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#73 Christi Versuchungen

July 12, 2016
Q

Hallo Prof. Craig,

Ich höre mir die Podcasts Ihrer „Defenders Class“ an und genieße sie richtig. Als ich Sie vor kurzem über die Eigenschaften Jesu sprechen hörte, sagten Sie, dass Jesus, weil er ganz Gott und ganz Mensch war, nicht sündigen konnte. Zwar erkannten Sie an, dass er versucht wurde, doch behaupteten Sie, dass es ihm unmöglich war, zu sündigen. Als Christ bereitet mir das Schwierigkeiten. Ich habe Jesus lange Zeit für jemanden gehalten, der genauso fähig war zu sündigen wie ich, die Sünde aber durch ein vollkommenes Leben überwunden hat. Außerdem: „Versuchung“ impliziert meines Erachtens die Möglichkeit dessen, wozu man versucht wird. Ich kann z. B. versucht sein, die Reste vom Abendbrot aus dem Kühlschrank zu essen, wenn ich um Mitternacht wachliege. „Versuchung“ wäre aber das falsche Wort, wenn ich sagen würde, „Ich bin versucht, in die Vergangenheit zurückzureisen“, weil mir das gar nicht möglich ist. Ich könnte sagen, „Ich wünschte, ich könnte in die Vergangenheit zurückreisen“, aber „Ich bin versucht“ impliziert die Möglichkeit, dass ich tatsächlich eine Zeitreise mache. Wenn wir also davon sprechen, dass Jesus versucht wurde, dann scheint dies die Möglichkeit mit einzuschließen, dass er tatsächlich in der Lage war, das zu tun, wozu er versucht wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus nicht vom Tempel hätte springen können, als Satan ihn dazu aufforderte. Wenn das so wäre, wäre er dann wirklich versucht gewesen? Und wenn es ihm unmöglich war, zu sündigen, wie können wir dann sagen, dass er so versucht wurde wie wir? Schließlich besteht immer die Möglichkeit, dass wir der sich uns stellenden Versuchung nachgeben. So wie ich das Neue Testament lese und verstehe, müssen wir anerkennen, dass Jesus in der Lage war, der Versuchung nachzugeben. Sonst wäre er nicht ganz Mensch. Sonst sind es gar keine wirklichen Versuchungen.

Sehr gerne wüsste ich, was Sie hierzu meinen, damit ich selbst bei diesem Problem weiterkomme. Danke für Ihre großartige Arbeit. Ich bete weiter für Sie!

Scott

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Danke für Ihre Gebete, Scott! Die Lehre von Jesu Unfehlbarkeit (oder Unfähigkeit zu sündigen) ist nicht irgendeine eigenartige Lehre, sondern fester Bestandteil einer orthodoxen Lehre über Jesus. Alle großen christlichen Bekenntnisse bekräftigen sie. Wenn man einen Moment darüber nachdenkt, versteht man auch gleich, warum. Gott kann als essentiell vollkommenes Wesen nicht sündigen. Aber Jesus ist Gott, die zweite Person der Trinität. Also kann Jesus nicht sündigen.

Jetzt sagen Sie vielleicht: „Gut, vielleicht konnte Jesus seiner göttlichen Natur nach nicht sündigen, aber hätte er nicht vielleicht seiner menschlichen Natur nach sündigen können? Das wäre analog zu seiner Allmacht: Er war allmächtig seiner göttlichen Natur nach, aber seiner menschlichen Natur nach eingeschränkt in seiner Macht.“

Doch diese Analogie funktioniert nicht. Denn das Sündigen ist etwas, was Personen machen. Aber die menschliche Natur Jesu ist keine Person. (Die Vorstellung, dass die menschliche Natur Jesu eine Person ist, die sich von der zweiten Person der Trinität unterscheidet, ist eine Häresie, die Nestorianismus genannt wird. Dieser zerstört die Einheit der Person Jesu, indem sie ihn in eine menschliche und eine göttliche Person teilt, sodass es in Wirklichkeit zwei Personen sind, die inkarniert sind, nicht eine Person mit zwei Naturen.)

Die Person, die Jesus ist, ist also göttlich und kann als solche nicht sündigen.

Mein Kollege Thomas Flint hat für die neuartige Sicht plädiert, nach der Jesu menschliche Natur tatsächlich hätte sündigen können, sie dann aber eine Person gewesen wäre – also eine ausschließlich menschliche Person –, und so wäre Jesus nicht die zweite Person der Trinität gewesen. Somit stimmt Flint darin zu, dass Jesus, die zweite Person der Trinität, inkarniert als Jesus von Nazareth, nicht hätte sündigen können, doch die menschliche Natur Jesu, die tatsächlich keine Person ist und vom Teufel versucht wurde, hätte sündigen können und demnach eine Person sein können – eine sündige, menschliche Person. Flints Ansicht hat die merkwürdige und, wie manche sagen würden, absurde Konsequenz, dass es keine essentielle Eigenschaft einer Person ist, eine Person zu sein. Wenn Sie mehr über diesen schwer verständlichen theologischen Disput lesen möchten, sehen Sie sich meinen Artikel „Flint's Radical Molinist Christology Not Radical Enough“ an. Ich muss Sie aber warnen: Er ist sehr technisch. Wenn wir denken, dass eine Person zu sein keine kontingente Eigenschaft ist, die man oder etwas hat, sondern eine essentielle Eigenschaft, dann hätte Jesu menschliche Natur als Person nicht getrennt von der zweiten Person der Trinität existieren können, deren inkarnierte menschliche Natur sie war. Wir bleiben dann also bei der Ansicht, dass weder Jesus noch seine menschliche Natur hätten sündigen können.

Jesu Versuchungen – die Fähigkeit ist keine notwendige Bedingung für die Versuchung

Wie sollen wir also die Versuchung Jesu verstehen? Nun, ganz einfach: Man muss nicht in der Lage sein, etwas zu tun, um dazu versucht zu sein. Nehmen wir Ihr Beispiel: Nehmen wir an, Sie sind im Labor eines verrückten Wissenschaftlers, und Sie glauben wirklich, dass er eine Zeitmaschine hat. Er lässt Sie im Labor mit dieser strikten Anweisung alleine: „Machen Sie keine Zeitreise mit der Maschine!“ Nun sind Sie vielleicht schwer versucht, während seiner Abwesenheit eine Reise durch die Zeit zu machen – schließlich könnten Sie ja sofort wieder zurückkommen und niemand würde davon erfahren! Vielleicht haben Sie mit dieser Versuchung richtig zu kämpfen. Dabei wussten Sie gar nicht, dass der Wissenschaftler ein Schwindler ist und es gar keine Möglichkeit gibt, eine Zeitreise zu unternehmen! Doch Sie haben Ihre Pflicht getan; Sie haben der Versuchung widerstanden und haben vielleicht sogar ein Lob dafür verdient. Und vielleicht sind Sie durch diese Willensübung auch moralisch gestärkt worden.

Oder nehmen wir ein realistischeres Beispiel: Nehmen wir an, Sie sind auf Diät und sind versucht, an den Kühlschrank zu gehen und den Schokoladenkuchen herauszuholen, den Ihre Frau dort letzte Nacht gelassen hat. Sie widerstehen tapfer, ohne zu wissen, dass sie den Kuchen aufgrund einer mitternächtlichen Hungerattacke selber schon gegessen hat und der Kühlschrank leer ist! Derlei Beispiele zeigen, wie ich finde, ganz eindeutig, dass wir nicht tatsächlich in der Lage sein müssen, das zu tun, was die Versuchung uns nahelegt, um wirklich versucht zu sein.

Jesus hätte die Dinge, die Satan von ihm verlangte, mit Sicherheit physisch vollbringen können, also z. B. sich vom Tempel hinunter zu werfen oder Steine in Brot zu verwandeln, doch er hätte diese Dinge nicht auf Satans Geheiß tun können, denn das wäre eine Sünde gewesen.

Jesu Versuchungen – eingeschränktes bewusstes Wissen ermöglicht echte Versuchungen

Die wirklich interessante Frage wird meiner Meinung nach dann die, welche Art kognitiver Beschränkungen eine Person haben muss, um versucht zu werden. Wusste Jesus, dass er nicht sündigen konnte? Wenn dem so ist, wie konnte er dann versucht sein, wo er doch wusste, dass er nicht nachgeben konnte? Weil er Gott ist, muss er allwissend sein und musste somit auch wissen, dass er Satans Versuchungen nicht erliegen konnte.

Ja, aber hier muss man darauf hinweisen, dass eine echte Inkarnation impliziert, dass Jesus ein normales menschliches Bewusstsein hatte und somit im Laufe seines Lebens an Weisheit und Reife zunehmen konnte. Als Verständnishilfe kann man hier verschiedene Bewusstseinsebenen in Jesu Person unterscheiden. Wenn ein großer Teil seines übermenschlichen Wissens unterbewusst war, dann war er sich nicht aller Dinge bewusst, die er wusste, genauso wie wir uns oft nicht der Dinge bewusst sind, die wir unterbewusst wissen. Vielleicht war er sich seiner Unfehlbarkeit nicht bewusst, oder wenn er schon davon wusste, dann hatte er vielleicht andere kognitive Einschränkungen, wegen derer er trotzdem gegen Versuchungen ankämpfen musste – genauso wie er gegen Sorgen, Angst und Erschöpfung ankämpfen musste. Da er ein normales menschliches Bewusstsein hatte, konnte Jesus die Anziehungskraft der Versuchung spüren, obwohl er Gott war und demzufolge nicht in der Lage war, ihr nachzugeben. Wenn Sie gerne eine Theorie der Inkarnation weiterverfolgen möchten, nach der Jesus verschiedene Bewusstseinsebenen hatte, lesen Sie das Kapitel über die Inkarnation in meinem Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview[1].

Hieraus ergibt sich noch eine andere interessante Frage: Wenn Jesus nicht sündigen konnte, hat er der Sünde dann freiwillig widerstanden? Wenn nicht, welche moralische Bedeutung kommt dann seinem Sieg zu? Wenn doch, wie ist das dann mit unserem gewöhnlichen Verständnis von Freiheit als der Fähigkeit, zwischen zwei Gegensätzen zu wählen, zu vereinbaren? Diese Frage behandle ich in Frage 56: „Freiheit und die Fähigkeit, das Böse zu wählen“.

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: /temptations-of-christ


Anmerkungen

[1] Downers Grove, Illinois: Inter-Varsity Press, 2003.

- William Lane Craig