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#138 Göttliche Souveränität und Quanten-Indeterminismus

September 20, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe nur eine Frage über Quantenmechanik, Gottes Vorauswissen und Gottes Vorherbestimmung.

Unter der Voraussetzung, dass Quantenereignisse wirklich indeterminiert sind, halten Sie es für möglich, dass Gott das Ergebnis dieser Ereignisse weiß, ohne sie zu kontrollieren? Und ist es möglich, dass Gott das Ergebnis bestimmter Quantenereignisse nicht nur weiß, sondern auch vorherbestimmt, ohne sie zu kontrollieren? Und wenn ja, wie?

Jede Hilfe zu diesem Thema wäre sehr willkommen!

Vielen Dank,

Lucy

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Dr. craig’s response


A [

Gute Frage, Lucy! Die Antwort lautet: Ja, aufgrund Seines mittleren Wissens! Lassen Sie mich das erklären.

Christliche Theologen haben traditionell bekräftigt, dass Gott aufgrund Seiner Allwissenheit hypothetisches Wissen über bedingte zukünftige kontingente Ereignisse hat. Er weiß zum Beispiel im Voraus, was geschehen würde, wenn Er die Kanaaniter vor der Vernichtung bewahren würde, was Napoleon tun würde, wenn er die Schlacht bei Waterloo gewinnen würde, oder wie Ihr Nachbar reagieren würde, wenn Sie ihm das Evangelium mitteilen würden.

Hypothetisches Wissen ist Wissen über das, was Philosophen als kontrafaktische Konditionalsätze oder kurz Kontrafaktuale bezeichnen. Kontrafaktuale sind Bedingungssätze im Konjunktiv. Zum Beispiel: „Wenn ich reich wäre, würde ich einen Mercedes kaufen“, „Wenn Goldwater zum Präsidenten gewählt worden wäre, hätte er den Vietnamkrieg gewonnen“, „Wenn du sie fragen würdest, würde sie ja sagen.“ Kontrafaktuale werden so genannt, weil die Vordersätze und/oder Nachsätze (Antezedens und/oder Konsequens) typischerweise den Tatsachen widersprechen: Ich bin nicht reich; Goldwater wurde nicht zum Präsidenten gewählt; Amerika hat den Vietnamkrieg nicht gewonnen. Aber manchmal sind die Vordersätze und/oder Nachsätze wahr. Zum Beispiel bittet mein Freund, bestärkt durch meine Versicherung: „Wenn du sie fragen würdest, würde sie ja sagen“ die Frau seiner Träume tatsächlich um ein Rendezvous, und sie sagt tatsächlich ja.

Christliche Theologen haben traditionell bekräftigt, dass Gott tatsächlich Kenntnis über wahre Kontrafaktuale und somit über die bedingten zukünftigen kontingenten Ereignisse hat, die sie beschreiben. Was unter Theologen jedoch umstritten war, war im Grunde, wann Gott ein solches hypothetisches Wissen hat. Die Frage hat hier nicht mit dem zeitlichen Moment zu tun, in dem Gott Sein hypothetisches Wissen erlangte. Denn wenn Gott zeitlos oder durch die Zeit hindurch ewig ist, muss Er als allwissendes Wesen jede Wahrheit kennen, die es gibt, und kann so nie in einem Zustand der Unwissenheit sein. Das „Wann“ bezieht sich vielmehr auf denjenigen Punkt in der logischen Ordnung des göttlichen Schöpfungsbeschlusses, an dem Gott hypothetisches Wissen hat.

Die Theologen nach der Reformation haben über die logische Einordnung des hypothetischen Wissens Gottes argumentiert. Alle waren sich einig, dass Gott logisch vor seinem Beschluss, eine Welt zu erschaffen, das Wissen aller notwendigen Wahrheiten hatte, einschließlich aller möglichen Welten, die Er erschaffen könnte. Dies wurde als Gottes natürliches Wissen bezeichnet. Es gibt Ihm Kenntnis dessen, was sein könnte. Außerdem waren alle sich einig, dass Gott logisch nach Seinem Beschluss, eine bestimmte Welt zu erschaffen, alle kontingenten Wahrheiten über die aktuale Welt weiß, einschließlich ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dies wurde Gottes freies Wissen genannt. Dazu gehört die Kenntnis dessen, was sein wird. Die strittige Frage war, wo man Gottes hypothetisches Wissen über das, was sein würde, einordnen sollte. Ist es logisch vor oder nach dem göttlichen Schöpfungsbeschluss?

Katholische Theologen des Dominikanerordens vertraten die Auffassung, dass Gottes hypothetisches Wissen logisch nach Seinem Beschluss, eine bestimmte Welt zu erschaffen, einzuordnen ist. Sie waren der Ansicht, dass Gott, indem er die Existenz einer bestimmten Welt beschloss, auch beschloss, welche kontrafaktischen Aussagen wahr sind. Logisch vor dem göttlichen Schöpfungsbeschluss gibt es keine kontrafaktischen Wahrheiten, die zu wissen wären. Alles, was Gott in diesem logischen Moment weiß, sind die notwendigen Wahrheiten, einschließlich aller verschiedenen Möglichkeiten.

Aus dominikanischer Sicht bestimmt Gott eine der möglichen Welten, die Er durch Sein natürliches Wissen kennt, dass sie die aktuale Welt sein soll, und somit sind zeitlich nach Seinem Beschluss bestimmte Aussagen über kontingente Ereignisse wahr. Gott kennt oder weiß diese Wahrheiten, weil Er weiß, welche Welt nach Seinem Beschluss real ist. Nicht nur das, sondern indem Gott beschließt, dass eine bestimmte Welt real ist, beschließt Er auch, welche Kontrafaktuale wahr sind. So beschließt Er zum Beispiel, dass Petrus, wenn er sich in den-und-den Umständen befunden hätte, statt in den Umständen, in denen er sich tatsächlich befand, Christus nur zweimal verleugnet hätte. So kommt Gottes hypothetisches Wissen, wie Sein Vorauswissen, logisch nach dem göttlichen Schöpfungsbeschluss.

Dagegen haben katholische Theologen des Jesuitenordens, inspiriert durch Luis Molina, behauptet, dass Gottes hypothetisches Wissen logisch vor Seinem Schöpfungsbeschluss liegt. Dieser Unterschied zwischen den jesuitischen Molinisten und den Dominikanern war nicht nur eine Frage theologischer Haarspalterei! Die Molinisten erhoben den Vorwurf, dass die Dominikaner praktisch die menschliche Freiheit aufgehoben hatten, indem sie kontrafaktische Wahrheiten zu einer Konsequenz von Gottes Beschluss erklärten. Denn demnach ist es Gott, der bestimmt, was eine Person in den jeweiligen Umständen tun würde, in denen sie sich befindet. Im Gegensatz dazu ließen die Molinisten, indem sie Gottes hypothetisches Wissen vor den göttlichen Beschluss setzen, Raum für menschliche Freiheit, indem sie kontrafaktische Wahrheiten von Gottes Beschluss ausnahmen. In derselben Weise, wie notwendige Wahrheiten wie 2+2=4 vor und damit unabhängig von Gottes Beschluss sind, so sind kontrafaktische Wahrheiten darüber, wie Menschen sich unter verschiedenen Umständen frei entscheiden würden, vor und unabhängig von Gottes Beschluss.

Die molinistische Auffassung lässt nicht nur Raum für menschliche Freiheit, sondern räumt Gott ein Mittel ein zu wählen, welche Welt freier Geschöpfe er erschafft. Denn durch das Wissen, wie Menschen in jeglichen Umständen, in denen sie sich befinden können, frei wählen würden, kann Gott, indem er beschließt, diese Menschen in genau diese Umstände zu stellen, Seine letzten Absichten durch freie Entscheidungen der Geschöpfe herbeiführen. Indem er Sein hypothetisches Wissen gebraucht, kann Gott also eine Welt bis ins letzte Detail planen, ohne jedoch die menschliche Freiheit aufzuheben, denn das, was Menschen unter verschiedenen Umständen frei tun würden, hat Gott bereits als Faktor in die Gleichung einbezogen. Da Gottes hypothetisches Wissen logisch zwischen Seinem natürlichen Wissen und Seinem freien Wissen liegt, nennen Molinisten es Gottes mittleres Wissen.

Aus dominikanischer Sicht gibt es also einen logischen Moment vor dem göttlichen Schöpfungsbeschluss, in dem Gott alle möglichen Welten kennt, die Er erschaffen könnte, und dann bestimmt Er eine dieser Welten dazu, die aktuale Welt zu sein. Aus molinistischer Sicht hingegen gibt es zwei logische Momente vor dem göttlichen Beschluss: Erstens den Moment, in dem Er natürliches Wissen der Reihe möglicher Welten hat, und zweitens den Moment, in dem Er weiß, welches die richtige Untergruppe möglicher Welten ist, die angesichts der in diesem Moment wahren kontrafaktischen Propositionen dazu geeignet sind, von Ihm erschaffen zu werden. Die Kontrafaktuale, die in diesem Moment wahr sind, dienen also dazu, die Reihe möglicher Welten auf solche Welten zu begrenzen, die für Gott machbar sind.

Es gibt zum Beispiel eine mögliche Welt, in der Petrus sich in exakt denselben Umständen zu Christus bekennt, in denen er ihn tatsächlich verleugnete. Doch geht man von der kontrafaktischen Wahrheit aus, dass Petrus, wenn er in exakt denselben Umständen wäre, Christus frei verleugnen würde, dann ist die mögliche Welt, in der Petrus sich unter diesen Umständen frei zu Christus bekennt, für Gott nicht machbar. Gott könnte Petrus veranlassen, sich in diesen Umständen zu Christus zu bekennen, aber dann wäre sein Bekenntnis nicht frei. Einige mögliche Welten können also von Gott nicht aktualisiert werden, weil ihre Aktualisierung verlangen würde, dass andere Kontrafaktuale wahr sind als die bestehenden – und das liegt außerhalb der Kontrolle Gottes.

Nach dem molinistischen Schema haben wir also die folgende logische Ordnung (wobei die Kreise für mögliche Welten stehen):

(Diagramm 1: Gottes natürliches Wissen, mittleres Wissen und freies Wissen).

Ich denke, sobald Sie das Konzept des mittleren Wissens erfasst haben, Lucy, werden Sie es in seiner Feinsinnigkeit und Kraft erstaunlich finden. Ich wage sogar zu sagen, dass es eines der fruchtbarsten theologischen Konzepte ist, die je entwickelt wurden. Ich habe es auf die Fragen des christlichen Partikularismus, des Ausharrens der Heiligen und der biblischen Inspiration angewandt; Tom Flint hat es verwendet, um die päpstliche Unfehlbarkeit und die Christologie zu analysieren, und Del Ratzsch hat es gewinnbringend in Bezug auf die Evolutionstheorie eingesetzt.

Was bislang noch nicht geschrieben wurde, ist eine molinistische Perspektive über Quanten-Indeterminiertheit und göttliche Souveränität. Denn Quantenereignisse (wenn wir der Argumentation halber annehmen, dass Indeterminiertheit real ist) sind – wie menschliche freie Entscheidungen – kontingente Ereignisse. Es gibt somit zusätzlich zu Kontrafaktualen menschlicher Freiheit Kontrafaktuale der Quanten-Indeterminiertheit. Zum Beispiel: „Wenn es ein radioaktives Isotop gäbe, das die-und-die Eigenschaften hat, würde es zum Zeitpunkt t zerfallen.“ Wenn Aussagen über indeterminierte freie Entscheidungen entweder wahr oder falsch sind, dann gibt es keinen Grund, weshalb Kontrafaktuale der Quanten-Indeterminiertheit nicht in ähnlichem Sinn wahr oder falsch sein sollten.

Tatsächlich werden in wissenschaftlichen Diskussionen über die sogenannte Bellsche Ungleichung, die sich auf Messungen an paarweisen Teilchen bezieht, die zu weit entfernt sind, um miteinander in kausalen Kontakt zu kommen, Kontrafaktuale wie „Wenn die Position von Teilchen A anstelle seiner Geschwindigkeit gemessen worden wäre, dann hätte die Position von Teilchen B einen korrelierten Wert angenommen“ gewöhnlich als wahr angenommen. Wissenschaftler haben manchmal die Bemerkung geäußert, dass Diskussionen über die Kontrafaktuale in der Bellschen Ungleichung oft wie die abstrusen Argumente mittelalterlicher Theologie klingen!

Wenn also Kontrafaktuale der Quanten-Indeterminiertheit entweder wahr oder falsch sind, impliziert dies, dass Gottes mittleres Wissen die Kenntnis gerade solcher wahren Propositionen einschließt. Er weiß zum Beispiel, dass wenn Er ein physisches Objekt in einer bestimmten Reihe von Umständen erschaffen würde, spezifische Quanteneffekte indeterminiert folgen würden. Ich denke, Sie können nun die Implikation erkennen: Indem Gott Kontrafaktuale der Quanten-Indeterminiertheit zusammen mit Kontrafaktualen menschlicher Freiheit berücksichtigt, kann Er eine Welt, die solche kontingenten Ereignisse einschließt, souverän zu Seinen gewünschten Zielen führen. Manchmal können diese beiden Arten von kontingenten Ereignissen auf interessante Weise miteinander verbunden sein: Gott wusste zum Beispiel, dass ein Physikstudent, der im Labor auf ein Ereignis des Quantenzerfalls warten und deshalb an diesem Abend verspätet nach Hause gehen würde, im Flur eine junge Frau treffen und kennen lernen würde, in die er sich später verlieben und die er heiraten würde!

Aufgrund der Quanten-Indeterminiertheit verlangt eine robuste Theorie der göttlichen Souveränität und Vorsehung über die Welt also eine Bezugnahme auf Gottes mittleres Wissen. Zu weiteren Erörterungen siehe mein Buch The Only Wise God.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/divine-sovereignty-and-quantum-indeterminism

- William Lane Craig