#219 Glaubensüberzeugungen der Buddhisten - Buddhistische Argumente gegen Gott
January 10, 2017Sehr geehrter Prof. Craig,
seit einigen Jahren bin ich nun ein begeisterter Anhänger Ihrer Arbeit und wurde durch ihre Argumente, die den christlichen Theismus unterstützen, gründlich überzeugt. Ich habe miterlebt, wie Sie nahezu alle Argumente gegen den Theismus verteidigt haben, welcher der Verteidigung wert sind, und ich bin gespannt darauf zu sehen, wie Sie auf die untenstehenden Fragen antworten werden. Ich habe vor kurzem das folgende Buch zu Ende gelesen: „The Quantum and the Lotus“ von Matthieu Ricard & Trinh Xuan Thuan. Das Buch präsentiert eine Weltsicht und kosmologische Erklärungen, die auf dem Buddhismus und auf Parallelen mit der Wissenschaft gründen, die der Buddhismus aufzeigt. Im 4. Kapitel des Buches, das auf Seite 37 mit dem Titel „Auf der Suche nach dem großen Uhrmacher“ startet, liefern die Autoren ein – zumindest auf dem Papier – solides Argument, dass das Universum niemals einen Anfang hatte und immer existent war, nicht notwendigerweise als ein Universum im statischen Zustand, sondern als ein zyklisches Universum, das ins Dasein kommt und wieder stirbt, und dies immer und immer wieder in aller Ewigkeit wiederholt. In diesem Kapitel bieten die Autoren einige Schlüsselargumente gegen die Existenz GOTTES. Damit Sie auf einige Argumente genauer eingehen können, habe ich sie in Thesenform aufgeschrieben und zitiere direkt aus dem Buch.
1) Die Tatsache, dass unsere Existenz in jedem Teil des Universums eincodiert zu sein scheint, zeigt nur, wie kompatibel wir mit der materiellen Welt sind. Aber das bedeutet nicht, dass man behaupten kann, dies wäre so, weil eine Absicht hinter unserem Dasein hier stünde.
2) Die offensichtlich erstaunliche Feinabstimmung wird einfach durch die Tatsache erklärt, dass die physikalischen Konstanten und Bewusstsein schon immer in einem Universum, das keinen Anfang und kein Ende hat, koexistiert haben.
2.1) Die Bedingungen unseres gegenwärtigen Universums harmonisieren mit denjenigen des früheren und nachfolgenden, denn der Prozess der Kausalität ist ununterbrochen und hat eine Kompatibilität zwischen der Natur der Ursache und der des Effektes zur Folge.
2.2) Das Problem mit dem Anthropischen Prinzip oder jeglicher anderen teleologischen Theorie ist, dass es die Konstanten vor das Bewusstsein stellt und somit behauptet, dass die Konstanten nur existieren, damit sie Bewusstsein kreieren können. Das Anthropische Prinzip besagt im Kern, dass man zwei Hälften einer Walnuss aufliest und sagt: „Es ist unglaublich, es sieht so aus, als ob diese zwei Stücke so entworfen wurden, dass sie perfekt zusammenpassen“.
3) Aber wer ist dieser Schöpfer? Wo kam er her? Von einem Schöpfer der Schöpfer? Wenn nicht, dann muss er seine eigene Ursache gewesen sein. Ein Effekt oder ein Ergebnis kann nicht seine eigene Ursache sein.
4) Warum sollte nicht eine Kette von Ursachen in Zeit und Komplexität unendlich sein? Welches Naturgesetz widerspricht dem?
5) Gott muss entweder unveränderlich und somit unfähig sein, zu erschaffen, oder aber innerhalb der Zeit und somit nicht unveränderlich. Dies ist eine der Widersprüchlichkeiten, zu der die Vorstellung von einer primären Ursache führt.
5.1) Erstens, wenn es eine primäre Ursache gibt, dann sollte sie unveränderlich sein. Warum? Weil sie, per Definition, keinen anderen Grund hat als sie selbst. Somit hat sie keinen Grund, anders zu werden. Veränderung würde die Intervention eines anderen Grundes beinhalten, der nicht Teil der primären Ursache war.
5.2) Wie könnte eine unveränderliche Entität etwas erschaffen? Wenn es einen Schöpfungsakt gibt, ist dann der Schöpfer daran beteiligt oder nicht? Wenn er es nicht ist, warum sollte man ihn dann „Schöpfer“ nennen? Wenn er beteiligt ist, dann, da die Schöpfung unvermeidlich in Stadien verläuft, ist das Etwas oder Jemand, der an diesen Stadien beteiligt ist, nicht unveränderlich.
6) Wenn das Prinzip sich entschieden hat, zu erschaffen, dann müssen wir erkennen, dass es nicht allmächtig sein kann, denn es war von dem Wunsch beeinflusst, zu erschaffen. Wenn man dann andersherum argumentiert und sagt, dass das Prinzip sich nicht wirklich entschieden hat, zu erschaffen, dann muss man zugestehen, dass das Prinzip nicht allmächtig ist, denn es erschuf, ohne sich zu entscheiden zu erschaffen. Deshalb war es nicht frei zu erschaffen oder nicht zu erschaffen.
6.1) Dieses Prinzip kann auch nicht zeitlos oder unveränderlich sein, denn, wie wir gesehen haben, im Schöpfungsprozess wird es sich notwendigerweise selbst verändert haben. Es veränderte sich davon, den Wunsch zu haben zu erschaffen, zu dem Punkt hin, erschaffen zu haben, und deshalb würde es nicht länger auf dieselbe Weise den Wunsch haben, zu erschaffen. Schöpfung impliziert Wandel – es gibt einen kreativen Akt. Nachdem es erschaffen hat, wäre das Prinzip nicht dasselbe wie zuvor; vorher war es noch kein Schöpfer, nachher war es einer. Das Prinzip hat somit seine Unveränderlichkeit verloren.
Und die übrigen Argumente finden sich auf den Seiten 56 und 57 des Buches.
Ich bin sicher, dass Sie auf die obigen Argumente die Antworten und Erklärungen haben und ich bin sehr gespannt, sie zu hören. Bevor ich zum Schluss komme, entschuldige ich mich für die Länge der Frage, aber ich brauche wirklich Antworten. Viele in Sri Lanka und ich warten auf Ihre Antwort.
Danke,
Dinuka
Sri Lanka
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Dr. craig’s response
A [
Glaubensvorstellungen von Buddhisten
Ich freue mich, eine Frage aus Sri Lanka über buddhistische Kritik am Theismus zu erhalten. Aber ich muss gestehen, ich bin ziemlich besorgt durch die Tatsache, Dinuka, dass Sie sich als jemand beschreiben, der „nun schon seit ein paar Jahren begeisterter Anhänger [meiner] Arbeit ist“, der „durch meine Argumente, die den christlichen Theismus unterstützen, gründlich überzeugt wurde“ und „miterlebt hat, wie [ich] nahezu alle Argumente gegen Theismus verteidigt habe, welcher der Verteidigung wert ist“ – und doch fühlen Sie sich offenbar nicht in der Lage, diesen Einwänden zu begegnen! Da ich bereits die meisten dieser Einwände in meinen Veröffentlichungen beantwortet habe und Sie so viele Einwände erwähnen, werde ich sehr kurze Antworten geben und dazu Literaturhinweise, wo umfassendere Antworten gefunden werden können. (Falls diese Literatur Ihnen nicht zugänglich sein sollte, die meisten dieser Antworten befinden sich in meinem Buch Reasonable Faith, 3. Aufl. (Wheaton, Ill.: Crossway, 2008)).
Wenn ich einfach Ihre Zusammenfassungen als Grundlage nehme, dann würde ich sagen:
Zu 1.: Ich verstehe dies als einen Einwand gegen das Feinabstimmungsargument für einen kosmischen Designer. Die Frage ist jedoch die nach der besten Erklärung der Kompatibilität des Universums mit unserer Existenz. Design ist eine bessere Erklärung als physikalische Notwendigkeit oder Zufall. Siehe dazu Robin Collins, “The Teleological Argument: An Exploration of the Fine-Tuning of the Universe,” in The Blackwell Companion to Natural Theology, ed. Wm. L. Craig and J. P. Moreland (Oxford: Wiley-Blackwell, 2009), pp. 202-281.[1]
Glaubensüberzeugungen der Buddhisten – Die Probleme mit einem oszillierenden Modell des Universums
Zu 2. Sowohl das Bewusstsein als auch die physikalischen Konstanten lediglich zurück in eine vergangene Unendlichkeit auszudehnen, trägt überhaupt nichts dazu bei, ihre Existenz oder Harmonie zu erklären. In jedem Fall weist die Beweislage darauf hin, dass das Bewusstsein nicht immer im Universum existiert hat; noch weist unsere Erkenntnis darauf hin, dass das Universum ohne Anfang existierte, trotz zyklischer Modelle. Siehe dazu William Lane Craig und James Sinclair: “The Kalam Cosmological Argument,” in: The Blackwell Companion to Natural Theology, hrsg. von Wm. L. Craig und J. P. Moreland (Oxford 2009: Wiley-Blackwell), S. 101-201.
Zu 2.1.: Seltsamerweise wird diese Kontinuität von denjenigen geleugnet, die quantenphysikalische Übergänge zwischen Zyklen postulieren.
Zu 2.2.: Das anthropische Prinzip ist eigentlich eine Leugnung der Teleologie, nicht ein Ausdruck derselben! In jedem Fall stellt sich die Frage, warum es ein „Problem“ ist zu sagen, dass die Konstanten so entworfen wurden, dass Bewusstsein im Universum entstehen könnte? Ich begreife die Walnussanalogie in keiner Weise. Vermutlich ist die Frage im Falle der Walnuss unangebracht, weil die zwei Hälften nicht unabhängig voneinander sind, sondern einen gemeinsamen kausalen Ursprung haben. Aber im Falle der Feinabstimmung begreife ich nicht, was hier analog zu den zwei Walnusshälften sein soll. Die Konstanten und das Bewusstsein? Das ergibt keinen Sinn, da die Frage nicht lautet, warum wir Bewusstsein haben, das mit diesen Werten der Konstanten korreliert, sondern warum haben die Konstanten überhaupt erst lebensermöglichende Werte.
Glaubensüberzeugungen der Buddhisten – Die Natur Gottes
Zu 3.: Der Schöpfer ist ein persönlicher Schöpfer und Designer des Universums, ohne Anfang, ohne Ursache, nicht materiell, ohne Raum, ohne Zeit, außerordentlich mächtig, unbegreiflich intelligent. Er kam von nirgends her. Das bedeutet nicht, dass er selbst-verursacht ist, sondern dass er unverursacht ist (und, plausibler Weise, metaphysisch notwendig).
Zu 4.: Siehe meine philosophischen Argumente gegen einen unendlichen Regress von Ereignissen im eben erwähnten Artikel des Blackwell Companion. Das Naturgesetz, dem ein vergangenheits-ewiges Universum widerspricht, ist die Allgemeine Relativitätstheorie (Gravitation). Selbst eine Quantengravitationstheorie scheint den Anfang des Universums zu implizieren. Siehe wiederum den Artikel im Blackwell Companion.
Zu 5.: Das ist ein falsches Dilemma. Gott, der allein ohne das Universum existiert, kann unverwandelt, aber nicht unveränderlich sein. (Unveränderlichkeit ist die modale Eigenschaft eines Seins, das unfähig zur Veränderung ist; Unverändertheit ist eine reine de facto Eigenschaft). Er beginnt sich in dem Augenblick der Schöpfung zu verändern. Eine alternative Antwort wäre, dass Gott vor der Schöpfung unverwandelt in einer Art amorphen nicht-metrischen Zeit existiert, in der temporale Intervalle nicht voneinander unterschieden werden können. Siehe dazu mein Buch Time and Eternity: Exploring God’s Relationship to Time (Wheaton, Ill.: Crossway, 2001).
Zu 5.1: Ein unverursachtes Wesen kann einen Grund haben, sich zu verändern. Wenn es ein frei handelnder Agent ist, kann er sich frei verändern, ohne dass ihn etwas Äußeres dazu veranlasst. Das ist die Essenz des freien Willens.
Zu 5.2.: Ich stimme diesem Argument zu. Aber ich denke nicht, dass Gott unveränderlich ist. Er ist nur ohne die Schöpfung unverwandelt. Siehe wiederum mein Buch Time and Eternity.
Glaubensüberzeugungen der Buddhisten – Gott kann seinen freien Willen ausüben
Zu 6.: Gott hat sich frei entschieden, zu erschaffen. Bei jedem plausiblen Bezug auf Allmacht ist die Fähigkeit, nach seinen eigenen Wünschen zu handeln, kaum ein Merkmal für Unfähigkeit! Siehe Thomas P. Flint and Alfred J. Freddoso, “Maximal Power,” in The Existence and Nature of God, hrsg. von Alfred J. Freddoso (Notre Dame: University of Notre Dame Press, 1983), pp. 81-113.
Zu 6.1: Ich stimme zu, dass die Ursache des Universums nicht unveränderbar sein kann. Aber Zeitlosigkeit erfordert lediglich Unverändertheit, nicht Unveränderlichkeit. Gott ist essenziell ewig (d. h., permanent, ohne Anfang oder Ende), aber ob Er temporal oder atemporal ist, ist eine kontingente Eigenschaft Gottes, die davon abhängt, ob Er ein temporales Universum schafft oder nicht. Ich stimme dem völlig zu, dass Schöpfung ein Akt ist und dass in dem Augenblick der Schöpfung Gott in einer Beziehung steht, in der Er nie zuvor stand (deshalb gibt es kein „zuvor“!), nämlich, der Schöpfer des Universums zu sein. Er ist darum seit dem Augenblick der Schöpfung nicht unverändert. Für alle diese Punkte habe ich selbst Argumente publiziert, und sie sind völlig kompatibel mit biblischem Theismus. Keiner davon unterstützt eine pantheistische oder panpsychische Sicht der Realität, wie Ihre Autoren anzunehmen scheinen.
Link zum englischen Originalartikel: /beliefs-of-buddhists
(Übers.: B. Currlin)
[1] Eine etwas kürzere Version dieses Aufsatzes von Robin Collins findet sich auf seiner Webseite: http://home.messiah.edu/~rcollins/, der fünfte Artikel von oben ("The Teleological Argument: An Explorataion of the Fine-tuning of the Cosmos"). (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
