#119 Gott und der Leib/Seele Dualismus
July 12, 2016Hallo Herr Prof. Craig,
ich habe eine Frage an Sie über das Denken Gottes. Ich verstehe, dass wir in religiösen Kontexten oft bemerken, dass wir von einem erhabenen, transzendenten, allwissenden „Geist“ sprechen, der die Dinge des Universums überwacht (oder sie sogar hervorbringt), aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Fortschritte in der Neurologie, der kognitiven Psychologie, der Biologie, usw. diese Intuition im Grunde inkohärent machen. Während wir immer mehr über die Funktionsweise des Gehirns herausfinden (z.B. können wir inzwischen einige Gefühle und Emotionen manipulieren, indem wir Teile des Gehirns stimulieren), scheint es eine unausweichliche Entwicklung zu geben, die uns in die Lage versetzen wird, das Bewusstsein und alles, was damit verbunden ist, auf seine materiellen Komponenten zu reduzieren. Wenn man dieses Wissen anwendet, sehe ich nicht, wie man glauben kann, dass ein „Geist“ körperlos existieren könnte, und deshalb erscheint es unsinnig, sich Gott als eine spirituelle Einheit vorzustellen, der so denkt wie wir es tun, obwohl er kein physisches Gehirn hat. Ich komme nicht umhin zu denken, dass alle neurologischen Störungen, die in der Welt so zahlreich auftreten (z.B. bei Hirnschädigungen und Nervenerkrankungen, die oft Ausdruck einer physischen Schädigung des Hirngewebes sind), unausweichlich auf ein materialistisches Verständnis des Gehirns und des Bewusstseins hindeuten. Dies macht es mir sehr schwer zu glauben, dass es kohärent wäre anzunehmen, dass ein göttlicher Geist existieren könnte... Ich verstehe einfach nicht, wie man denken kann, dass es da draußen irgendeinen Verstand geben könnte, wenn alle mir bekannten Indizien nahelegen, dass Verstand und Gehirn identisch sind. Mir ist bewusst, dass manche religiöse Menschen gewisse außerkörperliche oder Nahtod-Erfahrungen von Personen zitieren, die über eine Erfahrung ihrer „Seele“ nach dem Tod berichten, aber ich finde skeptische Erklärungen für diese Phänomene stets schlüssiger. Ihre Gedanken und Klarstellungen dazu würde ich sehr schätzen.
Michael
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Dr. craig’s response
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Einer solchen Frage, wie Sie sie stellen, begegne ich immer häufiger, wenn ich an Universitäten über die Existenz Gottes spreche. Kürzlich hatte ich das Vergnügen, das ausgezeichnete Buch Naturalism von Stewart Goetz und Charles Taliaferro zu lesen (Grand Rapids 2008), das sich genau mit Ihrer Frage beschäftigt. Deshalb bat ich Prof. Dr. Goetz, der Philosophie am Ursinus College lehrt und sich auf das Gebiet der Philosophie des Geistes spezialisiert hat, als Gastkolumnist diese Woche auf Ihre Frage einzugehen. Hier folgt seine Antwort.
Lieber Michael,
Prof. Dr. Craig hat mich eingeladen, auf Ihre interessante Frage über das Denken Gottes bzw. den "Geist" Gottes zu antworten. Die Logik Ihres Anliegens scheint mir folgende zu sein: Unsere Vorstellung von Gott wurzelt in unserer Vorstellung von uns selbst. Wenn wir also denken, dass Gott ein immaterieller Geist (Seele) ist, der körperlos existiert, dann liegt es daran, dass wir uns selbst als immateriellen Geist (Seele) verstehen, der körperlos existieren könnte. Aktuelle Fortschritte in Neurowissenschaft und kognitiver Psychologie bieten Indizien, die die Kohärenz der Auffassung untergraben, dass wir ein immaterieller Geist sind, der körperlos existieren könnte. Deshalb sei die Kohärenz unserer Vorstellung von Gott als einem körperlosen Geist zu bezweifeln.
Welche Anhaltspunkte der aktuellen Neurowissenschaft stützen die Auffassung, dass unser Geist nicht immateriell ist? Sie glauben, dass der Beweis kausaler Art ist: Die Tatsache, dass wir verschiedene Teile des Gehirns stimulieren und Gefühle, Gedanken, Emotionen, usw. kausal hervorrufen können, unterstütze die Auffassung, dass diese psychologischen Ereignisse/Zustände selbst materiell sind. Außerdem unterstütze die Tatsache, dass Hirnschädigungen psychologische Beeinträchtigungen verursachen, ebenfalls eine materialistische Vorstellung von uns selbst. Kurz gesagt berechtige das, was wir aus der Neurowissenschaft wissen, zu der Behauptung, dass unser Geist mit unserem Gehirn identisch ist.
Zwar stimme ich der Ansicht zu, dass unsere Vorstellung von Gott in unserer Vorstellung von uns selbst verwurzelt ist, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass Beweise aus der Neurowissenschaft die Auffassung bestätigen, dass unser Geist mit unserem Gehirn identisch ist. Es gibt mehrere Gründe, weshalb ich nicht davon überzeugt bin.
Erstens leistet die Neurowissenschaft keinen substantiell neuen Beitrag zu unserer Vorstellung von uns selbst und unserer Beziehung zu unserem Körper. Wir wissen längst, dass unser mentales Leben mit dem, was mit unserem Körper geschieht, kausal verbunden sein könnte und ist. Schließlich brauchten wir keine Neurowissenschaft, um zu wissen, dass ein kräftiger Schlag auf den Kopf eine Veränderung in unserem psychologischen Leben hervorrufen könnte. Und wem wäre nicht bewusst, dass ein Ziegelstein, wenn er auf unseren Fuß fällt, Schmerzen hervorrufen würde? Der Beitrag der Neurowissenschaft besteht darin, uns ein detaillierteres Bild davon zu vermitteln, wie der menschliche Verstand durch bestimmte Ereignisse im Gehirn beeinflusst wird. Sie hat den allgemeinen Charakter dieses Bildes nicht geändert. Die Tatsache, dass vieles, was in unserem Denken geschieht, durch das beeinflusst wird, was in unserem Körper geschieht, ist etwas, das schon den ersten Menschen, die sich ihrer selbst bewusst waren, bekannt war.
Zweitens ist der folgende Punkt, obwohl Sie ihn nicht kommentieren, ein wichtiger: Nicht alles, was in unserem Verstand vor sich geht, wird kausal durch das bestimmt, was in unserem Körper geschieht. Manchmal ist das, was in unserem Körper geschieht, ein Ergebnis dessen, was in unserem Verstand geschieht. Zum Beispiel werden die Bewegungen meiner Finger, während ich diese Antwort auf Ihre Frage tippe, letztlich durch meine mentalen Ereignisse bewirkt. Ich entschied mich, Prof. Dr. Craigs Einladung zur Beantwortung Ihrer Frage anzunehmen, und diese Entscheidung führte zu einer Absicht, diese Antwort zu tippen. Hier haben wir eine Kausalität vom Mentalen zum Physischen. Was erklärt sowohl meine Entscheidung als auch die physischen Ereignisse in meinem Körper, die letztlich durch diese Entscheidung hervorgebracht werden? Die Erklärung ist der Zweck, eine Antwort auf Ihre Frage zu geben. Eine den Zweck betreffende Erklärung ist eine teleologische Erklärung. Es ist allgemein bekannt, dass diejenigen, die den Verstand mit dem Gehirn identifizieren, normalerweise leugnen, dass irgendein Mensch frei (indeterministisch) Entscheidungen über Zwecke trifft. Materialisten sind meist Deterministen, die darauf beharren, dass die einzig legitime Art der Erklärung eine nicht-teleologische Erklärung ist. Kausale Erklärungen sind die bekannteste und am häufigsten verwendete Art nicht-teleologischer Erklärungen. Diejenigen, die die Möglichkeit teleologischer Erklärungen ausschließen, werden oft „Naturalisten“ genannt. Mein Kollege Charles Taliaferro und ich haben ein Buch mit dem Titel Naturalism (Grand Rapids 2008) geschrieben , in dem wir erklären, was Naturalismus ist, und eine Kritik dazu anbieten. Vielleicht würden Sie das hilfreich finden.
Drittens halte ich es für wichtig festzustellen, dass einige der weltweit führenden Neurowissenschaftler zu der Ansicht gekommen sind, dass der Verstand immateriell ist. Diesen Neurowissenschaftlern ist völlig bewusst, dass die Stimulierung des Gehirns einige verblüffende psychologische Ergebnisse hervorrufen kann. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war Wilder Penfield. In seinem faszinierenden Buch The Mystery of the Mind schreibt er Folgendes:
"Wenn ich einen bewussten Patienten durch Anlegen einer Elektrode an den motorischen Kortex einer Hirnhälfte veranlasste, seine Hand zu bewegen, habe ich ihn oft darüber befragt. Seine immer gleiche Antwort lautete: „Das habe ich nicht getan. Sie haben es getan.“ Wenn ich ihn veranlasste, seine Stimme zu gebrauchen, sagte er: „Ich habe diesen Laut nicht hervorgebracht. Sie haben ihn aus mir herausgeholt.“ Wenn ich die Aufzeichnung der Bewusstseinsströme noch einmal ablaufen ließ und ihm so die Aufzeichnung seiner vergangenen Erfahrung präsentierte, wunderte er sich, wie er sich der Vergangenheit so bewusst sein konnte wie der Gegenwart. Er war erstaunt, dass sie ihm so vollständig in Erinnerung kam, mit mehr Einzelheiten, als er willentlich hätte abrufen können. Er nahm sofort an, dass der Chirurg irgendwie für dieses Phänomen verantwortlich war, aber er erkannte, dass es sich um die Details seiner eigenen vergangenen Erfahrung handelt." (76)
Penfield stellt weiter fest: „Es gibt keinen Ort im zerebralen Kortex, an dem eine elektrische Stimulation einen Patienten veranlassen wird, ... zu entscheiden“ (77). Dies steht im Einklang mit meiner Behauptung, dass Entscheidungen nicht-determinierte Ereignisse mit einer teleologischen Erklärung sind. Im Licht seiner Tätigkeit als Neurowissenschaftler kommt Penfield zu folgendem Schluss: „Was mich selbst betrifft, bin ich nach jahrelangen Bemühungen, den Verstand ausschließlich durch Gehirnaktivität zu erklären, zu dem Schluss gekommen, dass es einfacher (und viel leichter und logischer) ist, wenn man die Hypothese annimmt, dass unser Sein tatsächlich aus zwei Grundelementen besteht“ (80).
Ein weiterer berühmter Neurowissenschaftler, der glaubte, dass der Verstand immateriell ist, war Sir John C. Eccles. Er und der weithin angesehene Wissenschaftsphilosoph Sir Karl Popper schrieben ein Buch mit dem Titel Das Ich und sein Gehirn, in dem sie argumentierten, dass der menschliche Verstand am besten im Sinne eines interaktionistischen Dualismus zu verstehen ist (Verstand und Gehirn sind separate Elemente, die kausal interagieren). Nachdem ich The Mystery of the Mind und Das Ich und sein Gehirn und viele ähnliche Bücher gelesen und mich mit Fragen über die Beziehung zwischen Verstand und Gehirn auseinandergesetzt habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Neurowissenschaft überhaupt keinen Beweis dafür bietet, dass der Verstand mit seinem Gehirn identisch wäre. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, die glauben, dass die Neurowissenschaft tatsächlich einen solchen Beweis liefern kann, mit ihren naturalistischen Überzeugungen an die Beweisführung herangehen. Mit anderen Worten sind sie bereits Naturalisten (Materialisten), bevor sie ihre Neurowissenschaft betreiben.
Viertens könnten wir fragen, warum Neurowissenschaftler wie Penfield und Eccles an die Immaterialität des Verstandes glaubten, obwohl ihnen allen die kausale Abhängigkeit vieler psychologischer Ereignisse von Gehirnereignissen bewusst war. Ich glaube, die Antwort liegt zum Teil darin, dass sie das Konzept der Korrelation zweier Ereignisse nicht mit dem Konzept der Identität zweier Ereignisse verwechselten. Aus der Tatsache, dass zwei Ereignisse korrelieren, folgt einfach nicht, dass sie identisch sind. Wenn man zum Beispiel erfährt, dass eine hohe Punktzahl beim Scholastic Aptitude Test (SAT) mit der Zulassung zu einer guten Hochschule korreliert, identifiziert man eine hohe Bewertung bei der Prüfung nicht mit der Studienzulassung. Oder wenn man feststellt, dass das Essen bestimmter Lebensmittel mit Magenbeschwerden korreliert, identifiziert man das Essen dieser Lebensmittel nicht damit, dass man Magenbeschwerden hat. Dann ist da die Tatsache, dass Bewegungen von Gliedmaßen wie Armen und Beinen mit Ereignissen im motorischen Kortex des Gehirns korrelieren. Niemand glaubt jedoch, dass Bewegungen von Armen und Beinen mit ihrem kausalen Anlass im Gehirn identisch sind. Denkt man darüber nach, ist es genauso offensichtlich, dass es keinen guten Grund gibt anzunehmen, dass psychologische Ereignisse nur deshalb schon mit Gehinereignissen identisch sind, weil beide korrelieren.
Zum Schluss erklären Sie, dass manche religiösen Leute außerkörperliche oder Nahtod-Erfahrungen als Beweis für die Immaterialität des Verstandes und die Möglichkeit seines körperlosen Überlebens zitieren. Bei allem Respekt bezweifle ich ernsthaft, dass es sich hier um das handelt, was Menschen davon überzeugt, dass der Verstand immateriell ist. Die meisten Menschen glauben zunächst, dass der Verstand immateriell ist und sehen im Licht dieser anfänglichen Überzeugung keine begrifflichen Probleme bei Nahtod- und außerkörperlichen Erfahrungen. Sie kommen nicht zu der Überzeugung, dass der Verstand immateriell ist, weil sie solche Erfahrungen gemacht oder davon gehört haben. Außerdem glaube ich, dass die meisten Menschen religiös sind, weil sie glauben, dass der Verstand immateriell ist. Sie kommen nicht zu dem Glauben, dass der Verstand immateriell ist, weil sie religiös sind.
Mit allen guten Wünschen,
Stewart Goetz, Ph.D.
Professor für Philosophie
Ursinus College
Collegeville, PA 19426
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /god-and-mind-body-dualism
- William Lane Craig