#28 Muss ein Atheist allwissend sein? Teil 2
November 10, 2016Ich habe gerade Ihre Antwort auf die Frage „Muss ein Atheist allwissend sein?“ gelesen. Zwar stimme ich mit einigen Ihrer Schlussfolgerungen überein, doch ergaben andere für mich wenig Sinn, und als Atheist mit einem Interesse an der Religion (als Beobachter natürlich) möchte ich ein paar anschließende Fragen stellen.
Zunächst einmal müssen wir zwischen starkem und schwachem Atheismus unterscheiden. Der starke Atheismus besagt, dass es keinen Gott gibt. Logisch gesehen, ist dieser Standpunkt, wie Sie auch anmerken, nicht tragbar. Der schwache Atheismus besagt jedoch, dass es unwahrscheinlich ist, dass Gott existiert, und es deshalb sinnlos ist, ihn zu verehren. Die Pascal'sche Wette sagt natürlich etwas anderes, berücksichtig aber schlichtweg nicht die riesige Vielfalt an verschiedenen Göttern und beweist somit letztendlich, dass der Atheismus vernünftiger ist.
Nun zur Beweislast. Als Vertreter des schwachen Atheismus behaupte ich, dass die Beweislast auf Ihrer Seite liegt, weil ich eine negative Aussage nicht beweisen kann. Praktischerweise führen Sie auch ein Beispiel dafür an: „Keine Mikrobe hat ein Gehirn.“ Sie haben natürlich Recht, aber sie können das nicht beweisen. Um das zu beweisen, müssten Sie jede Mikrobe aufsammeln und untersuchen. Und Sie wüssten nie, ob Sie nicht eine ausgelassen haben. In diesem Fall sind Sie der "Atheist" mit negativer Aussage. Als "Theist" in diesem Fall könnte ich Sie widerlegen, indem ich eine Mikrobe mit einem Gehirn finde und sie Ihnen zeige. Dass ich das nicht kann, schwächt meine Position und verleiht Ihnen mehr Glaubwürdigkeit.
Und genauso sagen Sie zudem, dass „kein US-Senator Muslim ist“, und stellen somit wieder eine negative Behauptung auf. Das einzige, was ich als „Theist“ in diesem Fall tun muss, ist einen einzigen US-Senator zu finden, der dem Islam angehört. Natürlich gibt es in diesem Fall aber keine, und dass stärkt Ihre Position und schwächt meine.
Lassen Sie mich nun die atheistische Position und Sie die theistische einnehmen. Ich behaupte, dass „es höchstwahrscheinlich keinen Gott gibt“, stelle also eine negative Behauptung auf. Um mich zu widerlegen und meine Position zu schwächen, müssen Sie nur einen Gott nachweisen. Irgendeinen Gott, es muss nicht der christliche sein. Thor oder Anubis würden völlig reichen.
Dadurch, dass es das Christentum im Speziellen (ich komme aus einem nominell christlichen Land, nämlich Großbritannien) und die Religion im Allgemeinen trotz meines ganzen Suchens nicht schaffen, mich zu widerlegen, wird deren Position geschwächt.
Wenn wir in der Schrift Beweise für Gott suchen, finde ich nur Barbarei, Widersprüche und richtige Fehler. In der Apologetik versucht man, diese mit dem Glauben zu vereinbaren, aber letztendlich gibt es einen einfacheren Weg, sie zu erklären. Die Bibel ist nicht göttlich inspiriert, Gott hat die Israeliten nicht geführt. Es passieren keine Wunder (es sei denn, man definiert Wunder als enorme Zufälle oder Glücksfälle), und es gibt keinen Gott. Das ist eine negative Aussage; sie müssen also nur Belege für das Gegenteil einer dieser Aussagen anführen, um sie zu widerlegen.
Viele Atheisten, und vor allem die meisten der Neuen Atheisten, sehen schlichtweg keinen Grund, an Gott zu glauben. Uns wurden Werkzeuge wie der Verstand, ein fragender Geist und eine gute Bildung an die Hand gegeben, und wir beurteilen die Religion, wie wir alles andere auch beurteilen. Sie ist einfach nicht überzeugend.
Nun also endlich zu meiner Frage. Als Atheist behaupte ich, dass Gott, und Ihr Gott im Speziellen, nicht existiert. Welchen Beweis, Beleg oder welches Argument können Sie anführen, um mich vom Gegenteil zu überzeugen?
Oliver
<ul><li>United Kingdom</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ich freue mich, dass Sie geschrieben haben, Oliver, und ich weiß die Absicht Ihres Schreibens zu schätzen. Lassen Sie uns gemeinsam hierüber nachdenken und schauen, ob wir einander nicht zumindest in Bezug auf das Grundlegende zustimmen können, bevor wir Argumente für und gegen die Existenz Gottes diskutieren. (Ich würde den Lesern vorschlagen, zuerst meine Antwort auf Annissas Frage „Muss ein Atheist allwissend sein?“ im Fragen-Archiv zu lesen.)
Gleich zu Anfang müssen wir über diese von Ihnen vorgenommene Unterscheidung zwischen starkem und schwachem Atheismus nachdenken. Ich behaupte, dass man hier zwar unterscheiden muss, Sie die Unterscheidungslinie allerdings falsch gezogen haben. Als Anschauung gibt es keinen starken oder schwachen Atheismus. Der Atheismus ist einfach die folgende Anschauung:
1. Es gibt keinen Gott.
Diese Behauptung ist entweder wahr oder falsch. Es gibt keine Grauzone. Wenn Sie nicht denken, dass (1) wahr ist, dann sind Sie per Definition kein Atheist.
Die Unterscheidung, die Sie machen wollen, kommt erst zum Zuge, wenn wir die Rechtfertigung für die in (1) zum Ausdruck gebrachte Anschauung betrachten. Manchmal behaupten Atheisten, dass sie sehr überzeugende Argumente dafür hätten, dass (1) wahr ist. Wir könnten dann sagen, dass sie einen starken Atheismus haben. Andere Atheisten würden sagen, dass Sie adäquate, aber keine entscheidenden Gründe zur Annahme haben, dass (1) wahr ist. Manche würden vielleicht sagen, dass sie wenig oder gar keine Gründe zur Annahme von (1) haben, sie aber trotzdem glauben, vielleicht aus emotionalen Gründen. All diese Standpunkte könnte man als schwachen Atheismus bezeichnen.
Bedenken Sie, dass es nicht (1) selbst ist, was stark oder schwach ist, denn alle Atheisten halten diese Aussagen für wahr; was stark oder schwach ist, ist die Argumentation, die sie für (1) anführen: Manche behaupten, die Belege für (1) sind überwältigend, während andere in ihrer Bewertung der Argumentation für (1) eher bescheiden sind. Was hier wichtig zu erkennen ist, dass die Stärke oder Schwäche nicht von der Behauptung abhängt, sondern von der Rechtfertigung, die für diese Behauptung angeführt wird.
Ich denke, hierüber sind wir uns einig. Was ich bisher gesagt habe, sollte nichts Kontroverses sein.
Stellt sich nun also die Frage, wie stark die Argumente für den Atheismus Ihrer Meinung nach sind. In meiner Antwort auf Annissas Frage habe ich meine Ratlosigkeit über die argumentative Strategie zum Ausdruck gebracht, die viele populäre Atheisten heute übernommen haben – man findet keine professionellen atheistischen Philosophen, die so argumentieren, was doch eine deutliche Sprache spricht –, nach der (1) als universelle, negative Aussage – erstens – nicht bewiesen werden kann und – zweitens – der Atheist daher von jeder Pflicht, eine Rechtfertigung für seinen Glauben an (1) anzuführen, befreit ist! Wie ich in meiner Antwort auf Annissas Frage gezeigt habe, ist die erste Behauptung nachweislich falsch. Es gibt viele Wege, eine universell quantifizierte, negative Aussage zu beweisen, z. B. indem man aufzeigt, dass das diskutierte Konzept einen logischen Widerspruch beinhaltet. Es haben schon viele Atheisten zu zeigen versucht, dass das Gotteskonzept logisch inkohärent ist („Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn nicht hochheben kann?“), woraus folgen sollte, dass Gott nicht existiert.
Ich denke, ein Großteil Ihrer Bedenken in Bezug auf meine Antwort ist darauf zurückzuführen, dass Sie das Wort „beweisen“ im Sinne eines mathematischen Beweises verstehen. Dieser Sinn von „beweisen“ ist nicht sonderlich interessant, denn in diesem starken Sinn können wir nur sehr wenig beweisen. Doch wir können Dinge in dem Sinn „beweisen“, wie er in der Naturwissenschaft oder vor Gericht gebraucht wird. Einige meiner Beispiele für das Rechtfertigen einer universellen, negativen Aussage waren Beweise in diesem bescheideneren Sinn (wobei man im Fall, dass man eine logische Inkohärenz aufzeigt, einen Beweis im mathematischen Sinne haben wird).
Nun, was die zweite Behauptung des Atheisten angeht, nach der er von jeder Rechtfertigung für seinen Glauben an (1) befreit ist: Das folgt nicht aus der Unbeweisbarkeit von (1). Wenn der Atheist (1) weiterhin ohne Rechtfertigung glaubt, dann tut er das im Glauben und ist genauso irrational wie Menschen, die einfach dem Theismus glauben. Können Sie sich sonst irgendeinen Forschungsbereich vorstellen, in dem jemand mit der Ausrede davonkommen will, dass er davon befreit ist, Belege für seinen Standpunkt anzuführen, weil er nicht rechtfertigbar ist? Wenn jemand keine Rechtfertigung für (1) hat, sollte er schlimmstenfalls ein Agnostiker sein, also jemand, der sagt: „Ich weiß nicht, ob (1) wahr ist oder nicht.“
Wenn Sie also als Vertreter des schwachen Atheismus behaupten, dass die Beweislast auf meiner Seite liegt, weil Sie eine negative Aussage nicht beweisen können, dann entziehen Sie sich Ihrer Beweislast. (1) ist ein Wissensanspruch und erfordert somit eine Rechtfertigung. Nun, ich denke, dass Sie als Vertreter des schwachen Atheismus bereit wären, irgendeine Art Argument als Rechtfertigung für (1) vorzubringen. Sie haben sicher einige gute Gründe, aber keine entscheidenden Gründe für (1). Das ist okay; ich würde sie gerne hören. Ich selbst vertrete das, was Sie einen „schwachen Theismus“ nennen würden: Ich kann keinen mathematischen Beweis für Gottes Existenz anführen, doch ich denke, dass die Belege für Gottes Existenz die Negierung von (1) wahrscheinlicher machen als ihre Affirmation.
Nun, wenn Sie (wie Richard Dawkins) behaupten, dass es „höchstwahrscheinlich keinen Gott gibt“, betrachte ich das als eine enorm starke Behauptung! Sie sagen damit, dass (1) „höchstwahrscheinlich stimmt“. Sie müssen eine außerordentlich starke Argumentation haben, um solche eine Behauptung zu rechtfertigen. Das ist wirklich ein sehr starker Atheismus, und ich würde gerne die Argumentation dafür hören. (Falls Sie denken, dass Dawkins diese Argumentation anführt, siehe die Frage „Richard Dawkins' Argument für den Atheismus“ im Fragen-Archiv.)
Sie haben Recht mit der Aussage, dass ich nur zeigen muss, dass Gott existiert, um nachzuweisen, dass Ihre Behauptung falsch ist. Doch wenn ich eine solche Argumentation nicht anführen kann, heißt das dann, dass Ihre Behauptung wahr ist? Offensichtlich nicht! Bis Sie Ihre Argumentation präsentieren, wird unser agnostischer Freund im Zweifel darüber bleiben, ob (1) wahr oder falsch ist. Philosophisch ausgebildete atheistische Denker erkennen dies an. Austin Dacey und Lewis Vaughan schreiben zum Beispiel:
"Was, wenn diese Argumente, die vorgeben, aufzuzeigen, dass Gott existiert, nicht erfolgreich sind? . . . Müssen wir dann daraus schließen, dass Gott nicht existiert? Nein. Das Fehlen an Gründen oder Belegen, die für eine Proposition sprechen, beweist nicht, dass die Proposition falsch ist." (The Case for Humanism, 2003, S. 162)
Wie ich schon sagte, ist das nicht wirklich umstritten. Wir sollten darin übereinstimmen, dass jeder, der einen Wissensanspruch erhebt, eine adäquate Rechtfertigung für diese Behauptung haben sollte. Atheisten auf populärwissenschaftlichem Niveau können nicht guten Gewissens weiterhin ihren Teil der Beweislast meiden, vor allem, wenn sie derlei außergewöhnlich starke Behauptungen aufstellen wie die, dass Gott höchstwahrscheinlich nicht existiert.
Zu Ihrem spezifischen Einwand gegen den „Beweis für Gott in der Schrift“: Ich selbst würde so einen Beweis nicht anführen. Da ich mich nicht darum bemühe, aufzuzeigen, dass die Bibel göttlich inspiriert ist, ist meine Argumentation nicht von der „Barbarei, den Widersprüchen und totalen Fehlern“, die Sie dort finden, betroffen. Meine Argumentation steht auch noch, wenn wir die biblischen Dokumente als rein menschliche, fehlbare Aufzeichnungen und Gedanken über verschiedene Themen, wie das Leben Jesu, betrachten. Doch wenn Sie die im Neuen Testament enthaltenen vier Evangelien des Lebens Jesu als gewöhnliche historische Dokumente lesen, werden Sie, glaube ich, zum Schluss kommen, dass Jesus von Nazareth eine der attraktivsten Figuren ist, denen Sie jemals begegnet sind – genial, voller Mitgefühl, durch und durch authentisch. So erging es mir, als ich sie zum ersten Mal als Ungläubiger las. Als Nicht-Christ hatte ich auch Probleme mit bestimmten Teilen der Bibel (wie der Jungfrauengeburt), aber als es zu Jesus kam, wusste ich, dass ich das Kind nicht mit dem Bade ausschütten konnte. Ich habe mich letztendlich entschlossen, die für die Wahrheit der zentralen christlichen Behauptungen inessentiellen Probleme auszuklammern und mein Vertrauen auf ihn als meinen Herrn und Erretter zu setzen.
Sie haben angemerkt, dass „viele Atheisten, und vor allem die meisten der Neuen Atheisten, schlichtweg keinen Grund sehen, an Gott zu glauben.“ Stimmt! Und deshalb trivialisieren sie den Atheismus, entweder indem sie ihn als bloße Abwesenheit des Glaubens an Gott umdefinieren (was einfach einen psychologischen Status daraus macht, der nicht vom Agnostizismus unterschieden werden kann), oder indem sie sagen, dass die Abwesenheit von Belegen für Gott irgendwie belegt, dass Gott nicht existiert (was, wie Dacey und Vaughn sagen, fehlerhaftes Argumentieren ist). Was sie nicht anführen, ist ein sorgfältiges, durchdachtes Argument, das für ihre Ansicht spricht.
Ich sage Ihnen die Wahrheit, Oliver: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Freidenker vielleicht in der Lage, zu Recht die den Theisten überlegene intellektuelle Position zu beanspruchen. Doch seit den 1960er Jahren ist das nicht mehr der Fall. Es hat eine Revolution in der angloamerikanischen Philosophie gegeben, die das Gesicht unserer Disziplin verändert hat. Heute bekennen sich viele der besten Philosophen an den angesehensten Universitäten in Großbritannien und den Vereinigten Staaten zum christlichen Glauben. Ich finde die sogenannten „Neuen Atheisten“ in ihren Veröffentlichungen anfängerhaft naiv und schrecklich unwissend in Bezug auf die aktuell diskutierten Themen von heute.
Die Behauptungen aus den Mündern der heutigen Neuen Atheisten, wie „Uns wurden Werkzeuge wie der Verstand, fragende Köpfe und eine gute Bildung an die Hand gegeben, und wir beurteilen die Religion wie wir alles andere auch beurteilen“, erscheint nun wie leeres Gehabe. Wenn diese Behauptung wirklich wahr ist, dann sollten Sie, wenn Sie „als Atheist behaupten, dass Gott, und Ihr Gott im Speziellen, nicht existiert“, aber eine Antwort parat haben, wenn ich daraufhin frage: „Wirklich? Welche Beweise, Belege oder Argumente können Sie anführen, um mich zu überzeugen?“
Um nun noch zur Ihrer Frage zu kommen, welche Argumente ich für den Theismus anführen würde: Sie werden sie auf dieser Website in meinen Artikeln über die Existenz Gottes und in einigen Debatten-Transkripten finden. Ein exzellentes Buch hierzu wäre das von mir und Waler Sinott-Armstrong verfasste, bei der Oxford University Press erschienene God? A Debate between a Christian and an Atheist (2003). Dadurch werden Sie beide Seiten kennenlernen und somit selbst entscheiden können, in welche Richtung die Belege deuten.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /must-an-atheist-be-omniscient-re-visited
- William Lane Craig