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#84 Zweifel am Neo-Darwinismus, 2. Teil

January 10, 2017
Q

Hallo Herr Prof. Craig,

Wie so viele Leute in der sogenannten Kreationismus-Evolutions-Debatte scheinen Sie Naturwissenschaft und Philosophie zu verwechseln. Sie verstehen sicherlich, dass man, auch wenn man Theist ist, Gott nicht in die Naturwissenschaft bringen kann, weil man dann aufhört, Naturwissenschaft zu betreiben. Sobald man sich auf Gott als Erklärung für ein Naturphänomen beruft, sagt man damit eigentlich: Wir können das nicht erklären und werden es auch nie erklären können; wir haben die Grenze der Naturwissenschaft erreicht. „Gott hält die Naturwissenschaft auf“, sagte Stephen J. Gould. Sie sind mit der Evolution ja anscheinend einverstanden, doch sie erfordert Gottes Eingreifen, oder? Sie sagen: „Folgen Sie den Beweisen, wohin sie Sie führen.“ Die Belege führen uns zu Lücken in unserem derzeitigen Wissen, und das ist dann anscheinend per definitionem ein Beweis für Gott. Sie äußern keine Vermutungen dazu, wo Gott eingreift, woraus man schließen muss, dass er die Lücken füllt, die von unserem Unwissen manifestiert werden – der wohlbekannte „Lückenbüßer-Gott“. Was Ihre Behauptung angeht, dass Genesis die Evolution stützt: Nun, das muss eine sehr vereinfachte Genesis-Version sein. Weder in Genesis noch sonstwo in den Schriften ist Naturwissenschaft enthalten. Von Pythagoras bis heute wurden keine naturwissenschaftlichen Entdeckungen aus dem Studieren der Schriften heraus gemacht. Doch vor allem Genesis ist eines der sagenhaftesten Bücher in einer Sammlung sagenhafter Bücher. Aber ich soll ja eine Frage stellen: Inwiefern wird die Evolution von einer Geschichte gestützt, bei denen folgende Charaktere die Hauptrolle spielen: Ein aus Erde geschaffener Mann, eine aus der Rippe des Mannes geschaffene Frau, eine sprechende Schlange und eine Frucht, die den Menschen genetisch inhärent böse macht, wenn sie gegessen wird?

Mit freundlichen Grüßen,

Paul

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

In Ihrer Erwiderung auf meine Antwort auf Frage 82 „Zweifel am neo-darwinistischen Paradigma“ sprechen Sie mehrere Punkte an, Paul. Ich möchte versuchen, sie voneinander zu trennen und einen nach dem anderen zu beantworten.

Es ist naiv, zu denken, dass die Naturwissenschaft und die Philosophie zwei Disziplinen sind, die klar voneinander getrennt werden können. Ich verwechsle sie nicht, sehe sie aber als untrennbar vereint an. Ihr eigenes Schreiben veranschaulicht das. Denn Ihr Haupteinwand, „sich auf Gott als Erklärung für ein Naturphänomen zu berufen“, ist eine philosophische Behauptung über die Grenzen der Naturwissenschaft. An sich ist das keine Behauptung, die von einer naturwissenschaftlichen Theorie aufgestellt wird, sondern eine Behauptung aus der Wissenschaftsphilosophie. Ihre eigene Position ist also letztendlich in der Philosophie, nicht der Naturwissenschaft, verwurzelt.

Was Ihre philosophische Behauptung angeht: Die Behauptung, dass eine Hypothese naturalistisch sein muss, um als naturwissenschaftliche Erklärung durchzugehen, ist eine Behauptung des methodologischen Naturalismus. Nicht-naturalistische Hypothesen können gar nicht bewertet werden, weil sie aus dem Pool für gültige explanatorische Optionen ausgeschlossen werden.

Doch wenn die Naturwissenschaft derart eingeschränkt ist, wird die Behauptung, dass der Neo-Darwinismus die beste naturwissenschaftliche Erklärung ist, ein billiger Sieg. So sagte ja auch Philip Johnson, dass Er gerne zustimmt, dass die neo-darwinistische Synthese die beste naturalistische Erklärung für die biologische Komplexität ist. Aber er möchte wissen, ob diese Erklärung wahr ist. Woher wissen wir, dass wir die wahre Erklärung nicht durch eine rein methodologische Einschränkung ausgeschlossen haben? Sollten wir uns, vor allem als Theisten, nicht sehr unwohl dabei fühlen, davon auszugehen, dass die wahre Erklärung unter den naturalistischen Erklärungen zu finden sein muss? Warum sollten wir davon ausgehen, dass Gott sich an unsere methodologischen Einschränkungen hält?

Und überhaupt: Warum sollte man den methodologischen Naturalismus annehmen? Da sagen Sie vielleicht: Wir haben hier keine andere Wahl, wenn wir Naturwissenschaft betreiben möchten. Denn sich auf Gott als Ursache eines Naturphänomens zu berufen, ist ein Hindernis für die Naturwissenschaft und würde sie erschweren. Diese Befürchtung erscheint mir äußerst unberechtigt. Ein Vertreter einer theistischen Hypothese – wie ein Vertreter einer naturwissenschaftlichen Hypothese auch – nennt Bedingungen, die seine Hypothese widerlegen würden, und dann schlägt er Experimente zur Überprüfung seiner Hypothese vor und versucht, derlei Bedingungen zu reproduzieren. Somit ist eine theistische Hypothese überhaupt kein Hindernis für die Naturwissenschaft, sondern kann vielmehr dazu dienen, ein Forschungsprogramm zu generieren. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Annahme, dass ein Vertreter einer theistischen Hypothese die Einstellung haben muss: „Wir können das nicht erklären und werden es auch nie können.“ Ganz im Gegenteil: Er vertritt seine Hypothese vielleicht sehr zurückhaltend und ist bereit, sie aufzugeben, sollten die experimentellen Belege sie widerlegen.

Doch nehmen wir einmal an, Sie haben Recht und die Naturwissenschaft erfordert den methodologischen Naturalismus. Was folgt hieraus? Einfach nur, dass die Design-Hypothese keine naturwissenschaftliche Hypothese ist, ausgehend von Ihrer Definition von Naturwissenschaft. Als Philosoph beunruhigt mich diese Schlussfolgerung nicht im Geringsten. Ja, ich bleibe sehr offen gegenüber der Behauptung, Intelligent Design sei eine naturwissenschaftliche Hypothese. Richard Dawkins ist dieser Meinung (eine der vielen Behauptungen, in denen er mit Intelligent-Design-Theoretikern übereinstimmt), aber ich bin mir nicht sicher. Ich bin ganz glücklich damit, sie als metaphysische Behauptung anzusehen, als Behauptung, die gut und gerne wahr sein kann, auch wenn sie nicht in die methodologischen Grenzen der Naturwissenschaft passt.

Sie stellen die Frage: Ist ein Eingreifen Gottes Teil der besten Erklärung für biologische Komplexität oder nicht? Ich weiß es ehrlich nicht. Ich bin bereit, den Belegen dahin zu folgen, wo sie hinführen. Michael Behe glaubt es nicht, auch wenn er Intelligent Design vertritt. Progressive Kreationisten glauben schon, dass Gottes Eingreifen dazu gehört. Wer hat Recht, wenn überhaupt einer von beiden? Das kann man nur wissen, indem man sich die Belege ansieht.

Sie erheben den Vorwurf, dass diese Einstellung zum „Lückenbüßer-Gott“ führt, der heute so verachtet ist. Ich halte diesen Vorwurf für unangebracht. Der „Lückenbüßer-Gott“ hat mit Argumenten für die Existenz Gottes zu tun, die auf Lücken im naturwissenschaftlichen Wissen basieren. Doch hier brauchen wir gar nicht für die Existenz Gottes zu argumentieren. Der Theist geht vielleicht schon mit einer theistischen Weltanschauung an die Belege heran und fragt (wie ich auch): „Was sagen die Belege darüber aus, wie Gott biologische Komplexität geschaffen hat? Hat er die Evolution verwendet? Hat er auf wundersame Weise eingegriffen?“ Um diese Fragen zu beantworten, wird er sich die Belege ansehen. Wenn es enorme Lücken im Fossilbericht gibt und wenn riesige Extrapolationen – ausgehend von nur sehr begrenzten Belegen – zu den explanatorischen Mechanismen der neo-darwinistischen Theorie gehören, dann ist der Theist vielleicht berechtigt, der Wahrheit der vorherrschenden Theorie gegenüber skeptisch zu sein (die ja entscheidend von einer methodologischen Einschränkung philosophischer Natur abhängt). Die Lücken fungieren dann als empirische Belege dafür, dass die aktuelle Theorie in mancherlei Hinsicht fehlerhaft ist. Natürlich werde ich nicht im Voraus mutmaßen, wo Gott eingreift (wie könnte ich so etwas a priori wissen?). Ich sehe mir vielmehr die Belege an, um herauszufinden, ob und wo es Stellen geben könnte, wo Gott eingegriffen haben könnte. Wenn die Lücken geschlossen und die Belege für die Richtigkeit der evolutionären explanatorischen Mechanismen gestärkt werden, bekomme ich vielleicht mehr Zuversicht, dass die vorherrschende Ansicht korrekt ist.

Jetzt sagen Sie vielleicht, dass Befürworter von Intelligent Design sehr wohl für die Existenz Gottes oder zumindest für die Existenz eines intelligenten Designers des Kosmos argumentieren. Ganz richtig; aber die besten unter ihnen tun das nicht aufgrund der Lücken in den Belegen. Ein Theoretiker wie William Demsbki schlägt vielmehr eine Theorie der Design-Inferenz vor, die für Design-Inferenzen aller Art gilt und nichts mit den Lücken in den Belegen oder mit göttlichem Interventionismus zu tun hat. (Dembskis Theorie der göttlichen Handlung ist sehr scharfsinnig und ist völlig mit dem Nicht-Interventionismus vereinbar). Seine Theorie der Design-Inferenz ist somit eine prinzipielle Inferenz, nicht einfach nur eine in Unwissenheit begründete Berufung.

Was Genesis angeht, bin ich mir, wie vorher auch, nicht sicher, ob etwas Naturwissenschaftliches enthalten ist oder nicht. Auf jeden Fall ist die theologische Absicht nicht in erster Linie naturwissenschaftlich. Doch Wolfhart Pannenberg behauptet unter Berufung auf den Alttestamentler Gerhard von Rad, dass die Erzählung ein naturwissenschaftlicher Bericht der Entstehung der Welt sein soll. Sie liegen falsch, wenn Sie ihn als rein mythisch bezeichnen. Ja, der Bericht ist in seinem Ton sogar völlig demythologisierend. Er enthält keinerlei Drachen oder Urgötter der Schöpfungsmythen der heidnischen Nachbarn Israels. Die Sonne und der Mond sind keine Sterngötter, sondern einfach Lichter am Himmel, die Gott gemacht hat. Die Tiere und die Vegetation auf der Erde sind einfach Geschöpfe Gottes. Das ganze Kapitel hat eine demythologisierende Absicht in Bezug auf die geschaffene Welt.

Entledigt man sich einmal der Vorstellung, dass der Bericht von sechs aufeinanderfolgenden 24-Stunden-Tagen spricht – und es gibt gute im Text enthaltene Gründe, die dafür sprechen, dass der Autor das nicht so gemeint hat – dann fällt einem gleich auf, dass die Geschichte überhaupt nichts darüber sagt, wie Gott die Pflanzen und Tiere gemacht hat. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich behaupte nicht, dass Genesis 1 Evolution lehrt – das wäre anachronistisch –, sondern nur, dass es keinen Widerspruch zwischen Genesis 1 und einer Evolutionstheorie gibt. Augustinus hat das schon 1.500 Jahre vor Darwin verstanden.

Sie verwechseln die Geschichte von der Schöpfung und dem Fall des Menschen in Genesis 2-3 mit dem Schöpfungsbericht in Genesis 1. Klar ist dieser Bericht reich an Symbolen – der Autor hatte nicht die Absicht, uns die Vorstellung zu vermitteln, dass Gott Adam durch seine Nase wiederbelebt –, doch schreiben Sie eine Erzählung nicht gänzlich ab, weil sie nicht wörtlich zu nehmen ist. Muss ich noch dazu sagen, dass die Erzählung nichts darüber sagt, dass die Ursünde genetisch übertragen wird?

Die Bibel hat nicht die Absicht, ein naturwissenschaftliches Lehrbuch zu sein; es wäre also albern, darin nach naturwissenschaftlichen Entdeckungen zu suchen. Doch die moderne Naturwissenschaft wurde von einer biblischen Weltanschauung geboren, nach der die Welt weder göttlich noch von Geistern bewohnt, sondern ein rationaler, von Gott geschaffener Ort war, der für naturwissenschaftliche Forschungen geeignet war. Und eine theistische Weltanschauung kann gewiss etwas zu unserem Verständnis naturwissenschaftlicher Wahrheit beitragen. Lesen Sie hierzu meinen Artikel über die Beziehung zwischen Naturwissenschaft und Theologie. Im vorliegenden Fall mit der Frage, was die beste Erklärung für die biologische Komplexität ist, kann uns eine theistische Perspektive dabei helfen, kritischer und weniger leichtgläubig im Umgang mit Theorien zu sein, die auf philosophischen Annahmen und dürftigen Belegen beruhen.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /scepticism-about-neo-darwinism-re-visited

- William Lane Craig