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#351 Schwierigkeiten mit dem Alten Testament

January 14, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

es ist mir eine Ehre, Ihnen zu schreiben. Ich bin sehr dankbar für Ihre Website zur christlichen Apologetik – Ihre Beiträge fand ich in den vergangenen Jahren sehr anregend.

Ich bin Agnostiker (allerdings mit starkem Hang zu einem allgemeinen Theismus) mit einigen familiären Bindungen zum Christentum. In den vergangenen Jahren habe ich mich einigermaßen intensiv und forschend mit der Wahrheit des Christentums auseinandergesetzt und finde Ihre Arbeit in diesem Bereich sehr hilfreich. Für den Moment kann ich sagen, dass ich viele der Argumente zugunsten des Theismus für recht überzeugend halte (insbesondere Ihr „Kalam-kosmologisches Argument“ für Gottes Existenz). Dennoch bin ich mir unsicher, schon jetzt den „Sprung“ ins Christentum wagen zu können. Es bleibt immer noch einiges zu durchdenken und zu recherchieren. Da gibt es eine Sache, die mir große Mühe bereitet und die es mir schwer macht, an das Christentum zu glauben und mich ihm anzuvertrauen. Daher bitte ich Sie hiermit, mir Auskunft über diese Sache zu geben.

Der Bereich, der mir Schwierigkeiten bereitet, ist das Alte Testament: Was soll man darüber denken? Worum es mir geht, Herr Professor Craig, ist folgendes: Im Alten Testament stehen Behauptungen, oder anders gesagt, das Alte Testament zeichnet das Bild eines Gottes, der sich von dem Gott des Neuen Testaments stark unterscheidet. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele:

  1. Außergewöhnliche Wunder

Jona überlebt im Inneren eines Wals, eine sprechende Schlange tritt auf oder es wird vom Auszug der Israeliten berichtet, für den es anscheinend keinerlei historische bzw. archäologische Belege gibt.

  1. Ein zorniger, kleinkarierter Rachegott

Denken Sie hierbei nur an Gottes Strafen, von denen etwa im 3. Buch Mose berichtet wird. Diese Strafen erscheinen mir äußerst erschreckend und extrem.

Herr Professor Craig, manche Menschen warnen, man dürfe das Alte Testament nicht immer wörtlich lesen. Das ist mir freilich klar und ich bin mir dessen bewusst, aber aufs Ganze gesehen bleiben meine angeführten Bedenken bestehen. Der Gott des Alten Testaments wirkt jedenfalls ungewöhnlich ärgerlich (ich denke wieder an die Strafen im 3. Buch Mose), und was die Wunder betrifft, außergewöhnlich „grandios und gewaltig“. Ich tue mir beim Lesen dieser Sachverhalte äußerst schwer damit, diese zu glauben.

Meine Frage an Sie ist nun: Wie gehen Sie mit diesen Aspekten des Alten Testaments um? Ist es wirklich vernünftig, all die offenkundig ungeheuerlichen und übernatürlichen Ereignisse wörtlich zu nehmen, von denen das Alte Testament berichtet? Haben sie wirklich stattgefunden, ungeachtet beispielsweise jeglichen Fehlens geschichtlich belegter Hinweise auf den Exodus? Und weiter: Ist es wirklich vernünftig zu glauben, dass der alttestamentliche Gott, der solch drastische Strafen verhängt, wie man im 3. Buch Mose lesen kann, derselbe Gott sein kann wie der Jesus des Neuen Testaments? Genau diese Probleme hindern mich derzeit daran, dem Christentum Vertrauen entgegenzubringen, denn was das Alte und das Neue Testament über Gott und über dessen Umgang mit dem Menschen sagen, scheint mir an einigen Stellen höchst widersprüchlich zu sein.

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Herr Professor Craig, und freue mich auf Ihre Antwort, sollten Sie die Zeit finden, meine Frage irgendwann auf Ihrer Website zu beantworten.

Mit besten Grüßen,

Jason

<ul><li>United States</li></ul>

Dr. Craig

Dr. craig’s response


A [

Wir sind erst kürzlich aus England zurück, wo wir an der Gedenkfeier zum 50. Todestag C. S. Lewis’ teilgenommen haben. Lewis wurde für seine Verteidigung der Kernlehren des Christentums (engl.: Mere Christianity[1]) bekannt, in welcher er die zentralen Wahrheiten darlegt, die die christliche Weltanschauung ausmachen. Wenn Gott existiert und sich in entscheidender Weise in Jesus von Nazareth offenbart hat, dann ist das Christentum die Wahrheit – das Übrige ist eine Sache von Detailfragen.

Eines ist von vornherein klar: Ihre Fragen, Jason, haben nichts mit den zentralen Wahrheiten zu tun, sondern gehören zu den „Detailfragen“. Die etwaige Unzuverlässigkeit gewisser alttestamentlicher Erzählungen hätte keinerlei Einfluss auf die Richtigkeit des Theismus oder etwa auf die Geschichtlichkeit der Auferstehung Jesu von den Toten. Die Fragen, die Sie gestellt haben, sind sozusagen „hausinterne Belange“, die unter Christen kontrovers diskutiert werden. Sollten wir wirklich davon ausgehen, dass das Alte Testament in seiner Gänze von Gott inspiriert ist? Bis zu welchem Ausmaß kann man im Hinblick auf wissenschaftliche oder geschichtliche Zuverlässigkeit von Inspiration sprechen? Das sind, so meine ich, Fragen, die zur Diskussion stehen. Aber sie sollten kein Hindernis sein, die zentralen Wahrheiten des Christentums anzunehmen – und damit auch den Glauben an Christus.

Ich möchte Sie ermutigen, Jason, diese Fragen erst einmal beiseite zu stellen, bis Sie folgende Fragen für sich beantwortet haben:

Existiert Gott?

Hat er Jesus von den Toten auferweckt, um die fundamentalen persönlichen Ansprüche Jesu (als Sohn Gottes und Messias) zu bezeugen?

Wenn Sie eine dieser Fragen negativ beantworten, brauchen Sie sich um die von Ihnen gestellten Fragen vorerst nicht weiter zu kümmern. Wenn Sie meine beiden Fragen jedoch mit einem klaren „Ja“ beantworten können und Christ werden wollen, besteht freilich Grund genug, sich auch um die Beantwortung Ihrer Fragen zu kümmern. Für den Moment jedoch möchte ich Ihnen sagen: Lassen Sie Ihre Fragen fürs Erste auf sich beruhen – sie sind nicht entscheidend.

Was würde ein Christ, der an die Zuverlässigkeit des Alten Testaments glaubt, auf Ihre Fragen antworten? Was die Wunderberichte betrifft, sollten wir nicht vergessen: Wenn Gott tatsächlich existiert, sind die Wunder für ihn ein Kinderspiel.

Die entscheidende Frage ist in diesem Fall eine Frage der Interpretation. Muss man diese Berichte wörtlich nehmen? Nehmen wir die sprechende Schlange im Garten Eden. Ich denke, man wird sie sehr wahrscheinlich als symbolische Geschichte vom Sündenfall des Menschen lesen dürfen. Die zugrundeliegenden geschichtlichen Ereignisse sind zweifellos geschehen, auch wenn sie symbolisch erzählt werden. Der Bericht über Adam und Eva ist bildlich gehalten; angefangen mit dem Einblasen des Atems in Adams Nase über die Erschaffung Evas aus einer Rippe Adams bis hin zum Abendspaziergang Gottes im Garten, als er Adam fragt: „Wo bist du?“ Diese Aspekte der Geschichte sind – so viel leuchtet ein – nicht dazu gedacht, sie wortwörtlich zu verstehen. Die sprechende Schlange gehört mit zu den symbolischen Aspekten der Geschichte.

Was Jona betrifft, so denke ich, dass Jona im Magen des Fisches starb. (Es steht nicht da, dass es sich um einen Wal handelte.) Das Wunder besteht in einer Totenauferweckung, als der Fisch Jona an der Küste ausspie. Sein Gebet zu Gott ist ein wörtliches oder dichterisches Mittel, das der theologischen Absicht des Verfassers dient. Jona wird so zum engeren Typus (oder zur Vorschattung) Jesu Christi, als wenn er „nur“ auf wundersame Weise im Inneren des Fisches überlebt hätte. „Gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Riesenfisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein“ (Mt 12,40).

Zum Auszug der Israeliten möchte ich Ihnen ein Buch empfehlen, das bei mir auf dem Schreibtisch liegt. Es ist das Buch des berühmten Ägyptologen Kenneth Kitchen mit dem Titel: „Das Alte Testament und der Vordere Orient. Zur historischen Zuverlässigkeit biblischer Geschichte“ (Gießen: Brunnen-Verlag, 2008). In seinem ausführlichen 6. Kapitel widmet sich Kitchen aus archäologischer Sicht dem Auszug und der Wanderung des Volkes Israel im Gebiet Sinai. Wenn Sie sagen, die Archäologie könne den Exodus Israels geschichtlich nicht untermauern, so haben Sie zweifellos recht. Kitchen erklärt aber ausführlich, weshalb ein solcher Beweis nicht zu erwarten ist. So schreibt er beispielsweise:

„Das Delta besteht aus angeschwemmten Schlammschichten, die sich im Verlauf vieler Jahrhunderte durch jährliche Nilüberflutungen ablagerten. Schlamm und Geflecht, zu dessen Herstellung auch Lehm verwendet wurde, hatte neben den Bauwerken aus luftgetrockneten Schlammziegeln nur eine begrenzte Gebrauchs- und Lebensdauer. Sie wurden wiederholt abgetragen und jeweils neu errichtet. Die Überreste zerfielen wieder im Erdreich der Felder. Die Klage, man habe keine Spuren der Anwesenheit von Israeliten in dieser Gegend gefunden (und somit könne auch der Exodus nicht nachgewiesen werden), ist gegenstandslos, wenn man bedenkt, dass die Erdhütten der Kleinbauern und der Sklaven, die in den Ziegelfeldern zu arbeiten hatten, sich über Jahrtausende im Nilschlamm nicht haben erhalten können. … Und da die Pharaonen ihre Niederlagen generell nie auf ihren Tempelmauern verewigten, hätte kein Pharao die erfolgreiche Flucht einer großen Schar fremder Sklaven (und dazu den Verlust einer ganzen Schwadron Streitwagen) je aufgezeichnet, sei es in den Tempeln des Nildeltas oder sonst wo. Was diese Dinge betrifft, müssen bibeltreue Christen ihre blauäugige Haltung ein für allemal vergessen und aufhören, nach einem „Beweis“ zu verlangen, der gar nicht existieren kann“ (S. 246).

Kitchen bringt allerdings auch stützende Hinweise zur geschichtlichen Glaubwürdigkeit der Auszugs-Erzählung. (Etwa die sonst unerklärliche Verfünffachung der kanaanitischen Bevölkerung in den Jahren 1210-1150 v. Chr.) Die vorrangige Frage lautet daher nicht: Gibt es Beweise für die Geschichtlichkeit des Auszugs? Sondern die Frage muss lauten: Widerlegen die existierenden Belege die Geschichtlichkeit des Auszugs? Und genau das tun sie nicht.

Lass uns auf Ihre zweite Frage kommen. Der Gott des Alten Testaments, so schreiben Sie, scheint ein ziemlich ärgerlicher und „kleinkarierter“ Gott zu sein. Das klingt sehr stark nach einseitiger Lektüre des Alten Testaments, die die vielen Stellen übersieht, in denen Gott sein Mitgefühl für die Witwen, Waisen und Unterdrückten zum Ausdruck bringt. Der Gott des Alten Testaments ist ein Gott der Liebe und Gerechtigkeit. Sein Zorn ist stets Ausdruck seiner intensiven Leidenschaft für Gerechtigkeit und Heiligkeit. Wer meint, der Gott des Alten Testaments unterscheide sich vom Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, sollte sich deutlich machen, dass der Gott, den Jesus als unseren „himmlischen Vater“ anbetet und verkündigt, eben jener „Gott des Alten Testaments“ ist.

Wie steht es nun um die levitischen Gesetze und Strafmaßnahmen, die Sie erwähnten? Hier sollte man einige Dinge im Gedächtnis behalten:

1. Diese Bestimmungen stellen keinen beabsichtigten Idealzustand dar. Sie sind durchaus provisorischer Natur und an die Umstände des Volkes Israel jener Zeit angepasst.

2. In manchen Fällen bezeugt die fühlbare Härte jener Strafen, wie ernst Gott es mit der Sünde nimmt. Wie Sie sicher wissen, war Israel eine Theokratie, hatte also eine Regierungsform, der Gott als Oberhaupt vorstand. Die Gesetze hatten nicht die Absicht, dass Menschen sie später auf eine weltliche Gesellschaftsordnung übertragen sollten. Nehmen Sie beispielsweise die Bestimmungen bei Ehebruch. Der Ehebruch war im alten Israel ein Vergehen, auf das die Todesstrafe stand. In unserer weltlichen, zunehmend promisken Kultur sind wir von einer solchen Strafe für dieses Vergehen schockiert. Doch Israels Gesetze brachten zum Ausdruck, wie sehr Gott die Sünde des Ehebruchs hasste. Der Apostel Paulus zitiert 1. Mose: „Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein“, und er kommentiert die Stelle mit den Worten: „Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und auf die Gemeinde“ (Eph 5,32). Die Vereinigung von Mann und Frau in der Ehe ist somit ein lebendiges Symbol der Einheit Christi und seiner Gemeinde. Die Verletzung dieser Bande durch illegitimen Geschlechtsverkehr (ob hetero- oder homosexuell) ist somit ein Sakrileg, eine Entweihung jener heiligen Einheit Christi und seines Volkes. In unserer verweltlichten Gesellschaft teilen wir diese Sicht der Ehe nicht mehr. Doch in den Gesetzen des alten Israel können wir erkennen, wie ernst Gott die Ehe und jeden Verstoß dagegen nimmt. Wir mögen Anstoß daran nehmen, doch wer kann behaupten, unsere Einschätzung sei richtig und Gottes Sicht falsch?

3. Einige dieser Gesetze dürften wahrscheinlich nicht umgesetzt worden sein. Sie können durchaus Idealvorstellungen verkörpert haben. Die harten Strafen zeigten, wie sehr Gott die jeweilige Sünde hasst. Die damalige Praxis dürfte vom Ideal recht weit abgewichen haben. So dürften die Strafen für Kinder, die ihren Eltern fluchen, durchaus in diese Kategorie einzureihen sein.

Ich denke, Gott verabscheut die Sünde immer noch ganz wie im Alten Testament, doch da wir nicht länger in einer Theokratie leben (und darüber sind wir vielleicht sogar froh!), wartet er mit seinem Urteil auf das Jüngste Gericht, in dem wir dann allerdings Rechenschaft über unser Leben zu geben haben werden.

Um Christ zu werden, Jason, müssen Sie nichts von alledem glauben, wie ich schon gesagt habe, aber was mich betrifft, sehe ich in Ihren Fragen keine unüberwindbaren Probleme.

(Übers.: I. Carobbio; L.: L.T.)

Link to the original article in English: /problems-with-the-old-testament



Anmerkungen

[1] Das Buch von C.S. Lewis "Mere Christianity" ist in deutscher Sprache unter dem Titel "Pardon, ich bin Christ. Meine Argumente für den Glauben" erschienen. (A.d.Ü.)

- William Lane Craig