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#36 Unsere Fähigkeit, objektive moralische Werte zu erkennen

January 10, 2017
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

In einem Ihrer Aufsätze („The Indispensability of Theological Meta-Ethical Foundations for Morality“) schreiben Sie, dass die Existenz objektiver Moral logisch zu der Schlussfolgerung führt, dass Gott existiert. Ich halte das Argument für stark, aber nicht ganz eindeutig.

Im Aufsatz stellen Sie die folgenden Behauptungen auf:

„Wenn man sagt, dass es objektive moralische Werte gibt, dann sagt man, dass etwas unabhängig davon richtig oder falsch ist, ob jemand auch glaubt, dass es das ist. Das heißt beispielsweise, dass der Antisemitismus der Nazis moralisch falsch war, obwohl die Nazis, die den Holocaust durchgeführt haben, dachten, er sei gut. Und er wäre immer noch falsch, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten und jeden, der ihnen widerspricht, erfolgreich ausgelöscht oder einer Gehirnwäsche unterzogen hätten.“

Doch später stellen Sie die folgenden Behauptungen auf:

„Und könnte irgendetwas offensichtlicher sein, als dass objektive moralische Werte existieren?

Tatsache ist, dass wir objektive Werte sehr wohl wahrnehmen, und wir alle wissen das. Handlungen wie Vergewaltigung, Folter, Kindesmissbrauch und Brutalität sind nicht bloß sozial inakzeptables Verhalten – es sind moralische Gräueltaten.“

Erstens: Ich verstehe, dass die Gräueltaten der Nazis – wenn objektive moralische Werte Regeln sind, die unabhängig davon richtig oder falsch sind, ob dem jemand zustimmt – moralisch falsch waren, auch wenn die Nazis dachten, sie wären gut. Doch wie können Sie dann sagen, dass „wir objektive Werte sehr wohl wahrnehmen, und wir alle wissen das“? Wie können wir „alle das wissen“, wenn die Nazis es nicht wussten und wenn sie alle, die widersprochen haben, ausgelöscht oder einer Gehirnwäsche unterzogen haben?

Zweitens: Wenn wir objektive Werte wirklich wahrnehmen und wir alle das wissen, wie können wir uns dann sicher sein, dass die Evolution es nicht einfach so erscheinen lässt, dass diese Werte objektiv sind? Die meisten Leute sagen z. B., dass ein junges Model schöner ist als eine alte Frau. Warum ist das so? Ein wahrscheinlicher Grund ist der, dass sich das junge Model auf dem Höhepunkt der Eignung zur Fortpflanzung befindet. Ihr Aussehen (ein unmittelbarer Faktor) wird mit ihrer Eignung zur Fortpflanzung (einem ultimativen Faktor, auf den die Evolution hinzielt) verbunden, woraus sich unser Erkennen von Schönheit entwickelt. Wir reagieren auf Schönheit, doch die sich dahinter verbergende Eignung zur Fortpflanzung lenkt die Evolution eigentlich. Genauso könnten unsere moralischen Werte (unmittelbare Faktoren) mit unserer Eignung zur Fortpflanzung oder der unserer Gruppe verbunden werden (ultimativer Faktor), während sich unsere Erkenntnis von moralischen Werten entwickelt. Wir reagieren auf Moral, aber die sich dahinter verbergende Eignung zur Fortpflanzung lenkt die Evolution. Ich verstehe nicht, wie man Moral jemals als objektiv erkennen kann, wenn unsere Wahrnehmung von der unvermeidbaren Verbindung zwischen unmittelbaren und ultimativen Evolutionsfaktoren beeinflusst ist.

Carmine

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Der Artikel, den Sie zitieren, Carmine, war ursprünglich ein Paper, das ich bei einem Treffen der American Academy of Religion vorgetragen habe. Mit der Phrase „und wir alle wissen das“, die Sie in Ihrer ersten Frage ansprechen, waren also meine Zuhörer gemeint, nicht irgendwelche imaginären Nazis. Da es in der AAR zweifelsohne einige Leute gibt, die überzeugte Relativisten sind, ist das ein rhetorisches Mittel gewesen, um zu betonen, dass man mit der Zuhörerschaft etwas gemeinsam hat. Es ist so, als ob ich sagen würde: „Wir alle wissen, dass wir uns vor dem Terrorismus schützen müssen“ – auch wenn die Terroristen selbst dem nicht zustimmen würden!

Ja, ich glaube nicht einmal, dass die Nazis der Aussage widersprechen würden, dass es objektive moralische Werte gibt. Sie würden nur eine andere Vorstellung von diesen Werten haben. Darum ging es in dem von mir vorgelesenen Zitat aus Peter Haas' Buch Morality after Auschwitz:

„. . . die Täter handelten nicht aus einer Geringschätzung der Ethik heraus, sondern in strikter Übereinstimmung mit einer Ethik, nach der die Massenvernichtung der Juden und Zigeuner völlig gerechtfertigt war, egal wie schwierig und unerfreulich die Aufgabe gewesen sein mag. . . . der Holocaust war als nachhaltiges Unterfangen nur deshalb möglich, weil es eine neue Ethik gab, die die Verhaftung und Deportation von Juden nicht als falsch, sondern sogar als ethisch hinnehmbar und gut definierte.“

Haas sagt, dass die Nazis eben keine moralischen Relativisten oder Nihilisten waren, sondern Objektivisten, die aber ein anderes Wertesystem hatten als diejenigen unter uns, die alle Menschen als intrinsisch wertvoll ansehen. So etwas Ähnliches könnte man heute über islamische Terroristen sagen.

Nihilisten gibt es zwar, aber sie sind sehr schwer zu finden. Die Leute legen vielleicht ein Lippenbekenntnis für den Relativismus ab, aber Sie werden feststellen, dass sie doch an objektive moralische Werte glauben, wenn Sie ihnen ein paar eingehende Fragen stellen – z. B.: „Finden Sie also, dass Kindesmissbrauch moralisch vertretbar ist?“

Nun, Ihre zweite Frage – „Wenn wir objektive Werte wirklich wahrnehmen und wir alle das wissen, wie können wir uns dann sicher sein, dass die Evolution es nicht einfach so erscheinen lässt, dass diese Werte objektiv sind?“ – ist etwas falsch formuliert. Denn wenn wir objektive wahrnehmen und das WISSEN, dann folgt daraus automatisch, dass wir wissen, dass die Evolution uns nicht nur glauben macht, dass diese Werte objektiv sind. (Sonst nehmen wir sie nicht wirklich wahr oder wissen es wirklich.) Jetzt sagen Sie vielleicht: „Ja, aber wie können wir uns sicher sein?“ Doch es gehört nicht zu meinem Argument, Gewissheit bei diesen Themen zu beanspruchen. Es gibt sehr wenige Angelegenheiten im Leben, bei denen wir gewiss sein können. Was zählt, ist, dass wir nach unseren gründlichen Überlegungen zu der Frage der moralischen Werte zu der Schlussfolgerung kommen: Ja, objektive moralische Werte existieren.

Ihre eigentliche Frage lautet meiner Meinung nach: „Warum sollte ich denken, dass objektive moralische Werte existieren, und nicht, dass die Evolution mich dazu gebracht hat, an die Illusion zu glauben, dass es objektive moralische Werte gibt?“ Und die Antwort auf diese Frage lautet: „Weil ich objektive moralische Werte eindeutig wahrnehme und keinen guten Grund habe, das zu verneinen, was ich eindeutig wahrnehme.“

Das ist die gleiche Antwort wie die, die wir dem Skeptiker geben, der fragt: „Woher wissen Sie, dass Sie nicht einfach ein in der Matrix liegender Körper sind und dass alles, was sie sehen, eine illusorische, virtuelle Realität ist?“ Wir können nicht aus unseren fünf Sinnen herauskommen und beweisen, dass sie uns die tatsächliche Wahrheit vermitteln. Ich nehme einfach eine Welt mit Leuten und Bäumen und Häusern um mich herum wahr, und ich habe keinen guten Grund, das Wahrgenommene anzuzweifeln. Klar ist es möglich, dass ich ein Körper in einer Matrix bin. Aber Möglichkeiten bedeuten nicht viel. Die bloße Möglichkeit stellt keine Berechtigung dafür da, das zu verneinen, was ich eindeutig erfasse.

Das heißt nicht, dass unsere Sinne uns nicht manchmal verführen oder dass manche Menschen keine körperlichen Beeinträchtigungen haben, die sie davon abhalten, die Welt richtig wahrzunehmen. Doch das rechtfertigt nicht die totale Skepsis gegenüber meinen Sinnen. Analog dazu ist auch unser Sinn für Moral nicht unfehlbar, und bei manchen Menschen, wie den Nazis, ist er schrecklich verdreht und abgestumpft. Aber das ist keine Rechtfertigung für allgemeine moralische Skepsis.

Nun, natürlich wird der Opponent hier einwenden, dass wir gute Belege dafür haben, dass die Evolution tatsächlich unsere moralische Wahrnehmung bestimmt hat und uns so guten Grund gibt, an unserem Sinn für Moral zu zweifeln. Doch stimmt das? Bei dieser Behauptung ergeben sich zwei Probleme.

Erstens: Daraus, dass die Evolution uns darauf programmiert hat, an bestimmte Werte zu glauben, zu schließen, dass diese Werte nicht objektiv sind, ist ein logischer Trugschluss. Das habe ich auch im Artikel gegen Michael Ruse geschrieben:

„Ruses Argumentation ist schlimmstenfalls ein Lehrbuchbeispiel für einen genetischen Trugschluss und bestenfalls beweist sie nur, dass sich unsere subjektive Wahrnehmung objektiver moralischer Werte entwickelt hat. Doch wenn moralische Werte schrittweise entdeckt und nicht erfunden werden, dann untergräbt eine solche schrittweise und fehlbare Wahrnehmung des Moral-Reichs die objektive Realität dieses Reichs nicht mehr, als unsere schrittweise, fehlbare Wahrnehmung der physischen Welt die Objektivität jenes Reiches untergräbt.“

Jemand begeht einen genetischen Trugschluss, wenn er versucht, eine Ansicht zu widerlegen, indem er aufzeigt, wie diese Ansicht entstanden ist oder wie man zu dieser Ansicht kam. Man begeht diesen Trugschluss beispielsweise, wenn man jemandes Glauben an die Demokratie abtut, indem man sagt: „Sie glauben nur daran, weil sie in einer demokratischen Gesellschaft geboren wurden.“ Das könnte tatsächlich die Erklärung dafür sein, dass man an eine demokratische Staatsform glaubt, doch an sich zeigt das in keiner Weise, dass diese Überzeugung falsch ist. (Vergleiche: „Sie glauben nur deswegen, dass die Erde rund ist, weil Sie in einem naturwissenschaftlich fortgeschrittenen Zeitalter geboren wurden!“ Ist Ihr Glaube deswegen falsch?)

Ihr Beispiel des ästhetischen Wertes Schönheit veranschaulicht das wunderbar. Nehmen wir an, wir stimmen des Argumentes wegen darin überein, dass die Evolution Männer so programmiert hat, dass sie jüngere Frauen aufgrund des selektiven Vorteils für die Spezies bei der Fortpflanzung als schöner ansehen als ältere Frauen. Beweist das in irgendeiner Weise, dass jüngere Frauen nicht tatsächlich allgemein (physisch) schöner sind als alte Frauen, dass es keinen objektiven Unterschied zwischen Schönheit und Hässlichkeit gibt? Offensichtlich nicht! Objektive ästhetische Werte können unabhängig davon existieren, wie wir dazu gekommen sind, sie wahrzunehmen.

Jetzt meinen Sie vielleicht: „Okay, ich sehe ein, dass objektive moralische Werte auch existieren können, wenn wir von der Evolution darauf programmiert wurden, an sie zu glauben. Aber trotzdem: Warum sollte ich, vor dem Hintergrund der Evolutionsgeschichte, der Meinung sein, dass sie objektiv sind?“ Die Antwort lautet: „Weil Sie sie eindeutig wahrnehmen und die Evolution Ihnen nur dann einen Grund gibt, Ihren Sinn für Moral anzuzweifeln, wenn der Naturalismus (Atheismus) wahr ist.“ Der Einwand ist zirkulär, weil er voraussetzt, dass der Naturalismus wahr ist. Ich stimmte dem zu, dass es plausibel ist, dass unsere moralische Erfahrung eine Illusion ist, wenn Gott nicht existiert. Ja, das habe ich eigentlich auch schon in meiner Verteidigung von Prämisse (1) des Moral-Arguments gesagt.

1. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine objektiv gültigen moralischen Werte.

Doch warum sollte man denken, dass der Naturalismus wahr ist? Um die Rechtfertigung zu untergraben, die unsere moralische Erfahrung unseren moralischen Überzeugungen gibt, muss man viel mehr tun, als die Möglichkeit entgegenzuhalten, dass der Naturalismus vielleicht wahr ist. Ohne jegliches Argument für den Naturalismus bin ich absolut rational gerechtfertigt, wenn ich bei meinem moralischen Sinn bleibe und die Objektivität des Moral-Reichs akzeptiere. Das echte Problem ist also nicht die Evolution, sondern der Naturalismus.

Zweitens: Es gibt keine guten Belege dafür, dass unsere Wahrnehmung moralischer und ästhetischer Werte von der Evolution programmiert wurde. Darwinisten sind sehr einfallsreich und kreativ, wenn es darum geht, sich ad hoc Geschichten (sogenannte "just so" stories) dazu auszudenken, um Dinge wie die Evolution zu erklären, für die es keine empirischen Belege gibt. Ja, diese Geschichten sind fast endlos anpassbar, sodass sie fast unanfechtbar und somit unwiderlegbar werden.

Ich fasse Ihr Beispiel dafür, dass wir junge Models (körperlich) attraktiver finden als alte Frauen als die reductio ad aburdum dieses Ansatzes auf. Warum sollte ich bitte glauben, dass ich Claudia Schiffer deswegen schöner als Madeleine Albright finde, weil sie näher an ihrem Höhepunkt der Eignung zur Fortpflanzung ist? Das scheint mir unsinnig zu sein. Welche Belege gibt es, die eine solch absurde Vermutung rechtfertigen?

Ja, weisen die Belege nicht eigentlich in die andere Richtung? Wenn die Eignung zur Fortpflanzung unsere Bewertung von Schönheit beeinflusst hat, warum finde ich dann eine junge Frau mit einer großen Nase und Hasenscharte nicht so schön wie ein Model? Nicht so hübsche junge Frauen sind genauso fruchtbar wie schöne. Welcher selektive Vorteil besteht denn darin, zu schönen Frauen, und nicht einfach nur jungen Frauen, hingezogen zu sein? Zudem: Ist es nicht merkwürdig, dass Sie mir als Frau darin zustimmen, dass ein junges Model schöner ist als eine alte Frau, wo Sie doch keinen selektiven Vorteil von einer solchen ästhetischen Beurteilung haben könnten? Selbst wenn die Evolution sie darauf programmiert hat, junge Männer schöner zu finden als alte, warum finden Sie dann auch das junge weibliche Model (körperlich) schöner als eine alte Frau? Oder: Wie kommt es, dass wir auch in anderen Spezies schöne Mitglieder erkennen? Wir bewundern gerne ein besonders schönes Pferd oder den Gewinner einer Hunde-Show. Wie können solche Urteile plausibel auf evolutionäre Programmierung zurückgeführt werden, wo unterschiedliche Beurteilungen von Schönheit bei anderen Tieren doch absolut keinen selektiven Vorteil für uns hat?

Bestimmt können Darwinisten in ihrer Genialität, wenn es um das Erfinden von Geschichten geht, auch eine Erklärung für diese Anomalien finden. Aber warum sollte man solche Geschichten glauben? Wir sollten ziemlich starke Belege dafür verlangen, dass die Evolution tatsächlich unsere moralischen und ästhetischen Urteile bestimmt hat. Aber solche Belege gibt es nicht. Ich vermute eher, dass diese Geschichten von vielen akzeptiert werden, weil es unter naturalistischen Voraussetzungen natürlich erscheint, davon auszugehen, dass unser Geschmack von seinem selektiven Vorteil bestimmt wurde. Aber dann kommt wieder die Frage auf: Warum sollte man meinen, dass der Naturalismus wahr ist?

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /our-grasp-of-objective-moral-values

- William Lane Craig