#82 Zweifel am neo-darwinistischen Paradigma
January 10, 2017Sehr geehrter Prof. Craig, als Ihr Bruder in Christus, aber auch als Christ, der stark an der Naturwissenschaft interessiert ist, war ich von einem Ihrer kürzlichen Podcasts[1] über die Schöpfungslehre sehr enttäuscht. Sie scheinen der Makroevolution sehr skeptisch gegenüberzustehen, die aber schon mehrfach beobachtet wurde. Mikroevolution wird einfach als Variation innerhalb einer Spezies definiert, während Makroevolution als Variation auf der Ebene oder über der Ebene der Spezies definiert wird. Die Speziation ist ein Beispiel hierfür und wurde schon unter verschiedensten Bedingungen beobachtet und in der naturwissenschaftlichen Literatur oft dokumentiert. Daher war ich über Ihre augenscheinliche Bereitschaft, den Unterschied zwischen Makro- und Mikroevolution hervorzuheben, sehr bestürzt.
Ich finde zudem, dass Sie den jetzigen Forschungsstand bezüglich Fossilien nur sehr ungenügend wiedergegeben haben. Das einzige Übergangsfossil, das Sie erwähnt haben, war Archaeopteryx, der – selbst was nur den Übergang von Dinosauriern zu Vögeln angeht – noch nicht einmal das einzige derartige Fossil ist. Es gibt riesige Mengen an Fossilien, die andere Übergänge nachweisen, z. B. von Fischen zu Amphibien, von Wirbellosen zu Fischen und auch die anderen großen Übergänge. Wir haben auch extrem gute Fossilien, die die Evolution des Wals, des Pferdes, des Elefanten und natürlich des Homo sapiens dokumentieren. Wie ich finde, macht diese Form des progressiven Kreationismus, für die Sie sich so einzusetzen scheinen, Gott zu einer Art Einmischer und Pfuscher, der dem Prozess ständig weiterhelfen muss, den er selbst ursprünglich eingerichtet hat, der aber nicht ausreichte, um das zu produzieren, was Gott von ihm wollte. Manches entwickelt sich so, wie er es will, und bei manchem muss er direkt eingreifen, um essentiell neue Geschöpfe zu erschaffen. Somit ist auch der Fossilbericht voll mit seinen Fehlern, was nahelegen könnte, dass er nicht sonderlich gut arbeitet, und das ist kein Gott, den ich gerne anbete. Sie erwähnen auch Bücher von Leuten wie Philip Johnson, der kein Naturwissenschaftler ist, und Michael Denton, dessen Buch vor über 20 Jahren geschrieben wurde und von anderen Naturwissenschaftlern auch damals nicht gerade hoch angesehen wurde und nun völlig veraltet ist. Und dann gibt es noch Michael Behe, der einen gemeinsamen Vorfahren aller Lebensformen zu akzeptieren scheint, aber offenbar auch denkt, dass Gott mit Bakteriengeißeln herumhantieren muss, und auch das schmälert meines Erachtens die Herrlichkeit der Schöpfung.
Niemand, der sich die Fakten wie den Fossilbericht, die Existenz gemeinsamer endogener Retroviren und Pseudogenen und die Fusion des menschlichen Chromosoms Nr. 2, objektiv auswertet, kann bezweifeln, dass wir und Schimpansen einen gemeinsamen Vorfahren haben, und da dies der Hauptstreitpunkt bei Evolutionszweiflern ist, sehe ich keinen Grund, diese Linie nicht auch bis zum Urvorfahren zurückzuziehen.
Ich hoffe, Sie können Ihre Ansichten hierzu klarstellen. Nach den hervorragenden vorhergehenden Podcasts hat dieser mich, wie gesagt, entsetzt.
Steve
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Dr. craig’s response
A [
Wie ich in meinen Ausführungen über die Schöpfungslehre erklärt habe, haben Christen, wenn es um den Ursprung des Lebens und die biologische Komplexität geht, gegenüber den Naturalisten den Vorteil, dass sie wirklich offen dafür sein können, den Belegen dahin zu folgen, wo sie hinführen. Da ich denke, dass die Evolutionstheorie aus den in dem Podcast genannten Gründen mit dem biblischen Bericht in Genesis 1 kompatibel ist, ist die Frage des biologischen Ursprungs für mich eine gänzlich naturwissenschaftliche Frage: Was sagen die Belege über die Art und Weise aus, auf die Gott Leben und biologische Komplexität hervorgebracht hat? Meine ehrliche, laienhafte Bewertung der Belege stimmt mich der neo-darwinistischen Erklärung gegenüber sehr skeptisch und macht mich zum prüfenden Agnostiker, was diese Theorie angeht.
Das neo-darwinistische Paradigma ist eine Synthese zweier übergreifender Thesen: der These des gemeinsamen Vorfahren und der These der zufälligen Mutation und natürlichen Selektion als Mittel zur evolutionären Entwicklung. Die Belege für diese beiden Thesen sind alles andere als zwingend; ja, zur Theorie gehört eine enorme Extrapolation von äußerst beschränkten Belegen zu Schlussfolgerungen, die weit jenseits der Belege liegen. Wir wissen, dass in der Naturwissenschaft derlei Extrapolationen oft fehlschlagen (z. B. Albert Einsteins gescheiterter Versuch, ein allgemeines Prinzip der Relativität zu extrapolieren, das die Beschleunigung und Drehbewegung relativieren würde, genauso wie sein spezielles Prinzip die gleichmäßige Bewegung relativierte). Derlei gescheiterte Versuche werfen eine dringende Frage auf: Woher wissen wir, dass die Extrapolation von einzelnen Fällen evolutionärer Entwicklung zur großen Geschichte der Evolution eine gültige ist?
Zuerst sollten wir unsere Terminologie klären. Sie verstehen die Mikroevolution falsch, wenn Sie sie mit der Behauptung der Beständigkeit der Spezies gleichsetzen. Steve, nicht einmal Sechs-Tage-Kreationisten, ganz zu schweigen von progressiven Kreationisten, beschränken mikroevolutionäre Veränderungen auf Variationen innerhalb einer Spezies! So habe ich den Begriff jedenfalls nicht verwendet, was klar aus den Beispielen für evolutionäre Änderungen, die ich betrachtet habe, hervorgegangen ist. Eine mikroevolutionäre Veränderung ist einfach eine Veränderung innerhalb bestimmter vager Grenzen – Grenzen, die weit hinter der Riesenentwicklung zurückbleiben, die die These des gemeinsamen Vorfahren vorsieht.
Um Ihnen ein Gefühl für das Ausmaß an Extrapolation von Belegen für mikroevolutionäre Veränderung zu makroevolutionären Schlussfolgerungen zu geben, betrachten Sie einmal das folgende Schaubild, das einige der größten Stämme im Tierreich darstellt. Beachten Sie, dass nur zu dem einen Stamm der Wirbellosen (Chordatiere) alle Fische, Säugetiere, Vögel, Reptilien usw. gehören. Im Kontext einer breiteren Darstellung betrachtet, werden typische Beispiele für evolutionäre Veränderungen als mikroevolutionäre Veränderungen angesehen. Die evolutionäre Entwicklung von Walen, Pferden und Elefanten, die Sie erwähnen, sind Trivialitäten verglichen mit dem großen Szenario, das die Theorie vorsieht. Der Übergang von niedrigeren Primaten zu Menschen ist nichts verglichen damit, was die Theorie im großen Rahmen postuliert.

Sie werden sich erinnern, dass ich Michael Dentons Aussage zitiert habe, nach der es buchstäblich Millionen von Übergangsformen geben müsste, wenn eine Fledermaus und ein Wal einen gemeinsamen Vorfahren haben, die es aber im Fossilbericht nicht gibt. Doch selbst diese Illustration verschleiert die Tatsache, wie trivial eine solche Entwicklung gemessen am großen Ganzen wäre, denn sie hätte sich komplett in der Klasse der Säugetiere im Stamm der Chordatiere abgespielt. Selbst die Evolution von Amphibien aus Fischen oder Vögeln aus Reptilien ist winzig verglichen mit dem ganzen von der Theorie postulierten Lebensbaum, weil es sich um eine evolutionäre Entwicklung innerhalb nur eines einzigen Stammes handelt.
Zum Vergleich: Welche Belege gibt es dafür, dass Fledermäuse und Schwämme per Mutation und natürlicher Selektion einen gemeinsamen Vorfahren haben? Und bedenken Sie nun, dass das obige Schaubild nur einige der Stämme des Tierreichs darstellt, welches wiederum nur ein Teil der Domäne der Eukaryoten ist, zu dem auch das gesamte Pflanzenreich gehört, und dass es zusätzlich zur Domäne der Eukaryoten auch die Domänen der Bakterien und der Archäen zu berücksichtigen gilt! Wir haben es hier eindeutig mit einer irrsinnigen Extrapolation von begrenzten Fällen mikroevolutionärer Veränderung zu Schlussfolgerungen zu tun, die weit über die Belege hinausgehen. Vorsicht ist hier allemal geboten.
Widmen wir uns nun Ihren Einwänden gegen meinen Vortrag. Zunächst die These der gemeinsamen Abstammung. In meinem Podcast habe ich einige Gründe dafür genannt, mit dieser Behauptung vorsichtig zu sein; die dafür sprechenden biomolekularen Belege habe ich aber anerkannt. Sie haben sich beschwert, dass ich nur Archäopteryx als Übergangsfossil erwähnt habe. Meine Absicht war hier aber, aus dem Fossilbericht ein Beispiel für die bedeutendste Übergangsart anzuführen, die die Belege hergeben. Die meisten der Beispiele, die Sie nennen, sind im Vergleich dazu Trivialitäten, denn es handelt sich dabei nicht um Veränderungen über große Kategorien hinweg. Sie zu erwähnen, hätte die Argumente aus dem Fossilbericht für die Makroevolution nur geschwächt, die ich wohlwollend darstellen wollte. Michael Dentons Aussage, dass wir Millionen von Übergangsformen haben sollten, wenn das neo-darwinistische Paradigma wahr wäre, ist überhaupt nicht veraltet und bleibt ein akutes Problem. (Ihr Schuss unter die Gürtellinie bei Denton, der übrigens ein guter Naturwissenschaftler ist, ist nur allzu typisch für diejenigen, die auf ad-hominem-Angriffe zurückgreifen, wenn sie die Belege nicht widerlegen können.) Viel mehr haben Sie, wie ich finde, auch nicht gesagt, was über meine Aussagen hinausgeht und die Argumente für die These des gemeinsamen Vorfahren großartig stärkt.
In jedem Fall ist die These des gemeinsamen Vorfahren, wie ich bereits betonte, die weniger wichtige der zwei Behauptungen des neo-darwinistischen Paradigmas – viel wichtiger ist die These der zufälligen Mutation und natürlichen Selektion. Wie Sie selbst anmerkten, akzeptieren Theoretiker wie Michael Behe die These des gemeinsamen Vorfahren bereitwillig. Womit sie Probleme haben, sind die postulierten explanatorischen Mechanismen der neo-darwinistischen Synthese. Hier hatten Sie nichts zu sagen, was gezeigt hätte, dass die erstaunliche biologische Komplexität, die unsere Welt aufweist, im Laufe von vier Milliarden Jahren von derlei Mechanismen hätte geschaffen werden können. Denken Sie an die Behauptung von Barrow und Tipler, dass es mindestens zehn Schritte in der Evolution des Homo sapiens gibt, von denen jeder so unwahrscheinlich ist, dass die Sonne aufgehört hätte, ein Hauptreihenstern zu sein, und die Erde verbrannt hätte, ehe er erfolgt wäre. Hier liegt mein größter Zweifel am neo-darwinistischen Paradigma. Ich habe noch keinen Beleg dafür gesehen, dass die Hypothese der zufälligen Mutation und natürlichen Selektion die explanatorische Kraft hat, die das neo-darwinistische Paradigma ihr zuschreibt. Wie ich finde, passt eine Theorie des progressiven Kreationismus, auch wenn die These des gemeinsamen Vorfahren zutrifft, zu allen Fakten und könnte demnach wahr sein.
All das ruft die Frage hervor: Wie kann eine Theorie, die so spekulativ und schlecht belegt ist wie der Neo-Darwinismus, so selbstbewusst und standhaft von Naturwissenschaftlern aufrechterhalten werden? Hier wird Philip Johnsons Erkenntnis relevant für die Diskussion. (Natürlich ist er, wie Sie anmerkten, kein Naturwissenschaftler, aber sein Beitrag ist ja auch philosophisch, nicht naturwissenschaftlich.) Wie ich in meinem Artikel „Naturalism and Intelligent Design“, in: Robert B. Stewart (Hrsg.): Intelligent Design (Minneapolis 2007: Fortress Press), S. 58-71, erkläre, ist Johnsons Erkenntnis die, dass der Status der neo-darwinistischen Theorie als beste Erklärung für die biologische Komplexität entscheidend davon abhängt, dass nicht-naturalistische Hypothesen aus dem Pool gültiger explanatorischer Optionen aussortiert werden. Johnson hat schon oft gesagt, dass er keinen Einwand gegen die Behauptung von Evolutionstheoretikern hätte, dass die Evolution die beste naturalistische Hypothese für die biologische Komplexität ist. Wogegen er protestiert ist die Behauptung, dass die Evolutionstheorie die beste Erklärung simpliciter ist. Wenn wir nicht-naturalistische Hypothesen in den Pool gültiger explanatorischer Optionen ließen, wäre nicht mehr klar, dass die Evolutionstheorie die beste Erklärung der Daten wäre. In diesem Sinne setzt die Theorie also den Naturalismus voraus. Die Theorie selbst impliziert den Naturalismus nicht; es ist vielmehr die aktuell erhöhte Position als vorherrschendes Paradigma, die entscheidend davon abhängt, dass nicht-naturalistische Alternativen außer Acht gelassen werden. Denn wenn der Naturalismus wahr ist, dann ist die Evolution, wie Alvin Plantinga sagt, die einzige Option. Egal wie unwahrscheinlich, egal wie schwach die Belege sind; die Evolution muss wahr sein, weil es schlichtweg nichts Nicht-Natürliches gibt, was die biologische Komplexität erklären könnte. Daher auch das Selbstbewusstsein.
Ironischerweise veranschaulicht Ihr Schreiben, Steve, genau das, was ich sagen will. Es ist offensichtlich, dass Sie aus theologischen Gründen an nicht-naturalistischen Theorien Anstoß nehmen. Ihnen behagt die Vorstellung des Tüftler-Gotts nicht, der in die Evolutionsentwicklung von Dingen wie der Bakteriengeißel eingreift. Sie finden, das macht Gott zu einem Einmischer und Pfuscher, und so einen Gott möchten Sie nicht anbeten. Sehen Sie nicht, dass Sie gegen eine objektive Bewertung der Belege verstoßen haben und ihnen nicht dahin folgen, wohin sie führen, sondern Ihren eigenen theologischen Vorlieben folgen? Ich muss sagen, ich stoße in Diskussionen dieser Art immer wieder auf dieses Phänomen: Philosophische und theologische Annahmen legen fest, wofür sich die Leute entscheiden, nicht die Belege selbst.
Was Ihre persönlichen theologischen Präferenzen angeht, muss ich Sie davor warnen, davon auszugehen, dass Gott sich an Ihre präferierte theologische Einstellung halten muss. Es ist enorm vermessen, zu denken, dass wir mit Zuversicht sagen können, was Gott tun und was er nicht tun würde, wenn es um das Erschaffen von Leben auf diesem Planeten geht. Es ist besser, offen an die Sache heranzugehen und die Belege anzusehen, um zu erkennen, was er tatsächlich getan hat!
Außerdem ist Ihr Gottesbild vielleicht ganz falsch. Vielleicht ist Gott kein Ingenieur, der Schuld ist, wenn seine Maschine nicht perfekt funktioniert, ohne dass er eingreift. Vielleicht ist Gott eher ein Künstler, der sich gerne die Hände mit Farbe oder Lehm schmutzig macht, um eine spektakuläre Welt zu entwerfen. Warum nicht?
In jedem Fall erfordert Intelligent Design nicht Gottes Eingreifen in die Reihe sekundärer Ursachen, wie Sie es sich vorstellen. Wenn Gott mittleres Wissen hat, kann er eine Welt erschaffen, in der die entsprechenden Kontrafakten wahr sind, sodass eine designte Welt auf natürliche Weise aus bestimmten ausgewählten Ausgangsbedingungen entspringt (siehe wiederum den oben genannten Artikel). Eine solche Ansicht bindet Sie überhaupt nicht an Interventionen.
Seien Sie also nicht bestürzt, mein Bruder! Es gibt gute Gründe, das aktuelle Paradigma in der Evolutionsbiologie nur mit Vorsicht zu genießen. Hier können Christen zur Abwechslung die Rolle des skeptischen Fragenstellers einnehmen.
(Übers.: J. Booker)
Link to the original article in English: /scepticism-about-the-neo-darwinian-paradigm
[1] Der Fragesteller bezog sich vermutlich auf den "Defenders Podcast" (Serie 1, Sektion 16 ("Doctrine of Creation" = Lehre über die Schöpfung). /defenders-1-podcast/s16.
Ab Lektion 4 bis werden auch Biologie und die Evolutionstheorie behandelt.
In Lecture 6 werden die Bücher von Philip Johnson (Darwin on Trial, InterVarsity Press, 1991), Michael Denton (Evolution: A Theory in Crisis, Chevy Chase, MD 1986: Adler & Adler) und Michael Behe (Darwin's Black Box, New York 1996 und 2006: Free Press) und wird auf den Unterschied zwischen Macro- und Microevolution eingegangen. /defenders-1-podcast/transcript/s16-06
(Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
