#111 Göttliche Einfachheit
July 12, 2016Hallo Herr Prof. Craig,
vielen Dank für Ihre aufschlussreichen Arbeiten in Religionsphilosophie. Ich schreibe aus dem fernen Malaysia (!). Das erwähne ich, damit Sie wissen, dass Ihre Arbeit viele Menschen in der ganzen Welt berührt hat.
Ich studiere Computerwissenschaft und befasse mich gerade näher mit christlicher Apologetik. Meine Frage betrifft die Lehre von der göttlichen Einfachheit. Ich habe noch keine Artikel gelesen, die Sie über göttliche Einfachheit geschrieben haben, deshalb kenne ich Ihren Standpunkt zu dieser Lehre nicht.
Aber es hat jemand Sie und J. P. Moreland in dem Sinne zitiert, dass Sie grundsätzlich gegen diese Lehre sind:
„Die Lehre [der göttlichen Einfachheit] ist außerdem starken Einwänden ausgesetzt. Zum Beispiel scheint die Aussage, dass Gott keine unterschiedlichen Eigenschaften hat, offenkundig falsch zu sein: Allmacht ist nicht dieselbe Eigenschaft wie Güte, denn ein Wesen könnte die eine und nicht die andere Eigenschaft haben.“
Deshalb habe ich folgende Fragen:
1. Halten Sie das Konzept der göttlichen Einfachheit für richtig oder falsch?
2. Wäre es richtig zu sagen, dass Ihr in dem oben angeführten Zitat (wenn es denn tatsächlich von Ihnen stammt) dargestelltes Verständnis der Lehre von der göttlichen Einfachheit falsch ist, wenn man berücksichtigt, dass Nicholas Wolterstorff, emeritierter Noah Porter-Philosophieprofessor und Fellow am Berkeley College der Universität Yale, der Meinung ist, dass mittelalterliche christliche Denker wie Thomas von Aquin die Prädikation so verstehen, dass das Subjekt Bestandteile (Konstituenten) besitzt. Demgegenüber verstehen zeitgenössische Philosophen unter Prädikation, dass das Subjekt Eigenschaften exemplifiziert.
Das bedeutet einen entscheidenden Unterschied für die Auffassung, die jemand über göttliche Einfachheit hat.
Statt z.B. zu sagen, dass Gott Allmacht nur exemplifiziert, können wir sagen, dass Allmacht eine metaphysische Konstituente Gottes ist. Und deshalb ist sie nicht von Gott verschieden. Dasselbe gilt für umfassende Güte. Statt zu sagen, dass Gott Güte einfach nur exemplifiziert, können wir sagen, dass Güte zum Wesen Gottes gehört und somit nicht von ihm verschieden ist.
Kann man uns dann nicht vorwerfen, Gott auf eine abstrakte Eigenschaft zu reduzieren? Ich glaube nicht. Denn wir haben klar festgestellt, dass wir von Gottes Güte sprechen, die eine metaphysische Konstituente Gottes ist. Wenn Gottes Güte Teil des Wesens Gottes ist, dann ist Gottes Wesen gewiss mit Gott identisch oder gleich; Gottes Wesen ist einfach dasselbe wie Gott.
Es kann der Einwand erhoben werden: Wir wissen, dass es einen begrifflichen Unterschied zwischen Gottes Wesen und z.B. Gottes Gerechtigkeit gibt. Denn Gottes Wesen ist das, was ihn zu Gott macht, und Gottes Gerechtigkeit ist das, was ihn gerecht macht. Somit scheint dies die Lehre der göttlichen Einfachheit zu widerlegen.
Aus meiner Sicht scheint das die göttliche Einfachheit nicht zu widerlegen, da die Lehre von der göttlichen Einfachheit nicht behauptet, dass Gottes Eigenschaften begrifflich ähnlich sind, sondern dass sie metaphysisch ähnlich sind. Das heißt, aus der Behauptung, dass Gott mit seinem Wesen identisch ist, wird, dass Gott mit derjenigen Konstituente identisch ist, die ihn göttlich macht, d.h. mit seiner göttlich-machenden Konstituente. Und die Behauptung, dass Gott mit seiner Gerechtigkeit identisch ist, entspricht der Behauptung, dass Gott mit der Konstituente identisch ist, die ihn gerecht macht (gerecht-machende Konstituente).
Ich weiß, dass dieses Thema ziemlich lang werden kann, und entschuldige mich dafür, einen so langen Beitrag zu schreiben. Ich würde nur zu gern Ihre Ansicht zu den angeschnittenen Fragen hören.
Ernest
<ul><li>Malaysia</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Danke, Ernest, für eine so anregende und tiefgründige Frage über die göttliche Einfachheit! Ich habe diese Lehre kurz in meinem zweiten Kapitel über „The Coherence of Theism“ in meinem und J. P. Morelands Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview (IVP, 2003) angesprochen. Der Abschnitt, den Sie zitieren, steht auf Seite 524.
Wie ich dort erkläre, lautet die klassische Lehre, dass Gott eine absolut undifferenzierte Einheit ist, als die Er keine unterschiedlichen Attribute hat, nicht in realen Beziehungen steht, dessen Wesen sich nicht von seiner Existenz unterscheidet und der einfach der pure Akt des Fortbestehens ist. So formuliert gibt es für die Lehre von der göttlichen Einfachheit überhaupt keine biblische Begründung und meiner Meinung nach auch keine guten philosophischen Gründe. Außerdem sprechen sehr gewichtige Einwände gegen sie. Um also Ihre erste Frage zu beantworten: Ja, ich lehne die traditionelle Lehre ab, nach der Gott absolut einfach ist.
Was nun Ihre zweite Frage betrifft, gehe ich davon aus, dass Sie sich auf den sehr interessanten Artikel „Divine Simplicity“ von Nicholas Wolterstorff beziehen, der in Philosophical Perspectives 5: Philosophy of Religion (Atascadero 1991, S. 531-52) erschienen ist. Dort argumentiert Wolterstorff, dass die Lehre von der göttlichen Einfachheit in der Moderne falsch gedeutet wurde, weil wir den mittelalterlichen metaphysischen Kontext dieser Lehre nicht verstehen. Das Problem ist, so argumentiert er, dass wir Neuzeitler mit einer „Beziehungsontologie“ arbeiten, nach der die Natur oder das Wesen einer Sache eine Art abstraktes Objekt ist, zu der die Sache in einer Beziehung der Exemplifizierung steht. Eine Katze exemplifiziert z.B. demnach die Eigenschaft katzenartig sein, welche eine abstrakte Größe ist, zu der die Katze in Beziehung steht. Aber die mittelalterlichen Denker arbeiteten mit einer „Konstituenten-Ontologie“, nach der Naturen tatsächliche Konstituenten oder Bestandteile von Dingen sind. Eine individuelle Natur entsprach eigentlich eher einem konkreten Objekt als einem abstrakten Objekt. In diesem Sinn war Platons Menschsein nicht dasselbe wie Aristoteles‘ Menschsein; jeder hatte seine eigene individuelle menschliche Natur, die durch die Materie, aus der jeder Mensch bestand, individuiert wurde. (Ich denke, Wolterstorff vernachlässigt gravierend, in welchem Maß die mittelalterlichen Denker auch eine allgemeine Natur anerkannten, die allen Dingen einer bestimmten Art gemeinsam war; aber lassen wir das einmal außen vor.) Was nun immaterielle Größen betrifft, wie zum Beispiel Engel, gibt es keine Substanz, die ihre Naturen individuiert. So ist jeder von ihnen einfach seine Natur. Jeder Engel ist somit buchstäblich einzigartig! Außerdem haben geschaffene Dinge neben ihren Naturen auch gewisse zusätzliche Eigenschaften, die Akzidenzen genannt werden, zum Beispiel braun sein, intelligent sein, gut sein, und so weiter.
Im Fall Gottes gilt nun: Gott ist immateriell, und somit ist Er einfach Seine Natur. Außerdem besagt die Lehre von der göttlichen Einfachheit, dass Gott keine Akzidenzen hat; Er hat nur Sein Wesen. Und zuletzt gilt nur im Fall Gottes, dass Seine Natur Existenz einschließt. Er existiert durch Sein Wesen selbst. So verstanden führt die Lehre von der göttlichen Einfachheit uns nicht zu der absurden Vorstellung, dass Gott eine Eigenschaft und somit ein abstraktes Objekt wäre, wie moderne Kritiker der Lehre es manchmal behauptet haben.
Wolterstorffs Korrektiv zu dem modernen Verständnis der göttlichen Einfachheit ist zu begrüßen. Gewiss hätten mittelalterliche Denker Gottes Identität mit seinem Wesen nicht so verstanden, als wäre Er ein abstraktes Objekt. Manche moderne Kritik am mittelalterlichen Verständnis von Gottes Einfachheit basiert also auf einem Mißverständnis, aber meine Kritik, die ich in Philosophical Foundations anbiete, ist eine andere.
Vielmehr hat Wolterstorff in Wirklichkeit die klassische Lehre von der göttlichen Einfachheit verwässert. Nach seiner Erklärung könnte Gott eine sehr komplexe Natur haben und dennoch als einfaches Wesen gelten. Die traditionelle Lehre ist viel radikaler. Sie stellt vier Identitätsbehauptungen auf:
i. Gott ist nicht von Seinem Wesen verschieden.
ii. Gottes Eigenschaften sind nicht voneinander verschieden.
iii. Gottes Wesen ist nicht von Seiner Existenz verschieden.
iv. Gott hat keine von seinem Wesen verschiedenen Eigenschaften.
Behauptung (i) ist nicht auf Gott beschränkt. Auch Engel sind mit ihrem Wesen identisch. Diese Behauptung ist also nicht problematisch, wenn man sie im mittelalterlichen metaphysischen Kontext versteht.
Behauptung (ii) bleibt allerdings problematisch. Existenz ist Teil des Wesens Gottes. Aber Existenz ist nicht dieselbe Eigenschaft wie beispielsweise Allmacht, denn zahlreiche Dinge haben Existenz, aber keine Allmacht. Es bleibt deshalb sehr unklar, wie Gottes Natur oder Wesen einfach und alle Seine Eigenschaften identisch sein können.
Behauptung (iii) wird von Wolterstorff, so glaube ich, falsch dargestellt. Seine Sicht wird von thomistischen Gelehrten als „essentialistisches“ Verständnis der Lehre des Thomas von Aquin bezeichnet: Existenz ist eine Eigenschaft, die im göttlichen Wesen enthalten ist. Aber viele Thomisten vertreten mit Nachdruck ein „existentialistisches“ Verständnis der Lehre Thomas von Aquins: Existenz ist überhaupt keine Eigenschaft, sondern sie ist der Akt des Seins, der eine Essenz (eine wesentliche Eigenschaft) instanziiert. Alles außer Gott ist zusammengesetzt aus einer Essenz und einem damit verbundenen Akt des Seins, damit es als konkrete, bestimmte Sache existiert. Doch in gewissem Sinn hat Gott nach dieser Auffassung keine Essenz, sondern Er ist einfach der reine Akt des Seins ohne Einschränkung durch irgendeine Essenz. Er ist, wie Thomas von Aquin sagt, der reine Akt des Fortbestehens. Das Problem ist, dass diese Lehre einfach unverständlich ist.
Behauptung (iv) schließlich stößt auf das gravierende Problem, dass Gott neben seinen essentiellen Eigenschaften auch akzidentelle zu haben scheint. Zum Beispiel ist es so, dass Er in der wirklichen Welt bestimmte Dinge weiß, liebt und will, die er nicht wissen, wollen oder lieben würde, wenn er beschlossen hätte, ein anderes Universum oder gar kein Universum zu schaffen. Nach der Lehre der göttlichen Einfachheit ist Gott in allen möglichen Welten absolut ähnlich; doch dann wird unerklärlich, warum diese Welten variieren, wenn Gott in jeder von ihnen dieselben Dinge weiß, liebt und will.
Das soll nicht heißen, dass die Lehre der göttlichen Einfachheit keinerlei Wert hätte. Ganz im Gegenteil habe ich an anderer Stelle die Auffassung verteidigt, dass Gottes Wahrnehmung und Erkennen einfach sind. Aber ich denke dennoch, dass die voll ausbuchstabierte Lehre der göttlichen Einfachheit philosophisch und theologisch inakzeptabel ist.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /divine-simplicity
- William Lane Craig