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#88 Wird Gottes Gericht für Atheisten erträglicher sein als für Junge-Erde-Kreationisten?

January 10, 2017
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

ich würde gerne von Ihnen wissen, ob ich als Atheist von Gott dafür bestraft werde, dass ich nicht an ihn geglaubt habe. Wenn ich, nachdem ich mir alle Belege objektiv angesehen habe, zu dem Schluss komme, dass ich nicht in Folge eines göttlichen Plans hier gelandet bin, sondern ausschließlich aufgrund materialistischer Vorgänge, verdiene ich es dann, dass mir das Geschenk des ewigen Lebens verwehrt bleibt? Auch wenn ich nach meinem Tod mit Gott von Angesicht zu Angesicht spreche und ihm sage, dass dies ein Standpunkt war, zu dem ich aufrichtig kam, nachdem ich viele Untersuchungen betrieben und versucht hatte, die Natur zu verstehen?

Ich verstehe wirklich nicht, wie Gott mich bestrafen könnte, wenn ich ein gutes, ehrliches, ein Leben voller Mitgefühl gelebt habe und einfach der Meinung war, dass dieser Standpunkt der einzige ist, der in der Welt um uns herum und dem, was ich von ihr verstehe, Sinn ergibt. Dies erscheint mir nicht verdammungswürdig, vor allem wenn ich meine Einstellung mit Haltung einiger Christen gegenüber Indizien und Forschung vergleiche, vor allem derjenigen Christen, die extrem unvernünftig dogmatische Positionen vertreten. Wenn ich die Befunde der Naturwissenschaft akzeptiere, bestraft Gott mich dann, während er diejenigen belohnt, die alle naturwissenschaftlichen Belege ablehnen und nur naturwissenschaftlich nicht vertretbare Standpunkte einnehmen wie eine wörtliche Interpretation von Genesis, nach der das ganze Universum vor sechs- bis zehntausend Jahren geschaffen wurde?

Dem würde ich noch hinzufügen, dass viele Vertreter dieses Standpunktes, so genannte Junge-Erde-Kreationisten, absolute Unwahrheiten und Fehlinformationen über alles von Astronomie bis Geologie und Biologie verbreiten, also über jedes naturwissenschaftliche Gebiet, das nicht mit ihrer Interpretation der ihrer Meinung nach göttlich inspirierten Schrift übereinstimmt. Und das alles der Tatsache zum Trotz, dass sie alle komplett unqualifiziert dazu sind, über die von ihnen angesprochenen Themen zu sprechen. Wenn jemand keinen Doktortitel in Paläontologie hat und kein aktives Mitglied der paläontologischen Forschungsgemeinschaft ist, dann hat er wirklich überhaupt keine Berechtigung, öffentlich über den Stand der Fossilaufzeichnungen zu sprechen – zu einem Publikum, das ähnlich unqualifiziert ist, die Wahrheit der aufgestellten Behauptungen einzuschätzen. Ich respektiere aber die Autorität von Leuten, die in diesen Gebieten tätig sind; wenn ich Evolution: What the Fossils Say and Why It Matters von Donald Prothero lese, respektiere ich seine Ansichten über die Fossilaufzeichnungen, weil er seit 30 Jahren in diesem Gebiet tätig ist und persönlich viele der Fossilien, über die er spricht, untersucht hat. Genauso respektiere ich Sean Carrolls Meinung, wenn er in The Making of the Fittest darlegt, wie stark die DNS-Belege für die Evolution sind, weil er wirklich an vorderster Front bei den aktuellen biologischen Forschungen beteiligt ist.

Ja, wenn ich Bücher über biblische Geschichte lese und die Belege für die biologische Evolution gemäß heutigen Naturwissenschaftlern mit den Belegen für ein historisches Ereignis wie den Exodus gemäß heutigen Archäologen und Historikern vergleiche, ist es meiner Meinung nach offensichtlich, dass einige Christen da in Bezug auf die Belege und die Autorität von Menschen, die wissen, worüber sie reden, mit zweierlei Maß messen. Ich bin mir sicher, es würden viel mehr Christen den Exodus als historisches Ereignis akzeptieren als das Auftreten von biologischer Evolution.

Ich verstehe wirklich nicht, warum diese Leute, die unvernünftige, sture Überzeugungen haben, für ihren offenkundigen Anti-Intellektualismus auch noch belohnt werden sollen; denn sie weigern sich ja, Belege kritisch zu prüfen und bei den verschiedenen Fachgebieten angemessene Standards dafür anzuwenden, was man als Wissen bezeichnen darf. Wird Gott wirklich diejenigen belohnen, die ständig Unsinn verbreiten und der Bildung von Kindern schaden, auch wenn Naturwissenschaftler ihre Fehler hervorheben? Leute wie Ken Ham bauen Museen, um Kindern zu zeigen, wie Dinosaurier mit Menschen und all den „Arten“, was – egal wie man es definiert – auf eine ganze Menge Tiere hinausläuft, auf ein Boot gepackt zusammen gelebt haben. Das ist aus so vielen Gründen unmöglich, und dennoch wird das den Kindern beigebracht. Er bringt ihnen auch bei, ihren Naturwissenschaftslehrer an der Schule die unglaublich bescheuerte Frage zu stellen: „Waren Sie dabei?“ Als ob menschliches Erkunden und naturwissenschaftliches Untersuchen niemals mit „geoffenbarter Wahrheit“ mithalten könnte.

Die Handlungen dieser Leute nimmt schließlich den Rest meiner Bereitschaft weg, auf irgendeine Art und Weise mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden, und verstärken bloß meine Überzeugung, dass sie die ewige Verdammnis mehr verdienen als ich.

Danke

Adam

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

In Ihrer Frage stecken ein paar verschiedene Themen, Adam, die zusammengeraten sind und wieder auseinandergenommen werden müssen, damit man sie richtig ansprechen kann. Bitte haben Sie Geduld mit mir, und hören Sie mir bis zu Ende zu, wenn ich mich Ihrem offensichtlich tief empfundenen Anliegen widme.

Ganz vorne steht die Frage: Auf welcher Basis wird Gott Menschen richten? Als ich Ihre Frage gelesen habe, Adam, habe ich mir gedacht: „Er versteht die christliche Heilslehre nicht!“ Es überrascht Sie vielleicht, dass die meisten Junge-Erde-Kreationisten Ihnen darin ZUSTIMMEN würden, dass sie die ewige Verdammnis mindestens genauso so, wenn nicht noch mehr, verdient haben als Sie. Wie kann das sein? Weil im Herzen der christlichen Heilslehre Gottes unverdiente Gnade steht.

Diese Lehre wird heutzutage von einer Art kulturellem Christentum verdunkelt, das die amerikanische Kultur geprägt hat. Das kulturelle Christentum lehrt, dass Gott einem die schlechten Taten vergeben wird und man mit dem ewigen Leben im Himmel belohnt wird, wenn man mehr Gutes als Schlechtes tut. (Wie Jesus Christus dann da hinein passt, ist unklar – vielleicht als lebende Illustration für uns, wie Gott ist.) Im Gegensatz hierzu lehrt das biblische Christentum, dass niemand gut genug ist, den Himmel zu verdienen. Auf Basis unserer Taten gerichtet zu werden, wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte, denn niemand wird Gottes moralischem Gesetz (Vollkommenheit) gerecht. Der Philosoph Immanuel Kant hat ganz richtig gesagt, dass es unendlich lange dauern würde, bis der Mensch seinen Willen in vollkommenen Einklang mit Gottes moralischer Norm bringen könnte – und selbst wenn er es dann irgendwie schaffen würde, wäre er immer noch schuldig für den unendlichen Überrest an Sünde, die er auf dem Weg dorthin begangen hatte.

Deshalb brauchen wir so dringend einen Retter – jemanden, der uns aus dem moralischen Dilemma rettet, in dem wir uns befinden. Jesus ist Gottes Vorkehrung für die Sünde. Er wurde das Lamm Gottes genannt, nicht weil er sanftmütig und mild war, sondern weil er sein Leben an unserer Stelle Gott als Opfer dargebracht hat. Er starb an unserer Stelle und trug damit die Strafe für unsere Missetaten und unser böses Verhalten und genügte dabei den Anforderungen von Gottes Moralgesetz und machte so Gottes Vergebung für uns verfügbar.

Die Errettung kann also nur als Geschenk der Gnade Gottes empfangen werden; wir können nichts tun, um sie uns zu verdienen. Deswegen ist das Wort „Belohnung“ in Verbindung mit der Errettung ein völlig unangebrachtes Wort. Sie haben absolut recht, wenn Sie sagen, dass Junge-Erde-Kreationisten es „nicht verdienen, für ihren offenkundigen Anti-Intellektualismus belohnt zu werden“ – noch für sonst irgendetwas, übrigens. Wenn sie gerettet werden, dann nur, weil sie in Demut und Reue das Gnadengeschenk Gottes angenommen haben, ohne Verdienste oder Bemühungen.

Nun, was passiert mit Ihnen, wenn Sie Gottes Gnade ablehnen? Sie fallen auf seine Gerechtigkeit zurück. Glauben Sie wirklich, Sie können ihr genügen? Wenn Sie sagen, „Ich verstehe wirklich nicht, wie Gott mich bestrafen könnte, wenn ich ein gutes, ehrliches, ein Leben voller Mitgefühl gelebt habe“, dann liegt das Problem im Wort „wenn“. Adam, wachen Sie auf! Wieviel Mitgefühl haben Sie empfunden, als Sie den letzten Satz dieses Briefes geschrieben haben? Ich weiß noch, wie ich als Nicht-Christ zum ersten Mal das Evangelium hörte. Moralisch gesehen, führte ich ein ziemlich anständiges Leben – zumindest nach außen hin –, doch als ich erfuhr, dass ich laut der Bibel vor Gott schuldig und deswegen auf dem Weg in die Hölle war, hatte ich absolut kein Problem damit, das zu glauben. Wenn ich in mein Herz blickte, sah ich die Schwärze darin und wie alles, was ich tat, vom Egoismus verdorben war. Ich wusste, wie schlimm es wirklich um mich stand.

Ich vermute, dass heute viele Leute sich ihres Bedürfnisses eines Retters nicht bewusst sind, weil sie moralisch so selbstgefällig geworden sind, dass sie gar nicht erkennen, wie tief sie moralisch gefallen sind. C. S. Lewis hat einmal gesagt, dass man nie weiß, wie schlecht man ist, bis man wirklich versucht hat, gut zu sein. Versucht man es einmal aufrichtig und konsequent, erkennt man, wie weit man davon entfernt ist. Deswegen sah der dänische Philosoph Sören Kierkegaard in seiner ergreifenden Analyse des menschlichen Dilemmas, dass das ethische Leben, wenn man es aufrichtig verfolgt, letztendlich zu Schuld und Verzweiflung führt und von der geistlichen Ebene überragt werden muss, in der Gottes Gnade entdeckt wird.

Vergessen Sie also die Junge-Erde-Kreationisten, Adam! Warum lassen Sie sie zwischen Ihnen und Gott stehen? Warum empfangen Sie Gottes verwandelnde Gnade nicht selbst und sind dann besser als die Junge-Erde-Kreationisten? Sie wissen, dass ich deren Ansichten über das Alter des Universums nicht teile. Genauso wenig tun das die meisten evangelikalen Christen, trotz des hohen Bekanntheitsgrades der Junge-Erde-Bewegung in den Kirchen. Warum werden Sie kein Christ und dann ein besserer Denker als sie? (Ja, Sie werden dann vielleicht feststellen, dass Gott Ihr Herz verändert und den augenscheinlichen Hass und Groll diesen Leuten gegenüber in ein echtes Mitgefühl für sie verwandelt.)

Das führt zur zweiten Frage, die mit der ersten zusammenhängt: Wird Gott mich für meinen Unglauben verurteilen, wenn ich mir alle Belege objektiv angesehen habe und zu dem Schluss gekommen bin, dass ich nicht in Folge eines göttlichen Plans hier gelandet bin, sondern nur aufgrund ausschließlich materialistischer Vorgänge?

Diese Frage ist merkwürdig, denn eigentlich fragen Sie hier: Werde ich dafür verdammt, dass ich Gott auf der Basis eines schlechten Arguments ablehne? Denn Ihr Grund dafür, Gott abzulehnen, ist ein schlechtes Argument. Sie scheinen zu denken, dass der Glaube an die Evolutionstheorie nicht vereinbar mit dem Glauben an Gott ist. (Mir kommt gerade: Sie, Adam, sind den Ansichten von Junge-Erde-Kreationisten viel näher, als sie begreifen! Welch' Ironie!) Aber nichts an der Evolutionstheorie impliziert den Atheismus. (Siehe meinen Artikel „Naturalism and Intelligent Design“, in: Stewart, Robert B. (Hrsg.): Intelligent Design, Minneapolis 2007: Fortress Press, S. 58-71.) Was wenn es der Plan Gottes ist, dass Sie hier durch den Evolutionsprozess landen? Wie würden naturwissenschaftliche Belege für die evolutionäre Entwicklung des Lebens auch nur irgendwie beweisen, dass das nicht das Ergebnis von Gottes Plan war? Ihr Problem ist nicht, dass Sie gute Einwände gegen den Theismus haben, Adam, sondern dass Sie nicht tief genug über diese Sachen nachdenken.

Aber die Frage bleibt: Was geschieht, wenn ich wirklich nicht an Gott glaube, weil ich von einem schlechten Argument zum Unglauben irregeführt wurde? Wird Gott mich dann verdammen? Die eigentliche Frage, die Sie hier stellen, ist die, ob es so etwas wie schuldlosen Unglauben gibt.

Meiner Ansicht nach gibt es letztendlich so etwas wie schuldlosen Unglauben nicht. Denn erstens: Es gibt gute Belege für den Theismus, die allen leicht zugänglich sind, wie ich in Reasonable Faith (dritte Ausgabe) schreibe, und kein vergleichbar gutes Argument für den Atheismus. Ich möchte Sie einladen, einige meiner Debatten mit führenden Gläubigen anzuhören und sich einfach objektiv die Frage zu stellen: Wohin weisen die Indizien? Zweitens, und noch wichtiger: Gott hat uns nicht einfach verlassen und überlässt es unserer Raffinesse und Klugheit, herauszufinden, ob er existiert oder nicht. Vielmehr spricht sein Heiliger Geist zum Herzen jedes Menschen und überführt ihn von seiner Sünde und zieht ihn näher zu Gott. Wenn unser Herz geneigt ist, Gott zu suchen, dann wird er von uns gefunden werden. Das kann dauern. Deswegen habe ich auch gesagt, dass Unglaube letztendlich schuldhaft ist. Bis ein Mensch stirbt, wird er genügend Zeit gehabt haben, auf Gottes Geist zu reagieren und gerettet zu werden. Dass Gott Sie auf diese Website bringt, damit Ihre Frage beantwortet und hoffentlich auch geklärt wird, ist ein Schritt in dem ganzen Prozess. Jetzt stellt sich die Frage: Wo steht Ihr Herz? Möchten Sie Gott kennen lernen, wenn er existiert? Welche konkreten Schritt unternehmen Sie, um ihn zu suchen?

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /will-gods-judgement-be-more-tolerable-for-atheists-than-for-young-earth

- William Lane Craig