#34 Warum lässt Gott zu, dass das Leid anhält?
January 10, 2017Hallo Prof. Craig,
zunächst vielen Dank für all Ihr Wissen, und dass Sie dieses so entschlossen für den Herrn einsetzen. Für so viele Menschen ist es der Grund unermesslicher Ermutigung.
Ich höre mir gerade einen Ihrer Vorträge über das Übel und das Leid in Cambridge an. (Der Vortrag war in Cambridge, nicht unbedingt das Übel und das Leid.) Es gibt zwei Bibelabschnitte, die mir persönlich im Kampf mit dem Problem des Übels unheimlich geholfen haben, doch ich habe noch nie gehört, wie sie in einem Forum zu diesem Thema diskutiert wurden. Mich würden Ihre Gedanken zu beiden Texten interessieren.
In dem einen geht es meiner Meinung nach um die Frage: „Warum lässt Gott zu, dass das Übel und das Leid weitergeht?“ Und in dem anderen geht es um die überaus wichtige Frage: „Wie sollte man auf eine Erfahrung des Übels und des Leids reagieren?“ (Auch wenn man überzeugt ist, dass Gott die direkte Ursache ist!)
Der erste Text ist das Gleichnis vom Unkraut des Ackers aus Matthäus 13,24-30 / 36-43:
„Ein anderes Geheimnis legte er ihnen vor und sprach: Mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während aber die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging weg. Als aber die Saat aufsprosste und Frucht brachte, da erschien auch das Unkraut. Es kamen aber die Knechte des Hausherrn hinzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn Unkraut? Er aber sprach zu ihnen: Ein feindseliger Mensch hat dies getan. Die Knechte aber sagen zu ihm: Willst du denn, dass wir hingehen und es zusammenlesen? Er aber spricht: Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts gleichzeitig mit ihm den Weizen ausreißt. Lasst beides zusammenwachsen bis zur Ernte. Und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Lest zuerst das Unkraut zusammen, und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber sammelt in meine Scheune!“
Danach legte Jesus seinen Jüngern dieses Gleichnis aus.
„Dann entließ er die Volksmengen und kam in das Haus; und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut des Ackers! Er aber antwortete und sprach: Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen, der Acker aber ist die Welt; der gute Same aber sind die Söhne des Reiches, das Unkraut aber sind die Söhne des Bösen; der Feind aber, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte aber ist die Vollendung des Zeitalters, die Schnitter aber sind die Engel. Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es in der Vollendung des Zeitalters sein. Der Sohn des Menschen wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Fallstricke zusammenlesen und die, die Gesetzloses tun, und sie werden sie in den Feuerofen werfen; da wird das Weinen und Zähneknirschen sein. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre!“
Die kurze Antwort scheint mir also die zu sein, dass Gott das Übel und das Leid noch nicht bezwungen hat, weil er immer noch das Reich baut, und dieser Vorgang schließt das Übel und das Leid, das wir erfahren, nicht aus.
Der Abschnitt zur zweiten Frage ist aus Amos 4,6-11:
„Und so habe ich euch blanke Zähne gegeben in all euren Städten und Mangel an Brot in all euren Orten. Doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, spricht der HERR. Und auch ich habe euch den Regen vorenthalten, als noch drei Monate bis zur Ernte waren. Und ich habe auf die eine Stadt regnen lassen, und auf die andere Stadt ließ ich nicht regnen, das eine Feldstück wurde beregnet, und das andere, auf das es nicht regnete, verdorrte. Und zwei, drei Städte wankten zu einer Stadt hin, um Wasser zu trinken, und wurden nicht satt. Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, spricht der HERR. Ich habe euch mit Getreidebrand und mit Vergilben geschlagen. Ich habe eure Gärten und Weinberge vertrocknen lassen, und eure Feigen- und eure Olivenbäume fraß die Heuschrecke. Dennoch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, spricht der HERR. Ich schickte unter euch die Pest in der Art Ägyptens. Ich habe eure jungen Männer mit dem Schwert erschlagen, zusammen mit euren gefangenen Pferden, und ich ließ den Gestank eurer Heerlager aufsteigen, und zwar in eure Nase. Dennoch seid ihr nicht umgekehrt, spricht der HERR. Ich habe eine Umkehrung unter euch angerichtet wie die Umkehrung Gottes von Sodom und Gomorra. Und ihr wart wie ein Holzscheit, das aus dem Brand gerettet ist. Und doch seid ihr nicht zu mir umgekehrt, spricht der HERR.“
Puh! Das nenne ich mal liebevolle Strenge. Gott spielt keine Spielchen. Ich weiß, dass jemand wie Richard Dawkins auf so einen Abschnitt als Beispiel hinweisen würde, um die Ansicht zu rechtfertigen, dass der Gott der Bibel eine Art Monster sein muss, das, selbst wenn es real ist, keiner Verehrung würdig ist. Doch ich denke, er würde dabei tragischerweise denselben Fehler machen wie die Israeliten in diesem Abschnitt. Ironischerweise finde ich, dass dies ein unglaublich hoffnungsvolles Beispiel für die Liebe Gottes ist, die durch Disziplin ausgedrückt wird und durch eine klare Anweisung darüber, was jeder tun sollte, wenn er mit Nöten irgendeiner Art zu kämpfen hat, auch wenn wir sie nicht verstehen können oder überzeugt sind, dass Gott selbst die Ursache ist: zu ihm umkehren. Meiner Meinung nach tun viele leider genau das Gegenteil.
In jedem Fall kann aus beiden Abschnitten viel darüber in Erfahrung gebracht werden, wie sie das Problem des Übels und des Leids behandeln oder nicht behandeln. Wenn Sie die Zeit dazu haben und der Meinung sind, anderen Lesern könnte das weiterhelfen, würde ich sehr gerne Ihre Gedanken zu diesen Abschnitten hören.
Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank für alles, was Sie zur Verteidigung und zum Bau des Reiches beitragen.
Eric
<ul><li>Canada</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Dies sind in der Tat zum Denken anregende Abschnitte, die ich hier nicht so sehr wiedergebe, um sie zu kommentieren, sondern um sie unseren Lesern weiterzugeben, die dadurch vielleicht angeregt werden, biblisch über die Fragen nachzudenken, die Sie aufwerfen.
Ich stimme Ihrer Auffassung vom Gleichnis Jesu völlig zu. Wir können das Problem des Übels und des Leids nicht von den Zwecken trennen, die der Errichtung des Reiches Gottes dienen. Martyn Lloyd-Jones sagte ganz richtig:
„Der Schlüssel zur Geschichte der Welt ist das Reich Gottes. ... Von Anfang an . . . hat Gott daran gearbeitet, ein neues Reich in der Welt aufzurichten. Es ist sein eigenes Reich, und er ruft Menschen aus der Welt in dieses Reich, und alles, was in der Welt passiert, ist dabei relevant... . Andere Ereignisse sind wichtig, weil sie Auswirkungen auf dieses Ereignis haben. Die Probleme von heute sind nur in seinem Licht zu verstehen. . . .
Lassen wir uns also nicht aus dem Tritt bringen, wenn wir überraschende Ereignisse in dieser Welt sehen. Wir sollten uns vielmehr fragen: „Inwiefern ist dieses Ereignis für das Reich Gottes relevant? Oder wenn Ihnen persönlich merkwürdige Dinge passieren, beschweren Sie sich nicht, sondern sagen Sie: „Was lehrt Gott mich hierdurch?“. . .Wir brauchen uns nicht zu wundern und die Liebe oder Gerechtigkeit Gottes anzuzweifeln. . . . Wir sollten . . . jedes Ereignis im Lichte der großen, ewigen und herrlichen Absicht Gottes sehen (From Fear to Faith, S. 23-24).“
Es kann gut sein, dass natürliches und moralisches Übel zu den Mitteln gehören, die Gott verwendet, um Menschen freiwillig in sein Reich zu ziehen. Sehen Sie sich doch nur einmal ein Missionsbuch wie Gebet für die Welt von Patrick Johnstone an. Sie werden feststellen, dass das evangelikale Christentum genau in den Ländern am schnellsten wächst, die schlimmes Leid durchgemacht haben, während die Wachstumskurve im Westen, wo Menschen ein eher bequemes und auf Genuss ausgerichtetes Leben führen, beinahe flach ist.
Nehmen wir beispielsweise China. Das Wachstum der Gemeinde in China in den letzen Jahrzehnten ist einmalig in der Geschichte. Johnstone glaubt, dass der Kommunismus China sogar auf den Empfang des Christentums vorbereitet hat, indem er buddhistische und konfuzianische Denkweisen aus der Kultur entfernt hat. Man kann sich gut vorstellen, wie sich die Leute während der dunklen Mao-Zeit gefragt haben, warum Gott es zugelassen hat, dass das kommunistische Unkraut wächst und den Acker zerstört. Gott hatte langfristigere Absichten im Auge.
Die Geschichte der Menschheit ist ja seit jeher eine des Leides und des Kriegs. Sie ist aber auch eine Geschichte des Fortschreitens des Reiches Gottes. Ein Diagramm, das das U.S. Center for World Mission 1990 veröffentlicht hat, dokumentiert das Wachstum des evangelikalen Christentums über die Jahrhunderte hinweg, indem es die Anzahl von evangelikalen Christen pro Nicht-Christ in der Welt graphisch darstellt. (Hierbei werden in keiner Kategorie Menschen berücksichtigt, die nur nominelle Christen sind.) Im Jahr 100 kamen ca. 360 Nicht-Christen auf jeden evangelikalen Christen in der Welt. Im Jahr 1000 kamen weltweit nur noch 220 Nicht-Christen auf jeden Evangelikalen. Im Jahr 1900 kamen nur noch 27 Nicht-Christen auf einen evangelikalen Christen. Bis 1950 sank diese Zahl auf 21 Nicht-Christen pro evangelikalem Christen. Und – man glaubt es kaum – im Jahr 2000 kamen weltweit nur noch 7 Nicht-Christen auf jeden evangelikalen Gläubigen! Selbst wenn man alle nominellen Christen berücksichtigt, heißt das, dass nur ca. 9 Ungläubige auf jeden Gläubigen kommen.
Johnstone meint dazu: „Wir leben in der Zeit, in der mehr Menschen als jemals zuvor in das Reich Gottes aufgenommen werden.“ (S. 25) Es ist überhaupt nicht unwahrscheinlich, dass dieses erstaunliche Wachstum des Reiches Gottes zum Teil auf die Gegenwart natürlichen und moralischen Übels in der Welt zurückzuführen ist.
Wenn die Leute also fragen, „Warum entfernt Gott nicht einfach all das Leid aus der Welt?“, dann haben sie eigentlich keine Ahnung, worum sie hier bitten und was die Folgen davon sein könnten. Die brutale Ermordung eines unschuldigen Mannes oder der Leukämie-Tod eines Kindes könnte durch die Geschichte hindurch Nachwirkungen haben, sodass Gottes Grund dafür, es zuzulassen, vielleicht erst Jahrhunderte später oder vielleicht in einem anderen Land zutage tritt. Nur ein allwissendes Geistwesen könnte die Komplexität des Unterfangens begreifen, eine Welt mit freien Menschen in Richtung seiner vorgesehenen Ziele zu steuern. Denken Sie, um das nachzuvollziehen, doch bloß einmal an die unzähligen, unberechenbaren Begebenheiten, die bei einem einzigen historischen Ereignis, sagen wir dem Sieg der Alliierten am D-Day, eine Rolle spielen! Wir haben keinen Schimmer, wie viel Leid im Spiel sein könnte, damit Gott die Umstände und die freien Akteure für ein beabsichtigtes Ziel anordnen kann. Genauso wenig können wir erkennen, welche Gründe Gott dafür haben könnte, zuzulassen, dass sich eine leidvolle Situation in unserem Leben ereignet. Doch im Licht seiner Absichten mit seinem Königreich wird er gute Gründe haben.
Das Gleichnis erinnert mich auch an Leute, die fragen, warum Gott nicht einfach Abstand davon nimmt, die Menschen zu erschaffen, die ihn ablehnen, wenn er doch wusste, wer an ihn glauben würde und wer nicht. Jesus sagt: Beim Herausreißen des Unkrauts wird vielleicht auch der Weizen herausgerissen. Mit anderen Worten: Wenn Gott davon Abstand nehmen würde, die Menschen zu erschaffen, von denen er wusste, dass sie nicht glauben würden, dann hätten wir anstelle dieser Welt eine ganz neue mögliche Welt, und die Menschen, die in der aktualen Welt gerettet werden, sind in der neuen Welt vielleicht Ungläubige! Man kann die Menschen nicht einfach aus einer möglichen Welt herausnehmen, um etwas zu verbessern, denn so hat man es dann mit einer ganz anderen Welt zu tun, in der sich die Menschen vielleicht komplett anders verhalten als in der ersten Welt. (Die philosophisch gepolten Leser werden erkannt haben, dass ich hier von Gottes mittlerem Wissen spreche und von den Welten, deren Erschaffung für ihn machbar sind.)
Was den Abschnitt aus Amos angeht: Er erinnert uns eindrücklich daran, dass, wie C. S. Lewis sagt, Aslan kein zahmer Löwe ist. Die Leute sagen oft, dass Gott nicht Leid in unser Leben schickt, sondern dass er es nur zulässt. Der von Ihnen zitierte Abschnitt zerreißt diese Märchen in Stücke! Die Israeliten verstanden nicht, dass das Unglück, das über sie hereinkam, eigentlich ein Akt der Barmherzigkeit von Gottes Seite zu ihrem Besten war, doch ihre Unnachgiebigkeit ließ Gottes gute Absicht dahinter zerplatzen (vgl. Offb 16, 9.11.21). Der Schreiber des Hebräerbriefs im Neuen Testament erinnert uns daran, dass Gott jeden Sohn, den er annimmt, züchtigt. Auch wenn es schmerzhaft und nicht erfreulich ist, „züchtigt Gott uns zu unserem Besten, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (Heb 12,10).
Sie haben Recht mit der Aussage, dass Nicht-Christen, die nur das liebe Christkind gewohnt sind, diese Art der liebevollen Strenge nicht verstehen werden. Doch eigentlich ist es gar nicht so schwierig zu verstehen, wenn man berücksichtigt, dass jede endliche Menge an Leid es wert ist, ertragen zu werden, um ewige Freude zu erlangen und die ewige Verlorenheit zu vermeiden. Paulus schreibt: „Denn das schnell vorübergehende Leichte unserer Bedrängnis bewirkt uns ein über die Maßen überreiches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit, da wir nicht das Sichtbare anschauen, sondern das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig“ (2Kor 4,16-18). Paulus hatte verstanden, dass die endliche Länge seines Lebens im Vergleich zum ewigen Leben, das wir mit Gott verbringen werden, buchstäblich infinitesimal kurz ist. Je länger wir in der Ewigkeit sind, desto mehr schrumpfen die Leiden dieses Lebens im Vergleich dazu zu einem infinitesimalen Moment. Deswegen konnte Paulus die Leiden dieses Lebens als leicht und schnell vorübergehend bezeichnen. Er war nicht unsensibel in Bezug auf die Not derjenigen, die in diesem Leben schrecklich leiden – ganz im Gegenteil, er war ja einer von ihnen –, sondern er sah, dass diese Leiden schlichtweg von dem Meer der immerwährenden Freude und Herrlichkeit überwältigt würden, die Gott denen geben wird, die ihm vertrauen.
Unsere Reaktion in Zeiten des Leids sollte also, wie Sie sagten, die sein, dass wir uns Gott im Glauben und in der Abhängigkeit von seiner Kraft zuwenden, um durchzukommen. Wenn Gott uns Leiden durchmachen lässt, die unverdient, sinnlos und unnötig erscheinen, kann das Nachdenken über das Kreuz Christi und dessen unschuldiges Leiden um unseretwillen dazu beitragen, dass wir die Kraft und den Mut bekommen, das Kreuz zu tragen, das uns auferlegt worden ist.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /why-does-god-permit-suffering-to-continue
- William Lane Craig