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#143 Zeitgenössische Wissenschaft und die Auferstehung Jesu

September 20, 2016
Q

Sehr geehrter Prof. Craig,

Ihr Argument für die Auferstehung Jesu, das auf seiner Grablegung, dem leeren Grab, seinen anschließenden Erscheinungen und der daraus folgenden Verwandlung seiner Nachfolger beruht, hat meine Hoffnung erneuert, zum Glauben an Christus zu kommen. Ich hoffe, Sie können mir in zwei Hinsichten helfen, Ihr Argument vollends anzunehmen:

(1) Da ich kein Wissenschaftler des Neuen Testaments bin, sehe ich mich nicht zu einer „gründlichen“ persönlichen Einschätzung aller Argumente für und gegen Ihre vier Prämissen in der Lage (obwohl Ihre Schriften und die Bücher zu Ihren Debatten sehr hilfreich sind). Deshalb muss ich der vorherrschenden Ansicht des wissenschaftlichen Mainstreams über die Prämissen Beachtung schenken. Mich ermutigen Ihre Aussagen, dass die meisten im Mainstream sie akzeptieren, und die Tatsache, dass diese Aussagen in den Debatten, die ich gelesen habe, nicht widerlegt wurden; aber ich sehe es als nötig an, von einer oder mehreren neutralen oder gegnerischen Quellen eine positive Bestätigung zu bekommen. Würden Sie mich bitte auf solche Bestätigung(en) hinweisen, wenn möglich auch auf solche, die relativ jüngeren Datums sind?

(2) Was die Akzeptanz Ihrer Prämissen seitens der meisten Mainstream-Wissenschaftler betrifft: Ich stimme Ihrer Aussage zu, dass es „verblüffend“ ist, dass die meisten derselben Wissenschaftler aus diesen Prämissen nicht auf die Auferstehung schließen, besonders da ich weiß, dass Sie das Argument seit mindestens 25 Jahren vertreten. Doch für jemanden wie mich, der noch nicht selbst zum Glauben gelangt ist, stellt diese verblüffende Tatsache ein Hindernis dar: Ich brauche eine Erklärung dafür.

Mir ist bewusst, dass die Erklärung für die Skepsis einiger dieser Wissenschaftler darin liegt, dass sie dem Naturalismus verpflichtet sind, und es ist offensichtlich, dass einige Wissenschaftler einfach gerne Skeptiker sind. Mir fällt es jedoch schwer zu glauben, dass es keine anderen, erhabeneren Gründe dafür gibt, dass so viele Menschen, die beschlossen haben, das Neue Testament intensiv zu studieren, und die die vier Prämissen akzeptieren, nichtsdestoweniger das entscheidende Ereignis des Neuen Testaments (die Auferstehung Jesu) verwerfen.

Gibt es andere Gründe dafür, seien es Gegenargumente oder weniger direkte Gründe? Wenn ja, würden Sie diese bitte in ihrer stärksten Form nennen? – Ich möchte den stärksten Anfechtungen gegen den Glauben begegnen, „bevor“ ich ein Gläubiger werde, um nicht anschließend von ihnen überrascht zu werden!

Übrigens gibt es eine Sichtweise, die einen möglichen Silberstreif hinsichtlich dieser beunruhigenden Situation darstellt, dass viele Wissenschaftler die Prämissen akzeptieren, aber Skeptiker bleiben: Die Prämissen sind so stark, dass selbst viele Skeptiker sie akzeptieren! (Ich bin sicher, Sie haben dies an irgendeiner Stelle schon erwähnt.)

In Dankbarkeit, dass Sie mich so weit gebracht haben, und in Optimismus, dass Sie mich noch weiter bringen können,

Lee

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Dr. craig’s response


A [

Es freut mich sehr zu hören, dass Sie mit offenem Herzen und Sinn nach Jesus forschen, Lee!

Eines der Dinge, die mich im Zuge meiner Doktorarbeit in München über die Historizität der Auferstehung Jesu am meisten überrascht haben, war die allmähliche Erkenntnis, dass die meisten Wissenschaftler, die den historischen Jesus erforschen und über dieses Thema geschrieben haben, übereinstimmend als historisch anerkennen: 1) die Grablegung Jesu durch Joseph von Arimathäa, 2) die Entdeckung des leeren Grabes Jesu durch einige seiner weiblichen Nachfolger, 3) die post mortem Erscheinungen Jesu bei verschiedenen Einzelpersonen und Gruppen und 4) die Tatsache, dass die ersten Jünger trotz aller Aspekte, die dagegen sprachen, zu dem aufrichtigen Glauben kamen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte. Ich kenne die Literatur und versichere Ihnen, dass das, was ich berichtet habe, korrekt ist.

Eine Möglichkeit, meine Einschätzung des gegenwärtigen Standes der Wissenschaft zu bestätigen, besteht einfach in einer Liste der Namen prominenter Wissenschaftler, die diese Tatsachen vertreten. Ich habe solche Listen in meinem veröffentlichten Werk bereitgestellt. Eine weitere Möglichkeit ist, andere bedeutende Wissenschaftler zu nennen, die dasselbe Urteil fällen. Auch dies habe ich getan.

Nehmen Sie die Grablegung Jesu und das leere Grab. Beide gehören zu Markus‘ Quelle für die Passionsgeschichte Jesu. Mark Allen Powell, der Vorsitzende der Forschungsgruppe über den Historischen Jesus der Society of Biblical Literature, schreibt: „Die vorherrschende Auffassung ist, dass die Passionsberichte früh zu datieren sind und auf Augenzeugenberichten beruhen“ (Journal of the American Academy of Religion 68, 2000:171). Speziell in Bezug auf die Grablegung nennen Kendell und O’Collins neben Bultmann, Fitzmeyer, Porter, Gnilka und Hooker „viele weitere Bibelgelehrte“, die einen historisch verlässlichen Kern in dem Bericht über die Grablegung Jesu durch Joseph von Arimathäa anerkennen. Sie beobachten, dass „hin und wieder“ die Geschichte der Grablegung als unhistorisch verworfen wird, zum Beispiel durch John Dominic Crossan; doch dessen ungeachtet „schreiben die gängigen neueren Kommentatoren des Markusevangeliums (Ernst, Gnilka, Haenchen, Harrington, Hooker, Pesch, Schweizer, usw.) . . . ihm nicht die Art von Kreativität zu, die nötig wäre, um die Geschichte der Grablegung zu erfinden...“ (Daniel Kendall und Gerald O'Collins, „Did Joseph of Arimathea Exist?“ Biblica 75, 1994:240). In persönlichen Gesprächen mit O'Collins und dem renommierten Neutestamentler Raymond Brown bestätigten beide mein Urteil, dass nur eine kleine Minderheit von Wissenschaftlern, die etwas über das Thema veröffentlicht haben, die Historizität der Bestattung Jesu durch Joseph von Arimathäa leugnen würden. Ähnlich konnte in Bezug auf das leere Grab Jakob Kremer, ein österreichischer Spezialist der Auferstehung, schon Ende der 1970er Jahre berichten: „Die weitaus meisten Exegeten gehen klar von der Zuverlässigkeit der biblischen Aussagen über das leere Grab aus“ (Die Osterevangelien – Geschichten um Geschichte, Stuttgart 1977, S. 49-50). Die Rolle der Frauen bei der Entdeckung des leeren Grabes war für Wissenschaftler besonders überzeugend. Nach Raymund Schwager „wurde es in letzter Zeit allgemein üblich, die Rolle der Frauen beim Tod Jesu und am Ostermorgen positiv zu bewerten“, im Gegensatz zur Legenden-Hypothese (Zeitschrift für Theologie und Kirche, 1993:436). Was die post mortem Erscheinungen und die Tatsache betrifft, dass die Jünger zu dem Glauben kamen, dass Jesus auferstanden war, so zweifelt niemand an diesen Tatsachen. Denn wie Paula Frederickson (keine Konservative!) sagt: „Die Überzeugung der Jünger, dass sie den auferstandenen Christus gesehen hatten ... [ist] historisch erwiesen und eine allgemein bekannte Tatsache, die nicht bezweifelt wird“ (Jesus of Nazareth, New York 1999, S. 264).

Es ist auch nicht schwer, Wissenschaftler zu finden, die – wie Sie sagen – „neutral“ oder „gegnerisch“ sind, die diese vier Tatsachen akzeptieren. Einige der oben bereits Erwähnten entsprechen dieser Beschreibung.

Als Beispiele für neutrale Gelehrte nehmen Sie Pinchas Lapide und Geza Vermes; sie sind jüdische Gelehrte, die die Historizität dieser vier Fakten verteidigen. Vermes schreibt: „Nachdem jedes Argument betrachtet und abgewogen wurde, muss die einzig akzeptable Schlussfolgerung für den Historiker sein, dass ... die Frauen, die aufgebrochen waren, um Jesus die letzte Ehre zu erweisen, zu ihrer Bestürzung keinen Leichnam sondern ein leeres Grab vorfanden“ (Jesus the Jew, S. 41).

Als Beispiel eines gegnerischen Wissenschaftlers nehmen Sie Bart Ehrman, der schreibt:

"Die Auferstehung Jesu steht im Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Leider handelt es sich auch um eine Überlieferung über Jesus, mit der Historiker ihre Schwierigkeiten haben. Wie gesagt, gibt es einige Dinge über Jesus nach seinem Tod, die wir mit Gewissheit sagen können. Wir können zum Beispiel mit relativer Gewissheit sagen, dass er bestattet wurde. Ich spreche von relativer Gewissheit, weil Historiker einige Fragen über die Traditionen der Bestattung Jesu haben...

Einige Gelehrte haben argumentiert, dass es plausibler ist, dass Jesus in Wirklichkeit an einer allgemeinen Grabstätte beigesetzt wurde, was manchmal geschah, oder dass er, wie viele andere Gekreuzigte, einfach liegengelassen wurde, um von Raubvögeln gefressen zu werden (was im Römischen Reich bei Gekreuzigten ebenfalls häufig vorkam). [Ehrman bezieht sich hier auf radikale Kritiker wie John Dominic Crossan, dessen Skepsis gegen die Historizität der Grablegung allgemein zurückgewiesen wurde, wie oben erwähnt. Auch Ehrman lehnt diese Sicht heute ab. – WmLC] Aber die Berichte sagen ziemlich einstimmig (die frühesten Berichte, die uns vorliegen, sagen einstimmig), dass Jesus tatsächlich durch seinen Landsmann Joseph von Arimathäa bestattet wurde, und so ist relativ verlässlich, dass dies geschah.

Wir haben auch solide Überlieferungen, die zeigen, dass Frauen dieses Grab drei Tage später leer vorfanden. Dies wird in allen – frühen und späten – Evangelienquellen bezeugt, und so scheint es eine bestätigte historische Tatsache zu sein. Wie ich denke, können wir also sagen, dass Jesus nach seinem Tod mit einiger (wahrscheinlich mit einiger) Gewissheit bestattet wurde, möglicherweise durch seinen Landsmann Joseph von Arimathäa, und dass er drei Tage später offenbar nicht mehr in seinem Grab war. (Bart Ehrman, From Jesus to Constantine: A History of Early Christianity, Vorlesung 4: „Oral and Written Traditions about Jesus“ [The Teaching Company, 2003].)

Der vielleicht objektivste Beleg für den derzeitigen Stand der neutestamentlichen Wissenschaft zu diesen vier Tatsachen wäre ein bibliographischer Überblick über die relevante Literatur. Ein solcher Überblick wurde tatsächlich von Gary Habermas erstellt („Experience of the Risen Jesus: The Foundational Historical Issue in the Early Proclamation of the Resurrection“, Dialog 45, 2006:288–97). Bei einer Durchsicht von mehr als 2.200 englischsprachigen, französischen und deutschen Publikationen über die Auferstehung seit 1975 stellte Habermas fest, dass 75% der erfassten Wissenschaftler die Historizität der Entdeckung des leeren Grabes Jesu anerkannten. Der Glaube, dass die Jünger post mortem Erscheinungen Jesu erlebten, ist nahezu universal.

Um also Ihre erste Frage zu beantworten, Lee, denke ich, dass Sie gewiss sein können, dass meine Angaben über den derzeitigen Stand der neutestamentlichen Wissenschaft nicht verfehlt sind.

Dies führt zu Ihrer zweiten Frage. Warum ist, wie Ehrman sagt, die Auferstehung dann „eine Überlieferung über Jesus, mit der Historiker ihre Schwierigkeiten haben“? Ehrman gibt eine explizite Antwort: Der übernatürliche Charakter der Auferstehung ist für viele Historiker ein Hindernis. Zwei Gründe nennt Ehrman dafür. Der erste ist ein Argument gegen die Identifikation von Wundern in Anlehnung an den skeptischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, David Hume. Das vermeintliche Problem ist, dass ein Wunder per Definition außerordentlich unwahrscheinlich ist und deshalb nie durch historische Beweise belegt werden kann. Der zweite ist die Verpflichtung des Historikers zum methodischen Naturalismus: Er hat keinen Zugriff auf übernatürliche Entitäten und muss seine Erklärungen deshalb auf rein natürliche Ursachen beschränken. Ehrman betont, dass diese Hindernisse die Auferstehung nicht falsifizieren oder den Schluss erlauben, sie sei nicht wirklich geschehen. Sie hindern den Historiker einfach daran, sich zur Erklärung der oben genannten vier Tatsachen auf die Auferstehung zu berufen.

In meiner Debatte mit Ehrman sowie in der dritten Auflage von Reasonable Faith erkläre ich, warum Humes Argumentation nachweislich falsch ist und warum die Verpflichtung des Historikers zum methodischen Naturalismus uns nicht an der Schlussfolgerung hindert, dass die Auferstehung die beste Erklärung der Tatsachen ist, selbst wenn diese dem professionellen Historiker qua Historiker verwehrt bleibt.

Ich weiß nicht, ob Ehrman für die Mehrheit der Kritiker spricht, die zwar die vier Tatsachen akzeptieren, aber in der Frage der Auferstehung Agnostiker bleiben, aber ich vermute, dass seine Gründe recht typisch sind. John Meier und Dale Allison nennen tatsächlich andere Gründe dafür, die ich an anderer Stelle erörtert habe (Scholarly Articles: Historical Jesus)[1]. Der Punkt ist, dass die Skepsis gegen die Auferstehung Jesu hauptsächlich nicht auf historischen sondern auf philosophischen Überlegungen beruht, die nicht in das Fachgebiet neutestamentlicher Wissenschaftler fallen.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/contemporary-scholarship-and-jesus-resurrection

Anmerkungen

[1] Zu Dale Allisons Ansatz siehe auch Frage der Woche # 18, "Dale Allison über die Auferstehung Jesu", https://www.reasonablefaith.org/german/qa18 (Anm. d. Übers.)

- William Lane Craig