#37 Gott und die Zeitlosigkeit
January 10, 2017Hallo Herr Prof. Craig,
Ich teile auf jeden Fall Ihre Überzeugung, dass die dynamische Zeit sowohl empirisch als auch metaphysisch so gut nachgewiesen ist, dass wir Gottes temporale Natur im Lichte dessen verstehen müssen, was wir über die Zeit wissen. Wie Sie wissen, habe ich aber einige Bedenken in Bezug auf Ihre Ansicht, doch unterscheiden sie sich sehr von derjenigen von [Paul] Helms. Mich würde Ihre Antwort auf diesen einen Punkt sehr interessieren.
Von dem, was ich verstehe, haben Propositionen über atemporale Entitäten zu allen Zeiten ihren Wahrheitswert – solche Propositionen werden zu allen Zeiten wahr sein. Sagt man, dass es stimmt, dass die Zahl 7 (zeitlos) ungerade ist, so sagt man, dass es jetzt (zeitlich) wahr ist, dass die Zahl 7 ungerade ist. Das heißt, zeitlos wahre Propositionen sind zu allen Zeiten wahr.
Es scheint somit, dass Sie sagen müssten, dass Gott (zeitlos) atemporal ist, sodass es jetzt stimmt, dass Gott atemporal ist. Aber das reicht natürlich nicht, deswegen möchten Sie wahrscheinlich eher sagen, dass Gott ohne die Schöpfung (zeitlos) atemporal ist, sodass es jetzt stimmt, dass Gott ohne die Schöpfung atemporal ist. Doch ich glaube, das reicht auch nicht. Atemporale Entitäten haben ihre Eigenschaften atemporal – das heißt, so denke ich, ewig, unveränderlich, essentiell. Nur temporale Entitäten können sich in ihren Eigenschaften ändern. Vor diesem Hintergrund folgt somit, dass Gott (zeitlos) atemporal simpliciter ist, was impliziert, dass er jetzt atemporal ist, aber auch, dass er jetzt temporal ist – ein eindeutiger Widerspruch.
Mir scheint somit, dass Sie eine andere Semantik für zeitlos wahre Propositionen brauchen, die deren Beziehung zu zeitlichen Aussagen derselben Proposition erklärt (und das geht mit einem symbolisch-reflexiven temporalen Ausdruck eindeutig nicht). Vielleicht können Sie das mit einer nicht-zeitlichen symbolisch-reflexiven indexikalen Phrase lösen, aber ich wüsste nicht, wie das funktionieren soll.
Was sind Ihre Gedanken hierzu?
Garry
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Dr. craig’s response
A [
Danke für Ihre Kommentare, Garry! Ich glaube nicht, dass die anfangs angesprochene Schwierigkeit ein ernsthaftes Problem ist. Zeitlos wahre Propositionen sind temporal indexiert, z. B.: Die Alliierten nehmen die Normandie am 6. Juni 1944 ein. Ich denke, Sie haben Recht mit der Aussage, dass solche Propositionen zu allen Zeiten wahr sind.
Doch sind nicht alle Propositionen über atemporale Entitäten zeitlos, z. B.: 3 ist die Anzahl der Äpfel auf dem Tisch. Das stimmt in diesem Moment. Die zeitlose Version dieser arithmetischen Aussage wird dazu einen temporalen Index erfordern, z. B.: 3 ist am 26. Dezember 2007 um 14 Uhr die Anzahl der Äpfel auf dem Tisch. Selbst rein mathematische Aussagen haben implizite temporale Indizes, die die Zeit angeben, zu der sie wahr sind. Das geht daraus hervor, dass sie, wenn die Zeit einen Anfang oder ein Ende hat, nicht zu Zeiten wahr sind, die nicht existieren.
Nun kann Gottes Status der zeitlosen Existenz ohne die Schöpfung logisch als eine Art temporaler Index dienen. Gott existiert ohne die Schöpfung zeitlos ist zeitlos und somit zu allen Zeiten wahr. Also ist es jetzt wahr.
Doch nun sagen Sie: „Atemporale Entitäten haben ihre Eigenschaften atemporal – das heißt, so denke ich, ewig, unveränderlich, essentiell.“ Das ist ein ganz anderer Einwand! Wenn das wahr ist, geht mein Vorschlag unabhängig von der anfänglichen Schwierigkeit, die Sie angesprochen haben, den Bach hinunter. Doch was ich als Ergebnis meines Studiums über Gott und die Zeit erkannt habe, ist, dass es keinen guten Grund für diese gängige Annahme gibt; ja, ich denke, sie ist falsch. Um zeitlos zu sein, muss ein Ding ohne Veränderung sein, doch das ist kein Grund, die modale Eigenschaft der Unveränderlichkeit einem solchen Wesen zuzuschreiben – ganz zu schweigen davon, dass es all seine Eigenschaften essentiell hat. Selbst ein unveränderliches Wesen könnte in verschiedenen möglichen Welten verschiedene Eigenschaften haben.
Wenn sich ein zeitloses Wesen ändern würde, wäre es natürlich nicht mehr zeitlos; aber das heißt nicht, dass es sich nicht verändern kann. Hier versteckt sich ein logischer Trugschluss:
1. Es ist nicht möglich, dass (Gott ist zeitlos & Gott verändert sich)
2. Gott ist zeitlos
3. Also ist nicht möglich, dass (Gott verändert sich)
(3) folgt nicht aus (1) und (2). Daraus folgt nur
3*. Also verändert sich Gott nicht.
Wenn Gott also zeitlos ist, verändert er sich auch nicht, aber daraus folgt nicht, dass er sich nicht verändern kann. Ich würde sagen, dass er sich verändern kann, und wenn er das täte, wäre er nicht mehr zeitlos. Und ich glaube, genau das hat er getan. Ob Gott zeitlos oder temporal ist, ist eine kontingente Eigenschaft Gottes, die von seinem Willen abhängt. Unmöglich ist, dass er sich ändert, während er zeitlos bleibt. Doch ich bin der Meinung, dass sich ein zeitloses Wesen verändern kann und somit aufhören kann, zeitlos zu sein.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /god-and-timelessness
- William Lane Craig