#65 William Lane Craigs Artikel in Christianity Today
July 12, 2016Nach dem ich Ihren CT-Artikel über die Existenz Gottes[1] gelesen hatte, habe ich ihn einem atheistischen Freund geschickt. Hier ist seine Antwort. Bitte helfen Sie mir.
Ich habe noch immer keine gute Antwort auf dieses Dilemma gefunden. Sie schrieben in Ihrem Artikel:
"Nicht-Theisten kontern das Moral-Argument meistens mit einem Dilemma: Ist etwas gut, weil Gott es bestimmt, oder bestimmt Gott etwas, weil es gut ist? Durch die erste Option wird Gutes und Böses willkürlich, während durch die zweite das Gute von Gott unabhängig macht. Glücklicherweise ist das Dilemma ein falsches. Theisten nehmen in der Regel eine dritte Option in Anspruch: Gott bestimmt etwas, weil er gut ist. Das heißt, was Platon „das Gute“ nannte, ist das moralische Wesen von Gott selbst. Gott ist von Natur aus liebevoll, freundlich, unvoreingenommen und so weiter. Er ist das Paradigma des Guten. Das Gute ist daher nicht unabhängig von Gott."
Darauf antwortete mein Freund:
"Dies ist kein falsches Dilemma, weil Gott sich sein Wesen nicht ausgesucht hat. Sein Wesen ist einfach das, was sein Wesen nun mal zufällig ist. Er hätte auch ein böses Wesen haben können. Ich bin mir aber sicher, dass Apologeten behaupten, dass es ein gutes Wesen sein MUSS. Doch das ist einfach eine Behauptung ohne Belege. Craig definiert Gott als vollkommen und sagt dann, dass Gott vollkommen sein muss, weil das die Definition Gottes ist. Das ist ein Zirkelschluss."
Roger
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Dr. craig’s response
A [
Danke, dass Sie den Artikel Ihrem Freund weitergeleitet haben, Roger! Ich hoffe, dass er noch viele gute Gespräche mit ungläubigen Freunden oder Familienmitgliedern nach sich ziehen wird.
Ihr Freund versteht das Wesen eines Dilemmas nicht. Jemand, der ein Dilemma verwendet, um eine Position zu widerlegen, (indem er behauptet, die Position führt zwingend zu einer von zwei Sichtweisen, die aber beide falsch sind,) muss beweisen, dass es nur diese zwei Optionen gibt. Das ist einfach, wenn das Dilemma die Form „A oder nicht-A“ hat. Hier ist die eine Möglichkeit des Dilemmas der Widerspruch oder die Negation der anderen Möglichkeit. Man muss sich also klar zwischen einer von zwei Optionen entscheiden. Es gibt keine anderen Alternativen.
Doch wie ich in meiner Debatte mit Louise Anthony erkläre, ist das Euthyphron-Dilemma kein solches Dilemma. Betrachten wir die beiden Optionen: Entweder ist etwas gut, weil Gott es bestimmt, oder Gott bestimmt es, weil es gut ist. Die zweite Möglichkeit ist nicht die Negation der ersten. Die Negation der ersten Möglichkeit des Dilemmas lautet: „Es ist nicht der Fall, dass etwas gut ist, weil Gott es bestimmt.“ So ausgedrückt, ist das Dilemma überhaupt kein Problem. Theisten glauben meist nicht, dass etwas einfach deswegen gut ist, weil Gott es bestimmt. Wenn das Dilemma so formuliert wird, wählen wir ohne zu zögern nicht-A.
Was der Atheist also zeigen müsste, ist, dass nicht-A in diesem Sinne impliziert, dass Gott etwas bestimmt, weil es gut ist. Doch welches Argument wird er für diese Implikation bieten? Welches Argument bietet Ihr Freund? Vergessen Sie nicht, dass es der Atheist ist, der behauptet, dass der Theist nur zwei Auswahlmöglichkeiten hat. Die Beweislast dafür, dass es wirklich ein Dilemma gibt, liegt also auf den Schultern des Atheisten.
Der Theist hingegen kann das Dilemma aushebeln, indem er eine andere Alternative bietet. Hier ist meine Alternative: Gott bestimmt etwas, weil er gut ist. Dies ist eine dritte Option, die sich von beiden Alternativen unterscheidet, die das ursprüngliche Dilemma enthielt.
Nun muss der Atheist also zeigen, warum diese Option keine hinnehmbare Alternative ist. Entgegen der Behauptung Ihres Freundes ist der Theist keineswegs zu beweisen verpflichtet, dass Gott seinen moralischen Charakter essentiell hat. Er erwähnt damit einfach die klassische theistische Alternative. Es ist keine Zirkularität im Spiel, weil der Theist nicht versucht, seine Alternative zu beweisen. Er führt nur eine Alternative zu den beiden Möglichkeiten des falschen Dilemmas des Atheisten an. Er sagt einfach: „Nehmen wir an, Gott hat seinen Charakter essentiell, und sein Charakter dient als Paradigma für das Gute. Was stimmt an dieser Alternative nicht?“ Nun bleibt es dem Atheisten überlassen, zu zeigen, warum diese Alternative nicht funktionieren wird.
Ihr Freund muss aufzeigen, warum moralische Werte nicht im Wesen Gottes begründet sein können, wie der klassische Theist behauptet. Sonst schafft es sein Einwand nicht, den klassischen Theismus zu bezwingen. Er mag vielleicht andere Strohmänner bezwingen, doch spricht der Einwand, wie offen zugegeben, überhaupt nicht gegen den klassischen Theismus und scheitert somit als Einwand darauf.
(Übers.: J. Booker; L: RN)
Link to the original English Article in English: /christianity-today-article
[1] Siehe http://www.christianitytoday.com/ct/2008/july/13.22.html (nur teilweise lesbar ohne Abonnement).
Eine Übersetzung des Gesamtartikels ist hier verfügbar: /german/Gott-ist-noch-nicht-tot
- William Lane Craig
