hg.), The Blackwell Companion to Natural Theology, Oxford 2009: Wiley-Blackwell

- William Lane Craig