#258 Die Trinität und siamesische Zwillinge
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
ich habe mir mal Ihre Podcast-Reihe angesehen und bin dabei auf Ihre Vorlesungen über die Trinitätslehre gestoßen (Doctrine of the Trinity). Dabei war ich erstaunt, wie es Ihnen gelang, diese Lehre begreiflich zu machen, obwohl es bereits viele Versuche gegeben hat, mithilfe von Analogien die Dreieinigkeit unseres Gottes zu veranschaulichen, (wobei keine dieser Analogien die Dreieinigkeit akkurat wiedergibt). Nun, ich möchte einfach bemerken, dass ich glaube, unser dreieiniger Gott ist einzigartig, und dass keine Analogie sein göttliches Wesen veranschaulichen kann. Dennoch hat mir diese Lehre lange Zeit intellektuell Schwierigkeiten bereitet, aber ich wollte meinen Gott tiefer kennenlernen und stieß dabei auf Ihr Trinitätsmodell, das mir sehr geholfen hat. Danke dafür!
Meine eigentliche Frage wird schließlich deutlich werden, wenn ich Ihnen meine Gedanken darlege. In Teil 8 Ihrer Vorlesung über „Die Trinitätslehre“ haben Sie versucht, ein Modell der Trinität zu schaffen, indem Sie die mythische Gestalt des Zerberus verwendeten. Sie sagten ja, dass Ihnen bei der Verwendung dieses Modells unwohl sei (das geht mir ebenso, dennoch half es mir).
Jedenfalls sagten Sie zu Beginn, Zerberus habe drei Köpfe und einen Leib, und damit habe er auch einen dreifachen Verstand und darum drei verschiedene Bewusstseinszustände. Zerberus habe darum drei Persönlichkeiten und sei somit drei-personal. Diese drei Häupter und der eine Leib können nur möglich sein, weil der dreifache Verstand in diesem einen Körper, den Zerberus besitzt, enthalten ist. Dann schmückten Sie die Geschichte weiter aus und fügten hinzu, angenommen Herkules tötete Zerberus und dieser stürbe, so würde sein dreifacher Verstand, vorausgesetzt er sei unsterblich, jedoch den Tod überleben. In welchem Sinne würde dieser dreifache Verstand denn dann immer noch eins sein, denn es bliebe ja nicht länger ein Körper, der Zerberus‘ „drei-personale Seelen“ beinhaltet?
Danach halfen Sie Ihren Hörern, indem Sie einen Blick in die Natur der Seele taten, um die Lehre von der Dreieinigkeit besser zu verstehen. Wenn ich mich richtig erinnere, so erwähnten Sie, dass das, was eine menschliche Seele zu einer individuellen Person macht, eine Ansammlung rationaler und willentlicher Fähigkeiten sei, die für die Personenhaftigkeit ausreiche. Nun ist Gott eine Seele, ein Wesen, das anstatt nur einer Ansammlung drei Ansammlungen rationaler und willentlicher Fähigkeiten besitzt. Gott ist somit ein Wesen und drei Personen. Dieses Bild scheint mir also eine gute Veranschaulichung der Trinitätslehre zu sein, die gleichzeitig das traditionelle Verständnis der Dreieinigkeit nicht aufgibt. Vielen Dank für dieses Modell, und wenn ich bis hierher alles richtig verstanden habe, folgen nun meine Fragen:
1) Ließe sich das Beispiel von siamesischen Zwillingen, die zwei Köpfe und einen Körper besitzen oder vielmehr von siamesischen Drillingen, die drei Köpfe (dreimal einen Verstand) und einen Körper besitzen, genauso verwenden wie das Szenario des Zerberus? Das heißt, gäbe es dort eine Seele mit drei verschiedenen Bewusstseinszuständen?
2) Und wenn dies auf die siamesischen Drillinge zuträfe und wir somit drei Bewusstseinszustände vorliegen hätten, wären dann die siamesischen Drillinge eine Trinität, wenn der Körper der Drillinge stürbe, weil sie eine Seele oder ein Wesen mit drei Bewusstseinszuständen sind?
Zu einer anderen Bemerkung möchte ich noch eine weitere Frage hinzufügen, wenn Sie erlauben:
3) Zuvor erwähnten Sie bei diesem Thema, dass die Trinität eine Identitätsaussage über Gott selbst sei. Wenn jemand sage, Jesus ist Gott oder der Vater ist Gott, solle man dies nicht als Identitätsaussage verstehen, sondern vielmehr als Aussage, die bedeutet, dass Jesus die Eigenschaft besitzt, göttlich zu sein. Dann sagten Sie, dass Jesus nicht identisch mit der gesamten Gottheit, d. h. der Trinität, sei, sondern dass Jesus vielmehr ein Mitglied der Trinität sei. Darüber wurde ich nun unsicher, denn Paulus schreibt in Kolosser 2,9: „Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit körperlich“. Soll ich dies so verstehen, dass Jesus mit der Gottheit gleichzusetzen ist oder anders? Könnten Sie mir bitte helfen, diesen Vers zu verstehen. Ich habe ihn vielleicht nicht im Kontext verstanden oder nicht so verstanden, wie er zu verstehen ist.
Ich möchte Ihnen nochmals danken, Herr Prof. Craig, für Ihre Arbeit, die mir intellektuell und im Glauben in meinem Wandel mit unserem dreieinigen Gott geholfen hat.
Hochachtungsvoll
Thien
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Dr. craig’s response
A [
Sie haben meine Theorie korrekt dargelegt, Thien, aber die Anwendung dieser Theorie in Ihren Fragen geht fehl.
In der Zerberus-Analogie behaupte ich nicht, dass Zerberus eine Seele mit drei Bewusstseinszuständen darstelle. Diese Hypothese habe ich vielmehr auf Gott allein bezogen, der eine Seele mit drei Ansammlungen rationaler Fähigkeiten darstellt. Als Antwort auf Ihre Fragen:
1. Ich denke, dass wir es im Falle der siamesischen Zwillinge mit zwei Seelen zu tun haben, jede für sich eine Person, in einem Körper. Wenn die Zwillinge voneinander getrennt werden könnten, dann hätten wir offensichtlich zwei Seelen, jede mit ihrem eigenen Körper. Das ist deshalb so, weil menschliche Wesen nun einmal so beschaffen sind. Interessanter wäre der Fall eines außerirdischen Wesens, das natürlicherweise und untrennbar aus drei Personen in einem Körper besteht. Vielleicht hätten wir in so einem Fall eine einzige drei-personale Seele (vielleicht wäre Zerberus so).
2. Wäre das außerirdische Wesen eine drei-personale Seele in einem Körper, und der Leib stirbt, dann, ja, dann hätten wir eine Trinität. Der Unterschied besteht darin, dass es entkörpert wäre, während Gott körper-los ist.
3. Kol 2,9 verstehe ich so, dass Paulus damit bestätigt, dass Christus ganz und gar göttlich ist. Paulus vertritt damit kühn – gegen eine bestimmte gnostische Sicht, die davon ausgeht, dass die Fülle (pleroma) des göttlichen Wesens keine Verbindung mit der bösen, materiellen Welt eingehen kann –, dass in Christus die ganze Fülle (pleroma) der Gottheit körperlich wohnt, was eine erstaunliche Aussage über die Göttlichkeit Christi darstellt.
(Übers.: B. Currlin).
Link to the original article in English: /the-trinity-and-siamese-twins
- William Lane Craig