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#348 Das Bewusstsein der Seele über ihre eigenen Entscheidungsprozesse

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

meine Frage betrifft die Antwort, die Sie denjenigen gegeben haben, die das namhafte Libet-Experiment gegen den Leib-Seele-Dualismus ins Feld führen. Sie heben in Ihrer Antwort hervor, es habe im Hinblick auf die begrenzte Geschwindigkeit der neuronalen Kommunikation durchaus Sinn zu sagen, das Gewahrsein/Bewusstsein reagiere auf ein früher schon vorgegebenes Gehirnmuster, welches wiederum von der Seele vorgegeben wurde, in gewissem Rhythmus zeitverzögert.

Wenn das der Fall ist, denke ich über das Bewusstsein möglicherweise schon mein ganzes Leben lang falsch, denn ich habe immer gedacht, das Bewusstsein sei der Blick der Seele auf die Realität und nicht der Blick des Gehirns bzw. des irdischen Körpers auf die Realität. Doch wenn Ihre Erklärung zu Libets Daten stimmt, dann ist das Bewusstsein meiner Seele (in gewisser Weise) von meinem erdgebundenen Bewusstsein getrennt. Anders gesagt: Meine Seele trifft bewusste Entscheidungen, noch bevor ich mir dieser Entscheidungen selbst bewusst werde (also anscheinend ohne mein Wissen). Meine Gedanken über die Seele kann ich gut revidieren, aber mit den Schlussfolgerungen, die ich daraus ziehe, komme ich nicht zurecht. Ich wäre über eine Klarstellung sehr froh.

Aaron

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Wer mit dem Hintergrund der Frage Aarons nicht vertraut ist, den möchte ich zunächst auf die Frage der Woche #314 verweisen[1]. Es ist nicht ganz klar, wie die Bedeutung der faszinierenden Experimente Libets zu interpretieren sind; ich habe nur gesagt, dass seine Ergebnisse genau das bestätigen, was ein Dualist/Interaktionist erwarten würde. Wenn man davon ausgeht, dass die Seele das Gehirn als Denkorgan verwendet, wird sich die Seele ihrer eigenen Entscheidungen aufgrund der begrenzten Geschwindigkeit der neuronalen Impulse etwas später bewusst, als sie stattgefunden haben.

Im ersten Abschnitt Ihrer Frage, Aaron, haben Sie den Punkt nicht ganz korrekt formuliert, indem Sie sagen, die Seele reagiere „auf ein früher vorgegebenes Gehirnmuster“. Das stimmt so nicht. Ich bin mir meiner Gehirnmuster ganz und gar nicht bewusst; sie bleiben mir stets unbewusst. Die Seele wird sich bloß später dessen bewusst, was sie einige wenige hundert Millisekunden vorher beschlossen hat. Die Seele trifft also eine Entscheidung und wird sich dieser ihrer Entscheidung kurz darauf bewusst. Wie ich in meinen früheren Antworten schon betont habe, ist es falsch, zu sagen, die Seele trifft Entscheidungen unbewusst; die Entscheidung ist bewusst, aber das Bewusstsein der Entscheidung ist durch ein winziges Zeitintervall unmerklich von der Entscheidung selbst getrennt.

Im Ihrem zweiten Absatz wird Ihr Gedankengang etwas verworren. Sie sagen: „Ich habe immer gedacht, das Bewusstsein sei die Perspektive der Seele auf die Realität und nicht die des Gehirns bzw. des irdischen Körpers auf die Realität.“ Dabei gehen Sie von einer stark cartesianischen Sichtweise der Seele aus (nach dem französischen Philosophen René Descartes, 1596-1650). Im Gegensatz zum Dualismus/Interaktionismus geht man hier davon aus, dass die Seele bewusste Zustände hat, die aber unabhängig sind vom Körper und dessen Gehirnzuständen. Der Dualismus/Interaktionismus geht aber davon aus, die Seele benutze das Gehirn zum Denken und habe, solange die Seele in einem Körper wohnt, kein unabhängiges Bewusstsein. Im Zwischenzustand der Seele (also zwischen dem Zeitpunkt des Todes und der Auferstehung) macht die Seele allerdings keinen Gebrauch vom Gehirn; es gibt also keine Verzögerung des Zustandsbewusstseins, da sie ja nicht länger von der begrenzten Geschwindigkeit der neuronalen Signale abhängig ist. Solange wir im Körper sind, ist die Perspektive der Seele mit der des Gehirns also vereint.

Aber dann fahren Sie fort: „Doch wenn Ihre Erklärung zu Libets Daten stimmt, dann ist das Bewusstsein meiner Seele (in gewisser Weise) von meinem erdgebundenen Bewusstsein getrennt. Anders gesagt: Meine Seele trifft Entscheidungen, noch bevor ich mir dieser Entscheidungen bewusst werde (also anscheinend ohne mein Wissen).“ Das genaue Gegenteil ist richtig: Im Dualismus/Interaktionismus ist das Bewusstsein der Seele mit Ihrem erdgebundenen Bewusstsein eins. Die Seele trifft daher mit Sicherheit keine bewussten Entscheidungen, bevor Sie sich ihrer bewusst werden. Da Sie ja nicht von Ihrer Seele getrennt sind, bedeutete das den Widerspruch in sich selbst, dass Sie bewusste Entscheidungen träfen, noch bevor Sie sich ihrer bewusst werden! Nein. Richtig ist, dass der Dualismus/Interaktionismus davon ausgeht, dass Entscheidungen geschehen, bevor Sie sich ihrer bewusst sind.

Wie ich in meiner früheren Frage der Woche erklärt habe, ist dies unproblematisch, da alles, was Sie für eine freie, vernünftige Entscheidung brauchen, das Gewahrsein aller relevanten Umstände ist, bevor Sie entscheiden. Das Bewusstsein (oder das Bewusstsein Ihrer Seele), eine Entscheidung getroffen zu haben, kommt somit kurz nach diesem Entscheidungsprozess.

(Übers.: I. Carobbio)

Link to the original article in English: /the-souls-consciousness-of-its-own-decision-making

Anmerkungen

[1] Vgl. "Libets Experimente und Determinismus", /german/qa314

- William Lane Craig