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#123 Ist der islamische Gottesbegriff moralisch inadäquat?

July 12, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich möchte Ihnen zuerst für all Ihre Arbeit danken. Als Muslim konnte ich von vielen Ihrer Artikel sehr profitieren und konnte so auch das Christentum besser verstehen.

Meine Frage bezieht sich auf Gottes Eigenschaft, all-liebend zu sein. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, Ihre Debatte mit Shabir Ally[1] über den Gottesbegriff zu hören. Sie haben den Einwand erhoben, dass der islamische Gottesbegriff moralisch unzulänglich ist, weil er nicht all-liebend ist.

Ich möchte nur einige wenige Punkte ansprechen:

1) Wie können Sie mir konkret beweisen, dass es für Gott notwendig ist, all-liebend zu sein? Leiten Sie das aus dem ontologischen Argument für Gott ab oder aus natürlicher Intuition?

2) Ich habe folgenden Einwand von einem befreundeten Muslim bekommen; er lautet:

"Das größte denkbare Wesen wird die wenigsten essentiellen Attribute haben. Warum ist das so? Per Definition ist das größte Wesen das mächtigste Wesen (da es alles erklärt, was da ist; dies folgt aus jeder beliebigen Version des Prinzips vom zureichenden Grund). Daraus folgt, dass ein mächtiges Wesen möglichst wenige Beschränkungen haben würde. Nehmen wir einmal an, dass Allah ein negatives essentielles Attribut hätte, d.h. Allah kann uns vom Wesen her kein Wunder geben, wenn wir irgendein vages spezifisches Naturgesetz haben, das dagegen spricht. Es ist klar, dass wir uns ein mächtigeres Wesen vorstellen könnten! Ok, was ist mit dem Attribut des Existierens? Nun, wenn er dieses Attribut nicht hätte, könnte er kein Wesen sein, das allmächtig ist. Deshalb müssen wir dieses Attribut zu den essentiellen Eigenschaften seines Wesen rechnen. Mit anderen Worten: Wenn jemand ein Attribut dem essentiellen Bereich Allahs zuordnen will, dann liegt die Beweislast bei der ANDEREN Seite, die einen Beweis erbringen muss. Warum muss Allah nun ALL-liebend sein?! Warum muss Allah alles lieben und entsprechend handeln?!"

Ich fand diesen Punkt interessant. Mit anderen Worten: Bedeutet es nicht, Gott zu begrenzen, wenn wir ihm Absolutheiten zuschreiben, indem wir sagen, dass er etwas Bestimmtes – d.h. nicht lieben – nicht tun kann? Wäre es nicht besser zu sagen, dass Gott eine Wahl hat und somit nicht begrenzt ist?

3) Wenn ein Christ mir sagt, dass Gott jeden Menschen liebt, sogar den Sünder, hake ich nach, wie ein moralisch vollkommener Gott den Sünder lieben könnte, der Gott trotzt und den Menschen seiner Umgebung schadet. Gewöhnlich erhalte ich die Antwort, dass Gott „die Sünde hasst und den Sünder liebt“ (was anscheinend ein Zitat von Gandhi ist!). Doch ist das wirklich möglich? Diese Art von Begründung wird nie auf richterliche Entscheidungen oder sogar Gottes Entscheidung am Tag des jüngsten Gerichts bezogen. Wenn jemand über etwas entscheidet, berücksichtigt er dabei den Einzelnen und bestraft ihn auch. Wie können wir sagen, dass Gott die Person liebt, deren Herz vor Sünde und Trotz gegen Gott schwarz ist? Setzt das nicht eine stillschweigende Billigung oder Gleichgültigkeit gegen diese Ablehnung voraus? Können wir die Sünde wirklich von dem Sünder entfernen? Also, könnte Gott Sünde lieben?

4) Ist es nicht gerecht, wenn Gott vielleicht die Gläubigen und die Gerechten belohnt, indem er ihnen Liebe (oder vielleicht mehr Liebe) und Zuneigung zu ihrem ständigen Wohl gibt? Die Vorstellung, dass Gott alle Menschen trotz unglaublicher Wertunterschiede gleich lieben sollte, scheint unfair zu sein. Könnten wir sagen, dass Gott Jesus genauso liebt wie etwa die brutalen Unterdrücker in der Welt? Wie könnten wir sagen, dass Gott sie exakt genauso liebt? Und wenn seine Liebe gestaffelt ist und je nach dem Gläubigen variiert, wie Thomas von Aquin behauptet, dann geben Sie implizit zu, dass seine Liebe einen Gerechtigkeitsaspekt hat. Der Vorwurf, dass der islamische Gott moralisch unzulänglich ist, scheint schwächer zu sein, da Sie eingeräumt haben, dass Gott seine Liebe je nach der Person bestimmen kann.

Ich würde es schätzen, Ihre Gedanken darüber zu erfahren, und hoffe, von Ihrem Wissen zu profitieren.

Kevin

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Danke für Ihre durchdachten Fragen, Kevin! Ich genieße es sehr, mit Muslimen über diese wechselseitig wichtigen Themen zu sprechen.

Für Leser, die meine Debatte mit Shabir Ally nicht gehört haben, lassen Sie mich einige Grundlagen vorausschicken, indem ich hier das Argument aus meiner Eröffnungsrede widergebe:

"Das führt uns zu meiner zweiten Behauptung, dass es rationale Einwände gegen den muslimischen Gottesbegriff gibt. Nun will ich durch diese Behauptung niemanden abwerten oder persönlich angreifen. Ich sage nur, dass ich den Eindruck habe, dass der islamische Gottesbegriff echte Probleme enthält, die ihn rationalen Einwänden aussetzen. Lassen Sie mich nur eines dieser Defizite mitteilen, nämlich: Der Islam hat einen moralisch unzulänglichen Gottesbegriff.

Wir haben gesehen, dass Muslime und Christen darin übereinstimmen, dass Gott per Definition das größte denkbare Wesen ist und dass das größte denkbare Wesen nicht nur allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und so weiter sein muss, sondern auch moralisch vollkommen. Dies bedeutet, dass Gott ein liebendes und gnädiges Wesen sein muss. Somit muss Gott als das vollkommene Wesen all-liebend sein.

Und genau das bestätigt die Bibel. Die Bibel sagt:

„Gott ist Liebe ... Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.“ (1. Johannes 4,8.10)

Und sie sagt wiederum:

„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.“ (Römer 5,8)

Jesus lehrte Gottes bedingungslose Liebe zu Sündern. Das sehen wir in seinen Gleichnissen über den verlorenen Sohn und das verlorene Schaf, in seiner Tischgemeinschaft mit den Unmoralischen und Unreinen und in seinen Reden wie denen in der Bergpredigt. Er sagte zum Beispiel:

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist! Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben ... was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Matthäus 5,43-48)

Die Liebe des Himmlischen Vaters ist unparteiisch, universal und bedingungslos.

Welch ein Kontrast zu dem Gott des Qur'an! Nach Aussage des Qur'an liebt Gott Sünder nicht. Diese Tatsache wird auf den Seiten des Qur'an wie ein Trommelschlag wiederholt und konstant betont. Hören Sie sich nur die folgenden Abschnitte an:

„Gott liebt die Ungläubigen nicht.” (III,33)
„Gott liebt die Gottlosen nicht.“ (II,277)
„Die Frevler liebt Allah nicht.“ (III,38)
„Allah liebt nicht Stolze, Prahler und Hochmütige.“ (IV,37)
„Allah liebt die Übertreter nicht.“ (V,88)
„Allah liebt die Verschwender nicht.“ (VI,142)
„Allah liebt die Treulosen nicht.“ (VIII,59)
„Allah ist [der] Ungläubigen Feind.“ (II,99)

Immer und immer wieder erklärt der Qur'an, dass Gott genau die Menschen nicht liebt, von denen die Bibel sagt, dass Gott sie so sehr liebte, dass Er Seinen Sohn sandte, um für sie zu sterben!

Nun mag dies paradox erscheinen, wenn man daran denkt, dass der Qur'an Gott „al-Rahman al-Rahim“ – den Allerbarmer – nennt, bis man erkennt, was Gottes Barmherzigkeit nach Aussage des Qur'an in Wirklichkeit bedeutet, nämlich: Wenn jemand glaubt und gerechte Taten tut, dann kann er sich darauf verlassen, dass Gott über seine Sünden hinwegsehen und seine guten Taten belohnen wird. So verspricht der Qur'an:

„Tut (wirkt), was ihr wollt, Allah sieht euer Tun.“ (IX,105)
„Jeder Seele [wird] der Lohn, den sie verdient.“ (II,282)
„Die, welche glauben, Gutes tun, das Gebet verrichten und Almosen geben, haben Lohn von ihrem Herrn zu erwarten.“ (II,278)

Nach Aussage des Qur'an ist Gottes Liebe also nur denen vorbehalten, die sie verdienen. Der Qur'an sagt:

„Denen, welche glauben und das Gute tun, wird der Allerbarmer Liebe erweisen.“ (XIX,97)

Der Qur'an gibt uns also Gewissheit über die Liebe Gottes zu den Gottesfürchtigen und den Tätern des Guten; aber er hat keine Liebe für Sünder und Ungläubige. So ist Gott, nach dem islamischen Verständnis, nicht all-liebend. Seine Liebe ist parteiisch und muss verdient werden. Der muslimische Gott liebt nur diejenigen, die zuerst Ihn lieben. Seine Liebe reicht also nicht höher als die Liebe, von der Jesus sagte, dass selbst Zöllner und Ungläubige sie aufweisen.

Denken Sie nicht auch, dass dies ein unzulänglicher Gottesbegriff ist? Was würden Sie von Eltern halten, die zu ihren Kindern sagen: „Wenn du meinen Maßstäben entsprichst und tust, was ich sage, dann werde ich dich lieben?“ Einige von Ihnen hatten solche Eltern, die Ihnen keine bedingungslose Liebe gaben, und Sie wissen, welche emotionalen Narben Sie infolgedessen davongetragen haben. Als das größte denkbare Wesen, als das vollkommenste Wesen, als die Quelle aller Güte und Liebe muss Gottes Liebe bedingungslos und unparteiisch sein. Deshalb scheint mir der islamische Gottesbegriff moralisch unzulänglich zu sein. Deshalb kann ich ihn aus rationalen Gründen nicht akzeptieren."

(Ende des Zitats aus der Debatte).

Um also Ihre Fragen zu beantworten:

1. Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, nehme ich unsere gemeinsame Überzeugung – als Christen und Muslime –, dass Gott das größte denkbare Wesen ist, als Ausgangspunkt für mein Argument. Dieses Verständnis Gottes ist, wie Sie feststellen, ein Kernaspekt des ontologischen Arguments von Anselm, obwohl wir dieses Argument hier nicht verteidigen. Die Idee ist, dass ein größtes denkbares Wesen moralisch vollkommen sein muss. Das scheint offensichtlich zu sein: Wenn ein Wesen in irgendeiner Weise moralisch unvollkommen ist, dann ist es kein vollkommenes Wesen und deshalb nicht das größte denkbare Wesen. Der Schlüssel ist also die Behauptung, dass moralische Vollkommenheit die Eigenschaft einschließt, all-liebend zu sein. Das scheint mir intuitiv offensichtlich zu sein, denn Liebe ist eine moralische Vollkommenheit, und deshalb wird ein vollkommenes Wesen ein Wesen sein, das so liebend wie möglich ist.

2. Von dem Argument Ihres Freundes, das Sie zitieren, bin ich nicht beeindruckt. Erstens sehe ich, obwohl die traditionelle christliche Theologie Gott als absolut einfach versteht, keinen Grund zu denken, dass es größer ist, so wenig essentielle Eigenschaften wie möglich zu haben (siehe Frage der Woche #111 über "Göttliche Einfachheit")[2]. Tatsächlich könnte man meinen, dass genau das Gegenteil der Fall ist! Das größte denkbare Wesen ist nicht bloß essentiell allmächtig, sondern auch selbst-existent, ewig, heilig, allwissend, allgegenwärtig, usw. usf. (Denken Sie an Gottes 99 schöne Namen im Qur'an!) Ich sehe also keine Grundlage für die Annahme, dass Gott keine Vielfalt essentieller Attribute haben kann. Eigentlich bedeutet maximale Größe, eine ganze Reihe distinktiver Attribute zu haben, wie sie gerade erwähnt wurden.

Wenn Ihr Freund sagt, dass ein allmächtiges Wesen so wenig Begrenzungen haben wird wie möglich, bringt er die typische islamische Auffassung von Gottes Macht zu Ausdruck, die alles übertrumpft, selbst seine eigene Natur. Gott ist so mächtig, dass er am Tag des jüngsten Gerichts zu treuen Muslimen sagen könnte: „Ha, ha! Ich habe euch hereingelegt! Ich schicke euch alle in die ewige Hölle, weil ihr an mich und meinen Propheten geglaubt habt!“ Nach dieser Auffassung wird Gott nicht einmal durch seine eigene Güte begrenzt. Nun stimme ich überhaupt nicht zu, dass dies Gott zu einem größeren Wesen macht. Ganz im Gegenteil ist eine so launenhafte Gottheit moralisch mangelhaft und deshalb nicht vollkommen. Wir müssen darauf beharren, dass Gottes Allmacht im Einklang mit Seiner moralischen Vollkommenheit operiert.

Nun nehme ich tatsächlich die Beweislast auf mich, wie Ihr Freund es verlangt hat. Mein Argument ist, dass aus maximaler Größe moralische Vollkommenheit folgt und dass aus moralischer Vollkommenheit die Eigenschaft folgt, all-liebend zu sein. Diese erste Folge scheint unbestreitbar. Die Schlüsselfrage ist die zweite. Sie beruht auf der evidenten Tatsache, dass liebend zu sein eine moralische Vollkommenheit oder groß machende Eigenschaft ist und dass es besser ist, all-liebend zu sein als parteiisch liebend zu sein.

3. Die Antwort auf diese dritte Frage lautet: „Ja, mit allem Nachdruck Ja!“ Man kann die Sünde vom Sünder trennen. Alle guten Eltern kennen diese Tatsache. Ihr aufsässiger Teenager wird Ihnen gerade deshalb das Herz brechen, weil Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter trotz des aufsässigen und schlechten Verhaltens lieben. Würden Sie Ihr Kind nicht lieben, würde es nicht so weh tun. Tatsache ist aber, dass Sie Ihre Kinder wirklich lieben, trotz ihrer Eigensinnigkeit.

Bei einem Gerichtsprozess besteht kein Anlass zu denken, dass der Richter den Angeklagten vielleicht trotz seiner Verpflichtung, unparteiisch Recht zu sprechen, nicht lieben könnte.

Gott liebt uns, weil wir Personen sind, die in Seinem Ebenbild erschaffen wurden und deshalb intrinsischen moralischen Wert in uns tragen. Er hasst die sündigen Dinge, die wir tun, und beklagt das Chaos, das wir in unserem Leben und in der Welt angerichtet haben, aber Er liebt uns als Seine eigenen Kinder. Da gibt es keine Inkonsequenz; es ist tatsächlich das, was ein moralisch vollkommenes Wesen tun würde.

4. Hier kommen wir zu einer sehr feinen Unterscheidung. Beachten Sie, wie ich den Begriff der All-Liebe darlege: Gottes Liebe ist unparteiisch, universal und bedingungslos. Ich stelle keine Behauptung darüber auf, ob die Intensität der Liebe Gottes für jede Person die gleiche ist. Vielleicht ist sie das, vielleicht ist sie es nicht. Das ist nicht das, wofür ich argumentiere. Ich sage: Ein moralisch vollkommenes Wesen würde Menschen, alle Menschen, unparteiisch lieben, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen. Aber Allah hat überhaupt keine Liebe zu Ungläubigen. Dies ist nicht nur ein gradueller Unterschied, sondern ein Unterschied wie Tag und Nacht!

Natürlich werden diejenigen, die auf Gottes Liebe antworten, Gottes Liebe umfassender und tiefer erfahren als diejenigen, die sie verschmähen. Das ist ein Teil dessen, was es heißt, in einer Liebes-Beziehung zu sein. Eine solche Beziehung zu Gott ist das Herz des Christentums. Es ist das, was den Himmel so wunderbar macht. In diesem Sinn können wir einer Meinung sein, dass diejenigen, die gerettet werden, mit der Erfahrung eines größeren Maßes der Liebe Gottes belohnt werden.

Ich glaube, dass dieser moralische Unterschied zwischen dem Gott des Neuen Testamentes und dem Gott des Qur'an genauso wichtig ist wie Differenzen über die Dreieinigkeit, denn sie betrifft das Herz dessen, wer Gott ist.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /is-the-islamic-conception-of-god-morally-inadequate

Anmerkungen

[1] Die erwähnte Debatte „The Concept of God in Islam and Christianity“ zwischen Prof. Dr. Craig und Shabir Ally fand an der McMaster University in Kanada statt. Ein Video der Debatte ist mit drei weiteren auf der DVD „Christianity and Islam“ enthalten.

[2] Vgl. die deutsche Übersetzung: www.reasonablefaith.org/german/qa111 (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig