back
05 / 06
bird bird

#63 Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung

January 10, 2017
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ich hätte eine Frage zum Feinabstimmungsargument, insbesondere in Bezug auf die Werte bestimmter Konstanten. Ich studiere derzeit Physik, bin also mit vielen fundamentalen Konstanten des Universums vertraut, aber nicht unbedingt mit deren Ausmaß an „Abstimmung“.

Meine Frage lautet: Wie ist es möglich, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass eine Konstante so fein abgestimmt ist, dass sie zu einem lebensfreundlichen Universum führt?

Sagen wir beispielsweise, wir haben die Konstanten A, B und C. Und nehmen wir an, dass A gleich 4 sein muss, B gleich 6 und C gleich 2, damit ein lebensfreundliches Universum entsteht. Ich denke, wir könnten die Wahrscheinlichkeit, dass A gleich 4 ist, berechnen, wenn wir wüssten, dass A eine Zahl zwischen 1 und 10 sein muss. Doch wenn A zwischen 1 und 10 liegen muss (nennen wir diesen Bereich einfach "R" [für engl. range = Bereich, A.d.Ü]), dann muss dieser Bereich selbst feinabgestimmt sein.

Das heißt, R muss die Zahl 4 in ihrer Untermenge haben. Je kleiner der Wert R, desto unwahrscheinlicher ist es, dass R die Zahl 4 enthält. Je größer der Wert R, desto unwahrscheinlicher ist es, dass A gleich 4 sein wird. Zudem: Da R irgendeine Zahl von 0 bis Unendlich sein könnte, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass R die Vier enthält, eins zu Unendlich. Und das ist bekanntlich Null.

Wie Sie sicherlich wissen, reagieren viele Naturwissenschaftler auf das Feinabstimmungsargument, indem sie sich auf ein Multiversum berufen (was ironisch ist, weil dies eine nicht-naturwissenschaftliche Behauptung ist) und auf das Argument vom anthropischen Prinzip. Diese Naturwissenschaftler behaupten so beispielsweise Folgendes: In jedem Universum sind die Werte von A, B und C anders. Wenn es also bei jeder dieser drei Konstanten eine Chance von 1 zu 10 gibt, dass sie lebensfreundlich ausfällt, dann gibt es bei 1.000 Universen eine Wahrscheinlichkeit von 62,3 %, dass es in mindestens einem Universum Leben gibt.

Doch warum müssen A, B und C existieren? Heißt das nicht, dass es ÜBER dem Multiversum ein weiteres Gesetz geben muss, das besagt, dass jedes Universum innerhalb des Multiversums die Werte A, B und C haben muss und dass jeder Wert unterschiedlich sein muss? Steckt ein Fehler in meiner Argumentation? Wenn nicht, müsste das doch offensichtlicher sein.

Danke

Ken

<ul><li>- country not specified</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung

Ich denke, Ihre Intuitionen zu dieser Sache sind grundsätzlich korrekt, Ken. Ich würde Ihnen die Werke von Robin Collins empfehlen, dem vermutlich besten Denker bei diesen Fragen. Ich hänge eine Liste mit Referenzen an diese Antwort an. Um die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass eine Konstante so ausfällt, dass sie zu einem lebensfreundlichen Universum führt, müssen wir das Verhältnis zwischen dem Bereich lebensfreundlicher Werte und dem Bereich der Werte ausrechnen, die sie überhaupt haben könnte, ob lebensfreundlich oder nicht. Wir können den Bereich lebensfreundlicher Werte einschätzen, indem wir die Naturgesetze konstant halten und gleichzeitig den Wert der Konstante verändern, die in diesem Gesetz eine Rolle spielt. Wir können beispielsweise herausfinden, was passieren würde, wenn wir die Gravitationskraft erhöhen oder senken: Wir würden feststellen, dass Änderungen über einen bestimmten Bereich hinaus entweder dazu führen würden, dass sehr große Gegenstände auseinanderfallen würden oder in sich kollabieren würden. So bekommen wir eine Vorstellung von dem Wertbereich der Gravitationskraft, der mit physischen Lebensformen vereinbar ist.

Dann vergleichen wir diesen Bereich mit dem Wertbereich, den die Konstante hätte annehmen können. Das ist schon etwas schwieriger, aber eine einfache Faustregel besagt, den Bereich als das Maximum anzusehen, bis zu dem wir sehen können, dass solche Werte möglich sind. Es mag bei einer Konstante vielleicht Werte geben, die außerhalb unseres Horizontes liegen, doch solange der Bereich, den wir sehen können im Vergleich zum Bereich, der Leben ermöglicht, groß ist, ist es unwahrscheinlich, dass diese Konstante den Wert hat, den sie hat. Bei manchen Konstanten, wie der kosmologischen Konstante, ist der Bereich der Werte, die Leben ermöglichen, im Vergleich zu dem Wertbereich, den sie haben könnte, unfassbar winzig, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass die Konstanten den Wert haben, den sie eben haben, so gut wie unmöglich ist.

Der Bereich selbst ist nicht fein abgestimmt. Es ist vielmehr die individuelle Konstante, die fein abgestimmt ist, das heißt: Damit das Universum Leben ermöglicht, muss die Konstante in einen sehr engen lebensfreundlichen Bereich fallen – im Vergleich zu den Wertbereichen, die sie hätte annehmen können.

Die Wahrscheinlichkeit der Feinabstimmung – die Erschaffung mehrerer Universen erfordert Feinabstimmung

Sie haben Recht: Gegner der Design-Hypothese sehen sich beim Versuch, die Feinabstimmung wegzuerklären, dazu gezwungen, auf die außergewöhnliche Viele-Welten-Hypothese zurückzugreifen. Wenn es ein Welten-Ensemble an unendlich vielen Universen gibt, deren Konstanten und Anfangsbedingungen sich willkürlich und zufällig von einander unterscheiden, dann wird alleine durch Zufall ein lebensfreundliches Universum im Ensemble auftauchen; ja, es wird unendlich oft auftauchen.

Nun, dieser Rückgriff auf das Weltenensemble wird umsonst sein, wenn sich herausstellt, dass der Mechanismus, der das Weltenensemble generiert, selbst auch fein abgestimmt sein muss, denn dann hat man das Problem nur eine Ebene nach oben verschoben. Und in der Tat scheint das der Fall zu sein. Die heute beliebteste Version eines Weltenensembles, das Inflationsmultiversum, scheint Feinabstimmung sehr wohl zu erfordern. Die M-Theorie beispielsweise, die angeblich das Multiversum steuert, funktioniert nur, wenn es genau elf Dimensionen gibt – doch sie erklärt in keiner Weise, warum genau so viele Dimensionen existieren sollten.

Wenn also Ihr Lehrer oder Ihre Kommilitonen das Multiversum aus der Tasche ziehen, fragen Sie sie einfach: „Wird das Multiversum selbst nicht von bestimmten physikalischen Gesetzen beschrieben? Enthalten diese Gesetze selbst nicht Konstanten und Grenzbedingungen, die fein abgestimmt sein müssen, damit das Multiversum existieren kann?“ Sie werden interessante Antworten bekommen!

Zur weiterführenden Lektüre empfohlen:

Collins, Robin. (2002). „God, Design, and Fine-Tuning.“ In: God Matters: Readings in the Philosophy of Religion, Raymond Martin and Christopher Bernard (Hg.) New York: Longman Press.

Collins, Robin. (2003). „Evidence for Fine-tuning.“ In: God and Design: The Teleological Argument and Modern Science, Neil Manson (Hg), London: Routledge, S. 178-199.

Collins, Robin. (2005). „Hume, Fine-Tuning and the 'Who Designed God?' Objection”, in: In Defense of Natural Theology: A Post-Humean Assessment, James Sennett and Douglas Groothuis (Hg), S. 175-199.

Collins, Robin. (2005). „How to Rigorously Define Fine-tuning.“ Philosophia Christi 7 (Dezember 2005): 382-407.

Collins, Robin. (2007). „The Teleological Argument.“ In: Philosophy of Religion: Contemporary Issues, Paul Copan und Chad V. Meister (Hg.), Oxford: Wiley-Blackwell.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original English article: /probability-of-fine-tuning

- William Lane Craig