#60 Von Unendlich herunterzählen
January 10, 2017Sehr geehrter Prof. Craig,
Ich und mein Ehemann, wir haben so unsere Probleme mit einer Version des Kalam-Argumentes, die gegen eine unendliche Vergangenheit spricht.
Sie schrieben in Ihrer Antwort auf Frage 12 (als Sie gegen die These argumentierten, dass die temporale Reihe aller vergangenen Ereignisse aktual unendlich ist):
„... Wenn eine aktual unendliche Menge durch Aneinanderreihen gebildet werden könnte, würden daraus mehrere Absurditäten resultieren. ... Nehmen wir an, wir lernen einen Mann kennen, der behauptet, dass er von Unendlich herunterzählt und jetzt gerade fertig wird: . . ., -3, -2, -1, 0. An dieser Stelle sollten wir uns fragen: Warum hat er gestern nicht fertig gezählt oder vorgestern oder letztes Jahr? Es war jeweils schon unendlich viel Zeit vergangen, sodass er eigentlich schon fertig sein müsste.
Wir interessieren uns für die anscheinend implizite und entscheidende Prämisse (P) des zitierten Arguments:
(P) WENN (i) die temporale Reihe aller vergangenen Ereignisse in ihrer Dauer aktual unendlich ist (mit gleich langen temporalen Intervallen gemessen), DANN (ii) KÖNNTE es einen Verstand / eine Uhr / eine Zählmaschine / einen Computer / einen Engel / einen Gott geben, der all die vergangenen gleich langen Intervalle (sagen wir: Sekunden) nacheinander all den negativen ganzen Zahlen in der entsprechenden Reihenfolge paarweise zuordnet.
Nach unserem Verständnis des Arguments gehen Sie von (P) oder etwas sehr Ähnlichem aus, dann argumentieren Sie auf Basis anderer Prämissen (einschließlich der Prämisse „Es sollte schon fertig sein“) hin zu Nicht-(ii), und schließlich leiten Sie Nicht-(i) aus Nicht-(ii) und (P) durch modus tollens ab.
Nun unsere Fragen:
1. Das Bindeglied „WENN .., DANN ...“ in (P) deutet eine Art Folgebeziehung an. Doch Folgebeziehungen sind eine komplizierte Angelegenheit. Philosophen sprechen von verschiedenen Arten von Folgebeziehungen (wie materieller Implikation, strikter Implikation, relevanter Folgebeziehung), spezifizieren sie aber selten genau. Könnten Sie bitte die Folgebeziehung in (P) erklären?
2. Das Wort „KÖNNTE“ deutet eine Art Möglichkeit an. Wissenschaftler sprechen auch hier von verschiedenen Arten von Möglichkeiten (wie strikt logische, grob logische und konzeptuelle Möglichkeit). Könnten Sie das „KÖNNTE in (P) erklären?
3. Gibt es gute Gründe für (P)?
Bestehen sie z. B. in einer Art Vorstellung? Wenn ja, was stellen wir uns vor? Beachten Sie außerdem, dass wir uns den Zählvorgang, mit dem wir es hier zu tun haben, nicht klar vorstellen können, auch wenn wir uns das ENDE dieses Zählvorgangs vorstellen können (wie die finite Sequenz „-3, -2, -1, 0, fertig!“). Wir können also nicht mithilfe des Prinzips „Was leicht vorstellbar ist, ist möglich“ argumentieren. Wir geben zu, dass wir uns z. B. vorstellen können, dass das anfangslose Messgerät eines Gottes auf ein 4D-Modell eines anfangslosen Universums angewandt wird und dabei misst, wie viele Jahre noch bis zu einem wichtigen Ereignis in diesem Universum verbleiben. Für jede Sekunde würde das Messgerät eine entsprechende negative Zahl anzeigen. Aber dann stellen wir uns eher eine Aufzählung eines nicht-sukzessiven, intuitiven Alles-auf-einmal-Wahrnehmens durch den Gott von jeder 1:1-Entsprechung zwischen einer beliebigen vergangenen Sekunde der unendlichen temporalen Serie und einer angemessen angeordneten negativen Zahl vor. Und diese Aufzählung unterscheidet sich vom temporalen Vorgang SUKZESSIVEN Zählens (paarweise Zuordnens), das in (P) erwähnt wird.
Vielen Dank!
Pavla
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Dr. craig’s response
A [
Ihr Mann Vlastimil muss glauben, ich bevorzuge Frauen, Pavla, weil ich seine gleiche Frage nicht ausgewählt hatte! Na gut, ich gebe nach.
Das Argument, das ich angeführt habe, setzt P voraus – bzw. die Befürworter der unendlichen Vergangenheit tun das. Sie gehen davon aus, dass der Reihenfolgentyp der vergangenen Ereignisse der Reihenfolgentyp der negativen Zahlen ist, wenn die Reihe der vergangenen Ereignisse unendlich ist, oder in Symbolen ausgedrückt: ω*. Logisch gesehen ist das nicht notwendig. Die Reihe vergangener Ereignisse könnte den Reihenfolgentyp ω* + ω* haben, der durch . . . , -3, -2, -1, . . . , -3, -2, -1 exemplifiziert wird. Doch es liegt auf der Hand, warum Befürworter der unendlichen Vergangenheit diese Ansicht nicht übernehmen: Denn dann gibt es vergangene Ereignisse, die unendlich weit weg von der Gegenwart liegen. Doch dann könnte man die unendliche Entfernung nie durchlaufen, also z. B. von der ersten -3 bis zur zweiten -3. Deshalb bestehen Befürworter der unendlichen Vergangenheit immer darauf, dass die Existenz einer unendlichen Vergangenheit keinen unendlich weit entfernten Anfangspunkt zur Folge hat. Das Tristram-Shandy-Paradoxon, in dem ein Mann seine Autobiographie so langsam schreibt, dass es ein Jahr dauert, bis er die Ereignisse eines einzigen Tages aufschreibt, stellt die Annahme in Frage, dass eine unendliche Vergangenheit den Reihenfolgentyp ω* hätte. Für die Befürworter der unendlichen Vergangenheit ist bleibt eine einzige Hoffnung: Darauf zu bestehen, dass die Reihe der vergangenen Ereignisse den Reihenfolgentyp ω* hat, sodass jedes Ereignis nur in endlicher Entfernung zur Gegenwart liegt. So beinhaltet das Bilden einer unendlichen Vergangenheit durch sukzessives Addieren deren Behauptung nach nicht das Durchlaufen einer unendlichen Distanz.
Und nun zu Ihren Fragen:
1. Ich gehe davon aus, dass man P für grob-logisch notwendig hält, da sie, wie wir gesehen haben, nicht strikt-logisch notwendig ist. Der Gedanke, dass sie kontingent wahr ist, wäre merkwürdig; eine lediglich materielle Implikation scheint also nicht stark genug zu sein. Die Befürworter der ewigen Vergangenheit nehmen anscheinend an, dass eine solche paarweise Zuordnung in jeder möglichen Welt, in der die Vergangenheit unendlich ist, vorgenommen werden könnte.
2. Dasselbe scheint für die Möglichkeit zu gelten, dass ein Wesen die Ereignisse eins zu eins den negativen Zahlen zuordnet. Es gibt eine mögliche Welt, in der so etwas passiert.
3. Ich vermute, dass es die Unvorstellbarkeit des Übergangs von der ersten ω*-Reihe zur zweiten ω*-Reihe in einer Reihenfolge des Typs ω* + ω* ist, die für P spricht. Das scheint dem Wesen des temporalen Werdens zu widersprechen, da das Ereignis, das durch die erste -1 markiert wird, keinen unmittelbaren temporalen Nachfolger hat, was verrückt erscheint. Angesichts des Wesens des temporalen Werdens scheint es sehr wohl so, dass eine unendliche Vergangenheit den Reihenfolgentyp ω* haben sollte. Die ganze Diskussion hat einen unrealistischen Touch, denn man argumentiert dafür, dass eine unendliche Vergangenheit in jedem Fall metaphysisch unmöglich ist. Doch es scheint sehr wohl nicht-trivial wahre, kontrafaktuale Aussagen mit unmöglichen Antedezenten zu geben, z. B.: Wenn Gott nicht existieren würde, dann würde das Universum nicht existierten. So ähnlich könnten wir sagen: Wenn die Vergangenheit unendlich wäre, dann hätte sie den Reihenfolgentyp ω*.
Ich verstehe Ihren letzten Absatz nicht so ganz. Wenn wir uns die zeitlose oder tempuslose Zuordnung der Ereignisse und Zahlen, die Sie beschreiben, nun doch vorstellen, dann setzt das voraus, dass eine unendliche Vergangenheit den Reihenfolgentyp ω* hätte. Die Unvorstellbarkeit, dieses Bild zum Leben zu erwecken, ist genau die Pointe, die der Befürworter der Endlichkeit der Vergangenheit setzen will – angesichts der Realität des temporalen Werdens. Was wir uns anscheinend vorstellen, ist eine Vergangenheit, in der die Reihe von Ereignissen durch sukzessive Addition gebildet wird. Wir erhalten in den vorgestellten Welten das Wesen des temporalen Werdens also aufrecht. Wir fragen uns dann, ob das schon ewig andauern kann und stoßen dann wieder auf die Probleme, die ich schon diskutiert habe.
Nun kommt mir aber nach alledem der Gedanke, dass ich die Richtung Ihrer Frage vielleicht nicht richtig erfasst habe und ich falsch abgebogen bin. Vielleicht bezieht sich Ihre Frage gar nicht auf die Möglichkeit davon, dass der Reihenfolgentyps einer unendlichen Reihe vergangener Ereignisse ein anderer ist als ω*, sondern auf die Möglichkeit, dass irgendein Wesen – bei jenem Reihenfolgentyp – das registriert. Wenn das Ihre Sorge ist, dann sehe ich, schätze ich, einfach das Problem nicht. Warum könnte ein Gott, der schon ewig existiert, nicht jedes Ereignis bereits bei dessen Eintritt registrieren? Ja, vielleicht sind die Ereignisse eben doch genau das Herunterzählen eines solchen Wesen von Unendlich. Wenn eine unendliche Vergangenheit den Reihenfolgentyp ω* hätte, dann erkenne ich nicht, warum ein ebenfalls ewiges Wesen diese Ereignisse nicht bei ihrem Eintritt aufzählen könnte.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /counting-down-from-infinity
- William Lane Craig