#113 Das Leiden der Tiere
July 12, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
Können Sie mir bitte bei folgenden Fragen helfen, die mich wahnsinnig machen? Es geht darum: Kritiker sagen, dass Gott grausam ist, weil Tiere seit Jahrmillionen unter der Grausamkeit der Natur leiden. Selbst bevor es Menschen auf der Erde gab, haben Dinosaurier usw. sich gegenseitig in Stücke gerissen. Die Schuld daran können wir wohl kaum dem Sündenfall und der Erbsünde in die Schuhe schieben, denn der Mensch war ja noch gar nicht da, um zu sündigen, oder?
Zweitens gab es, soweit ich weiß, fünf große Ereignisse des Massenaussterbens (die Flut zur Zeit Noahs nicht eingeschlossen); warum machte Gott eine Schöpfung, um sie durch z.B. Supervulkane, Kometen oder Asteroideneinschläge usw. zerstören oder alle seine Geschöpfe, die mit Nerven und somit mit Schmerzempfinden ausgestattet sind, vernichten zu lassen? Ist das nicht grausam?
Dies hat für mich mit dem Problem des „natürlichen Übels“ zu tun, also mit dem Leiden, das durch Natur und Naturgesetze verursacht wird, nicht so sehr mit dem Übel aufgrund von menschlicher Freiheit, die auch zum Bösen genutzt wird. Denn Menschen waren damals noch nicht da, um die Schöpfung zu verderben.
Hat Jesus auch die Sünde des natürlichen Übels am Kreuz getragen? Dann würde die Frage lauten: wessen Sünde nimmt er dann auf sich?
Danke im Vorhinein für eine Antwort, Herr Prof. Craig; ich habe um Weisheit gebetet und kann das selbst nicht lösen. Wenn Sie mir helfen könnten, wäre ich wirklich dankbar.
Doug
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Dr. craig’s response
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Über das Problem des sogenannten „natürlichen Bösen“, das den Schmerz und den Tod der Tiere einschließt, habe ich allgemein in meinem und J. P. Morelands Buch Philosophical Foundations for a Christian Worldview[1] geschrieben. Aber wenn ich jemand kenne, der sehr konkret über eine Problemfrage geschrieben hat, lade ich diese Person gern ein, eine Gastkolumne als Antwort auf die Frage der Woche zu schreiben. Die Antwort dieser Woche stammt von Michael Murray, einem Philosophen am Franklin and Marshall College, der Ihrer Frage, Doug, ein ganzes Buch gewidmet hat. Ich hoffe, seine Betrachtungen werden in Ihnen den Wunsch wecken, sein Buch zu diesem Thema zu lesen.
Hier die Antwort von Prof. Murray:
Danke, Doug, für diese scharfsinnigen Fragen. Ich denke, dass die Realität des natürlichen Bösen eine wichtige Herausforderung für den christlichen Glauben darstellt, und die Realität des nicht-menschlichen Schmerzes/Leidens/Todes/Gefressen-Werdens/Ausgelöscht-Werdens von Tieren könnte der schwierigste Aspekt dieser Herausforderung sein. Warum sollte ein allgütiger Gott eine Welt erschaffen, in der diese unschuldigen Geschöpfe Schmerz, Leid, Auslöschung usw. sowohl zufügen als auch erleiden können?
Tatsächlich war es diese Frage, die Charles Darwin beim Nachdenken über das enorme Ausmaß des Leids, das mit seiner Evolutionstheorie einherging, ausrufen ließ: „Welch ein Buch könnte ein Kaplan des Teufels über die ungeschickten, verschwenderischen, fehlerhaften, niederträchtigen und schrecklich grausamen Werke der Natur schreiben!“ Ähnliche Sorgen veranlassten den Biologen (und inzwischen berüchtigten Neuen Atheisten) Richard Dawkins zur der Feststellung: „Das Universum, das wir beobachten, hat genau die Eigenschaften, die zu erwarten sind, wenn es dahinter letztlich keinen Plan, keine Absicht, kein Böses und kein Gutes gibt, nichts als blinde, erbarmungslose Gleichgültigkeit.“
In dem kürzlich erschienenen Buch Nature Red in Tooth and Claw (Oxford University Press, 2009) erörtere ich diese Frage recht ausführlich, indem ich verschiedene Erklärungen betrachte, die Christen anbieten könnten. Im Folgenden werde ich einige davon zusammenfassen. Aber lassen Sie mich zu Beginn einen Vorbehalt nennen: Dies ist eine sehr umfassende und sehr komplexe Frage, die sich nicht adäquat behandeln lässt, ohne ein ganzes Buch zu verfassen (was erklärt, warum ich ein ganzes Buch darüber geschrieben habe!). Ich werde nicht einmal die meisten Fragen, die durch das vorliegende Thema aufgeworfen werden können, auch nur annähernd beantworten können.
Die häufigste Antwort, die Christen geben, lautet, dass der Schmerz und das Leid von Tieren durch die Sünde menschlicher Geschöpfe zu erklären ist, besonders durch den Sündenfall Adams. Schließlich scheint Römer 8,19-22 anzudeuten, dass die Leiden in der natürlichen Welt in dem „sehnsüchtigen Harren der Schöpfung“ eingeschlossen sind – einer Schöpfung, die nach Erlösung von den verheerenden Auswirkungen der Sünde Adams schreit. Jesaja 24,2-6 besagt indirekt, dass das natürliche Böse in der Welt (zumindest zum großen Teil) aus der Tatsache entspringt, dass die Völker der Erde „die Gesetze übertreten, die Ordnungen überschritten, den ewigen Bund ungültig gemacht“ haben.
Doch angesichts der sehr starken Belege dafür, dass Tiere (und ihr Schmerz, Leid, Tod und Beute-Sein) der Existenz der ersten Menschen vorausgingen, scheint diese Auffassung unzulänglich zu sein. Wenn der Schmerz und das Leid der Tiere der Existenz Adams vorausgingen, ist schwer nachzuvollziehen, wie seine (oder unsere) Sünde diese Leiden vollständig erklären sollten. Doch bevor wir Erklärungen, die sich auf den Sündenfall berufen, hinter uns lassen, lohnt es sich, folgende Frage zu stellen: „Wenn aller Schmerz und alles Leid der Tiere nach dem Sündenfall Adams geschehen wären, wäre der Sündenfall dann eine potentiell gute Erklärung für diesen Schmerz und dieses Leid?“
Viele christliche Theologen haben dies angenommen (Calvin vertritt diese Auffassung zum Beispiel in seinem Kommentar zum 8. Kapitel des Römerbriefs). Aber bei dieser Erklärung gibt es eine Schwierigkeit, die ich als „Einwand der Fragilität“ bezeichne. Um diesen Einwand zu verstehen, müssen wir folgende Frage betrachten: „Welcher mutmaßliche Zusammenhang besteht zwischen dem Sündenfall Adams und dem Leiden der Tiere?“ Eine Reihe von Antworten wurden vorgeschlagen. Aber letztlich laufen sie alle auf eine von zwei möglichen Erklärungen hinaus: Entweder (1) verloren Adam und seine Nachkommen durch die Sünde ihre Rolle als Haushalter der Tiere und überließen sie damit der Willkür der Natur, oder (2) der Akt der Sünde Adams ließ Schockwellen über die ganze Schöpfung ergehen, welche die Tiere, die zuvor keinen Schmerz spüren konnten, in schmerzgeplagte Raub- oder Beutetiere verwandelten. In beiden Fällen ist allerdings kaum nachzuvollziehen, warum Gott die Integrität und das Wohlergehen der Natur und der unschuldigen Geschöpfe in ihr dem treuen Gehorsam von Menschen aussetzen sollte (einem Gehorsam, von dem Gott wusste, dass sie ihn nicht aufrechterhalten würden). Warum wurde die Natur in dieser Weise so außerordentlich fragil geschaffen? Ist nicht diese Fragilität selbst etwas Fehlerhaftes (oder Böses) in der Schöpfung?
Es könnte natürlich sein, dass der Sündenfall, der die Realität der Schmerzen und Leiden von Tieren erklärt, nicht der Sündenfall Adams sondern der Sündenfall Satans ist. Der Sündenfall Satans scheint der Erschaffung der Tiere vorauszugehen, und es gibt im Prinzip keinen Grund, weshalb Satan nicht in die natürlichen Prozesse der Schöpfung eingegriffen haben könnte, um dafür zu sorgen, dass Tiere Schmerz fühlen (die ihn sonst vielleicht nicht gefühlt hätten). Der Verweis auf den Sündenfall Satans könnte also einen gewissen Erklärungswert haben, wenn es um die Schmerzen und Leiden von Tieren geht.
Eine zweite (allerdings unpopuläre) Antwort auf dieses Problem besteht darin zu leugnen, dass Schmerzen und Leiden von Tieren real oder moralisch relevant sind. Die meisten werden mit Unverständnis auf diese Antwort reagieren: „Ist es denn nicht einfach offensichtlich, dass einige Tiere Schmerz und Leid erfahren können?“ Die Antwort auf diese Frage lautet: „Ja und nein.“ Wir halten es in der Tat für eine Sache des Allgemeinwissens, dass Tiere Schmerz und Leid erfahren. Aber die wissenschaftlichen Belege dafür sind nicht so stark, wie Sie vielleicht meinen. Natürlich erkennen alle Wissenschaftler an, dass viele Tiere Verhaltensweisen zeigen, die den Eindruck vermitteln, dass sie leiden. Aber das genügt nicht. Wenn Sie verstehen wollen, warum nicht, denken Sie an das Phänomen des „Blindsehens“. Patienten mit Sehrinden-Blindheit behaupten blind zu sein und sind dennoch zugleich in der Lage, auf Gegenstände zu zeigen und – in einigen Fällen – Bälle zu fangen, was sie nur tun können, wenn sie tatsächlich sehen können. Sind sie also blind oder nicht? Nun, es hängt davon ab, was man unter „Sehen“ versteht. Sie können in dem Sinne sehen, dass sie visuelle Informationen nutzen können, um ihr Verhalten zu steuern. Aber sie sind sich der Tatsache, dass sie dies tun können, nicht bewusst.
Wenn es um Schmerz geht, lautet die Frage: Könnten die Verhaltensweisen von Tieren, die wir als Ausdruck von Schmerz verstehen, ähnlich zu deuten sein wie das „Blindsehen“ – sie zeigen alle Verhaltenssymptome echter Schmerzen, aber ohne bewusste Wahrnehmung? Wenn man von unseren Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns ausgeht, könnte die Antwort erstaunlicherweise „Ja“ lauten. Diejenigen Teile des Gehirns, die am engsten mit dem Schmerzbewusstsein assoziiert werden, gehören auch zu demjenigen Bereich des Gehirns, der sich bei Säugetieren am spätesten entwickelte: dem präfrontalen Cortex.
Manche sind besorgt, dass diese Antwort einschließen würde, dass eine Misshandlung von Tieren nicht unmoralisch wäre. Aber diese Schlussfolgerung kann man nicht ziehen. Wenn Tiere Geschöpfe Gottes sind, dann sind wir verpflichtet, ihr Wohlergehen und ihre Integrität zu respektieren. Dieses Wohlergehen kann in einigen Fällen übergangen werden, wo wir einen guten Grund dazu haben. Wahr ist aber auch, dass wir in Abwesenheit solcher sehr guten Gründe verpflichtet sind, für einen solchen Schutz zu sorgen.
Eine Lösung des Problems, die sich auf die Behauptung stützt, dass Tiere keine Schmerzen und Leiden fühlen, werden manche natürlich außerordentlich unplausibel finden. Was aber könnten wir sonst sagen? Ich denke, es gibt zwei weitere mögliche Lösungen. Eine davon werde ich hier vorstellen (und es Ihnen überlassen, die andere in den Kapiteln 5 und 6 des Buchs zu entdecken (sie ist zu lang, um hier skizziert zu werden)). Wenn ich mit christlichen Wissenschaftlern über die Frage der Schmerzen und Leiden von Tieren diskutiere, erklären sie sie fast immer so: „Tiere empfinden Schmerz und Leid, denn ohne solche Schmerzen und Leiden wären sie nicht in der Lage, Verletzungen zu vermeiden! Schmerz ist das Warnsystem des Körpers!“ Ist das eine gute Antwort? Können Schmerz und Leid für körperliche Organismen notwendig sein, um Verletzungen zu vermeiden?
Man könnte meinen, dass das nicht so ist. Hätte Gott uns nicht schließlich einfach so veranlagen können, dass beim Auftreten einer körperlichen Gefahr ein Licht in unseren Augen aufflackert oder ein Geräusch in unseren Ohren ertönt, das vor der Gefahr warnt? Wäre das nicht ausreichend, um uns davor zu bewahren, uns selbst zu schaden? Vielleicht wird es Sie überraschen zu erfahren, dass wir die Antwort auf diese Frage kennen, und die Antwort ist: Nein. Viele Christen haben das Buch The Gift of Pain von dem Missionsarzt Paul Brand gelesen, der viele Jahre lang in Asien unter Leprakranken arbeitete. Lepra hat unter anderem zur Folge, dass die Patienten die Fähigkeit verlieren, Schmerz in ihren Gliedmaßen zu spüren. Dies wiederum hat zur Folge, dass sie sich immer wieder verletzen (oder Verletzungen ignorieren, wie Brand feststellte, als er erfuhr, dass manche Verschlechterungen durch Ratten verursacht worden waren, die nachts an den Händen und Füßen der Patienten nagten, ohne dass diese es merkten). Brand versuchte dieses Problem zu lösen, indem er Handschuhe und Schuhe mit Drucksensoren entwickelte, die die Patienten warnten, wenn ihr Körper in Gefahr war. Er versuchte es auch mit Akkupaketen, die ein Licht oder einen Ton erzeugten. Aber das Einzige, was funktionierte, war ein Gerät, das dem Unterarm einen starken Stoß versetzte (einer der wenigen Bereiche, die nicht durch die Krankheit beeinträchtigt werden). Doch selbst nachdem er ein solches Gerät entwickelt hatte, schalteten die Leute es aus, um Aufgaben zu erledigen, die ihnen sonst heftige Stöße versetzt hätten! Dies gibt uns starke Gründe anzunehmen, dass Schmerzen und Leiden von Tieren eine unausweichliche Konsequenz sein könnten, wenn körperliche Organismen geschaffen werden, die in einer von Naturgesetzen regierten Welt leben.
Bevor ich zum Schluss komme, lassen Sie mich auf die Frage nach dem Massenaussterben eingehen. Es ist wahr, dass es auf unserer Erde mehrmals ein Massenaussterben gegeben hat. Und wenn man die Evolutionsausstellung des berühmten Field Museum of Natural History in Chicago besichtigt, sieht man, dass die gesamte Ausstellung um die fünf großen Ereignisse des Massenaussterbens angeordnet sind, die es nach dem aktuellen Stand der Evolutionstheorie in unserer Welt gegeben hat. Wenn wir die Frage nach dem Schmerz einmal beiseitelassen, warum würde Gott zulassen, dass dieses Massenaussterben geschieht?
Erstens ist es angebracht, wie Sie darauf hinzuweisen, dass ein Massenaussterben in der Bibel manchmal als Teil des direkten Vorsehungsplans Gottes beschrieben wird. Bei der Flut zur Zeit von Noah wurden im Zuge des umfassenden Gerichts Gottes über die Welt und ihren sündigen Zustand zahlreiche Tiere vernichtet. Aber was ist mit den anderen Ereignissen des Massenaussterbens? Könnten sie, sofern die Evolutionsgeschichte sich als weitgehend zutreffend herausstellt, irgendeine Absicht in Gottes Vorsehung gehabt haben? Das könnten sie tatsächlich. Wissenschaftler glauben, dass vor 65 Millionen Jahren ein sehr großer Meteor auf der Erde einschlug und enorme Mengen an Sedimenten in die Atmosphäre schleuderte. Diese Sedimente filterten den größten Teil des Lichts, das die Erde erreichte, sodass sich die Atmosphäre dramatisch abkühlte, was wiederum das Aussterben der (überwiegend kaltblütigen) Dinosaurier zur Folge hatte. Dies war das jüngste der großen Auslöschungsereignisse. Hätte dieses Aussterben nicht stattgefunden, wäre es unmöglich gewesen, dass sich irgendwelche größeren Säugetiere entwickeln (stellen Sie sich die Präsenz all dieser riesigen und hungrigen Dinosaurier vor – wie in Jurassic Park!), und diese Entwicklungslinie war eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Primaten. Die Folge ist, dass unser Erscheinen auf der Erde ohne dieses Ereignis nicht möglich gewesen wäre.
Wie Sie sehen, können diese Antworten natürlich nur gerade erst anfangen, an der Oberfläche dieser Frage zu kratzen (eine Frage, die unter anderem eng mit der Frage verknüpft ist, was wir über das Alter des Universums und über die Evolutionstheorie denken). Ich denke, es kommt entscheidend darauf an, dass Christen sich weiter mit dieser Frage befassen und auseinandersetzen, die von Kritikern des christlichen Glaubens immer öfter und vehementer gestellt wird.
Prof. Dr. Michael Murray
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /animal-suffering1
[1] Moreland, J.P. & William Lane Craig: Philosophical Foundations for a Christian Worldview. Downers Grove / IL, USA 2003: Inter Varsity Press.
- William Lane Craig
