#117 Einwände gegen das Kausalprinzip im <em>kalām</em>-kosmologischen Argument
July 12, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich bin ein Agnostiker/Atheist, der kürzlich mit einem Ihrer Gefolgsleute bei einem Forum über die Vorzüge des kalām-kosmologischen Arguments (KKA) debattiert hat. Ich denke, ich habe jetzt alle meine Einwände klar durchdacht und hoffe, Sie könnten mir dazu einige Kommentare geben. Meine Einwände betreffen die erste Prämisse: „Alles, was anfängt zu existieren, hat eine Ursache für seine Existenz.“
Zuerst muss ich Ihre Definition von „anfängt zu existieren“ ein wenig genauer untersuchen. Halten Sie diesen Satz für synonym zu „hat eine endliche Vergangenheit“? Hier sind einige Prämissen:
(a) Alles, was eine endliche Vergangenheit hat, fängt an zu existieren.
(b) Alles, was anfängt zu existieren, hat eine endliche Vergangenheit.
Wenn Sie diese bestätigen, was Sie vermutlich tun werden, dann ist es eine Frage der logischen Notwendigkeit, beide als synonym zu betrachten. Wenn Sie eine davon ablehnen (wahrscheinlich (a)), dann würde mich interessieren, wie Sie „anfangen zu existieren“ definieren. Bei den meisten anderen Definitionen von „anfangen zu existieren“ werde ich wohl eher die zweite Prämisse (dass das Universum anfing zu existieren) zurückweisen als die erste.
Wird ihre Synonymität akzeptiert, dann können Sie keine Einwände dagegen haben, dass ich die erste Prämisse modifiziere:
1´. Alles, was eine endliche Vergangenheit hat, hat eine Ursache für seine Existenz.
Nun eine Nebenbemerkung zu Ihrem Sprachgebrauch. Zwar bin ich sicher, dass Sie mit dem Argument vertraut sind, dass es sinnlos ist, nach dem zu fragen, was vor dem Urknall war, (die übliche Analogie ist: „Was liegt nördlich des Nordpols?“), aber Sie verwenden beharrlich Formulierungen, die den Anschein erwecken, dass Sie dieses Argument nicht verstanden haben. Zum Beispiel habe ich gesehen, dass Sie Ausdrücke verwenden wie „creatio ex nihilo“, „aus dem Nichts entstehen“, „spontan aus der Leere springen“, die alle einen Übergang vom Zustand der Nicht-Existenz in den Zustand der Existenz beinhalten. Die Alternative zu einem verursachten Universum ist nicht ein Universum, das „unverursacht in Existenz sprang“, sondern ein Universum, das niemals nicht-existent war und für das es somit keinen Übergang von der Nicht-Existenz zur Existenz gab. Zu sagen, dass das Universum in einem Zustand der Nicht-Existenz war, setzt eine Perspektive außerhalb des Universums voraus, wodurch implizit die Idee abgelehnt wird, dass das Universum alles ist, was es gibt. Wenn das Universum alles ist, was es gibt, gab es kein Schöpfungsereignis, sondern einfach einen anfänglichen Zustand des Universums. Jemand, der ebenfalls im Forum postete, drückte es prägnant aus, als er schrieb: Die Aussage „Es gibt nichts, woraus das Universum entstand“ ist nicht identisch mit der Aussage „Das Universum entstand aus nichts“. Der Punkt ist vielmehr, dass es ein Kategorien-Fehler ist, „entstand aus“ auf das Universum zu beziehen.
Dies führt mich zu meinem ersten Einwand, der lautet, dass die modifizierte Prämisse wenig von der intuitiven Kraft des Originals hat. Hier die Stanford Encyclopedia of Philosophy über die Konsequenzen der Veränderung:
"Während [der ursprünglichen Prämisse 1] die aus dem Altertum stammende Behauptung des Parmenides zugrunde liegt, dass Seiendes nicht aus nichts hervorgeht, gibt es hingegen kein Prinzip, welches Endlichkeit direkt mit Verursachtheit verknüpft. Kritiker [des Kalām-Arguments, A.d.Ü.] sagen daher, dass wir keinen Grund haben zu denken, dass etwas, nur weil es endlich ist, eine Ursache seiner Entstehung haben muss."
Wenn Sie eine Definition von „anfangen zu existieren“ wählen, die im Gegensatz zu einer bloßen endlichen Vergangenheit einen Übergang von einem Zustand in einen anderen verlangt, werde ich stattdessen die zweite Prämisse ablehnen. Allerdings gehe ich davon aus, dass eine solche Position nicht haltbar wäre, wenn man von dem ausgeht, was Sie zuvor über das Kalām-kosmologischen Arguments geschrieben haben, wie zum Beispiel:
"Doch in jedem Fall, wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, setzen tragfähige nicht-singuläre Modelle (wie das Modell von Stephen Hawking) doch eine nur endliche Vergangenheit und damit einen Anfang der Zeit und des Universums voraus."
Mein zweiter (separater) Einwand lautet einfach, dass es unklug ist, allgemeine metaphysische Tatsachen aus der alltäglichen Erfahrung abzuleiten. „Etwas kann nicht gleichzeitig in zwei gegensätzlichen Zuständen sein“ ist eine Prämisse, die vielleicht einmal als „ontologisch notwendige Wahrheit“ erschien, „die sich in unserer Erfahrung ständig bestätigt.“ Doch als wir uns in die Welt der subatomaren Physik vorwagten, entdeckten wir, dass die Dinge dort nicht mit unseren Erfahrungen in der Makrowelt übereinstimmten. Sie scheinen mit dem Beispiel der unverursachten virtuellen Teilchenpaar-Bildung vertraut zu sein, die zur Hawking-Strahlung führt, von der gegenwärtig angenommen wird, dass sie unverursacht ist. Sie wenden ein:
"Nun stellt die Erzeugung von Teilchenpaaren eigentlich keine Analogie für diese radikale ex nihilo-Entstehung dar, wie Davies vorauszusetzen scheint. Dieses Quantenphänomen – selbst wenn es eine Ausnahme von dem Prinzip wäre, dass jedes Ereignis eine Ursache hat – bietet keine Analogie für etwas, das aus dem Nichts ins Sein kommt. Auch wenn Physiker hier von einer Kreation und Annihilation von Teilchenpaaren sprechen, sind solche Begriffe philosophisch irreführend, denn alles, was tatsächlich geschieht, ist Konvertierung von Energie in Materie oder umgekehrt."
Hier messen Sie jedoch mit zweierlei Maß, da alltägliche Beispiele von Dingen, die „anfangen zu existieren“, auch keine tatsächliche Erschaffung aus dem Nichts beinhalten. Sie versuchen also, unverursachte Übergänge als Präzedenzfall für einen unverursachten Anfang des Universums abzuwehren, während Sie kausative Übergänge als intuitive Grundlage für einen kausativen Anfang verwenden. Entweder sind solche Ereignisse dem Anfang des Universums ähnlich oder sie sind es nicht. (Beachten Sie, dass ich aufgrund des ersten Einwandes nicht zustimme, dass das Universum „aus dem Nichts ins Sein kam“; dies ist ein separater Einwand.)
Allerdings möchte ich nicht zu viel Zeit auf diesen Punkt verwenden, denn selbst wenn ich einräume, dass es in unserer Erfahrung nichts Unverursachtes gibt, ist das induktive Argument trotzdem nicht gültig. Hier sind einige induktive Argumente, die dem KKA ähnlich sind:
1. Zu jedem Stück Land der Erde gibt es ein nördlicheres Stück Land.
2. Der Nordpol ist ein Stück Land der Erde.
3. Also gibt es zum Nordpol ein nördlicheres Stück Land.
1. Jede positive Ganzzahl hat eine positive Ganzzahl, die um eins kleiner ist.
2. Eins ist eine positive Ganzzahl.
3. Also gibt es eine positive Ganzzahl, die um eins kleiner ist als eins.
1. Alles, was eine endliche Größe hat, ist von einem oder mehreren Dingen umgeben.
2. Das Universum hat eine endliche Größe.
3. Also ist das Universum von einem oder mehreren Dingen umgeben.
In jedem Fall ist das Argument gültig, wenn die Prämissen gültig sind. Auch sind in jedem Fall keine Gegenbeispiele zur ersten Prämisse vorhanden, abgesehen von denen, die in der zweiten Prämisse genannt wurden. Die einzige Möglichkeit, die Argumente abzulehnen, besteht darin, die erste Prämisse abzulehnen, was für niemanden eine Schwierigkeit darstellt. Uns ist klar, dass in einem Argument über Größe die kleinste positive Ganzzahl nicht genauso behandelt werden kann wie die übrigen. In einem Argument über die nördliche Richtung muss der nördlichste Punkt anders behandelt werden als andere Punkte. In ähnlicher Weise muss in einem Argument über eine Reihe von Zuständen des Universums, die einander verursachen, der anfängliche Zustand anders behandelt werden als alle nachfolgenden Zustände. Die Tatsache, dass wir keinen anderen Anfang einer Kausalkette beobachten, ist nicht weniger rätselhaft als die Tatsache, dass es keine multiplen kleinsten Ganzzahlen oder multiple nördlichste Punkte gibt.
Ich habe oben das dritte „Argument“ einbezogen, weil es dem KKA am nächsten zu kommen scheint. Die Idee, dass endlicher Raum etwas jenseits dieses Raumes voraussetzt, unterscheidet sich kaum von der Idee, dass endliche Zeit etwas jenseits dieser Zeit voraussetzt. Beide sind Widerlegungen der Idee, dass es endliche Grenzen für das, was existiert, geben könnte.
Um meine Einwände zusammenzufassen:
1) In dem Maße, wie die Prämisse 1 des KKA auf Intuition beruht, wird Kausalität intuitiv mit etwas in Verbindung gebracht, das von einem Zustand in einen anderen übergeht, nicht mit einer endlichen Vergangenheit. Eine Metaphysik, in der das Universum alles ist, was existiert, lehnt die Idee eines Übergangs vom Nicht-Sein ins Sein ab, da es nichts gibt – nicht einmal eine Leere – aus dem das Universum übergegangen sein könnte. Formulierungen wie „unverursacht in Existenz springen“ sind ein Versuch, die Auseinandersetzung mit dieser Alternative zu vermeiden.
2) In dem Maße, wie die Prämisse auf einer Induktion aus alltäglichen Ereignissen beruht:
a) kann man aus alltäglichen Ereignissen keine allgemeinen Schlussfolgerungen für die Welt der Physik ziehen. („Alles, was um mich her geschieht, scheint eine Ursache zu haben; deshalb muss die Entstehung virtueller Teilchen eine Ursache haben“ wäre ein Beispiel für solche schlechten Argumente.)
b) Selbst wenn solche Argumente gültig wären, ist das bei dem speziellen Beispiel im KKA nicht der Fall, denn bei einem induktiven Argument, das eine Abfolge von Einzelelementen enthält, die jeweils miteinander verknüpft sind, müssen das erste und letzte Element der Reihe jeweils anders behandelt werden als alle anderen Elemente.
Ich zog die Schlussfolgerung, dass die Prämisse sowohl in der Intuition als auch in der Induktion kaum eine Grundlage hat. Danke, dass Sie dies lesen, und ich hoffe, Sie haben die Zeit, eine Antwort zu schreiben.
Chris
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Dr. craig’s response
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Normalerweise wähle ich keine Fragen, die so lang sind wie Ihre, Chris, (ein Hinweis an zukünftige Fragesteller!), aber da Sie mehrere verbreitete Einwände gegen die erste Prämisse des kalām-kosmologischen Arguments, wie ich es formuliert habe, gut verständlich und sinnvoll zusammenfassen, habe ich beschlossen, auf jeden Ihrer Einwände kurz zu antworten.
Doch bevor ich das tue, ist zunächst zu erwähnen, dass das, was Sie anbieten, nur die Rechtfertigungsgründe für die Prämisse (1) angreift, aber nicht die Prämisse selber widerlegt.[1] Das heißt, Ihre Einwände versuchen die Rechtfertigung zu verringern, die wir dafür haben, die kausale Prämisse zu glauben, aber sie tragen nichts dazu bei, die Prämisse selber zu falsifizieren. Ihre Schlussfolgerung lautet, „dass die Prämisse sowohl in der Intuition als auch in der Induktion kaum eine Grundlage hat.“ Das wäre allerdings nicht nur damit vereinbar, dass sie wahr ist, sondern sogar damit, dass sie plausibler ist als ihre Verneinung, für die sich – würde ich meinen – sogar noch weniger Intuition oder induktive Beweise anführen lassen. In diesem Fall sollten Sie das kausale Prinzip immer noch eher annehmen als seine Verneinung.
Aber fehlt es dem kausalen Prinzip so sehr an Rechtfertigung bzw. an stützenden Gründen, wie Sie behaupten? Betrachten wir zuerst seine intuitive Bestätigung. Wie Sie feststellen, haben schon Metaphysiker wie Parmenides das Prinzip erkannt, dass Seiendes nur aus Seiendem hervorgehen kann, dass etwas nicht aus nichts hervorgehen kann. Ich denke, dass Sie selbst dies anerkennen, denn Ihre Strategie, die kausale Prämisse zu unterminieren, soll zeigen, dass das Universum im Atheismus in Wirklichkeit nicht aus dem Nichts in Existenz kam.
Um Ihren Standpunkt zu vertreten, konzentrieren Sie sich auf den Ausdruck „anfängt zu existieren“ und schlagen vor, ihn durch den Ausdruck „hat eine endliche Vergangenheit“ zu ersetzen, in welchem Fall die modifizierte Prämisse „wenig von der intuitiven Kraft des Originals hat“. Deshalb ist der ursprünglichen Prämisse angeblich die Grundlage entzogen.
Dieser Einwand ist in mehrfacher Hinsicht verfehlt. Erstens geht er fälschlich davon aus, dass wenn eine Aussage A mit einer Aussage B logisch äquivalent ist und B nicht intuitiv offenkundig ist, die intuitive Grundlage für A aufgehoben ist. Das ist eindeutig falsch. Denken Sie an eine komplexe mathematische Gleichung, die 2+1=3 entspricht. Die Undurchsichtigkeit der komplexen Gleichung tut nichts, um die Rechtfertigung der einfachen Gleichung, die in ihrer intuitiven Einsichtigkeit besteht, zu untergraben. Tatsächlich könnte man ziemlich plausibel argumentieren, dass die Richtung umgekehrt ist: Angesichts ihrer logischen Äquivalenz wird durch die intuitive Offensichtlichkeit von A unsere Gewissheit erhöht, dass die weniger offenkundige Aussage B wahr ist!
In ähnlichem Sinn neige ich dazu, Ihnen zuzustimmen, dass Ihre Prämisse:
1´. Alles, was eine endliche Vergangenheit hat, hat eine Ursache für seine Existenz.
meiner Prämisse (1) logisch äquivalent ist und auch weniger offenkundig ist. Aber angesichts der Offenkundigkeit der kausalen Prämisse, wie ich sie formuliert habe, denke ich, dass wir gute Gründe haben anzunehmen, dass Ihre äquivalente Aussage ebenfalls wahr ist. Mein Einwand gegen Ihre Modifikation der ersten Prämisse lautet also, dass sie obskurantistisch ist, also eine evidente Aussage weniger evident formuliert, wie das Ersetzen von „2“ in „2+1=3“ durch „27+62/41 x ½“.
Zweitens verwechseln Sie eine Definition mit einer Analyse. Sie suchen eigentlich nicht nach einer „Definition“ von „anfängt zu existieren“. Diese Worte sind so einfach, dass ein Unterprimaner sie versteht. Synonyme wären etwa „beginnt zu existieren“ oder „fängt an zu sein“. Worum es Ihnen eigentlich geht, ist philosophisch zu analysieren, was es bedeutet, anzufangen zu existieren. Ob es eine solche Analyse überhaupt gibt, lässt sich in Frage stellen. Es könnte durchaus sein, dass ein solches Konzept „primitiv“ (oder basal) ist und nicht in anderen Begriffen analysiert werden kann. In meinen veröffentlichten Arbeiten habe ich versucht, folgende Analyse für „anfängt zu existieren“ anzubieten:
A. x fängt zum Zeitpunkt t an zu existieren, genau dann wenn x zum Zeitpunkt t ins Sein kommt.
B. x fängt zum Zeitpunkt t an zu existieren, genau dann wenn
(i) x zum Zeitpunkt t existiert und es in der tatsächlichen Welt keinen Zustand gibt, in dem x zeitlos existiert,
(ii) t entweder das erste Mal ist, dass x existiert, oder von irgendeinem Zeitpunkt t*< t durch ein Intervall getrennt ist, bei dem x nicht existierte
(iii) das Existieren von x bei t eine zeitliche Tatsache ist.
Es wäre unsinnig, würde der Kritiker des Arguments antworten: Wenn man „anfängt zu existieren“ in der ursprünglichen Prämisse durch die obengenannte Analyse ersetzt, verliert die Prämisse ihre intuitive Grundlage. Analysen sind nicht dazu da, die intuitive Offensichtlichkeit der Bedingungen zu analysieren; im Gegenteil sind sie meist viel komplexer als das zu analysierende Konzept. Wichtig für eine erfolgreiche Analyse ist, dass die in der Analyse dargelegten Bedingungen nicht selbst das zu analysierende Konzept verwenden und dass sie so beschaffen sind, dass man von allem, was genau diese Bedingungen erfüllt, richtigerweise sagen kann, dass es – in diesem Fall – anfängt zu existieren.
Nun, der Schlüsselsatz in meiner Analyse ist (B) (iii). Indem er eine dynamische oder zeitliche oder (um die hilfreiche Terminologie von McTaggart zu verwenden) A-Theorie der Zeit voraussetzt, nach der temporales Werden real ist, ist der Verfechter des kalām-kosmologischen Arguments zu der Annahme berechtigt, dass das Existieren des Universums in einem ersten Moment der Zeit den Moment darstellt, in dem das Universum in Existenz kam. Nur wenn man eine statische oder zeitlose oder sogenannte B-Theorie der Zeit übernimmt, nach der temporales Werden eine Illusion des menschlichen Bewusstseins ist, ist der erste Moment, in dem das Universum existiert, nicht der Moment, in dem es in Existenz kam. Der eigentliche Punkt, der den Vertreter des kalām-kosmologischen Arguments und die Kritiker der ersten Prämisse trennt, ist also die Objektivität der Zeit und des temporalen Werdens.
Nun ist Ihre Formulierung „hat eine endliche Vergangenheit“ bestenfalls eine angebliche Analyse und kein Synonym für „anfängt zu existieren“. Geht man von einer zeitlichen Theorie der Zeit aus, neige ich dazu, Ihre Analyse zu akzeptieren. Alles, was in der Vergangenheit endlich ist, kam in irgendeinem Moment der Vergangenheit ins Sein. Es spielt keine Rolle, dass Ihre Analyse nicht so intuitiv offenkundig ist wie die ursprüngliche Prämisse. Das sind Analysen nur sehr selten.
Was Ihre Bedenken gegen meine Verwendung von Formulierungen wie „kam aus dem Nichts ins Sein“ betrifft, habe ich in meinen Veröffentlichungen ausdrücklich erklärt, dass solche Ausdrücke nicht so zu interpretieren sind, als sei es die Feststellung eines Zustands der Nichtheit vor der Existenz des Universums. Es sind vielmehr Formulierungen dafür, dass das Anfangen zu existieren des Universums eine zeitliche Tatsache ist, wie in (B) (iii) festgestellt. So habe ich im Blackwell Companion to Natural Theology geschrieben,
"Vom Anfang bis zum Ende wird das kalām-kosmologische Argument auf die A-Theorie der Zeit gegründet. Nach einer B-Theorie der Zeit ist es gar nicht so, dass das Universum beim Urknall in Existenz kommt oder aktual wird; es existiert einfach zeitlos als vierdimensionaler Raum-Zeit-Block, der sich endlich in die früher als-Richtung erstreckt. Wenn Zeit zeitlos ist, dann kommt das Universum eigentlich nie in Existenz, und deshalb ist die Suche nach einer Ursache seines In-Existenz-Kommens verfehlt. Während die von G. W. F. Leibniz gestellte Frage: Warum ist (zeitlos) überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? immer noch berechtigt ist, gäbe es keinen Grund, nach einer Ursache für das In-Existenz-Kommen des Universums zu suchen, da das Universum nach zeitlosen Theorien der Zeit genauso wenig dadurch angefangen hat zu existieren, dass es ein erstes Ereignis hatte, wie ein Metermaß dadurch anfängt zu existieren, dass es einen ersten Zentimeter hat... Der eigentliche Punkt, der den Vertreter des kalām-kosmologischen Arguments und die Kritiker der ersten Prämisse trennt, ist also die Objektivität der Zeitlichkeit und des temporalen Werdens."
Ich vermute, dass dies der Punkt ist, der auch uns trennt. Wenn Sie sagen: „Wenn das Universum alles ist, was es gibt, gab es kein Schöpfungsereignis, sondern einfach einen anfänglichen Zustand des Universums“, scheinen Sie implizit eine B-Theorie der Zeit zu befürworten. Ich bemerke auch die Assimilation von Zeit und Raum in Ihrem Kommentar: „Die Idee, dass endlicher Raum etwas jenseits dieses Raumes voraussetzt, unterscheidet sich kaum von der Idee, dass endliche Zeit etwas jenseits dieser Zeit voraussetzt.“
Im Gegensatz dazu verwendet ein Kosmologe wie Alexander Vilenkin exakt die Art von Formulierungen, die ich verwende, wenn er den Anfang des Universums charakterisiert, und spricht frei davon, dass das Universum „spontan aus dem Nichts geschaffen wurde“ und „aus dem Nichts sprang“. Offenbar denkt er nicht, dass es vor dem Urknall einen Zustand der Nichtheit gab. Die Eignung solcher Formulierungen hängt eher davon ab, welche Auffassung man über die Realität einer Zeitlichkeit und eines temporalen Werdens vertritt.
Ich habe, um es noch einmal zu sagen, mit Thomas von Aquin ausdrücklich die Idee verworfen, dass Schöpfung eine Art der Veränderung oder des Übergangs ist (siehe das Buch von Paul Copan und mir: Creation out of Nothing (Baker 2004). Das Universum geht nicht vom Nicht-Sein ins Sein über, denn es gibt in der Schöpfung kein andauerndes Subjekt, sondern das absolute Ins-Sein-Kommen dieses Subjekts. Der Schlüsselbegriff ist hier wieder die Realität des temporalen Werdens. Ist temporales Werden real? Wenn ja, dann kam das Universum ins Sein, indem es anfing zu existieren. Sollten Sie daran interessiert sein, diese Debatte über die A- versus die B-Theorie der Zeit weiterzuverfolgen, empfehle ich Ihnen mein Buch Time and Eternity (Crossway 2001).
Was Ihren zweiten Einwand betrifft, dass es „unklug ist, allgemeine metaphysische Tatsachen aus der alltäglichen Erfahrung abzuleiten“, scheint es mir völlig unbedenklich zu sagen, dass das kausale Prinzip durch Erfahrung gestützt wird. Sollten wir die einheitlichen Erfahrungsdaten, die Prämisse (1) unterstützen, einfach ignorieren und so tun, als wären sie genauso wahrscheinlich wie ihr Gegenteil? Da könnte man von Tatsachenblindheit sprechen!
Ihre Vorbehalte gegen meine Antwort auf die Behauptung, dass virtuelle Teilchen unverursacht sind, verstehe ich nicht. Die virtuellen Teilchen sind nicht unverursacht. Sie sind Fluktuationen der Energie im Vakuum. Das Quantenvakuum ist nicht nichts. Es ist ein brodelnder Ozean der Energie. Der deutsche Wissenschaftsphilosoph Bernulf Kanitscheider betont, dass wir es bei sogenannten Quanten-Schöpfungsereignissen mit „einem kausalen Prozess zu tun haben, der von einem primordialen Substrat mit einer reichen physikalischen Struktur zu einem materialisierten Substrat des Vakuums führt. Zugegebenermaßen ist dieser Prozess nicht deterministisch; er enthält jene schwache Form kausaler Abhängigkeit, die jedem quantenmechanischen Prozess zu eigen ist“ (Bernulf Kanitscheider, „Does Physical Cosmology Transcend the Limits of Naturalistic Reasoning?“ in: Studies on Mario Bunge's „Treatise“, hrsg. von Weingartner und G. J. W. Doen, Amsterdam 1990, S. 346-74).
Mir kam gerade der Gedanke, dass Ihre Schwierigkeit vielleicht darin liegt, dass Sie nicht unterschieden haben zwischen Prämisse (1) und
1*. Jedes Ereignis hat eine Ursache.
Mein Argument legt uns nicht auf (1*) fest und lässt sich daher durchaus mit einer kausalen Indeterminiertheit von Quanten-Ereignissen vereinbaren. Was ich bestreite ist, dass Dinge – mit Eigenschaften ausgestattete Substanzen – ohne irgendeine Ursache in Existenz kommen können. Wie oben erwähnt, gibt es in der Quantenphysik wie in der alltäglichen Erfahrung immer kausale Bedingungen dafür, dass Dinge ins Sein kommen.
Soweit ich sehe, messe ich also nicht mit zweierlei Maß. Was die erste Prämisse verlangt, ist, dass alles, was anfängt zu existieren, irgendeine Art von Ursache hat, und diese Bedingung ist bei virtuellen Teilchen erfüllt. Wir wissen von keiner Ausnahme vom Kausalprinzip. Warum sollten wir von diesen Indizien nicht beeindruckt sein?
Sie nennen einige angeblich induktive Argumente, die fehlschlagen. Aber, Chris, die von Ihnen genannten Argumente sind alle deduktiv! Und jede von ihnen hat eine falsche Prämisse! Diese entsprechen überhaupt nicht dem universalen induktiven Beweis zur Bestätigung des Kausalprinzips.
Ich würde Ihnen auch zur Vorsicht raten, bevor Sie ein bestimmtes induktives Argument angreifen, nur weil andere induktive Argumente fehlschlagen, damit Sie nicht am Ende die Induktion völlig verwerfen. Dann landen Sie nämlich im absoluten Skeptizismus. Das Unterscheidungsmerkmal eines induktiven Arguments – im Gegensatz zu einem deduktiven Argument – besteht darin, dass die Wahrheit seiner Prämissen die Wahrheit der Schlussfolgerung nicht garantiert. Doch die induktive Argumentation bleibt weitgehend verlässlich und ist außerdem für rationales Verhalten unverzichtbar.
Aber Sie beharren darauf, dass wir in diesem Fall gute Gründe für die Annahme haben, dass der Anfang des Universums eine Ausnahme vom Kausalprinzip darstellt. Hätten Sie Recht, würde dies in der Tat den induktiven Beweis zur Unterstützung von Prämisse (1) unterminieren. Doch welchen Grund gibt es für die Annahme, dass das Universum eine Ausnahme vom Kausalprinzip darstellt? Sie erklären: „In einem Argument über eine Reihe von Zuständen des Universums, die einander verursachen, muss der anfängliche Zustand anders behandelt werden als alle nachfolgenden Zustände.“ Warum? Ich sehe keinen Grund, einen solchen Zustand als Ausnahme zu behandeln. Eigentlich würde ich meinen, dass das unverursachte Auftreten eines ersten Zustandes sogar noch offensichtlicher unmöglich ist als das unverursachte Auftreten eines temporal eingebetteten Zustandes. Jedenfalls ist es an Ihnen, diese Ausnahme zu rechtfertigen; sonst wird sie zu einer willkürlichen Verwerfung des Kausalprinzips.
Sie fügen hinzu: „Die Tatsache, dass wir keinen anderen Anfang einer Kausalkette beobachten, ist nicht weniger rätselhaft als die Tatsache, dass es keine multiplen kleinsten Ganzzahlen oder multiple nördlichste Punkte gibt.“ Diese Aussage scheint verwirrt zu sein. Soweit es den induktiven Beweis für das Kausalprinzip betrifft, ist die Tatsache, von der Sie sprechen, einfach weder hier noch dort gegeben. Das induktive Argument lautet nicht, dass es rätselhaft ist, dass wir keine Kausalketten sehen, die abrupt ohne Vorgänger anfangen. Es ist vielmehr so, dass wir einheitliche empirische Belege dafür haben, dass Dinge, die anfangen zu existieren, eine Ursache haben – ohne Ausnahme. Abgesehen davon ist es in den von Ihnen genannten Fällen logisch unmöglich, dass es die postulierten Elemente gibt (multiple kleinste Ganzzahlen oder multiple nördlichste Punkte), während eine logische Unmöglichkeit dafür, dass das Universum eine Ursache für seinen Anfang hat, nicht einmal vorgeschlagen wurde.
Ich kann nur vermuten, dass die sich abzeichnende Implikation des Theismus der Grund für Ihre Skepsis gegenüber den ansonsten beeindruckenden Beweisen für das Kausalprinzip ist.
(Übers.: M. Wilczek)
Link to the original article in English: /objections-to-the-causal-principle
[1] Man unterscheidet im Englischen zwischen "overriding / rebutting defeaters" (widerlegende Gegengründe), also Gegengründen, die eine These selber widerlegen, und "undermining / undercutting defeaters" (unterminierende Gegengründe), die nur einzelne Gründe für die Rechtfertigung einer These angreifen.
Zu Veranschaulichung: Angenommen, man hat eine These A, und es ist "gerechtfertigt", diese These für wahr zu halten, weil man drei Gründe dafür hat (Grund 1, Grund 2, Grund 3). Ein unterminierender Gegengrund greift nur die Rechtfertigung der These an, nicht die These selber. Ein Argument, das "Grund 1" widerlegt, unterminiert also nur die Rechtfertigung für die These, widerlegt aber noch nicht die These selber.

Angenommen, die These A lautet: "Gestern hat es in Bad Kreuznach den ganzen Tag geregnet".
Die Rechtfertigung für diese These sei:
Grund 1: "Der Wetterbericht von vorgestern hat für Bad Kreuznach gestern den ganzen Tag Regen vorausgesagt".
Grund 2: "Ein Messgerät in Bad Kreuznach hat gestern den ganzen Tag Niederschlag verzeichnet".
Grund 3: "10 Augenzeugen aus Bad Kreuznach berichten, dass es gestern den ganzen Tag geregnet hat".
Widerlegende Gegengründe wenden sich direkt gegen die These selber, z.B. "Hier ist ein Photo von gestern von Bad Kreuznach, mit Datumsnachweis, welches die Stadt in Sonnenschein zeigt".
Unterminierende Gegengründe gegen die These wenden sich gegen die Rechtfertigung einer These, z.B. "Der Wetterbericht hat sich in der Region letztens schon oft geirrt", oder "Das Messgerät wurde überprüft und als fehlerhaft befunden", oder "Die 10 angeblichen Augenzeugen waren gestern gar nicht in Bad Kreuznach", etc.
(Anm. d. Übers.)
- William Lane Craig
