#313 Feinabstimmung und physische Notwendigkeit
January 14, 2016Sehr geehrter Prof. Craig,
könnten Sie Ihr Argument zur Feinabstimmung des Kosmos’ für intelligentes Leben bitte etwas erläutern? Sie sagen, man könne als Erklärung entweder die physische Notwendigkeit, den Zufall oder Planung anführen.
Physische Notwendigkeit schließen Sie aus, wenn Sie sagen, die Naturgesetze (oder ihre Ausprägungen) seien kontingent, also nicht notwendig – sie hätten auch anders sein können. Das halte ich intuitiv für richtig, und ich habe Naturwissenschaftler, die nicht an Gott glauben, wie etwa Brian Green in seiner PBS-Dokumentation, eine ähnliche Sichtweise vertreten hören (nur im Zusammenhang mit dem Multiversum). Ich frage mich: Welche Belege haben wir für diese Behauptung – also dafür, dass z.B. die starke/schwache Wechselwirkung oder die Schwerkraft ganz andere Werte hätten annehmen können, oder dass sie ganz anders geartet hätten sein können?
Abgesehen von den naturwissenschaftlichen Belegen, gehen Sie offenbar davon aus (ohne das ausdrücklich zu sagen), dass eine solche Notwendigkeit ein Argument gegen den Theismus wäre. Das schließe ich daraus, dass Sie Notwendigkeit und Design als Alternativen gegenüberstellen. Ich sehe allerdings nicht, inwiefern eine Notwendigkeit der physischen Wirklichkeit nicht doch mit dem Design des Kosmos vereinbar sein soll. Würfe eine große vereinheitlichte Theorie (wenn sie zeigen könnte, dass die Naturgesetze und deren Größen nicht anders sein KÖNNTEN) nicht eine weit wichtigere Frage auf? Nämlich: „Warum MUSS ein Universum, das Leben ermöglicht, ÜBERHAUPT existieren?“ Oder wäre diese Frage im Lichte einer bewiesenen physischen Notwendigkeit inkohärent oder sinnlos? Mir scheint nämlich, dass ein Beweis für die Notwendigkeit der physikalischen Gesetzmäßigkeiten stark für den Theismus spricht (etwa, dass diese Notwendigkeit durch Design verursacht wurde), insbesondere, wenn es kein Multiversum gibt.
Aaron
<ul><li>United States</li></ul>
Dr. craig’s response
A [
Ja, Aaron, es scheint in der Wissenschaft große Übereinstimmung zu herrschen: Die Konstanten und Größen unterliegen keiner physischen Notwendigkeit, und zwar deshalb nicht, weil sie auf Basis gegenwärtiger physikalischer Theorien oder vorstellbarer Erweiterungen nicht voraussagbar sind. Vor einigen Jahren hat sich Stephen Hawking anlässlich einer Konferenz auf der Universität von Kalifornien (Davis) genau dieser Frage gewidmet. Man beachte die einzelnen Antwortmöglichkeiten, die er auf diese grundlegenden Fragen präsentiert:
„Stützt die String-Theorie oder M-Theorie Voraussagen über besondere Kennzeichen unseres Universums wie etwa eines räumlich flachen, vierdimensionalen, sich ausdehnenden Universums mit kleineren Abweichungen, und stützt sie das Standardmodell der Teilchenphysik? Die meisten Physiker hätten es am liebsten, die String-Theorie erkläre das Universum eindeutig, und andere Theorien leisteten das nicht. Die Alternativtheorien liefen auf einen Akteur hinaus, der den Ursprungszustand des Universums „von außen“ vorgibt. Sein Deckname: Gott. Oder dass es viele Universen gibt und unseres durch das anthropische Prinzip ausgewählt worden sei.“[1]
Beachten Sie, dass die drei Möglichkeiten, die Hawking anführt, genau die drei sind, die auch ich diskutiere[2]. Hawking argumentiert, Möglichkeit Nummer eins (physische Notwendigkeit) erweise sich – obgleich die meisten Physiker es am liebsten sehen würden, wenn sie wahr wäre – als trügerische Hoffnung:
„Die M-Theorie kann die Parameter des Standardmodells nicht voraussagen. Offensichtlich müssen die Werte der gemessenen Parameter mit der Entwicklung des Lebens kompatibel sein. … Innerhalb dieses anthropischen Bereiches jedoch könnten diese Parameter verschiedene Werte annehmen. So viel zu der Annahme, die String-Theorie könnte die Feinstrukturkonstanten voraussagen.“
Er schließt mit den Worten:
„Selbst wenn wir die ultimative Theorie verstehen, könnte sie uns nicht viel über die Entstehung des Universums sagen. Sie kann weder die Raum-Zeit-Dimensionen erklären, noch die Eichgruppe noch andere Parameter der Niedrigenergieeffizienztheorie. … Aus dieser Theorie würde sich nicht ergeben, wie sich diese Energie auf herkömmliche Materie und die sog. "Dunkle Energie" der kosmologischen Konstanten (auch "Quintessenz" genannt) aufteilt. ... Um also auf die Frage zurückzukommen: Kann die String-Theorie den Zustand des Universums voraussagen? Die Antwort lautet: Nein. Mit der String-Theorie wäre ein riesiges Spektrum an Universen vereinbar; wir befinden uns eben in einem Universum, in dem Leben möglich ist."
Die Vorstellung einer „kosmischen Landschaft“ von Universen, die von der String-Theorie vorausgesagt werden, ist zu einem Phänomen eigener Art geworden.[3] Es stellt sich heraus: Nach der String-Theorie sind 10500 verschiedene Universen vorstellbar, alle unter den herrschenden Naturgesetzen, so dass die gemessenen Größen der Konstanten anhand dieser Theorie mitnichten als physische Notwendigkeit angesehen werden können. Selbst wenn es eine riesige Anzahl von Universen gibt, die innerhalb des lebensermöglichenden Rahmens der kosmischen Landschaft liegen, wird dieser lebensermöglichende Bereich im Vergleich mit der ganzen „kosmischen Landschaft“ unergründlich winzig sein; der „Pfeil des Zufalls“ hätte so gut wie keine Chance, ein lebensermöglichendes Universum zu treffen.
All dies gilt zunächst einmal nur im Hinblick auf die Naturkonstanten. Die willkürlichen Größen, die als ursprüngliche Bedingungen festgesetzt sind (wie der ursprünglich niedrige Entropiezustand des Universums), werden durch gegenwärtige physikalische Theorien nicht vorausgesagt.
Was den zweiten Teil Ihrer Frage betrifft, so denke ich, Sie haben mich missverstanden, wenn Sie glauben, ich wollte sagen, eine physische Notwendigkeit widerlege das Design des Universums. Ausgehend von einer Disjunktion wie „P oder Q oder R“ (P∨Q∨R) wäre es ein logischer Fehlschluss, wollte man schließen, R sei falsch, weil P wahr ist. Gültig geschlossen werden kann nur: Wenn P und Q falsch sind, ist R wahr – und diese Form hat auch mein Argument. Ich gehe davon aus, dass Gott ein Universum hätte entwerfen können, in dem die Naturgesetze schon die Konstanten und Größen festlegen, wie Sie angemerkt haben. In diesem Fall wäre allerdings ein anderes Argument zugunsten des Theismus angebracht, eines, wie Sie es angeführt haben.
(Übers.: I. Carobbio)
Link to the original article in English: /Fine-Tuning-and-Physical-Necessity
[1] S. W. Hawking, „Cosmology from the Top Down“, eine Abhandlung, die er am 29. 5. 2003 am Davis Cosmic Inflation Meeting auf der Universtität von Kalifornien (Davis) vortrug.
(Vgl. http://arxiv.org/abs/astro-ph/0305562)
[2] Multiversum steht in dem Fall für "Zufall"; denn wenn es enorm viele Universen gibt, ist die Chance, dass eines aus Zufall die richtigen Bedingungen für Leben aufweist, viel größer, als wenn es nur eines gibt. (Anm. d. Übers.)
[3] Leonard Susskind, The Cosmic Landscape: String Theory and the Illusion of Intelligent Design (New York: Little, Brown, & Co., 2006).
- William Lane Craig