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#146 Der Tod Gottes und der Tod Christi

November 01, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

zuerst möchte ich Ihnen für die Zeit und die Arbeit danken, die Sie in Ihren Dienst einbringen. Ich habe sehr davon profitiert und es hat in mir auch den Wunsch geweckt, einen Abschluss in Philosophie anzustreben.

Meine Frage ist eine, auf die ich nie eine klare Antwort bekommen konnte. Als Jesus am Kreuz starb, starb da Gott? Wenn das so ist, starb das Wesen oder die Essenz Jesu tatsächlich?

Diese Frage machte mir wirklich zu schaffen, nachdem ich das Lied „And Can it Be?“ (Dt. „Ist’s wirklich wahr?“) gehört hatte. Eine Zeile am Ende des Refrains lautet: „Unfassbare Liebe! Wie kann es sein, dass du, mein Gott, für mich starbst? Amen.“

Ich konnte nie eine klare und prägnante Antwort auf diese Frage bekommen, und offenbar gibt es über diese Frage einige Meinungsverschiedenheiten unter Theologen. Pastor John MacArthur scheint zu denken, dass Gott starb, weil Jesus Gott ist. R. C. Sproul dagegen ist anderer Meinung und glaubt, dass Gott nicht sterben kann.

Ich sehe nicht, wie es möglich sein kann, dass Gott tatsächlich sterben konnte. Denn wenn Gott sterben sollte, dann wäre er kein notwendiges Wesen. Aber das ist unmöglich, denn Gott muss per Definition notwendig sein. Als Christus am Kreuz starb, war es also nur der menschliche Teil, der starb?

Das ist eine schwierige Frage und ich würde es sehr schätzen, wenn Sie etwas Licht darauf werfen könnten.

Vielen Dank,

Jesse

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Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Der Tod Gottes

Ich konnte Ihrer Frage nicht widerstehen, Jesse, da sie sich auf mein Lieblingslied bezieht, den herrlichen Hymnus „And Can It Be?“ von Charles Wesley. Ich empfehle jedem, der nur Lobpreislieder und Chorlieder kennt, sich diesen Hymnus anzuhören und über den herrlichen Text über Gottes unfassbare Liebe nachzudenken.

Ihre Frage ist eine, die auch unseren muslimischen Freunden zu schaffen macht und deshalb sehr dringend ist. Glücklicherweise hat die historische christliche Kirche sich klar mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Der Tod Gottes – Christus ist eine einzelne Person mit zwei Naturen

Das Konzil von Chalcedon (451 n.Chr.) erklärte, dass der menschgewordene Christus eine Person mit zwei Naturen ist, einer menschlichen und einer göttlichen. Das hat sehr wichtige Konsequenzen. Es setzt voraus, dass Christus vor seiner Inkarnation existierte; er war eine göttliche Person, bevor er eine menschliche Natur annahm. Er war und ist die zweite Person der Dreifaltigkeit. In der Inkarnation nimmt diese göttliche Person auch eine menschliche Natur an, aber es gibt in Christus keine andere Person als die zweite Person der Dreifaltigkeit. Es gibt eine zusätzliche menschliche Natur, die Christus vor seiner Inkarnation nicht hatte, aber es gibt keine menschliche Person zusätzlich zu der göttlichen Person. Er ist nur eine Person, die zwei Naturen hat.

Deshalb gilt: Was Christus sagte und tat, das sagte und tat Gott, denn wenn wir von Christus sprechen, sprechen wir über eine Person. Aus diesem Grund hat das Konzil akzeptiert, Maria als „Mutter Gottes“ zu bezeichnen. Sie trug die Person, die eine göttliche Person ist. Leider hat sich diese Ausdrucksweise als katastrophal irreführend erwiesen, denn sie klingt so, als hätte Maria die göttliche Natur Christi geboren, während sie in Wirklichkeit die menschliche Natur Christi zur Welt brachte. Mohammed dachte offenbar, dass Christen glauben, Maria sei die dritte Person der Dreifaltigkeit gewesen und Jesus der Nachkomme von Gott, dem Vater, und Maria, eine Auffassung, die er zu Recht als blasphemisch ablehnte, obwohl kein orthodoxer Christ sie vertritt.

Der Tod Gottes – Den Tod als einen Aspekt der menschlichen Natur verstehen

Um solche unausweichlichen Missverständnisse zu vermeiden, ist es hilfreich, von dem zu sprechen, was Christus in Bezug auf eine seiner beiden Naturen tut oder ist. Christus ist zum Beispiel in seiner göttlichen Natur allmächtig, aber in seiner menschlichen Natur in seiner Macht beschränkt. Er ist in seiner göttlichen Natur allwissend, aber in seiner menschlichen Natur weiß er verschiedene Tatsachen nicht. Er ist in seiner göttlichen Natur unsterblich, aber in seiner menschlichen Natur sterblich.

Sie können jetzt wahrscheinlich sehen, worauf ich hinauswill. Christus konnte in Bezug auf seine göttliche Natur nicht sterben, aber er konnte in Bezug auf seine menschliche Natur sterben. Was ist der menschliche Tod? Er ist die Trennung der Seele vom Körper, wenn der Körper aufhört, ein lebender Organismus zu sein. Die Seele überlebt den Körper und wird eines Tages mit dem Körper in einer wiederauferweckten Gestalt vereint werden. Das geschah bei Christus. Seine Seele wurde von seinem Körper getrennt und sein Körper hörte auf zu leben. Er wurde vorübergehend eine körperlose Person. Am dritten Tag erweckte Gott ihn in einem verwandelten Körper von den Toten auf.

Kurz gesagt: Ja, wir können insofern sagen, dass Gott am Kreuz starb, weil die Person, die den Tod erlitt, eine göttliche Person war. Wesley hatte also Recht, wenn er fragte: „Wie kann es sein, dass Du, mein Gott, für mich starbst?“ Aber zu sagen, dass Gott am Kreuz starb, ist in gewisser Weise irreführend; es wäre genauer, zu sagen, dass Christus in Bezug auf seine menschliche Natur, aber nicht in Bezug auf seine göttliche Natur am Kreuz starb.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/the-death-of-god-and-the-death-of-christ

- William Lane Craig