#81 Fiktionalismus und die zwei Naturen Christi
January 10, 2017Hallo Herr Prof. Craig,
ich habe Ihren Vortrag zum Thema „Abstrakte Objekte“ gehört, in dem Sie den Fiktionalismus gegenüber dem Platonismus verteidigen. Ich neige dazu, Ihnen darin zuzustimmen, dass abstrakte Objekte nur nützliche Fiktionen sind und keine bewusstseinsunabhängige Realität haben. Doch wie wenden Sie den Fiktionalismus auf die Christologie an?
Ich denke hier vor allem an die Chalcedonische Formulierung, dass Christus eine Person in zwei Naturen ist. Wenn ich mich nicht irre, sind Naturen abstrakte Objekte. So gesehen ist es eine nützliche Fiktion, zu sagen, dass Christus eine Person ist, die in zwei Naturen existiert. Das wirft ein paar Fragen auf:
1. Wie sollen wir den Begriff „Natur“ verstehen? Sollte man unter „Natur“ am besten eine idealisierte Menge von Kapazitäten verstehen, die Dinge von einander abgrenzt? Nach dieser Definition wäre eine Natur keine archetypische abstrakte Entität, die im Reich der Ideen oder im Geist Gottes existiert, sondern eine nützliche Fiktion, das zu beschreiben, was gewöhnliche Entitäten vereint und sie von anderen Gruppen gewöhnlicher Entitäten unterscheidet.
2. Was genau bedeutet es, zu sagen, dass Christus in zwei Naturen existiert?
3. Die meisten Leute sagen, Christi menschliche Natur sei anhypostatisch gewesen und nur durch die göttliche Person personalisiert worden, die sie angenommen hat (enhypostatisch). Dies ist notwendig, um die singuläre Persönlichkeit Christi zu schützen, ohne seine echte Menschlichkeit zu verneinen. Doch wenn Naturen nützliche Fiktionen sind, was bedeutet es dann, zu sagen, dass Gott die menschliche Natur „hypostasiert“ hat? Ist es eine Fiktion, die nützlich ist, die einfache Wahrheit zu bestätigen, dass die göttliche Person all die Kapazitäten annahm, die Menschen ausmachen, sodass sie selbst als Mensch existieren könnte, und das alles ohne dabei eine ontologisch separate Person zu erschaffen?
Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken hierzu. Danke.
Jason
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Dr. craig’s response
A [
Dies sind exzellente Fragen, Jason, weil eine fiktionalistische Interpretation der Lehre von den zwei Naturen Christi leicht missverstanden wird. Da es in der Geschichte des Denkens schon oft vorgekommen ist, dass die Ansichten einer Person zu Bewegungen geführt haben, die stark von diesen Ansichten abwichen, ist es wichtig, alles in unserer Macht Stehende zu versuchen, Missverständnisse oder falsche Tendenzen zu korrigieren, bevor sie Kreise ziehen.
Fiktionalismus ist die Ansicht, dass Aussagen, die Wörter enthalten, die sich scheinbar auf abstrakte Gegenstände beziehen, buchstäblich falsch sind (zumindest laut der typischen semantischen Theorie, die über solchen Wörtern steht). Mit einem abstrakten Gegenstand oder Objekt meint man ein Objekt, das kausal kraftlos ist. Abstrakte Objekte sind also immaterielle Entitäten, die, so die Meinung vieler, jenseits von Raum und Zeit existieren. Typische Beispiele sind mathematische Objekte wie Zahlen, Eigenschaften und durch Sätze ausgedrückte Propositionen.
Wir gebrauchen ständig Sätze mit Wörtern, die sich scheinbar auf abstrakte Objekte beziehen. Ja, ich denke, die meisten wären erstaunt darüber, wie tief unsere Kommunikation mit solchen Ausdrücken durchdrungen ist. Wir sagen beispielsweise: „Die Anzahl von Menschen, die im ruandischen Massaker ums Leben kamen, betrug über 800.000.“ Oder: „Weisheit ist kostbarer als Silber.“ Der Fiktionalist glaubt nicht, dass es Objekte wie Zahlen oder Tugenden gibt, die jenseits von Raum und Zeit existieren, daher erachtet er derlei Aussagen als im wörtlichen Sinne falsch, da es keinen Referenten für „Anzahl“ oder „Weisheit“ gibt. Dennoch hält er solche Aussagen für nützlich und harmlos im normalen Diskurs. Erst wenn ein Philosoph daherkommt und anfängt, solche Aussagen näher zu beleuchten, indem er fragt, „Sie denken also, dass die Zahl 800.000 tatsächlich existiert?“, hat der Fiktionalist Einwände. Er würde die wörtlich falsche Aussage vielleicht mit einer Aussage umschreiben, die keine Wörter enthält, die sich auf Zahlen beziehen, z. B.: „Mehr als 800.000 Menschen sind im ruandischen Massaker ums Leben gekommen.“ (Hier fungiert „800.000“ als Adjektiv, nicht als Nomen, und beinhaltet somit keine Referenz auf ein Objekt.) Doch oft sind solche Umschreibungen vielleicht nicht möglich und ohnehin schwierig und merkwürdig. Darum können wir genauso gut unsere scheinbar referentielle Sprache gebrauchen, bleiben aber in Alarmbereitschaft, falls ein kleinlicher Philosoph daherkommt.
Nun, wie Sie bereits sagten: Naturen als Sammlungen von Eigenschaften sind abstrakte Objekte. Doch Achtung: So verwendet der chalcedonische Beschluss das Wort nicht. Denn dieser spricht von Christi menschlicher Natur als einer Natur, die aus einer rationalen Seele und einem rationalen Körper besteht. Das ist kein abstraktes Objekt! Als die klassischen Theologen über Christi menschliche Natur sprachen, meinten sie damit oft seine individualisierte menschliche Natur, d. h. dieser Körper-Seelen-Zusammenschluss, der von Maria geboren wurde, in den Hügeln von Galiläa umherging und unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde. In diesem Sinne spricht man über ein konkretes Objekt, kein abstraktes Objekt. Als solches ist das Sprechen über zwei Naturen aus fiktionalistischer Perspektive nicht zu beanstanden.
Was der Fiktionalist verneinen würde, ist, dass es ein Paar abstrakter Objekte irgendwo jenseits von Zeit und Zeit gibt, die wir als „die menschliche Natur Christi“ und „die göttliche Natur Christi bezeichnen würden.“ Beachten Sie, dass dieses Verneinen völlig d'accord mit der Aussage geht, dass Christus, als göttliche Person, essentiell allmächtig, allwissend und heilig war, d. h., es ist unmöglich, dass er hätte existieren können, ohne allmächtig, allwissend und heilig sein zu können. Außerdem war Christi individuelle menschliche Natur in Christi inkarniertem Zustand essentiell wie unsere: räumlich begrenzt, sterblich und mit einer rationalen Seele und einem rationalen Körper. Glauben Sie also nicht, dass der Fiktionalismus zu einer Art theologischem Nominalismus führt, der abstreitet, dass Christus überhaupt essentielle Eigenschaften hatte. (Im letzten Satz habe ich die nützliche Fiktion der Eigenschaften gebraucht, um die Vorstellung auszudrücken, dass es wahre Aussagen über „Christus war essentiell ...“ gibt.)
Nun aber zu Ihren spezifischen Fragen:
1. Wie sollten wir den Begriff „Natur“ verstehen? Der Begriff kann zwei verschiedene Bedeutungen haben. Eine ist die individualisierte Natur. Diese wird im chalcedonischen Beschluss verwendet. Die andere Bedeutung meint ein abstraktes Objekt, das eine Sammlung von Eigenschaften oder vielleicht eine komplexe Eigenschaft ist. Im Beschluss von Chalcedon scheint man das Wort „Substanz“ in diesem Sinn zu verwenden, denn es heißt dort, dass Christus, soweit er Mensch ist, die gleiche Substanz hat wie wir. In diesem zweiten Sinn ist eine Natur eine nützliche Fiktion, um die Vorstellung auszudrücken, dass etwas sich essentiell auf bestimmte Weise verhält. Dinge mit der gleichen Natur haben auch die gleichen Eigenschaften, d. h., sie sind essentiell gleich.
2. Was genau bedeutet die Aussage, dass Christus in zwei Naturen existiert? Sie bedeutet, dass Christus essentiell eine göttliche Person ist, die in der Inkarnation eine rationale Seele und einen rationalen Körper angenommen hat, wie sie für Menschen essentiell sind. Er ist alles, was man braucht, um Gott zu sein, und alles, was man braucht, um Mensch zu sein.
3. Was bedeutet die Aussage, dass Gott die menschliche Natur „hypostasiert“ hat? Das ist eine merkwürdige Art und Weise, zu sagen, dass die individuelle menschliche Natur Christi außerhalb der Vereinigung mit der zweiten Person der Trinität keine Person wäre. Sie wird nur personal, weil sie vom Sohn angenommen wird. Deswegen gibt es zusätzlich zur göttlichen Person in der Inkarnation keine menschliche Person. In Philosophical Foundations for a Christian Worldview[1], im Kapitel „Christian Doctrines II: The Incarnation“, versuche ich, dies Lehre plausibel darzustellen, indem ich erörtere, dass die rationale Seele von Christi individueller menschlicher Natur vielleicht der Beitrag des göttlichen Sohnes ist, d. h., aufgrund der Vereinigung des Sohnes mit dem Körper wird seine menschliche Natur komplett und somit „hypostatisch“.
Ich hoffe, Sie haben an dieser Diskussion erkannt, dass der Fiktionalismus die orthodoxe christliche Theologie nicht umzukrempeln droht, deren Grundriss ja maßgeblich aus dem Sprechen über Naturen und Eigenschaften besteht. Solches Sprechen ist nicht zu beanstanden und kann auch so verstanden werden, dass man sich nicht an abstrakte Objekte bindet.
Eine letzte Bemerkung: Der fiktionalistische Ansatz, über abstrakte Objekte zu sprechen, setzt die typische referentielle Semantik für Namen und definitive Beschreibung (sogenannte singuläre Begriffe) voraus. Ich werde mir immer sicherer, dass solch eine Semantik zutiefst fehlerhaft ist und dass der Fiktionalist viel zu viel aufgibt, wenn er diese Semantik akzeptiert. Wir gebrauchen nämlich ständig Aussagen, zu denen Begriffe gehören, die wie singuläre Begriffe aussehen, die aber auf gar nichts referieren, z. B.:
„Der Aufenthaltsort von Osama bin Laden ist nicht bekannt.“
„Das schnelle Denken des Piloten verhinderte den schlimmsten Unfall in der Geschichte der Airline.“
„Nächsten Mittwoch ist das Fakultätstreffen.“
Wir wollen gewiss nicht, dass die Wahrheit solcher Aussagen uns an die Realität von Dingen wie „Aufenthaltsort“, „der Unfall wurde verhindert“, und „Mittwoch“ bindet! Dennoch scheinen diese Aussagen wahr zu sein. Warum sollte man denken, sie seien buchstäblich falsch? Wäre es nicht besser, stattdessen die typische Semantik für singuläre Begriffe abzulehnen und zu sagen, dass es die Wahrheit einer solchen Aussage nicht erforderlich macht, dass all ihre singulären Begriffe auf Objekte referieren, sondern lediglich, dass die Realität so ist, wie es die gesamte Aussage besagt; also zum Beispiel, dass die Aussage „Der Aufenthaltsort von Osama bin Laden ist nicht bekannt“ dann, und nur dann, wahr ist, wenn der Aufenthaltsort von Osama bin Laden nicht bekannt ist?
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /fictionalism-and-the-two-natures-of-christ
[1] Moreland, J.P. und William Lane Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview. Downers Grove, Il 2003: InterVarsity Press
- William Lane Craig
