#85 Vier Fragen, die Kopfzerbrechen bereiten
January 10, 2017Sehr geehrter Herr Prof. Craig,
zunächst einmal vielen Dank für Ihren Dienst und dafür, dass Sie so viel Material kostenlos zur Verfügung stellen. Ich habe viel gelernt und bin gewachsen durch das Hören Ihrer Defenders und Reasonable Faith Podcasts, und auch durch die Blogs auf Ihrer Website.
Ich möchte Sie eigentlich nur ganz kurz auf einen Artikel aus den BBC-Nachrichten aufmerksam machen, den Sie vielleicht verpasst haben. Er heißt: „Vier philosophische Fragen, die Ihnen Kopfzerbrechen bereiten“. [http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/7739493.stm]. Ich lebe in London, beziehe von dieser Webseite also meistens die Nachrichten.
Die vier vermeintlich schwierigen oder unbeantwortbaren Fragen / Propositionen sind:
1. SOLLTEN WIR GESUNDE MENSCHEN WEGEN IHRER ORGANE TÖTEN?
2. SIE SIND NICHT DIE PERSON, DIE ANGEFANGEN HAT, DIESEN ARTIKEL ZU LESEN.
3. IST DAS WIRKLICH EIN COMPUTERBILDSCHIRM VOR IHNEN?
4. SIE HABEN SICH NICHT FREIWILLIG UND EIGENVERANTWORTLICH DAFÜR ENTSCHIEDEN, DIESEN ARTIKEL ZU LESEN.
Nun bin ich zwar kein Philosoph, doch ist es offensichtlich, dass einige dieser Fragen/Propositionen für den Naturalist eine größere Gefahr darstellen als für einen Christen.
1. Du sollst nicht töten!
2. Sie sind mehr als die Zellansammlung in Ihrem Körper, und das immaterielle Ich hat sich in seiner Substanz oder Essenz seit dem Lesen dieses Artikels nicht geändert. Das Gehirn ist tatsächlich eine Maschine, die ein geistliches Wesen bedienen kann, und dieses geistliche Wesen ist meine Seele bzw. mein Geist.
3. Ich kann akzeptieren, dass dies eine interessante Frage ist, weswegen, denke ich, auch in Hebräer 11,6 steht: „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen; denn wer zu Gott kommt, muss glauben, dass er ist, und dass er die belohnen wird, welche ihn suchen.“ Leben wir nicht alle durch Überzeugungen und Glauben? Naturalisten würden das nur ungern eingestehen ...
4. Warum nicht einfach Gott statt Fred?! Wie dem auch sei: Wir wissen, dass Gott uns geschaffen hat, damit wir ihn freiwillig lieben und ihm dienen, weswegen die allererste Geschichte in der Bibel auch von einem Paar handelt, das sich gegen Gott entschieden hat. Ich frage mich auch, was dieser Philosoph über den Ursprung des Universums zu sagen hätte.
Nun ja, ich dachte, Sie wollten vielleicht wissen, was momentan in der Presse in England passiert. Bin ich mit meinen Reaktionen zu simplistisch?
Ich persönlich freue mich immer wieder darüber, dass die christliche Weltanschauung ein Verständnis von der Welt vermittelt, das keine andere Weltanschauung bietet. Ehre sei Gott!
In Christus,
Phil
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Dr. craig’s response
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Ich habe den Artikel gegooglet, nachdem ich Ihre Frage gelesen habe, Phil. Zwar ist David Bains Hauptanliegen, wenn er diese Probleme mit der Öffentlichkeit teilt, ein gutes – nämlich aufzuzeigen, dass man diagnostizieren muss, wo ein Argument fehlerhaft ist, wenn man eine Schlussfolgerung ablehnt –, doch muss ich Ihnen zustimmen, dass die Rätsel, die er aufstellt, für den Naturalisten tatsächlich viel schwieriger zu lösen sind als für den christlichen Theisten. Wenn der christliche Theismus wahr ist, ist die Lösung in jedem Fall offensichtlicher als gemäß einer naturalistischen Weltanschauung.
Nehmen wir die erste Frage – die über moralisches Verhalten: Zwar kann der Naturalist erfolgreich Disanalogien zwischen dem Töten eines gesunden Menschen, um an seine Organe zu kommen, und den anderen Fällen, die Bain erwähnt, als vermeintliche Rechtfertigungen hervorheben, doch für den Naturalisten ist es schwieriger, die Annahmen zu rechtfertigen, dass Menschen überhaupt intrinsischen moralischen Wert haben und dass wir einander gegenüber überhaupt moralische Verpflichtungen haben. Das Foto von Sartre, das den Artikel begleitet, erinnert daran, dass es nach Sartres atheistischer Ansicht keine vorgegebenen Werte gibt: Wir sind bloß mit der nackten, wertelosen Tatsache der Existenz konfrontiert. Jeder von uns müsse daher seine eigenen Werte aussuchen. Es ist schwer zu verstehen, warum Sartre laut dem Naturalismus geirrt haben sollte. Was ist also falsch daran, gesunde Menschen zu töten, um an ihre Organe zu kommen? Natürlich konnte Sartre nicht mit den Implikationen seiner eigenen Verneinung moralischer Objektivität leben. In seinem Aufsatz „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“, den er nach dem Holocaust geschrieben hat, verurteilt Sartre den Antisemitismus, indem er erklärt, dass eine Doktrin, die zur Ausrottung führt, nicht einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks ist, und kämpft vergebens darum, sich dem Widerspruch zu entziehen, der zwischen seinem Verneinen göttlich vorgegebener Werte besteht und seinem dringenden Verlangen, den Wert des Menschen zu bekräftigen. Dieses Debakel tut nichts anderes, als die Unlebbarkeit des Atheismus aufzuzeigen.
Auch bei der zweiten Frage – der über das Fortdauern der persönlichen Identität über die Zeit hinweg– ist das Problem für den Naturalisten viel größer, der ja die Realität der Seele oder des Geistes bestreitet. Brains Frage kommt nur auf, wenn wir annehmen, dass ein Mensch ein materielles Objekt ist wie ein humanoider Körper oder ein Gehirn. Doch wenn es ein substantielles Ich gibt, das die mentalen Zustände hat, die Bain erwähnt, dann greift sein Rätsel nicht. Natürlich könnten sich neue Rätsel darüber ergeben, wie sich die Seele mit der Zeit in ihren kontingenten Eigenschaften intrinsisch verbessern kann. Interessanterweise wird die hier gestellte Frage wirklich pointiert, sobald man Theorien der Zeit ins Spiel bringt. Wenn Sie nämlich ein Verfechter der tempuslosen Zeit (der sogenannten B-Theorie) sind und die objektive Realität temporalen Werdens verneinen, dann scheinen Sie an die Schlussfolgerung gebunden zu sein, dass Sie nicht dieselbe Person sind, die anfing, diesen Artikel zu lesen, denn jenes Individuum ist bloß ein Segment eines vierdimensionalen Raumzeit-„Wurms“, eines Segments, das dem gegenwärtigen Segment nicht gleicht, weil sie verschiedene Eigenschaften haben. Tempuslose Zeittheoretiker haben also echte Probleme mit der Identität über die Zeit hinweg, die wir aber umgehen können, wenn wir mit den sogenannten A-Theoretikern sagen, dass die einzigen existierenden temporalen Dinge die sind, die gegenwärtig existieren. (Siehe mein Buch Time and Eternity für mehr zu diesem Thema.)
Die dritte Frage über die Wahrhaftigkeit unserer Sinne wurde von Alvin Plantinga in seinem Werk über berechtigterweise basale Überzeugungen zu Gunsten des Theismus angewandt. Dem Skeptizismus zum Trotz müssen Überzeugungen wie der Glaube an die Realität physischer Gegenstände als berechtigterweise basal angesehen werden, gegründet in Erfahrungen, aber nicht aus fundamentaleren Überzeugungen erschlossen. Doch dann möchte Plantinga wissen, warum der Glaube an Gott nicht auch berechtigterweise basal sein kann. Plantingas ganze religiöse Epistemologie, die in seiner Trilogie über "Warrant"[1] (dt. "Gewährleistung") erklärt wird, entspringt Versuchen, Bains Rätsel zu lösen. Zudem zeigt Plantingas evolutionäres Argument gegen den Naturalismus auf, dass der Naturalismus ein sich selbst bezwingendes Überzeugungssystem ist, denn dadurch, dass unser kognitives Vermögen zum Überleben selektiert ist, und nicht zum Herausfinden der Wahrheit, können wir nicht davon ausgehen, dass beispielsweise unsere Überzeugungen über die Realität physikalischer Objekte wahr sind, und letztendlich auch nicht davon, dass der Naturalismus selbst wahr ist. Im Gegensatz hierzu hat Gott laut dem Theismus unser kognitives Vermögen so geschaffen, dass es uns wahre Überzeugungen über die Welt liefert, wenn es richtig und in einer angemessenen Atmosphäre arbeitet.
Auch das vierte Problem behandelt Menschen, naturalistisch gesehen, wie rein materielle Objekte. Ihre Entscheidungen sind dementsprechend entweder kausal determiniert oder willkürliche Ereignisse. Ich muss auch hier sagen, dass es sehr schwer ist, zu verstehen, warum diese Schlussfolgerung gemäß einer materialistischen Anthropologie falsch sein sollte. Ironischerweise scheint dies aber auch eine Schlussfolgerung zu sein, die ein Naturalist niemals rational ziehen könnte. Denn wenn all unsere Entscheidungen kausal determiniert oder einfach willkürlich sind, dann kann auch die Entscheidung, an den Naturalismus zu glauben, nicht rationaler sein, als Zahnschmerzen zu haben oder als wenn einem Baum ein Körperteil wachsen würde. Der Determinismus scheint also rational nicht bestätigt werden zu können. Theisten glauben im Kontrast hierzu an die Realität immaterieller Akteure, in erster Linie an Gott selbst, aber auch an endliche Personen. Somit ist nicht alles auf der Basis naturwissenschaftlicher Gesetze und Anfangsbedingungen vorherzusehen. Beachten Sie, dass Gott nicht durch Fred aus Bains Illustration ersetzt werden kann, weil die Basis von Gottes Vorwissen nicht kausaler Determinismus ist, zumindest nicht, wenn Sie libertärer Theist sind.
Bain erwähnt den Theismus als eine der wichtigsten Fragen der Philosophie gar nicht. Seine Absicht ist es aber auch nicht, die wichtigsten Fragen zu untersuchen, sondern einige plausible Argumente für Schlussfolgerungen anzuführen, die sehr kontraintuitiv sind, und dann zu fragen, was schief gelaufen ist. Der Theismus ist eine ausgesprochen sinnvolle Überzeugung, die nicht den kontraintuitiven Charakter von Schlussfolgerungen hat wie beispielsweise meine Nicht-Identität mit der Person, die angefangen hat, diesen Artikel zu lesen. Mir gefällt, wie Bain T. S. Eliots[2] Zitat am Ende des Artikels verwendet. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass der Theismus eine große Hilfe bei den traditionellen Rätseln des philosophischen Denkens sein kann. Hier noch ein Zitat einer weiteren Figur der englischen Literatur, C. S. Lewis: „Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /four-questions-to-make-your-brain-hurt
[1] "Warrant" ist das, was zu "gerechtfertigter wahrer Überzeugung" hinzukommen muss, damit es sich dabei um Wissen handelt. Warrant geht also über "Rechtfertigung" und "Begründung" hinaus.
Die drei Bücher von Plantingas Trilogie über Warrant heißen:
1.) Plantinga, Alvin: Warrant: the Current Debate, Oxford 1993: Oxford University Press (eine Übersicht über die gegenwärtigen Hauptströmungen der Anglo-Amerikanischen Epistemologie, und worin die Mängel dieser Ansätze bestehen);
2.)Plantinga, Alvin: Warrant and Proper Function, Oxford 1993: Oxford University Press (eine Darstellung von Plantingas Sicht, nach der eine Überzeugung "Warrant" hat, wenn sie von einem kognitiven Mechanismus erzeugt wurde, der auf Wahrheit ausgerichtet ist, der angemessen funktioniert, und der in einer Umgebung zur Anwendung kommt, für die er gemacht wurde.)
3.) Plantinga, Alvin: Warranted Christian Belief. Oxford 2000: Oxford University Press; deutsch: Gewährleisteter Christlicher Glaube, de Gruyer 2015 (mit einer Begründung, dass der christliche Glaube gerechtfertigt ist und Wissen sein kann).
(Anm. d. Übers.)
[2] T.S. Eliot (1888-1965), bedeutender englischsprachiger Lyriker, Dramatiker, Kritiker; 1948 Literaturnobelpreis. (Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
