#38 Molinismus und der freie Wille
January 10, 2017Sehr geehrter Herr Prof. Craig,
Meine Frage betrifft den Molinismus.
Der Molinismus besagt, dass eine Person freiwillig eine bestimmte Entscheidung in jeder Menge logisch möglicher Umstände, die in der realen Welt auftreten könnten, treffen wird.
Stimmt das?
Nehmen wir zwei Mengen logisch möglicher Umstände, die in der realen Welt hätten eintreten können, es aber nicht taten.
1) Ich setze mich am Sonntag, dem 30.12.2007, um 08:30 Uhr in einem Hotel an den Frühstückstisch, und der Kellner möchte wissen, ob ich Tee oder Kaffee trinken will, und ein allwissendes Wesen hat das unfehlbare Wissen, dass ich Tee nehmen werde.
2) Ich setze mich an am Sonntag, dem 30.12.2007 um 08:30 Uhr in einem Hotel an den Frühstückstisch, und der Kellner möchte wissen, ob ich Tee oder Kaffee trinken will, und ein allwissendes Wesen hat das unfehlbare Wissen, dass ich Kaffee nehmen werde.
Ich habe dazu vier Fragen:
i. Sind dies logisch mögliche, und verschiedene, Mengen von Umständen?
ii. Was sind in beiden Fällen meine Kontrafaktuale der Freiheit?
iii. Wie würde ich mich in den jeweiligen Mengen von Umständen freiwillig entscheiden?
iv. Wenn nun feststeht, wie ich mich in den jeweiligen Umständen entscheiden würde, ist dann nachgewiesen, dass der Molinismus wahr ist?
Steven
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Dr. craig’s response
A [
Molinismus und der freie Wille
Ihre Wiedergabe des Molinismus ist sehr zutreffend, Steven. Laut dem Molinismus weiß Gott logisch vor seinem Dekret, eine Welt zu erschaffen, was jede Person in einer komplett spezifizierten, Willensfreiheit zulassenden Menge von Umständen freiwillig tun würde, in die Gott sie stellen könnte. Wenn die Umstände nicht ausreichend spezifiziert sind, dann trifft es vielleicht nicht zu, dass Kontrafaktuale darüber, was eine Person in diesen Umständen tun würde, wahr sind; stattdessen haben wir vielleicht nur wahre Kontrafaktuale, die besagen, was er vielleicht tut.
Die Umstände, die Sie beschreiben, sind völlig unterspezifiziert, was einen zunächst dazu bringen könnte, zu denken, dass hier nur „vielleicht“-Kontrafaktuale angebracht wären. Doch die Lösung liegt darin, dass Sie als Teil der Umstände das Wissen eines allmächtigen, unfehlbaren Wesens über Ihre Entscheidung mit aufnehmen, was impliziert, dass Sie sich für eine spezifische Option entscheiden werden.
Zu Ihren Fragen über die Umstände, die Ihnen vorschweben:
(i) Sind dies logisch mögliche, und verschiedene, Mengen von Umständen?In einem gewissen Sinn schon, denn Sie beschreiben teilweise zwei mögliche Welten bis zur Zeit t Ihrer Entscheidung, von denen die eine das Vorauswissen (nicht das mittlere Wissen!) eines allwissenden, unfehlbaren Wesens darüber beinhaltet, dass Sie Kaffee nehmen werden, und die andere das Vorauswissen eines allwissenden, unfehlbaren Wesens darüber beinhaltet, dass Sie Tee nehmen werden. Andererseits: Wenn Molinisten von heute über die verschiedenen „Umstände“ sprechen, in denen eine Entscheidung getroffen wird, dann beziehen sie keine „mit der Zukunft infizierten“ Fakten, wie das Wissen eines allwissenden, unfehlbaren Wesens über die Zukunft, mit ein. Da derlei zukunftsinfizierte oder „weiche“ Fakten den freien Entscheidungen folgen und sich mit ihnen verändern, sind sie bei der Feststellung, welche freien Entscheidungen in bestimmten Umständen verfügbar sind, keine nützlichen Anhaltspunkte. In diesem technischen Sinn (und davon ausgehend, dass das Hotel und der Kellner usw. dieselben sind) haben Sie also keine verschiedenen „Umstände“ beschrieben. Sonst haben Sie am Ende ein sogenanntes „kollabierendes Kontrafaktual“, d. h. die Wahrheit des Dann-Satzes impliziert, dass der Wenn-Satz falsch ist, sodass er nicht wahr sein kann.
(ii) Was sind in beiden Fällen meine Kontrafaktuale der Freiheit? Es gibt unendlich viele freie Entscheidungen, die Sie in diesen Umständen treffen könnten, z. B., aufzustehen und wegzugehen, eine Cola zu bestellen, dem Kellner zu sagen, dass er abhauen soll usw. Wenn Sie eines davon täten, dann wäre das Wissen des allwissenden Wesens darüber, was Sie tun werden, natürlich anders gewesen. Weil das Wissen des allwissenden Wesens darüber, was Sie tun werden, ein weicher Fakt über die Vergangenheit ist, ist es von Ihrer freien Entscheidung nicht unabhängig. In solchen Fällen haben Sie die Macht, so zu handeln, dass ein vergangener Fakt anders gewesen wäre, als er ist, wenn Sie so handeln würden. Solche Fälle rechtfertigen die Verwendung gewisser sogenannter „Rückverfolgungs-Kontrafaktuale“ in dem Sinne, dass eine Tatsache vor t anders gewesen wäre, wenn Sie eine Handlung A zur Zeit t ausführen würden. Dieselbe Situation ergibt sich, wenn wir Gedankenexperimente mit Fällen der Zeitreise oder Rückwärtsverursachung machen.
(iii) Wie würde ich mich in den jeweiligen Mengen von Umständen freiwillig entscheiden?Sie haben die Katze schon aus dem Sack gelassen, was die Frage angeht, welche kontrafaktische Aussage in Bezug auf die jeweiligen Mengen von Umständen wahr ist, indem Sie uns gesagt haben, dass das allwissende, unfehlbare Wesen weiß, was Sie tun werden. Denn das ist logisch äquivalent zu der Wahrheit darüber, was Sie tun werden. Wenn es also wahr wäre, dass Sie Tee nehmen würden, dann würden Sie natürlich Tee nehmen, und wenn es wahr wäre, dass Sie Kaffee nehmen würden, dann würden Sie Kaffee nehmen. Keine Überraschungen.
(iv) Wenn nun feststeht, wie ich mich in den jeweiligen Umständen entscheiden würde, ist dann nachgewiesen, dass der Molinismus wahr ist?Offensichtlich nicht, denn der entscheidende Faktor für die Lehre des mittleren Wissens ist, wann Gott das Wissen von solchen wahren Kontrafaktualen hat: logisch vor seinem Schöpfungsdekret oder logisch danach? Alle Theologen haben traditionell darin übereingestimmt, dass Gott Wissen von solchen Kontrafaktualen hat; das besondere an Molinas Ansicht war seine Behauptung, dass Gott sie logisch vor seinem Dekret, die Welt zu schaffen, weiß, d. h., ihr Wahrheitswert ist unabhängig von seinem Willen. Um die Lehre vom mittleren Wissen zu beweisen, reicht es nicht aus, zu zeigen, dass es in allen Umständen wahre Kontrafaktuale über unsere Entscheidungen gibt, die Gott weiß; man muss auch aufzeigen, dass er sie weiß, bevor er die aktuale Welt auswählt.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /molinism-and-free-will
- William Lane Craig