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#64 Noch einmal Dawkins' „zentrales Argument“

July 12, 2016
Q

In Frage der Woche #1 haben Sie das "zentrale Argument" von Richard Dawkins analysiert[1]. Ich denke, Sie haben Richard Dawkins' 6 Aussagen falsch verstanden.

Ich würde sie so verstehen:

1. Wenn Gott existiert, ist man ganz natürlich versucht, den Anschein von Design Gott zuzuschreiben.

2. Die Versuchung führt aber in die Irre, weil sie umgehend die größere Frage darüber aufwirft, wer den Designer designte.

3. Die genialste und leistungsfähigste Erklärung für Design ist die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion.

4. Während die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion das Design in der Biologie sehr gut erklärt, haben wir gegenwärtig in der Physik keine äquivalente Erklärung.

5. Wenn wir eine hätten, würde Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht existieren.

Tom

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Es ist ein sehr wichtiges wissenschaftliches Prinzip, Tom, dass man den Standpunkt einer Person akkurat und gerecht wiedergibt, bevor man ihn kritisiert. Sonst hat man lediglich den wertlosen Sieg darin errungen, einen Strohmann auszuschalten.

Von Ihrer Frage inspiriert, habe ich ein Exemplar von Dawkins' Der Gotteswahn herausgeholt und mir die Zusammenfassung dessen, was er „die zentrale Argumentation meines Buchs“ nennt, auf S. 222-223[2] noch einmal angesehen, um sicherzugehen, dass ich seinen Standpunkt nicht falsch wiedergegeben habe. Hier ist die Zusammenfassung seines Arguments, die ich in der Frage 1 im Archiv gemacht habe:

„1. Eine der größten Herausforderungen für den menschlichen Geist war lange Zeit die Frage, wie im Universum der Anschein komplexer, unwahrscheinlicher Gestaltung (Design) entstehen konnte.

2. Es ist eine natürliche Versuchung, den Anschein von Gestaltung auf tatsächliche Gestaltung zurückzuführen.

3. Diese Versuchung führt in die Irre, denn die Gestalter-Hypothese (Designer-Hypothese) wirft sofort die umfassendere Frage auf, wer den Gestalter gestaltet hat.

4. Die genialste und leistungsfähigste Erklärung ist die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion.

5. Eine entsprechende Erklärung für die Physik kennen wir nicht.

6. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in der Physik noch eine bessere. Erklärung gefunden wird, die so leistungsfähig ist wie der Darwinismus in der Biologie.“

Wenn Sie auf S. 222-223 in Darwins Buch sehen, werden Sie feststellen, dass oben dargelegtes Argument beinahe ein wortwörtliches Zitat der Worte Dawkins' ist (ich habe der Klarheit halber das Wort „Erklärung“ anstelle der Metapher „Kran“ verwendet). Ich habe sein Kapitel auch noch einmal gelesen, um sicherzustellen, dass seine Zusammenfassung sein Argument akkurat widerspiegelt. Natürlich tut es das.

Ihre Zusammenfassung hingegen gibt Dawkins' Aussagen nicht akkurat wieder. Erstens schreiben Sie Dawkins dadurch, dass Sie seine Punkte (1) und (2) verändert wiedergeben, den Standpunkt zu, dass es eine natürliche Versuchung sein wird, den Anschein von Design Gott zuzuschreiben, wenn Gott existiert. Doch Dawkins möchte nicht spekulieren, was wäre, wenn Gott existieren würde. Er möchte ausdrücken, dass es diese natürliche Versuchung gibt, auch wenn Gott nicht existiert. Seine erste Prämisse impliziert, dass es im Universum den Anschein von Design gibt, und gemäß seiner zweiten Prämisse ist es natürlich, den Anschein von Design auf einen Designer zurückzuführen. Als Atheist hält er beide Aussagen für wahr. Gott hat demnach gar nichts mit der Erscheinung oder der Versuchung zu tun. Es ist also ein Fehler Ihrerseits, sein Argument so darzustellen, als basiere es auf einem Konditional.

Zweitens – und das wiegt schwerer – stellen Sie seinen Punkt (6) und die Schlussfolgerung ebenso als Konditionalaussage dar. Dadurch würde sein Argument bescheidener, da er somit zugäbe, dass wir keine Erklärung für den Anschein von Design in der Physik haben, aber darauf bestünde, dass wir schließen könnten, dass Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht existiert, wenn wir eine solche Erklärung hätten.

Leider sagt Dawkins das einfach nicht. In Bezug auf Punkt (6) sagt er: „Indes, selbst wenn ein völlig befriedigender, dem biologischen ebenbürtiger „Kran“[3] [d. h. Erklärung] noch fehlt, sind die relativ schwachen heutigen „Kräne“ der Physik in Verbindung mit dem anthropischen Prinzip ganz offenkundig besser als die Himmelshaken-Hypothese von einem intelligenten Gestalter“ (S. 223). Und in Bezug auf seine Schlussfolgerung schreibt Dawkins: „Wenn man die Argumentation dieses Kapitels anerkennt, ist die Grundvoraussetzung der Religion – die Gotteshypothese – nicht mehr haltbar. Gott existiert mit ziemlicher Sicherheit nicht. Dies ist bisher die Hauptschlussfolgerung des Buchs.“ (Ebd.) Das zeigt ziemlich eindeutig, dass Dawkins glaubt, dass das Argument, das er in den Punkten (1) bis (6) zusammengefasst hat, sehr wohl belegt, dass Gott nicht existiert. Er wartet nicht darauf, dass zuerst eine bessere Erklärung für den Anschein von Design in der Physik daherkommt.

Ihr Versuch, Dawkins' Argument in anderen Worten wiederzugeben, sodass es bescheidener erscheint, wird Dawkins Behauptungen also nicht gerecht.

Und noch wichtiger: Selbst wenn wir Ihre Interpretation – oder Reinterpretation – übernehmen würden, was würde das dem Atheisten bringen? Denn das Argument bleibt ja ungültig, wie ich in meiner Antwort auf Frage 1 erklärt habe. Ihr Punkt (5) folgt nicht aus Ihren ersten vier Schritten. Was höchstens daraus folgt, ist, dass wir nicht aufgrund eines Design-Arguments auf die Existenz Gottes schließen sollten – eine Schlussfolgerung, die sowohl mit Gottes Existenz als auch mit unserem auf anderen Gründen basierenden Glauben an Gott vereinbar ist. Zudem: Wie ich in der anderen Antwort erklärt habe, ist Punkt (3) in Dawkins' Argument, welches Sie zu Recht mit in Punkt (2) aufgenommen haben, aus mehreren Gründen schlichtweg falsch. Selbst Ihre bescheidene Reinterpretation von Dawkins' Argument bleibt also inkorrekt und ist als Argument für den Atheismus ziemlich hoffnungslos.

(Übers.: J. Booker; L:RN)

Link to the original article in English: /dawkins-central-argument-once-more


Anmerkungen

[1] Vgl. /german/qa1

[2] Diese Seitenzahl bezieht sich auf die deutsche Ausgabe: Richard Dawkins: Der Gotteswahn. Berlin 2012 (11. Auflage): Ullstein Verlag.

[3] Dawkins unterscheidet im Gotteswahn ab S. 218 zwischen einem „Kran“ und einem „Himmelshaken“. Ein „langsam arbeitender Kran“ sei z.B. die biologische Evolution, welche die Höherentwicklung der Lebewesen nach und nach „aufbaut“. Evolution sei eine gute Erklärung, da sie die Einzelschritte der Höherentwicklung erklärt, während es verantwortungslos sei, einfach zu sagen: „Gott hat es gemacht“. Denn so würde man sich die Mühe der Erklärung und die wissenschaftliche Untersuchung sparen und stattdessen alles an einem (nicht weiter erklärten) „Himmelshaken“ aufhängen. (A.d.L.)

- William Lane Craig